Der 9-jährige ZF-Patient Liam in Australien appelliert an die Pharmafirma © Tanner

Der 9-jährige ZF-Patient Liam in Australien appelliert an die Pharmafirma

Die Lobby macht Stimmung gegen Berset anstatt gegen die Pharma

Urs P. Gasche / 15. Mär 2018 - Eine Pharmafirma hetzt das Parlament und die Öffentlichkeit gegen den Bund auf, weil das BAG einen überrissenen Preis ablehnt.

Direkte Briefe an die Parlamentsmitglieder, parlamentarische Interpellationen, Motionen und Anfragen, offene Briefe an Gesundheitsminister Alain Berset sowie Mitleid erregende Geschichten betroffener PatientInnen in den Medien: Das sind gängige Lobby-Methoden, um die Behörden als unmenschliche Rappenspalter hinzustellen und in die Knie zu zwingen.

Jüngstes Beispiel ist das neue Medikament Orkambi der US-Pharmafirma Vertex. Nach Angaben der Firma könnten in der Schweiz rund 300 Patientinnen und Patienten, die an Zystischer Fibrose leiden, vom neuen Medikament profitieren.

200'000 Franken pro PatientIn und Jahr

Das Bundesamt für Gesundheit BAG hat es jedoch noch nicht in die «Spezialitätenliste» als Pflichtleistung für die Kassen aufgenommen, weil die Pharmafirma einen zu hohen Preis fordere. Die neue Therapie, welche die bisherige ergänzt, würde das Achtfache (!) der bisherigen Therapie kosten und die Prämien mit jährlich fast 60 Millionen Franken belasten. Die PatientInnen sollen das Medikament das ganze Leben lang einnehmen.

Der von Vertex verlangte Behandlungspreis von 200'000 Franken pro PatientIn und Jahr wäre höchstens dann zu rechtfertigen, wenn das neue Medikament Orkambi

  • die Lungenfunktion der an Zystischer Fibrose erkrankten wesentlich verbessern würde;
  • die Lebenserwartung der PatientInnen verlängern würde.

Beides ist jedoch nach den bisher von Vertex eingereichten Unterlagen nicht der Fall. Ein längeres Überleben der PatientInnen ist nicht nachgewiesen. Die Lungenfunktion und damit die Lebensqualität verbessert Orkambi nach Angaben des BAG «nur geringfügig».

Als nachgewiesene Vorteile kommt es zu weniger Spitaleinweisungen, und der Einsatz von Antibiotika kann reduziert werden.

Der langfristige Nutzen und die langfristigen Risiken des Medikaments, das lebenslänglich eingenommen werden soll, sind noch nicht nachgewiesen.

Orkambi bringt also nach heutigem Wissensstand einen klaren, aber nicht überwältigenden Vorteil gegenüber der bisherigen Therapie. Wer möchte den Leidenden an dieser angeborenen Stoffwechselerkrankung diesen Vorteil nicht gönnen.

Allerdings sind die um das Achtfache höheren Behandlungskosten von 200'000 Franken pro Jahr und PatientIn für den bisher nachgewiesenen, eben doch beschränkten Nutzen nach Ansicht etlicher Pharmakologen und des BAG unverhältnismässig. Die Firma müsste mindestens so lange einen tieferen Preis zugestehen, bis ein noch grösserer Nutzen nachgewiesen ist.

Die effektiv verlangten Preise im Ausland sind «Geschäftsgeheimnis»

Die Firma argumentiert mit ähnlich hohen Listenpreisen ab Fabrik im Ausland. Dabei handelt es sich jedoch um fiktive Schaufensterpreise, die dem sogenannten, in vielen Länderen praktizierten «Auslandpreisvergleich» dienen. Die tatsächlich im Ausland von den Kassen oder den Behörden ausgehandelten und bezahlten Preise behandelt die Pharmafirma als «Geschäftsgeheimnis». Diese Preise sind erheblich tiefer.

Während der Krankenkassenverband Santésuisse die harte Haltung des BAG «im Interesse der Prämienzahlenden» begrüsst, macht die Pharmalobby viel Wind im Parlament und in der Öffentlichkeit.

Die «Schweizerische Gesellschaft für Cystische Fibrose» CFCH, die von den Pharmafirmen Vertex (Herstellerin von Orkambi), Novartis, Vifor und Mylan gesponsert wird, schrieb an Bundesrat Berset publikumswirksam einen «offenen Brief».

Eine Gruppe von Ärzten, die ZF-PatientInnen behandeln und ebenfalls Geld der Pharmafirmen entgegennehmen, sandte nach Angaben der NZZ sämtlichen Mitglieder des Ständerats eine E-Mail, in dem sie Bersets harte Haltung kritisieren.

