Pumpspeicherwasserkraftwerk Muttsee-Limmern © axpo

Pumpspeicherwasserkraftwerk Muttsee-Limmern

Kraftwerk «Linthal 2015» wird auf Kalk gebaut

Hanspeter Guggenbühl / 11. Mai 2011 - Die Schweiz investiert Milliarden in Pumpspeicher-Kraftwerke. Doch die Nutzung dieser Strombatterien ist fraglich.

Die Sonne strahlt. Der Firn des Tödi glänzt. Im Untergrund dröhnen Baumaschinen. Sie durchlöchern den Kalkstein des «Mutterchopfs». Ein Labyrinth von kilometerlangen Stollen verbindet die – schon angebohrte – Kraftwerkzentrale mit der Aussenwelt. Laster führen Baumaterial heran oder transportieren Aushub. Dazwischen steht eine Gruppe von Fach- und Medienleuten. Sie besichtigten gestern Mittwoch (11. Mai) die zurzeit grösste Kraftwerk-Baustelle der Schweiz.

Hier, zuhinderst im Glarnerland, entsteht das Pumpspeicher-Kraftwerk Linthal 2015. In vier Jahren sollen seine ersten Turbinen Strom veredeln. Das heisst: Wenn Atom-, Kohle-, Wasser- oder Windkraftwerke im In- und Ausland mehr Elektrizität produzieren, als gebraucht wird, nutzen sie den überschüssigen (Band-)Strom, um Wasser vom Limmern-Stausee in den 600 Meter höheren Muttsee hinauf zu pumpen. Steigt die Nachfrage nach Strom, lassen die Betreiber dieses Wasser wieder auf die Turbinen herunter rauschen und produzieren (Spitzen-)Strom.

Kraftwerke als Stromfresser

Die Leistung von «Linthal 2015» beträgt tausend Megawatt. Das heisst: Wenn deren Maschinen pumpen oder turbinieren, verbrauchen oder erzeugen sie gleich viel Strom wie das AKW Gösgen produziert. Doch während «Gösgen» 8000 Stunden pro Jahr läuft, pumpen die Maschinen von Linthal während 3000 Jahres-Stunden und turbinieren 2300 Stunden lang. Das neue Werk verbraucht damit 20 bis 25 Prozent mehr Strom, als es produziert. Pumpspeicher-Kraftwerke werden darum mit Batterien verglichen, die ebenfalls mit Verlust Strom speichern.

Ähnlich verhält es sich mit den übrigen Schweizer Pumpspeicher-Projekten, die gebaut oder geplant werden (siehe Tabelle unten): Mit einer Gesamtleistung von über 4000 Megawatt verbrauchen sie jährlich rund 12 Milliarden Kilowattstunden (kWh) Bandstrom und erzeugen 9 Milliarden kWh Spitzenstrom. Unter dem Strich bleibt eine Verlustmenge von 3 Milliarden kWh pro Jahr (mehr als das AKW Mühleberg pro Jahr erzeugt). Finanziell lohnt sich der Veredelungs-Verlust, sobald der Marktpreis für Spitzenstrom um 25 Prozent über die Kosten des Pumpstroms steigt.

Nutzen und Renditen gefährdet

Pumpspeicher sind also eng verknüpft mit Atom-, Kohle- oder Windkraftwerken, die Bandstrom zum pumpen produzieren, sowie mit dem Stromnetz, das Pumpstrom heran- und Spitzenstrom abtransportiert. Hier gerät nun die Veredelungs-Strategie ins Wanken: «Ohne zusätzliche Bandenergie in der Schweiz können die neuen Pumpspeicher-Kraftwerke nicht betrieben werden», sagte Axpo-Entwicklungschef Niklaus Zepf schon im Juli 2006. Falls die Schweiz im Gefolge der Atomkatastrophe in Japan aus der Atomenergie aussteigt, fehlt dieser Bandstrom im Inland.

Damit wären die Schweizer «Strombatterien» auf importierten Pumpstrom angewiesen. Ideal wäre die Verknüpfung mit den Windkraftwerken, die vor allem in Nordeuropa gebaut werden. Doch auch diese – von Stromwirtschaft und Atomkraft-Gegnern gleichermassen angepriesene – Perspektive ist mittelfristig in Frage gestellt. Denn es fehlt im In- und Ausland an Kapazität im Stromnetz, um den Pumpstrom aus Nordeuropa zu den alpinen Pumpspeichern zu leiten oder den hier erzeugten Spitzenstrom abzunehmen.

Konkret: In Winternächten, wo bevorzugt gepumpt wird, müssen die zu knappen Kapazitäten an der Nord- und Westgrenze der Schweiz schon heute durch Auktionen rationiert werden, was den Importstrom verteuert. Selbst die heutigen Kapazitäten der Schweizer Speicherkraftwerke lassen sich nicht voll nutzen. Engpässe für die Abnahme von Spitzenstrom bestehen laut Netzbetreiberin Swissgrid vor allem im Wallis und in Graubünden, wo Repower und Alpiq ihre Pumspeicher-Kraftwerke bauen; das Linthal-Projekt hingegen ist wenigstens ans nationale Netz gut angebunden .

Verluste in Milliardenhöhe?

Werden damit die Schweizer Pumpspeicher-Kraftwerke zu Fehlinvestitionen? Auf diese Frage antwortete Axpo-Chef Heinz Karrer am Mittwoch in Linthal: «Es gibt Probleme, genügend Importstrom zu bekommen. Das ist die grosse Herausforderung.» Er sei aber zuversichtlich, dass sich die notwendigen Netzkapazitäten im In- und Ausland rechtzeitig bereitstellen liessen. «Darum», sagte Karrer, «betrachte ich unser Pumpspeicher-Kraftwerk nicht als ‚stranded Investment’». Doch das Werk, dem die Axpo eine 80jährige Amortisationszeit einräumt, werde «wohl weniger gut rentieren als geplant». Eine präzisere Antwort können 2095 unsere Urenkel liefern.

Die Schweizer Pumpspeicher-Projekte

Bauherr Projekt Stand Leistung* Kosten**

Axpo Linthal 2015___im Bau___1000 MW__2,10 Mrd. Fr.

Alpiq Nante Drance__im Bau____900 MW__1,80 Mrd. Fr.

Alpiq Veytaux/Leman_im Bau____240 MW__0,33 Mrd. Fr.

Repower Bernina____geplant___1000 MW__1,50 Mrd. Fr.

KWO Grimsel 3______geplant____600 MW______?

AET Verzasca______geplant____300 MW______?

Total_____________________4040 MW ca. 7 Mrd. Fr.

* Zum Vergleich: Das AKW Gösgen hat eine Leistung von 1000 Megawatt (MW)

** Neuste Kostenschätzung

Quellen: Axpo, Alpiq, Repower, KWO, AET, Zusammenstellung: Guggenbühl

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Eine Meinung

Wenn sich die Schweiz in 2o Jahren voll auf regenerierbare Energie umgestellt hat(?), werden die Pumpspeicherwerke Goldgruben sein. Ich vermisse konkrete Zahlen. Ich hätte gern die effektiven Zahlen des eingekauftem Billig-Strom und vom Verkauf des veredelten Stromes in Rp/KWh. Nach meinem Wissen beträgt der Unterschied mind. das 5-fache. Einkauf 5 Rp. - Verkauf 20-40 Rp. Bitte belehren Sie mich eines Besseren.
Paul Stolzer, am 13. Juni 2011 um 16:47 Uhr

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