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Herzkrankheiten: Gesunder Lebensstil hilft mehr als Medikamente

Chantal Britt / 22. Sep 2019 - Erfolg eines jahrzehntelangen Präventionsprogramms in Finnland: Über 80 Prozent weniger Todesfälle

Veränderungen des Lebensstils sind die kostengünstigsten und nachhaltigsten Massnahmen, um Risiken für Herzkreislauferkrankungen und andere nicht übertragbare Krankheiten in der Bevölkerung zu reduzieren. Zu diesem Schluss kommt eine wissenschaftliche Auswertung eines grossangelegten Präventionsprogramms, das die finnischen Gesundheitsbehörden 1972 just in der Gegend gestartet hatten, welche in den 1960er Jahren die weltweit höchste Sterberate durch Herzerkrankungen verzeichnete.

Dank des Gesundheitsprogramms verringerte sich von 1972 bis 2014 die Sterberate durch Herzerkrankungen in der finnischen Bevölkerung mittleren Alters um 84 Prozent. Etwa zwei Drittel dieses Rückgangs sind auf eine Reduktion der Risikofaktoren und ein Drittel auf die seit den 1980er Jahren verbesserten Behandlungsmöglichkeiten zurückzuführen. Diese Studienergebnisse wurden bereits im Juni 2018 in der Fachzeitschrift «Global Cardiology Science & Practice» veröffentlicht, aber in der Schweiz wurde nur wenig darüber berichtet.

In den 1970er Jahren machte die weltweit erste Untersuchung von Zusammenhängen zwischen Lebensstil, Ernährung und Herzerkrankungen, die sogenannte «Seven Countries Study» Schlagzeilen. Diese zeigte unter anderem, dass in Finnland Männer mittleren Alters weltweit die höchsten Cholesterolwerte aufwiesen. Bis zu 60 Prozent der Finnen rauchten, und auch in Bezug auf Bluthochdruck und Herzerkrankungen mit Todesfolge lagen sie weit über dem Durchschnitt. Und dies v.a. in Nordkarelien, einer dünn besiedelten strukturschwachen Provinz an der Grenze zu Russland, wo sich die Einheimischen bereits daran gewöhnt hatten, dass Männer im relativ jungen Alter von 40 und 50 Jahren an einem Herzinfarkt starben.

Die lokale Bevölkerung zeigte sich vermehrt besorgt über die extrem hohen Todesraten aufgrund von Herzerkrankungen und forderte von der finnischen Regierung griffige Massnahmen. Die Antwort war das Projekt Nordkarelien, welches das ehrgeizige Ziel verfolgte, durch flächendeckende Gesundheitsförderung den Zustand einer ganzen Bevölkerung zu verbessern. Dank gezielten Präventionsprogrammen und Kampagnen für einen verbesserten Lebensstil, ausgewogene Ernährung und Raucherentwöhnung an Schulen, am Arbeitsplatz, in Zeitungen und am Fernsehen konnten innerhalb von fast 40 Jahren der Raucheranteil sowie Cholesterol- und Blutdruckwerte gesenkt werden.

Die Sterblichkeit durch Herzerkrankungen lag in Finnland 1972 bei 470 pro 100’000 Männern im Alter von 35-64 Jahren – in Nordkarelien bei etwa 690 Todesfällen. Schon im Jahr 2011 lag die Sterblichkeit unter Männern mittleren Alters in Nordkarelien gleich wie im restlichen Land bei etwa 100 pro 100'000 Männern.

Das Projekt Nordkarelien wurde 1972 als gemeindebasiertes Präventionsprogramm gestartet, und nach den ersten fünf Jahren wurden auch national Massnahmen ergriffen. Diese umfassten neben Kampagnen, Fernsehprogrammen, Wettbewerben und Diskussionen auch eine Anti-Tabak-Gesetzgebung sowie Zusammenarbeit mit der Lebensmittelindustrie und dem Agrarsektor, um den Salzgehalt in Nahrungsmitteln zu senken.

«Die Erfahrungen in Nordkarelien zeigen eindrucksvoll, wie eine Epidemie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und anderen wichtigen nicht übertragbaren Krankheiten erheblich reduziert werden kann, wenn sich Risikofaktoren und Determinanten der Bevölkerung ändern», schreibt Studienautor Erkki Vartiainen vom finnischen Gesundheitsinstitut Terveyden ja hyvinvoinnin laitos (THL) in seinem Artikel. «Bevölkerungsbasierte Prävention durch Veränderungen im Lebensstil und in der Umwelt ist die kostengünstigste und nachhaltigste Methode zur Bekämpfung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In der gegenwärtigen globalen Situation ist dies eine wichtige Lehre.»

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Keine. Die Autorin arbeitet als freie Journalistin und in der Kommunikation für öffentliche Forschungseinrichtungen.

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2 Meinungen

Alles was im Artikel beschrieben wird, ist pathogenetische, krankheitsbezogene Prävention. Das hat nicht mit Gesundheit oder gesunder Lebensweise zu tun. Um in Analogie zu bleiben müsste man es gegenkrankmachende Prävention nennen.
Gesundheitliche, also salutogene, Prävention bezieht sich nicht auf Krankheiten, sondern auf Gesundheit. Dafür kennen wir bis heute nur das Resilienztraining. Alles was sich mit Stofflichem oder Gegenständlichem handelt wie Sport, Ernährung, ist pathogenetische Prävention, keine Gesundheitsförderung, kein Gesundheitsschutz. Pathogene Prävention hat nicht das Potential, Gesundheit zu beeinflussen.
Es kann auch die Dauer nicht funktionieren, wenn die Medizin, die Umgangssprache und die Sprache der Politik den Gesundheitsbegriff des Mittelalters, der griechischen Antike benutzt und die Paradigmen und Leitsätze der Gesundheitswissenschaften, welche vor 40 Jahre das Thema Gesundheit von der Medizin emanzipiert hat, wie ein trotziges Kind ignoriert.

Gesundheit ist ein Kategorie orthogonal zur Kategorie Krankheit. Beide grossen Themen haben nichts, überhaupt nichts miteinander zu tun.
Ralf Schrader, am 22. September 2019 um 12:00 Uhr
@Schrader. Dass viel körperliche Bewegung, gesunde Ernährung, nicht rauchen und wenig Alkohol trinken der Gesundheit nicht förderlich sein soll, widerspricht der wissenschaftlichen und empirischen Evidenz. Mit solcher Prävention kann man das Risiko von Krankheiten senken. Im Gegensatz dazu kann man mit Früherkennung keine Krankheiten verhindern, sondern im besten Fall die Folgen von Krankheiten mindern.
Urs P. Gasche, am 22. September 2019 um 12:14 Uhr

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