Ein Bundesrat muss nicht unbedingt ein Fisch sein

 Jürgmeier © jm
Jürgmeier / 21. Sep 2017 - «Unbedingt eine Frau in den Bundesrat wählen?» Fragt der Tagi. Nein, sagt die NZZ: «Es gibt Wichtigeres als die Frauenfrage.»

Kaum ist der neue Bundesrat, Ignazio Cassis, gewählt und vereidigt, degustiert eine SRF-Journalistin den Tessiner Wein am Apéro-Buffet und beschäftigt sich mit der Frage, weshalb CVP-Nationalrat Jakob Büchler weder Roten noch Weissen, sondern alkoholfreien Apfelsaft trinkt. Es sei noch etwas früh, erklärt der vernünftige Mann aus dem sankt-gallischen Maseltrangen etwa morgens um zehn. Eine Bundesratswahl stellt die Welt nicht auf die Füsse. Nicht einmal in der Schweiz.

Das Kreuz mit «der Frau»

Nachdem, auch als Reaktion auf eine entsprechende Forderung aus Frauenkreisen, in den letzten Tagen und Wochen immer mal wieder der Seufzer «Muss es denn unbedingt eine Frau sein?» zu hören und zu lesen war, wird «die Frau», Isabelle Moret, diskussionslos auf den dritten und letzten Platz verwiesen. Die Männerwelt ist wieder in Ordnung. Aber: «Es wird die Zeit kommen», orakelt Michael Schoenenberger in der Neuen Zürcher Zeitung unter dem Titel «Es gibt Wichtigeres als die Frauenfrage» schon am 10. August präventiv, «in welcher wiederum fähige Frauen zur Verfügung stehen, deren Wahl nicht zu einer problematischen Machtkonzentration führt.» Irgendwann wird die Zeit kommen – wie das Schiff bei Lale Andersen. «Ein Schiff wird kommen, und das bringt mir den einen // Den ich so lieb‘ wie keinen, und der mich glücklich macht // Ein Schiff wird kommen und meinen Traum erfüllen // Und meine Sehnsucht stillen, die Sehnsucht mancher Nacht.» Warum nur müssen Frauen heutzutage von Bundesratssitzen träumen?

Mit Blick auf die nächste Vakanz – vermutlich der CVP-Sitz – weist Parteipräsident Gerhard Pfister in der anschliessenden Kommentarrunde auf das Kreuz hin, das alle Parteien gemeinsam trügen – den «Druck, eine Frau zu bringen», um dann einzuschränken, nach dannzumal 11, 12 oder 13 Jahren Leuthard hätte seine Partei keinen «Aufholbedarf» mehr. Auch dann wird gelten: Es muss nicht unbedingt eine Frau sein. Hauptsache, der Fähigste wird gewählt.

Solange eine Frau damit rechnen muss, mit dem Vorwurf konfrontiert zu werden, sie sei eine «Quotenfrau» (eine im Übrigen miserable Quote für die Hälfte der Bevölkerung), sie sei nur gewählt worden, weil sie eine Frau sei; solange Frauen, die nicht gewählt werden, zu Recht oder Unrecht, das Gefühl haben können, sie seien ihres Geschlechts wegen nicht gewählt worden; solange Männer nicht zu hören bekommen, sie seien «Quotenmänner» (immerhin eine weit über ihrem Bevölkerungsanteil liegende Quote), sie verdankten ihre Karriere ausschliesslich ihrem Y-Chromosom, solange ist es reine Propaganda, zu behaupten, die Frauen-, die Geschlechterfrage spiele keine Rolle mehr, es gehe ausschliesslich um Kompetenz.

Muss es denn unbedingt ein Mann sein?

Der Satz «Muss es denn unbedingt eine Frau sein?» und, umgekehrt, die von Frauen propagierte Strategie, mit einem «reinen Frauenticket» in Bundesratswahlen zu gehen, sind Zeichen dafür, dass die Wahl von Frauen nicht Normalität, sondern das Aussergewöhnliche, die Wahl von Männern Standard ist. Die Frage «Muss es denn unbedingt eine Frau sein?» ist der Versuch, eine untervertretene Gruppe – aus Angst um die eigenen Wahlchancen – mit einer Art Präventivschlag zurückzubinden. Muss es denn unbedingt ein Fisch sein? Fragen die Menschen. Darf es nicht auch (wieder einmal) einer von uns sein?

Muss es denn unbedingt (schon wieder) ein Mann sein? Wenn diese Frage nicht mehr gestellt werden muss, ist die Wahl einer Frau zur Selbstverständlichkeit geworden, und dann gibt es tatsächlich Wichtigeres als die Geschlechterfrage.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Frauenfrage setzt bürgerliche Parteien unter Druck (Tagesanzeiger, 21.9.2017)

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3 Meinungen

Ob die Quote das Geschlechter-Dilemma lösen kann, steht in den Sternen, solange Führung Kompetenz bedeutet und nicht soziale Verantwortung.

Das wesentliche Problem war und ist das H e r r schaftsproblem, welches schon qua Definition sexistisch ist. Wie uns die geschichtliche und interdisziplinäre Erfahrung, seit der Patriarchalisierung vor 5000 - 6000 zeigt, lässt sich mit dem patriarchalen Führungsanspruch kein Problem lösen.
Im Gegenteil Herrschaft und Patriarchat sind die Ursache aller Dilemmata, weil sie die Menschheit in Herrscher und Beherrschte spaltet und unilaterale sexistische Überlegenheitsansprüche stellt auf Kosten der anderen Hälfte der Menschheit.

Meiner Meinung nach, ist das patriarchal erschaffene Geschlechterdilemma eines der vordringlichsten Aufgaben überhaupt. Auf der Führungsebene ist dieses Problem nicht zu lösen ohne einerseits neue Eliten zu generieren und andererseits nicht ohne neue Prekariate zu erschaffen.

Mit Herrschaft lässt sich die naturgegebene Welt nicht bewahren, weil Herrschaft das Agens für Spaltung, Beherrschung, Ausbeutung und Zerstörung aller Naturgegebenheiten ist wegen seines Anspruchs auf Überlegenheit über Natur, Mensch (Frau) und Erde. Wobei der Gottesglaube immer als wesentliches Instrument, als Rechtfertigung und als Krücke gedient hat/dient.

Geschlechter sollten als Ergänzung zueinander gesehen werden und nicht als kompetitive Gegner. Deshalb muss ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel her auf jeder Ebene
Gisela Weber, am 21. September 2017 um 10:24 Uhr
Herzliche Gratulation, Frau Weber, zu Ihrem Artikel.
Willi Herrmann, am 21. September 2017 um 12:00 Uhr
Die Frage der Geschlechtervertretung im Bundesrat kann mit einer einfachen Verfassungsergänzung gelöst werden: «Frauen und Männer sind entsprechend ihrem prozentualen Anteil an der Bevölkerung im Bundesrat vertreten».
Gemäss aktuellster Bevölkerungsstatistik (30.6.2017) betrug der Anteil Frauen an der Gesamtzahl der Personen mit schweizerischer Staatsangehörigkeit 51,6% oder bei Betrachtung der Gesamtbevölkerung 50,4%. Mit obigem Verfassungsartikel müssten somit 4 Bundesrätinnen und 3 Bundesräte unsere Regierung bilden. Genügend fähige Personen gibt es bei beiden Geschlechtern.
Heini Glauser, am 21. September 2017 um 15:24 Uhr

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