Hans Magnus Enzensberger: «Ein Training in der Kunst des Überlebens könnte von Nutzen sein» © ARD

Vom Überleben in garstigen Zeiten

Jürg Müller-Muralt / 08. Aug 2018 - Literatur und Macht: 2 Bücher gehen der Frage nach, wie sich Schriftsteller und Künstler in Zeiten massiver Repression verhalten.

Italien, Sommer 2018: Für den italienischen Schriftsteller, Journalisten und Mafia-Rechercheur Roberto Saviano könnte es ungemütlich werden. Innenminister Matteo Salvini jedenfalls droht seinem Intimfeind Saviano, den Polizeischutz zu entziehen. Der weit rechtsstehende Lega-Politiker bedroht seinen schärfsten Kritiker also indirekt mit dem Tod, indem er in Erwägung zieht, Saviano der Mafia zum Abschuss freizugeben.

Sowjetunion, Frühling 1937: Der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch sitzt, nervlich durch Verhöre und Überwachungen am Ende, jede Nacht mit einem Koffer beim Lift vor seiner Wohnung in Leningrad. Er wartet auf Stalins Geheimpolizei, denn er weiss, sie holen einen immer in der Nacht. Und er möchte nicht, dass seine Familie die Prozedur der Verhaftung miterlebt.

«Machtmissbrauch ist ein Pleonasmus»

Was haben die beiden so unterschiedlichen Vorgänge in völlig verschiedenen Kontexten gemeinsam? Sie werfen ein Schlaglicht auf die mehr oder weniger subtilen Einschüchterungsmethoden staatlicher Macht gegenüber in Ungnade gefallenen Bürgern. In Italien ist es derzeit «bloss» ein wildgewordener Innenminister, der offensichtlich gerade vergessen hat, dass der demokratische Rechtsstaat auch den schärfsten Kritikern gegenüber Schutzverpflichtungen zu gewähren und Menschenrechte zu respektieren hat. In der Sowjetunion war es die ausgewachsene stalinistische Diktatur, die Terror, Einschüchterung und Willkür zum Prinzip erhoben hatte. Die Beispiele zeigen aber auch, dass das Verhältnis zwischen Kultur und Macht nicht nur in Diktaturen voller Spannungen ist, sondern auch in Demokratien, die durch rechtspopulistische Tendenzen in gefährliche Fahrwasser geraten.

Schriftsteller, Journalistinnen, Künstler und Intellektuelle ganz allgemein sind die ersten, welche autoritäre Tendenzen zu spüren bekommen. Ihre Arbeit ist fast immer in der einen oder anderen Form eine Auseinandersetzung mit Phänomenen der Gegenwart; Konflikte mit der Macht sind deshalb programmiert – in allen politischen Systemen notabene. Denn wie lautet der treffende Aphorismus des deutschen Schriftstellers Albrecht Fabri: «Machtmissbrauch ist ein Pleonasmus.»

Enzensbergers literarische Vignetten

Existenziell bedrohlich wird es in autoritär und diktatorisch regierten Staaten. Wie verhalten sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller in solch düsteren Zeiten? Anschauungsunterricht im Übermass bietet das vergangene Jahrhundert. Oder, wie es Hans Magnus Enzensberger formuliert: «Das 20. Jahrhundert war eine Blütezeit von Schriftstellern, die Staatsterror und Säuberungen überlebt haben, mit all den moralischen Ambivalenzen, die das mit sich brachte.» Der deutsche Dichter, Schriftsteller und Essayist hat sich das blutige Säkulum im Spiegel seiner Autorinnen und Autoren etwas genauer angeschaut.

«99 Überlebenskünstler: Literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert», heisst sein jüngstes Buch. In zwei- bis dreiseitigen Kürzestporträts skizziert er bekannte und weniger bekannte Schriftsteller. Das Verbindende: Sie alle haben spezielle, je andere Überlebensstrategien entwickelt. Waren sie zu standfest, um vor der Macht zu kapitulieren? Oder «waren es Glücksfälle, die an ein Wunder grenzten, durch die sie dem Gefängnis, dem Lager und dem Tod entronnen sind, oder waren es Strategien, die von der Anbiederung bis zur Tarnung reichten? Wer das so klar unterscheiden könnte!», schreibt Enzensberger.

