Obdachlose unter einer Berliner Brücke © ard

Obdachlose unter einer Berliner Brücke

Das anonyme Sterben der Obdachlosen

Jürg Müller-Muralt / 03. Nov 2018 - Obdachlosigkeit ist statistisches Niemandsland. Britische Journalisten haben das geändert – und auch in der Schweiz tut sich etwas.

Sie leben unter Brücken und in Stadtparks, sie wärmen sich an Abluftschächten, und sie sterben nicht selten anonym und einsam: die Obdachlosen. Jetzt, wo es wieder kälter wird, reicht es manchmal für eine kurze Pressemeldung, wenn eine oder einer von ihnen auf einer Parkbank die Nacht nicht überlebt und an Unterkühlung stirbt. Aber sonst weiss man wenig über sie, und niemand kennt ihre genaue Zahl. Nun haben britische Journalistinnen und Journalisten etwas genauer hingeschaut und Erschütterndes zutage gefördert: Zwischen Oktober 2017 und Oktober 2018 sind im Vereinigten Königreich 449 obdachlose Menschen verstorben – rund die Hälfte von ihnen irgendwo draussen auf der Strasse. So wurde eine Frau tot auf einem Parkplatz gefunden. Oder ein Mann wurde in einen Kehrichtwagen geworfen, während er, eingerollt in einem Teppich, schlief.

Einzigartige Datenbank

The Bureau of Investigative Journalism (TBIJ), eine unabhängige britische Informationsplattform, hat sich die Mühe genommen, möglichst alle Todesfälle von Obdachlosen während eines Jahres zu erfassen. Die Initialzündung für die aufwendige Recherche: Die Journalisten fanden nirgends eine Zahl der verstorbenen Obdachlosen. Der Staat, der sonst vieles statistisch erfasst, hat diese Todesfälle nie offiziell registriert. Also machte sich das TBIJ an die Arbeit. Die Journalisten haben Beerdigungen besucht, Familienmitglieder kontaktiert, Berichte von Gerichtsmedizinern gelesen, mit Ärzten gesprochen, Suppenküchen und Notschlafstellen aufgesucht, Lokaljournalisten, Sozialinstitutionen und Kommunalbehörden befragt. Entstanden ist eine einzigartige Datenbank, welche die Namen der Toten auflistet – und vor allem ihre Geschichte in Kurzform erzählt.

Deutliche tieferes Durchschnittsalter

Es sind dramatische Geschichten. Die Obdachlosen sterben häufig gewaltsam, an schweren Krankheiten, an Drogen oder sie begehen Suizid. Manchmal liegen ihre Leichen stundenlang, wochenlang oder gar monatelang herum, bevor jemand sie findet. Die ausgewerteten Daten zeigen auch, dass Obdachlose um Jahrzehnte früher sterben als die Mehrheit der Bevölkerung: Das Durchschnittsalter der dokumentierten Todesfälle liegt bei 49 Jahren für Männer und bei 53 Jahren für Frauen.

Ein «nationaler Notstand»

Die TBIJ-Recherche hat in Grossbritannien eine breite Debatte über den Mangel an Daten über Obdachlose und vor allem über ihr anonymes Sterben ausgelöst. Sozialhilfeorganisationen zeigten sich empört. Ein Experte bezeichnete die Publikation als «Weckruf», der auf einen «nationalen Notstand» aufmerksam mache. Auch die nationale britische Statistikbehörde hat reagiert: Sie will nun eigene, offizielle Daten über Obdachlose erarbeiten und publizieren.

Auch in der Schweiz wenig erforscht

Die vernachlässigte Datenlage zu Obdachlosigkeit ist nicht allein ein britisches Phänomen. Auch in anderen Ländern existieren keine genauen Statistiken dazu, selbst in der Schweiz nicht. Natürlich gibt es Angaben von Sozialinstitutionen. Auch gibt es Unterstützungsangebote, sie reichen von Gassenküchen über Notschlafstellen bis zu begleitetem Wohnen und Reintegrationshilfen. Doch es wird kaum untersucht, wie wirksam all diese Massnahmen sind.

Auf Ende 2018 Resultate angekündigt

Einer will dies ändern: Matthias Drilling, Professor an der Hochschule für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz, kritisiert, dass sich die Wissenschaft in der Schweiz bisher nicht für Obdachlosigkeit interessiert habe, sonst aber alle Formen von Armut untersuche. Anfang 2018 hat er auf Watson angekündigt, er bereite die erste Obdachlosenzählung in der Schweiz vor. Ende dieses Jahres will er die Resultate veröffentlichen.

