Eine Frau, ein Mann, zusammen in einem Lift – wer muss mehr Angst haben? © mrss design Werbeagentur/YouTube

Eine Frau, ein Mann, zusammen in einem Lift – wer muss mehr Angst haben?

Von Weinstein bis Buttet – ein sexueller Herbst.

Jürgmeier / 10. Dez 2017 - «Am Ende entscheidet die Frau. Sie lässt ihn ran oder sie lässt ihn nicht ran. So geht das.» So verraten sich Unbewusstheiten.

In diesen Wochen von #MeToo, Weinstein, Buttet & Co. scheint es, als würden sich die Verhältnisse – trotz der pessimistischen Reden über die Unlösbarkeit globalisierter Problemlagen – doch noch ändern, und zwar radikal. Früher waren es vor allem «die Frauen», die ein mulmiges Gefühl bekamen, wenn sie einen Lift bestiegen und – kaum begannen sich die gut gefetteten Rollen zu drehen – feststellten, sie waren allein mit einem fremden oder, fast noch heikler, einem ihnen bekannten Mann. Heute sind es «die Männer», die beklagen, sie trauten sich nicht mehr, allein mit einer Frau in einen Aufzug zu steigen. (Dann noch eher in eine Badewanne.) Die einen befürchten, ihnen werde, zu Unrecht, vorgeworfen, wovor die andern, zu Recht, Angst haben – sexuelle BelästigungÜbergriffeGewalt. Immer wieder taucht mit den wellenweise in die Öffentlichkeit gespülten «Normalitäten» sexueller Nötigungs- und Gewaltkulturen dieser Topos des eingeschüchterten Mannes in einem Lift, allein mit einer Frau, auf. Wie viele Frauen kennen Sie, die von einem Mann in einem Lift sexuell belästigt oder attackiert wurden? Wie viele Männer, die nach einer zweisamen Liftfahrt von der Frau, die sie kaum anzusehen gewagt, der sexuellen Belästigung oder Gewalt bezichtigt wurden? Was schliessen Sie daraus? In Bezug auf die sexuellen Verhältnisse zwischen FrauundMann? Bezüglich Ihres Bekanntenkreises?

«Als ob dich jemand begrabschen würde. Das ist Wunschdenken.»

Bemerkenswert, wie schnell, selbst 2017, die Opfer in Verdacht geraten. Jetzt wolle sich, nach Jahrzehnten des Schweigens, jede ein Stück vom warmen Opferkuchen abschneiden. Heisst es nicht nur an Stammtischen der bekannten Art. Wenn sie öffentlich sage, sie sei auch schon mal auf Partys begrabscht worden, erzählt die Komikerin Carolin Kebekus im Interview mit der Zeit am 18. November 2017, dann schrieben sie im Netz: «‹Jetzt kommen sie aus allen Löchern. Jetzt will die Kebekus auch noch was vom Kuchen ab.› Da denke ich: Ja, das ist ja eine so tolle Sache, sexuell belästigt worden zu sein. Da will ich auch ein Stück ab vom Kuchen. Geil fand ich auch: ‹Jaja, als ob dich jemand begrabschen würde. Das ist Wunschdenken.› Es ist erstaunlich, wie sehr mir bei solch normalen Erlebnissen nicht geglaubt wird.»

Natürlich wird das Blamingthevictim (das Opfer beschuldigen) nicht mehr so plump praktiziert wie zu Beginn der Siebzigerjahre, als der US-amerikanische Soziologe und Schriftsteller William Ryan diesen Begriff in die Debatten über Rassismus und sexuelle Gewalt einführte. Damals genügte der kurze Rock, um einer Frau die Schuld an der erlittenen Vergewaltigung zuzuschreiben. «Eine Politikerin, die ich noch nie ohne kurzen Rock oder hautenge Bluse gesehen habe, beschwert sich, sie würde mit gewissen Herren niemals in den Lift steigen.» Spöttelt SVP-Nationalrat und Weltwoche-Chef Roger Köppel in seinem Samichlaus-Editorial «Duschen mit Doris» 2017. Am 2. November fühlt er sich noch genötigt, eine «Unangreifbarkeitserklärung» (Köppel wörtlich) abzugeben: «Selbstverständlich verurteile ich sexuelle Belästigung in aller Form.» Bevor er den «weltfremden Opferkult» in Zusammenhang mit dem Fall Weinstein geisselt: «Alle wollen Opfer sein… Als Opfer ist man gefragt, man kommt im Fernsehen, redet aus moralisch erhöhter Position.» Dafür lässt sich frau, suggeriert Köppel, ohne es zu sagen, auch gerne mal flachlegen, um hinterher «gepampert und betrauert», zum «Idol» oder zur «gesellschaftlichen Autorität» zu werden.