Einfache Kategorien greifen nicht

Er beschäftigt sich also nicht mit jenen Literaten, die zerbrochen sind, die sich das Leben genommen haben, wie etwa Egon Friedell, Kurt Tucholsky, Walter Benjamin oder Stefan Zweig, oder jenen, die erst Jahrzehnte später ihren Traumata erlegen und ebenfalls aus dem Leben geschieden sind, wie Klaus Mann, Jean Améry, Arthur Koestler oder Primo Levi. Sein Interesse gilt ausschliesslich jenen Autorinnen und Autoren, die einen der beiden oder gleich beide Weltkriege und die totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts überlebt haben, also etwa Maxim Gorki, Alfred Döblin, Robert Musil, Boris Pasternak, Nelly Sachs, Hans Fallada, Carl Zuckmayer, Anna Seghers, Jean-Paul Sartre, Bertolt Brecht, Alfred Andersch, Imre Kertész. Enzensberger richtet nicht, er erinnert vielmehr in seinen Vignetten an ereignisreiche, von Katastrophen und Brüchen geprägte, auch tragische Leben, denen man nicht mit Kategorien von Helden, Verrätern, Altruisten, Opportunisten, Feiglingen oder Trittbrettfahrern gerecht wird. Viele waren geschützt durch ihren internationalen Ruhm, andere zogen sich zurück in die Unauffälligkeit, in die innere Emigration oder wanderten aus.

Hans Magnus Enzensberger: «99 Überlebenskünstler: literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert»; Suhrkamp Verlag, Berlin 2018; 367 Seiten; CHF 39.60

«Moralische Urteile stehen einem Nachgeborenen, der die Situationen und Prüfungen nicht bestehen musste, denen sie ausgesetzt waren, ohnehin nicht zu, er kann versuchen, fair zu sein», schreibt Enzensberger. «Je grösser das historische Übel, desto verlockender scheint das kleinere; und je gefährlicher die Umstände, desto mehr wird, wer sie verteidigt, die mildernden Umstände ins Feld führen.» Mit einer gewissen Grundempathie behandelt Enzensberger fast alle, selbst jene, die sich den Verstrickungen mit Diktaturen nicht völlig entziehen konnten, sei es aus Überzeugung, aus einer Fehleinschätzung heraus oder aus purem Opportunismus. Aber Vorliebe und Ekel, Bewunderung und Abneigung kann und will er in seinen Porträts nicht völlig unterdrücken.

Die verbreitete «moralische Ambivalenz»

Bei zahlreichen Autoren dieser Epoche kommt die von Enzensberger so genannte «moralische Ambivalenz» überdeutlich zum Ausdruck. Etwa beim russischen Schriftsteller Ilja Ehrenburg, der wegen seines «chamäleontischen Charakters» immer wieder angegriffen, verleumdet, denunziert wurde. «Mit Stalin, der ihn als Propagandisten zu schätzen wusste, trieb er ein fintenreiches Spiel.» In den Augen der Macht galt er als unsicherer Kantonist. Zur Sowjetherrschaft bekannte er sich erst, als die Nationalsozialisten ihren Siegeszug angetreten hatten. Unter der Fuchtel der Zensur publizierte er trotzdem ungefähr 100 Bücher und tausende von Zeitungsartikel – obschon bekannt war, dass er mit der Parteidoktrin des Sozialistischen Realismus wenig anfangen konnte.

Manès Sperber wiederum ist für Enzensberger «ein Philosoph des Irrtums, der verlorenen Gewissheiten und auch seine Biographie ist die eines Mannes auf der Flucht.» Denn er probierte viele Utopien und Irrtümer des 20. Jahrhunderts aus: Anarchismus, Bolschewismus und dann auch noch den militanten Antikommunismus. Nur die Nazis bekämpfte er konsequent und von Anfang an. Das war bekanntlich bei Ernst Jünger nicht der Fall: Er wütete gegen die Weimarer Republik, und eine «nationale Revolution» unter Hitler schien ihm wünschenswert. Er trat zwar der NSDAP nie bei und lehnte ihre Rassenideologie ab, muss aber im Rückblick als intellektueller Wegbereiter des Nationalsozialismus gelten. Dem kriegsbegeisterten Jünger kann Enzensberger nicht viel abgewinnen, zu dem er lakonisch meint: «Mich beeindruckte seine Leidenschaft für Käfer und Schmetterlinge, die er aufspiesste und sammelte, sein Vorpreschen im Krieg und die Rückzüge, die er zu Zeiten einer Diktatur antrat, die er zuvor begrüsst hatte.»

Absolut subjektive, pointierte Literaturgeschichte

Enzensbergers «99 Überlebenskünstler» sind eine absolut subjektive, mit vielen persönlichen Begegnungen gewürzte, pointierte, freche und manchmal geradezu schnoddrige, aber immer kenntnisreiche Literaturgeschichte. Die Lehre aus all dem im Hinblick auf härtere Tage? «Ein Training in der Kunst des Überlebens könnte von Nutzen sein», lautet Enzensbergers ebenfalls «moralisch ambivalente», desillusionierte oder vielleicht gar leicht zynische Schlussfolgerung aus dem Studium seiner 99 Überlebenskünstler.

