AKW: Riskante Personalprobleme

Kurt Marti © Christian Schnur
Kurt Marti / 03. Jul 2014 - Zu wenig Atomfachkräfte und zu hohe Personalfluktuationen machen die Atomkraftwerke noch gefährlicher.

«Es kann mittelfristig schwierig werden, die notwendigen personellen Ressourcen zu rekrutieren, um so das notwendige Know-how für die Aufsichtstätigkeit zu erhalten.» Dieser alarmierende Satz stammt nicht etwa aus den Reihen der Atomkritiker, sondern steht im gestern publizierten Geschäftsbericht 2013 des Ensi-Rats, dem Aufsichtsrat des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi). In einer Risikoanalyse wurden 13 Kernrisiken der Ensi-Geschäftstätigkeit identifiziert. Laut Ensi-Rat hat die Analyse bestätigt, «dass das Thema Personalressourcen eine besondere Herausforderung darstellt».

Schlechte Zukunftsperspektiven für Atomfachkräfte

Durch den Ausstieg aus der Atomenergie werden laut Ensi-Rat «die Zukunftsperspektiven für junge Fachkräfte, welche sich für eine Arbeit bei der Aufsichtsbehörde interessieren, zunehmend unattraktiver». Und deshalb sorgt sich der Ensi-Rat um das notwendig Know-how und die personellen Ressourcen. Eine gefährliche Entwicklung, auf die auch Infosperber hingewiesen hat (Ensi: Schutzpatronin aller Schweizer AKW-Betreiber).

Erstaunlicherweise reklamiert der Ensi-Rat den Fachkräftemangel nur für die Atomaufsicht Ensi, nicht aber für die gesamte Atomindustrie, insbesondere die AKW-Betreiber. Im Ensi-Bericht 2013 hingegen steht dazu: «Der langfristige Erhalt des Fachwissens wird uns in den kommenden Jahren verstärkt beschäftigen, denn mit dem Ausstiegsentscheid der Politik hat in den Augen vieler junger Fachkräfte der Nuklearbereich an Anziehungskraft verloren.»

«Bedeutender Verlust an Wissen und Erfahrung»

Riskante Personalprobleme gibt es bei den AKW-Betreibern auch in anderer Hinsicht, wie der Ensi-Bericht 2013 in Bezug auf das AKW Mühleberg erwähnt: «Die Personalfluktuation erreichte im Jahr 2013 einen Stand, welcher auf einen bedeutenden Verlust an werksspezifischem Wissen und Erfahrung hinweist.»

Und auch in Bezug auf das AKW Beznau ist im Ensi-Bericht von Personalfluktuationen die Rede: «Die in früheren Aufsichtsberichten des Ensi angesprochenen Personalfluktuationen in der Leitung des operationellen Strahlenschutzes waren auch im Berichtsjahr 2013 ein Thema.» Das AKW Beznau strebe «erneut eine langfristige Lösung an» heisst es im Ensi-Bericht lakonisch, ohne irgendwelche weitere Erklärungen.

Politik muss Klarheit verlangen

Der Ensi-Rat und das Ensi erwähnen die Personalprobleme zwar nur kurz und beiläufig, aber man kann davon ausgehen, dass sie die wirklichen Probleme minimieren und den Ball flach halten. Es wäre die Aufgabe der Politik, hier Klarheit zu verlangen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Kurt Marti war früher Beirat (bis Januar 2012), Geschäftsleiter (bis 1996) und Redaktor (bis 2003) der Schweizerischen Energie-Stiftung SES

Weiterführende Informationen

Bericht des Ensi-Rats 2013
Bericht des Ensi 2013
Dossier: Atomaufsichtsbehörde Ensi

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4 Meinungen

Diese Personalsituation ist schon seit Jahren in fortdauerndem Prozess. Im ENSI sind zwischen 40 und 50% deutsche MitarbeiterInnen. Und v.a. bei den AKW Beznau und Leibstadt dürfte dieser MitarbeiterInnenanteil ähnlich sein. Ab 2022 bei definitiver Stilllegung der deutschen AKW bietet sich die Schweiz als gute Alternative für deutsche AKW-MitarbeiterInnen, die ihre Zukunft in der Atomwirtschaft sehen. Wie sich dies mit der schweizerischen «Masseneinwanderungshysterie» verträgt sollten primär die Europa-kritischen PolitikerInnen erklären.
Heini Glauser, am 04. Juli 2014 um 11:55 Uhr
Herr Glauser,
Ihre Idee ist gut. Jedoch:
Wird die Masseneinwanderungsinitiative sinnvoll umgesetzt, wird die Rekrutierung von ausländischen Fachleuten gezielt möglich und einfacher sein. Weil die Masseneinwanderung gestoppt ist, sind Ressourcen (auch behördliche) für die gezielte Gewinnung von Fachkräften frei.
Es ist also eher umgekehrt, als Sie annehmen.
Ignaz Heim, am 04. Juli 2014 um 12:58 Uhr
"Wir SchweizerInnen» halten doch soviel von einheimischer Energie und wollen die energetische Unabhängigkeit vom Ausland. Beim Atomstrom scheint offensichtlich alles anders: weitgehend ausländische Technologie, 100% ausländische Uranbrennstäbe, zunehmend ausländisches Betriebs- und Kontrollpersonal, bei Revisionen Herrscharen ausländischer Fach- und Temporärarbeiter, .......
Und da wollen die Schweizer Oberpatrioten unbedingt den möglichst langen Verbleib in dieser Technologie.
Heini Glauser, am 04. Juli 2014 um 13:57 Uhr
Zur Qualität des Personals in schweizerischen AKWs habe ich vor Jahren eine eindrückliche Beobachtung gemacht. Ich hatte damals noch meine „Wehrpflicht“ zu erfüllen bei der APF, der inzwischen längst aufgelösten Abteilung „Presse und Funkspruch“ der Schweizer Armee. In einer von Oberst Heinrich von Grünigen geleiteten Übung war die Ausgangslage ein ernsthafter Zwischenfall im AKW Gösgen. Ich und vier, fünf weitere Journalisten-Kollegen bekamen den Auftrag, den Mediensprecher des AKW zu „beüben“. Wir bemühten uns, das einigermassen realitätsnah, d.h. der dramatischen Übungsanlage angemessen zu tun. Der arme Mann war nach fünf Minuten so entnervt, dass er uns aus dem Büro warf, wobei es zu handgreiflichen Szenen kam und ich einen blauen Fingernagel davontrug, weil ich die Hand zu wenig rasch aus dem Rahmen der zugeschmetterten Glastüre zog.
Man wagt es kaum, sich diesen AKW-Spezialisten in einem Ernstfall vorzustellen und hofft, er geniesse inzwischen seinen Ruhestand.
Peter Egloff, am 06. Juli 2014 um 10:41 Uhr

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