Was Kurz und Merkel trennt

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Jürg Müller-Muralt / 19. Jan 2018 - Die NZZ vergreift sich mit einem Holocaust-Asylpolitik-Bezug im Ton – oder greift bewusst zum Zynismus.

Kurz und Merkel können es nicht so gut miteinander. Vieles trennt den neuen österreichischen Kanzler und die altgediente deutsche Kanzlerin. Wenn Merkel nach dem Treffen der beiden von dieser Woche in Berlin sagt, man habe «wenig Trennendes» gefunden, dann heisst das, in Umgangssprache übersetzt, das Gegenteil: Man hat Trennendes gefunden. Die beigefügte Mengenangabe ist nicht entscheidend.

Holocaust und Asylpolitik

Übersetzen muss man aber manchmal nicht nur die weichgespülte Diplomatensprache. Auch Journalisten transportieren nicht selten versteckte Botschaften. So spricht Benedict Neff in seinem Bericht in der NZZ zum Merkel-Kurz-Treffen die Flüchtlingskrise an. Sebastian Kurz habe «jene Politik umgesetzt, die sich viele deutsche Konservative von der CDU-Kanzlerin gewünscht hätten.» Und dann kommt es: «Dass die historischen Voraussetzungen der beiden Länder nicht unähnlich sind, spielt dabei auch ein Rolle: Kurz führte vor, dass der Holocaust nicht automatisch in eine grenzenlose Asylpolitik führen muss.»

Der Klartext und der Subtext

Im Klartext meint der Journalist: Im Gegensatz zu Merkel hat Kurz begriffen, dass sich Österreich – selbst tief in die Nazi-Verbrechen verstrickt – nicht weiter von seiner dunklen Vergangenheit irritieren lassen sollte. Und im Subtext ruft er aus: Jetzt lasst doch bei euren politischen Entscheiden endlich diesen ewigen Schuldkomplex beiseite. Neff hat mit seinem Holocaust-Asylpolitik-Bezug einen erschreckend zynischen Satz geschrieben. Aber er liegt damit auf der Linie des Sebastian Kurz, der mit einer rechtsextrem verseuchten FPÖ eine Regierung bildet. Angela Merkel würde das mit der deutschen AfD nicht tun. Auch darin liegt etwas «Trennendes» zwischen den beiden.

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2 Meinungen

Super auf den Punkt gebracht, in was für trüben Wassern die NZZ zuweilen fischt. Merci!
Rolf Zimmermann, am 19. Januar 2018 um 16:50 Uhr
Ich habe durchaus Verständnis für Kanzler Kurz's Haltung. BK A. Merkel hat in «mütterlichem Instinkt», oder welcher anderen «Eingebung?», ohne Rückfrage bei der Bevölkerung, für die sie eigentlich verantwortlich wäre, die Schleusen geöffnet!

Wie J. Müller-Muralt analysiert: «Kurz führte vor, dass der Holocaust nicht automatisch in eine grenzenlose Asylpolitik führen muss.» finde ich richtig!
Es ist keine Frage, dass echten Flüchtlingen geholfen werden soll und muss, aber was durch die «offene Haltung» erreicht wurde, überforderte die ansässige Bevölkerung - immer noch - nach und nach auch finanziell! Es wurde nicht geschaut, wer berechtigt wäre, Asyl zu erhalten, weil die Empfangsstellen in Österreich und in Deutschland (übrigens auch in der Schweiz) völlig überfordert waren! Es ist bezeichnend, dass die Flüchtlinge vor allen anderen, die wirtschaftlich stärkeren Staaten aufgesucht haben. Die Willkommenskultur der Kanzlerin Merkel, verstärkte diesen «Sog» noch! Die Absage an die Aufnahme von Flüchtlingen, der meisten anderen EU-Staaten, verschärfte die ungemütliche Lage vieler Wirtschafts-Migranten zudem sehr, auf dem Weg nach Europa, darunter natürlich auch für die echten Flüchtlinge!
Willy Brauen, am 21. Januar 2018 um 08:48 Uhr

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