«Sie gleitet nur, wenn sie will.»

Jean-Martin Büttner hält im Tagesanzeiger vom 19. Oktober unter dem Titel «Das Lärmen der Frauen» zuerst fest: «Die weiblichen Klagen gegen das Männerverhalten sind berechtigt.» Um dann seine eigentliche Gefühlslage freizulegen: «Trotzdem können sie nerven.» Besonders der «humorlose Verzichtston» und «die Verbissenheit, die einem beim Diskutieren über das ganze Thema immer wieder entgegenfletscht». Wünscht er sich das gute alte Schweigen «der Frauen» zurück? Würden sie nicht so «lärmen», «die Frauen» – die Geschlechterwelten wären auch 2017 noch in Ordnung. Wie in der SRF-Autosendung Tacho. Da sagt es ein sogenannter «Alfista» am 21. Oktober stolz in die Kamera: «Der Alfa ist etwas Spezielles, das ist fast wie eine Frau, du musst warten, bis der Alfa warm ist, und dann kannst du mit ihm machen, was du willst.» Und was hat der Trumpel in dem ominösen locker room herausposaunt? «Ich fange einfach an, sie zu küssen. Ich warte nicht einmal. Und wenn du ein Star bist, dann lassen sie es zu… Berühre ihre Vagina. Du kannst alles machen…» (Blick online, 8.10.2016). Es hat ihm, bei den Wahlen 2016, nicht geschadet, sondern sein Image als zupackender Mann gestärkt.

2017 haben es die Opfer in der eigenen Hand oder in irgendeinem anderen Körperteil, was ihnen zugemutet oder angetan wird. «Das vielzitierte Machtgefälle», analysiert Philipp Gut unter dem Titel «Liebe in Zeiten der Hysterie» am 9. November in der Weltwoche, «ist doch keine Rutschbahn, auf der die Frau automatisch in die Arme des mächtigen Mannes gleitet. Sie gleitet nur, wenn sie will.» Natürlich verrät mann eigene Utopien und Kameraden selbst bei vorgehaltener Maschinenpistole nur, wenn mann es wirklich will. Köppel erinnert an das «uralte Gegengeschäft»: «Der Mann will Sex. Die Frau will Geld und Karriere. Der Mann setzt auf die Macht seiner Position. Die Frau setzt auf die Macht ihrer Schönheit. Der Tauschhandel funktioniert, solange beide profitieren. Willkommen in der Wirklichkeit.» In der Köppelschen Geschlechterrealität, in der Männer nicht darauf hoffen dürfen, um ihretwillen begehrt zu werden. Was ist mit jenen, die Frauen weder Geld noch Karriere bieten können? Bleibt ihnen nur der Zauberstab der Gewalt?

Die renommierte Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen hat «die Frauen» schon im Mai 2011 in die Pflicht genommen. In einem Interview mit dem Spiegel wird sie, auf die Affäre Strauss-Kahn angesprochen (Video ab 4.25 Min.), «ganz persönlich»: «Ich muss nicht unbedingt Oralsex bei einem Mann machen, wenn ich nicht will, und auch wenn er mich an den Haaren packt, muss ich’s nicht machen, ich kann [sie lacht], ich kann auch mal zubeissen. Entschuldigung, aber ich meine, ich bin dem nicht ausgeliefert, ich kann mich da durchaus wehren.» Was hätte sie der Kollegin meiner Freundin in Jugendjahren geraten, die von einem Mann mit zwei Schäferhunden von der Strasse in seine Wohnung gedrängt und dort vergewaltigt wurde, immer die beiden knurrenden Hunde neben ihr stehend? Zubeissen? Ob der Mann sie zu «gewöhnlichem» oder Oralsex gezwungen hat, weiss ich nicht (mehr). Das könnte einer Frau heute, nach all den feministischen Jahrzehnten, nicht mehr zustossen. Neuerdings führen die «echten Kerle» gerne Hunde spazieren, die eher Tanzmäusen gleichen.

