Boltons Buch über Trump: Eine erschreckende Selbstenthüllung

Erich Gysling © Bernard van Dierendonck
Erich Gysling / 24. Jun 2020 - Die Erkenntnis nach der peinvollen Lektüre von John Boltons Buch: Gut, dass Trump diesen Mann rechtzeitig losgeworden ist.

Wer sich vornimmt, dieses Buch (John Bolton: «The Room Where it Happened») von A bis Z zu lesen, muss wissen: Mir stehen viele Stunden voller Pein bevor. Ja, die Lektüre artet bald in Masochismus aus – weil der Leser, die Leserin, weiss: So, wie bis jetzt, sagen wir bis zur eben bewältigten Seite 150 oder 200, wird es weitergehen bis zur letzten Zeile auf Seite 588.

Was genau? Akribische Wiedergabe von Gesprächen und Begegnungen (Bolton notierte sich alles, wirklich alles, bei jedem Treffen); summarische Abqualifizierungen von fast jedem/jeder, dem/der er begegnete; prägnante Rechtfertigung seiner eigenen Haltung und Handlungsweise – und, klar, jederzeit, süffig erfasst, eine «träfe» Bemerkung über Donald Trumps Sprunghaftigkeit, dessen Launen, mangelnde Sachkenntnis und Tendenz, persönliche Dinge mit der hohen Politik zu einem Pesto zu vermischen.

Klar, dass dieser Polit-Buchhalter, gut dokumentiert, enthüllen konnte, dass Donald Trump sich nicht scheute, den chinesischen Staatspräsidenten in sein persönliches Boot zu holen, um sich Vorteile für den nächsten Präsidentschaftswahlkampf zu sichern, ist interessant und schockierend. Was, wenn Xi Jinping darauf eingegangen wäre? Die Antwort: reine Spekulation. Gut, interessant, dass Bolton auch (besser als andere Quellen) nun klar stellt, wie Trump versuchte, den unerfahrenen ukrainischen Präsidenten, Wolodymyr Selenskyi, einzuwickeln, um sich Informationen über die Familie von John Biden zu verschaffen. Aber viel interessanter ist etwas anderes – nämlich die Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie es kommen konnte, dass ein John Bolton, nach all dem von ihm zuvor angerichteten Unheil, von Donald Trump ins Amt des einflussreichen Chefs des Nationalen Sicherheitsrats der USA berufen werden konnte.

Stichworte: Bolton, der die so genannte Nordkorea-Frage durch Bombenangriffe «lösen» wollte. Bolton, der empfahl, Iran zu bombardieren. Bolton, der forderte, den gordischen Knoten des Konflikts Israel/Palästinenser mit einer Politik zugunsten der radikalsten Kräfte in Israel zu lösen. Bolton, der sehr gerne Bomben auch auf Venezuela geworfen hätte und der nichts von Verhandlungen mit einzelnen Nato-Mitgliedern hielt – ebenso wenig wie mit der russischen Führung.

Als ich mich rund gut zwei Drittel lang durch das Buch gequält hatte, blitzte mir ein Gedanke auf, der mich selbst schockierte: Wie gut, dass es Donald Trump gibt. Gut, weil Trump in einem entscheidenden Moment, haarscharf, noch rechtzeitig, erkannte: Diesen Mann muss ich (wieder) los werden. Tue ich das nicht, reisst er die USA, ja die Welt, in einen breitflächigen Krieg um Iran. Und Donald Trump will ja nirgendwo einen Krieg mit Waffen – er liebt Handelskriege, Wirtschaftskriege (egal, ob bei diesen Millionen Menschen verelenden wie etwa in Syrien oder Iran). Und er liebt es, Europäer, Chinesen oder Russen einzuschüchtern. Das alles mag schlimm enden – aber wohl (?) nie in einen veritablen Krieg münden. Hätte er John Bolton nicht entlassen (oder ihm eine halbwegs ehrenvolle Kündigung erlaubt), stände heute der ganze Mittlere Osten in Flammen. Und die USA hätten sich aus noch mehr internationalen Verträgen verabschiedet.

Ich hole, nach der ganzen Lektüre, kurz Atem – und meine, dass dies das Irritierendste ist: Da erlaubt es das «System» in den USA, einem total a-historisch denkenden Rabauken, bis ganz nach oben in der Hierarchie zu kommen – Fehlentscheidungen in früheren Jahren (Provokation des Irak-Kriegs 2003) hin oder her.

Dass Bolton nicht willig oder nicht fähig ist, in irgendwelcher Weise geschichtliche Prozesse in sein Denken mit einzubeziehen, enthüllt sich bei der Lektüre beständig: Kein Wort, dass Iran grenzüberschreitend (relativ) mächtig wurde, aufgrund des fehlgeleiteten Irak-Kriegs der US-Regierung von George W. Bush im Jahr 2003 (den Bolton als damaligen Unterstaatssekretär angestachelt hatte); kein Wort über die Entstehung des IS (Terrororganisation Islamischer Staat) als Folge dieses Kriegs. Keine Reflexion über den Grund des Konflikts zwischen den USA/der Nato und Russland – da sieht Bolton nur von Moskau provozierte Verletzungen von Verträgen mit dem Westen und die «Notwendigkeit», die entsprechenden Verträge zu vernichten.

Das ist’s, was bleibt: ein Plädoyer zum Vernichten.

Darüber hinaus – dies zumindest als Vermutung: In zehn, zwanzig Jahren, werden sich Historiker sehr für diese Publikation interessieren. Weil sie im Detail zahlreiche Entscheidungen der Trump-Administration akribisch beschreibt. Und weil man dann, aus zeitlicher Distanz, vielleicht vieles nachvollziehen kann, das uns, den Zeitzeugen, schleierhaft bleibt. Auch – wiederum vielleicht – weshalb wir haarscharf noch an einigen globalen Katastrophen vorbei schlittern konnten. Mit und trotz Trump, der Bolton in seinen Bannkreis zog, ihn aber gerade noch rechtzeitig «entsorgte».

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Siehe dazu auch:

  • John Bolton: «Grossartig für die USA» – und jetzt glaubwürdig? von Christian Müller auf Infosperber

  • «Bolton & Co. treiben den Iran zum Vertragsbruch» von Erich Gysling auf Infosperber

  • «Der Konflikt USA-Iran: eine nötige Auslegung» von Erich Gysling auf Infosperber

  • «Trump ohne Bolton: Verunsicherung bleibt Devise» von Erich Gysling auf Infosperber

  • Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

    Keine.

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