Zwischen Repression und Vereinnahmung

Enzensbergers Literatur-Vignetten beschäftigen sich ausschliesslich mit Schriftstellern (und ganz wenigen Schriftstellerinnen). Der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch dagegen ist ein herausragendes Beispiel eines Musikerlebens, das sich im Netz eines brutalen Regimes abgespielt hatte. Der englische Autor Julian Barnes führt mit seinem Roman «Der Lärm der Zeit» die Widersprüche und Schwierigkeiten einer Künstlerexistenz zwischen Repression und Vereinnahmung meisterhaft vor Augen.

Julian Barnes: «Der Lärm der Zeit»; Kiepenheuer und Witsch, Köln 2017; 245 Seiten; CHF 28.90

Schostakowitschs ganzes Leben oszilliert zwischen diesen beiden Polen. Das Ganze entzündete sich, nachdem Stalin ihm nach einer Aufführung der Oper «Lady Macbeth von Mzensk» die Gunst entzogen hatte. Das Werk entsprach nicht den gerade herrschenden musiktheoretischen Vorstellungen der Partei. Der Komponist wurde durch subtile Verhörmethoden in die Mangel genommen; er erwartete täglich seine Verhaftung (siehe Beginn dieses Beitrags). Viele Künstler, Publizisten, Wissenschaftler und Intellektuelle wurden abgeholt und kamen nie wieder – auch solche, die ihm nahestanden.

Lob als Variante der Repression

Den stalinistischen «Säuberungen» entgeht er zwar, doch Dreh- und Angelpunkt seiner ganzen persönlichen und künstlerischen Existenz war die Auseinandersetzung mit der Staatsmacht. Denn nach Stalins Tod, als sich das Regime etwas offener zeigte, kam eine neue Form der Repression auf: die Vereinnahmung. Darauf war Schostakowitsch nicht gefasst: Er war inzwischen «derart an Drohungen und Einschüchterungen gewöhnt, dass er Lob und freundlichen Worten nicht mit dem nötigen Misstrauen begegnete», schreibt Julian Barnes. Mit perfiden Methoden drängte ihn das Regime dazu, in die Partei einzutreten: «Während all der Jahre des Terrors hatte er immer sagen können, wenigstens habe er nie versucht, sich durch den Eintritt in die Partei das Leben zu erleichtern. Und jetzt, nachdem die grosse Furcht vorüber war, wollten sie sich doch noch seine Seele holen.» Und sie kriegten sie, wenigstens teilweise.

Schostakowitsch versuchte immer beides: Konflikten nicht ganz aus dem Weg zu gehen, aber auch Kompromisse zu schliessen. Künstlerische Ellbogenfreiheit erkaufte er sich durch Auftragsarbeiten für das Regime. Er setzte sich für Verfolgte ein, gleichzeitig «musste» er seinen Namen hergeben, um Igor Strawinsky oder Alexander Solschenizyn zu verunglimpfen.

Neu in Julian Barnes Roman sind nicht die Fakten, sondern die literarische Umsetzung. Das Buch ist denn auch nicht allein ein Roman, wie der Buchdeckel verspricht, sondern ebenso eine hervorragend arrangierte und in eine Erzählung gegossene Reflexion über das Verhältnis von Kunst und Macht in autoritären und diktatorischen Staaten. Dies betrifft sowohl die Methoden der Staatsmacht als auch das Verhalten des Künstlers. «Er hatte so viel Mut bewiesen, wie ihm sein Wesen erlaubte, aber das Gewissen stand immer bereit und behauptete beharrlich, er hätte noch mehr Mut beweisen können.» Eine Existenz also zwischen Angst und Selbstvorwürfen, zwischen Integrität und Scham. Julian Barnes breitet dieses Künstlerdrama und die inneren Kämpfe des Komponisten mit grossem psychologischem Einfühlungsvermögen und subtilen sprachlichen Mitteln aus – und liefert darüber hinaus eine überzeitlich gültige Studie von Herrschaftstechniken, die von niederschmetternder Aktualität ist. Gerade auch wieder in der Heimat von Dmitri Schostakowitsch.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Hans Magnus Enzensberger im Gespräch mit Denis Scheck: ARD-Magazin «Druckfrisch» vom 29. März 2018

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Eine Meinung

"Machtmissbrauch ist ein Pleonasmus.» Diese Erkenntnis ist bestenfalls ein zwar keineswegs banales «Plagiat» von Jacob Burckhardt und Elias Canetti. Die Frage nach der Rechtfertigung der Macht stellt sich dennoch, sie ist und bleibt eine Aufgabe, bei deren Lösung man aber nolens volens schnell mal zum Ideologen wird. Enzensberger bleibt einer der wenigen deutschsprachigen Autoren, denen man den Prädikator «Intellektueller » nicht absprechen mag. Noch gut ist, dass sich zum Beispiel Peter Bichsel zu solchen Themen schon immer wieder mal mit gehaltvollen Aussagen geäussert hat, ohne gleich als Gross-Intellektueller einerzukommen. Der Glaubwürdigkeit tut das eher gut.
Pirmin Meier, am 10. August 2018 um 17:45 Uhr

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