«Am Ende entscheidet die Frau.
Sie lässt ihn ran oder sie lässt ihn nicht ran.»

Die Aussagen von Friedrichsen machen verständlich, weshalb selbst Frauen zuweilen in das Blamingthevictim einstimmen: Es verhilft ihnen zum beruhigenden Gefühl, ihnen könne, wenn sie nicht wollten, nichts passieren. Wenn ich selber schuld bin, so die magische Denkfigur, bin ich kein Opfer, bin ich nicht ohnmächtighilflosausgeliefert. Ich kann es jederzeit verhindern. Wenn ich nur will. Umgekehrt verhilft das Blamingthevictim «den Männern» dazu, die Geschlechterverhältnisse auf den Kopf zu stellen. «Der Mann», klagt Philipp Gut – «Alle wollen Opfer sein», hat der Förrlibucker Büronachbar eine Woche früher in die Tasten gehauen, und im Club vom 5. Dezember betet er einmal mehr sein fast schon traumatisches Mantra herunter, «die Frauen» seien das «starke Geschlecht» –, «der Mann», betet Gut mit, «kann sich noch so sehr abmühen, er kann noch soviel Geist, Humor und Muskelkraft vorführen – am Ende entscheidet die Frau. Sie lässt ihn ran, oder sie lässt ihn nicht ran. So geht das.» Sein Chef hat schon im Januar 2015 beklagt: «Der Mann ist am verwundbarsten, wenn er begehrt. Nie ist die Macht der Frau, nie ist die Ohnmacht des Mannes grösser.» Da verraten sich, der Weltwoche sei Dank, «männliche» Unbewusstheiten. Wenn «die Frauen» diese Macht haben, so scheint sich solche Logik in manchen Männerköpfen zuzuspitzen, bin ich das eigentliche Opfer.

Gut und Köppel können sich offensichtlich nicht vorstellen, dass sich Männer und Frauen als Gleiche begegnen, beide Schauende und Beschaute, Begehrte und Begehrende, Subjekte und Objekte. Was sie beklagen, ist die ganz gewöhnliche Ohnmacht derer, die in freien Beziehungsverhältnissen, welcher sexuellen Orientierung auch immer, GefühleBegehrenWünsche ins Ungewisse offenbaren und sich dem Ja (oder Nein) anderer ausliefern. Auch «die Frauen», die nicht mehr wie in den guten alten Zeiten in der geschützten Wartezone verharren können und wollen. Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass zwei (oder mehrere) freie Menschen zu gleicher Zeit am gleichen Ort Lust haben, einander zuzufallen? In diesen erotischen Unwägbarkeiten ist es manchmal ganz schön einfach. Manchmal auch nicht. Das Unberechenbare bedroht ganz besonders das «Konzept Mann», das alles im Griff haben will und kein Nein kennt. Da erscheinen BelästigungNötigungVergewaltigung als Notwehr des ausgelieferten Mannes.

Sex nur gegen Sex

Warum fehlt vielen Männern in erotischen Angelegenheiten der oft beschworene «männliche» Stolz und Mut, den sie auf schnellen Strassen, eisigen Gräten und in blutigen Schlachten so bereitwillig unter Beweis zu stellen versuchen? Der Stolz, der sich nur mit Liebe und Leidenschaft zufriedengibt, die ihm aus Freiheit zufallen? Der Mut, Verliebtheit und Begehren ohne das Netz von MachtGeldGewalt zu zeigen und sich in unsicheres Gelände zu begeben? Warum glauben sie nicht daran, dass sie begehrt werden könnten – einfach so, ohne sich «abzumühen»? Sex nur gegen Sex.

PS. Warum wird eigentlich – Blamingthevictim – «den Reichen» kaum je vorgehalten, wer so viel Geld und Gold anhäufe, dürfe sich nicht wundern, wenn sie überfallen und ausgeraubt, wenn ihm der Pelzmantel vom Leib gerissen und das Konto geplündert werde?

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

«Machtgehabe inkompetenter «Grüsel»» (Infosperber vom 1.1.2018)
Trump, Gilli, Köppel, Houellebecq – alle «Araber» (auf Infosperber)
Die Natur- und Mutter-Mythen des Roger K. (auf Infosperber)
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