SP-Ständerat Hans Stöckli, der als Geliko-Präsident verschiedene, von Pharmafirmen mitfinanzierte Gesundheitsvereine vertritt, hatte im letzten September im Parlament sogar eine Interpellation eingereicht. Er verlangte für ZF-PatientInnen einen «raschen Zugang» zum «vielversprechenden» Orkambi. Den Preis, den die Pharmafirma verlangt, erwähnte er nicht. In seiner Antwort erklärte der Bundesrat, der Preis müsse in einem vernünftigen Verhältnis zum therapeutischen Nutzen stehen, was gegenwärtig nicht der Fall sei.

Die sture, überrissene Preisforderung der US-Pharmafirma ist hauptverantwortlich dafür, dass ZF-PatientInnen in der Schweiz vom neuen Medikament noch nicht profitieren können. Statt jedoch die Pharmafirma zu kritisieren und den Bundesrat und das BAG in ihren Preisverhandlungen zu unterstützen, schieben Ärzte und Lobby-Politiker den schwarzen Peter allein den Behörden zu.

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7 Meinungen

Immerhin konnte BR Berset mit der neuesten Preiskorrekturrunde punkten. Die Senkungen sind substantiell, selbst wenn sie erst eine erste Tranche (etwa einen Viertel des Umsatzes) der kassenpflichtigen Medikamente betreffen.

Die neue Verordnung zum Risikoausgleich (VORA), obwohl noch nicht in der Sammlung der Gesetzestexte publiziert, droht aber bereits die kostensparende Praxis der «Pharma-assistance» für Altersheime im Kanton Freiburg zu verbieten. In der Tat sollen in Zukunft nicht nur die abgegebenen Packungen, sondern auch die AHV-Nummern der Patienten erfasst werden, was mit einer Klinikpraxis der Medikamentenabgabe «nach Bedarf» im Widerspruch steht.

Wenn der Amtsschimmel wiehert, dann aber stark. Der erwartete Kostenanstieg wird vielleicht durch das temporäre Aussetzen der Kassenzulassung von «Orkambi» etwas gedämpft, aber das ist auch nur ein kleiner Tost.

"A qui profite le crime ?» Denkbar ist auch hier, dass der lange Arm der Pharma, welcher die individuelle bedarfsgerechte Pillenabgabe im Heilmittelgesetz zu unterbinden vermochte, nun auch noch auf administrative Weise unnötige Packungen im stationären Bereich zur obligatorischen Verkaufspraxis machen will.

Unnötiger - aber kassenpflichtiger, bzw. prämienwirksamer - Pharmamüll ist programmiert.
Josef Hunkeler, am 15. März 2018 um 09:20 Uhr
Wenn in einem Staat Medikamente überhaupt als Waren behandelt werden, ist das Kind schon im Brunnen. Über eine Konsequenz daraus, eben den Preis zu diskutieren, ist Schaumschlägerei, oder Blasphemie. Therapien sind keine Waren und keine Dienstleistungen und die Krankenversorgung ist kein Wirtschaftszweig.
Ralf Schrader, am 15. März 2018 um 12:06 Uhr
Vielen Dank für diesen Artikel & Hinweis, dass die effektiv verlangten Preise im Ausland ein Geschäftsgeheimnis sind!
Das weist nämlich auf das ausgeklügelte gewinn- & profitmaximierende globale Preisbildungssystem der Pharma hin. Die zentrale Rolle in diesem System stellen dabei die Preise der USA & CH dar. Werden die für die globale Gewinnmaximierung benötigten Fabrikabgabepreise in diesen Ländern nicht erreicht, hat dies Markteinführung zu tieferen Preisen milliardenschwere Gewinnverluste zur Folge!
Ein Beispiel hat SALDO NR.3/2016 mit Breitinger & Journalistenkollegen mit dem Hinweis auf die Studie des europäischen Verbands der pharmazeutischen Industrie von 2012 deutlich aufgezeigt: Wenn nur schon im Billigstland Griechenland die Preise um 10% gesenkt werden, führt dies in Griechenland zu einem Verlust von 331 Mio, europaweit zu 883 Mio & weltweit sogar zu 2,4 Mrd. Fr!
Jetzt kann man sich leicht ausrechnen, zu welchen Verlusten eine entsprechende Preissenkung in der Schweiz oder den USA weltweit führen würden!
Deshalb greift die Pharma zu den bekannten PR-Tränendrüsenmethoden, spannt sogar bekannte Schweizer Persönlichkeiten, die keine Ahnung vom internationalen Preisbildungssystem haben wie aktuell Stefan Büsser im Blick – ‘Comedian Büsser trommelt für kleine CF-Patienten im Ständerat’ – ein.
Wer kann da tatsächlich noch hart bleiben und ‘Nein’ sagen und verurteilt die Schweizer Gesundheitsbehörden, dieses Medikament nicht zu diesem Mondpreis zulassen zu wollen?!
Andreas Keusch, am 15. März 2018 um 13:13 Uhr
Die exorbitanten Preise, wie wieder einmal an diesem Beispiel aufgezeigt, können wohl nur mit neuen Ansätzen bekämpft werden. Das Anprangern alleine genügt nicht. Irgendwie müsste transparenter offen gelegt werden, was die Entwicklung eines Medikamentes tatsächlich gekostet hat (es geht ja um enorme Summen und Arbeitsplätze) und welches die wirtschaftlichen Risiken mit dem Medikament sind, die es zu berücksichtigen gilt. Es muss ja Geld hereinkommen, damit weiterhin an neuen Medikamenten geforscht und neue Produkte entwickelt werden können. Wo beim Verdienst an einem Medikament der Anstand beginnt und wo er aufhört muss unbedingt zu einem ständigen Thema werden. Als Normalbürger ist mir das nicht klar. Dazu gehört auch die Berücksichtigung des Solidaritätsprinzip unserer Gesellschaft, besonders im Gesundheitswesen (Krankenkassen), dem auch eine Pharmafirma, und nicht nur die prämienzahlenden Patienten, Rechnung tragen muss und deren Beitrag sie ausweisen sollte. Vielleicht kommen wir dann einmal in neue, konstruktivere Diskussionen und Lösungsansätze.
Felix Speiser, am 15. März 2018 um 14:01 Uhr
Jeder Politiker, der hier nachgibt, gehört meiner Ansicht nach geohrfeigt. Selbst ein Hans Stöckli, den ich sonst sehr schätze.