Extreme Form von Ausgrenzung

Drilling hat eine provokative These, weshalb es so wenig Datenmaterial zum Thema Wohnungslosigkeit gibt: «Man möchte das gar nicht wissen, denn das würde den Sozialstaat in Zugzwang bringen», sagte er gegenüber SRF. Ein Problem, dessen Ausmass man nicht kennt, müsse man auch nicht lösen. Als grösstes Problem für Obdachlose sieht Drilling ihre systematische Nichtbeachtung. «Sie haben keine Bedeutung mehr für die Gesellschaft. Es gibt keinen Lebensbereich – sei das in der Begegnung mit anderen Menschen, beim Wohnen oder der Arbeit – in dem sie noch eine Rolle spielen.» Drilling hat auch beobachtet, wie Obdachlose an Bahnhöfen wie streunende Hunde verjagt wurden. Dabei würden sie manchmal nicht einmal mehr mit ganzen Sätzen angesprochen.

Eine subtile Beobachtung, die alles sagt über unser Verhältnis zu diesen Menschen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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3 Meinungen

Jürg Müller-Muralt schreibt «Obdachlosigkeit ist statistisches Niemandsland. Britische Journalisten haben das geändert – und auch in der Schweiz tut sich etwas.»

Obdachlose Menschen in der Schweiz hat man zum Teil der Stiftung von Pfarrer Sieber, der Heilsarmee und anderen privaten Organisationen überlassen. Es fehlt oft an Geld für die Obdachlosen. Nicht an Geld fehlt es, wenn jetzt die Zürcher Kantonalbank zu ihrem Geburtstag über dem Zürichsee eine Seilbahn bauen will. Sie soll 40 – 60 Millionen Franken kosten. Auch nicht lumpen liess sich die Stadt Zürich als sie für die Europäische Fussballmeisterschaft EM 2008 im Letzigrund ein neues Fussball- und Leichtathletikstadion baute. Kosten: 125,2 Millionen Schweizer Franken. Kapazität 30‘930 Zuschauer.

Jetzt will man im Hardturm noch ein zweites Zürcher Fussballstadion bauen. Die Frage ist: Braucht die Stadt Zürich, mässig fussballbegeistert, mit nicht wenigen armen Familien und alleinerziehenden Müttern am Rande des Existenzminimums, mit Obdachlosen wirklich zwei grosse Fussballstadien? Muss wirklich der Zuschauersport so stark gefördert werden? Könnte nicht statt einer Seilbahn über den Zürichsee und ein zweites Fussballstadion Wohnungen für Obdachlose gebaut werden, die sie auch tagsüber bewohnen dürfen? Es ist eine Schande, dass die private Sieber Stiftung im Albisgütli in Zürich im Winter einen Pfusbus, eine Übernachtungsgelegenheit für die Obdachlose bereitstellen muss.
Heinrich Frei, am 03. November 2018 um 14:34 Uhr
Auf dem deutschsprachigen Buchmarkt existiert ein Superbuch zum Thema: RICHARD BROX: KEIN DACH ÜBER DEM LEBEN, Biographie eines Obdachlosen. Mit einem Vorwort von Günter Wallraff, roro-taschenbuch.
Brox lebte 30 Jahre lang auf der Strasse und betreibt eine Ratgeber-Website für Menschen ohne Wohnung. Auf Rat seines Freundes Günter Wallraff hat er seine Lebensgeschichte aufgeschrieben, schonungslos und offen.
Beat Eberle, am 03. November 2018 um 16:24 Uhr
Kann ich mir durchaus vorstellen, auch in der Schweiz obdachlos zu werden. Versuchen Sie mal als Sozialhilfeempfänger mit einem einzigen Betreibungsregistereintrag von einer gekündigten Notwohnung aus einen Vermieter dazu zu überreden, ihnen eine Wohnung zu geben. Selbst wenn die Sozialhilfe zahlt - KEINER - KEIN Vermieter würde einen solchen Mieter/Mieterin haben wollen (ausser eine Abrisswohnung für 2 Monate als Überbrückung - keine Heizung, kein Türschloss). Da hilft Dir keiner. Realität aus dem Leben meines Bekanntenkreises. Prost reiche Schweiz.
Kurt Wieser, am 03. November 2018 um 18:09 Uhr

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