Hier wird mit Gefühlen gespielt, um einer Pharmafirma Geld wie Heu unterzujubeln. Für ein Medikament, das nicht deutliche Besserung bringt. Und so was schlägt sich dann natürlich gleich in den Prämien für die Krankenkassen nieder. Das kann man vielleicht in den USA treiben, aber nicht hier.

Gewöhnliche Medikamente für Diabetes Typ 2 zum Beispiel kosten dort das 40-fache wie in der Schweiz. Und hier sind ja Medikamente schon teuer genug.
Marianne Mäder, am 15. März 2018 um 14:38 Uhr
Die Schlüsselbegriffe sind ja wohl «Lebenserwartung» und « Lungenfunktion». Selbsterklärend ist beides bei der Einführung einer neuen Therapiemethode bei einer chronichen Erkrankung wie der CF nicht in kurzer Zeit möglich. Berset liegt mit seiner Zurückhaltung – für einmal – also richtig. Weitere klinische Verlaufsbeobachtung wird Klarheit schaffen. Was die Gemüter aber erhitzt ist der Preis, der wesentlich höher als der für herkömmlichen (sehr begrenz wirksamen) Therapien. Und ja – da die Pharmaindustrie ein gern gesehener Prügelknabe ist, wird kräftig drauf los gedrescht. Dabei wissen wir alle nicht, was die Entwicklung und Herstellung kostete, wie viele kostspielige gesetzliche Vorgaben, wie viele klinische Tests u.a.m. durchgeführt werden mussten. Es würde also zumindest einem neutralen Bericht gut anstehen, auch die positiven Seiten der Pharma aufzuzeigen: nämlich dass überhaupt neue Medikamente auf den Markt kommen, die die Wirksamkeit von bisherigen Produkten verbessern können. Diese Neuerungen werden ausbleiben, wenn damit kein Gewinn erzielt werden kann.
Dieter Grob, am 17. März 2018 um 11:27 Uhr
@Prof Dr med Grob, ehem. Chefarzt Schulthess Klinik ZH:

Sie vermischen zur Kaschierung der Probleme leider einiges geschickt ineinander. Wir müssen nicht über die Bedeutung der Pharma bei der Forschung & Entwicklung von Arzneien und deren generellen Bedeutung für die Medizin bei der Behandlung von Krankheiten diskutieren. Der ist positiv und soll auch finanziell belohnt werden!

Problem 1: Die Pharma muss den Zusatznutzen-& Langzeitnutzenbeleg aber auch nach Markteinführung nicht wirklich belegen (WZW-Kriterium Zweckmässigkeit), um während des Patentschutzes den erwünschten Profit im Interesse des Herstellers und des BIP der einzelnen Länder erzielen zu können, der eben allzu oft fälschlicherweise den Forschungs- & Entwicklungskosten zugeschrieben wird (SAEZ 2009;37:1436-9)

Problem 2: Die durchschnittlichen Forschungs & Entwicklungskosten z.B. eines Krebsmedikamentes betragen 648 Mio USD, der Median des Erlöses im Markt: 1,658 Mrd USD - Range 204,1-22,275 (Rasad V et al. JAMA Intern Med 2017:177:1569-75)

Dies ist leider übermässig eigenbereichernd aus dem Ruder gelaufen, denn dieser Profit der Pharma führt leider dazu, dass Ihr Ärzte und Behörden aus Kostengründen/Finanzierbarkeit willkürlich entscheiden müsst, welches Leben noch 'sinnvoll' und welches 'wertlos' geworden ist. Stichwort: Kosten-Eugenik. Willkürliche Behandlungsverweigerungen oder fehlende SL-Zulassungen trotz medizinischem ‘Nachweis’ von Wirksamkeit und Zweckmässigkeit, da ja von swissmedic zugelassen!
Andreas Keusch, am 18. März 2018 um 11:04 Uhr

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