Ein Passepartout: der Schweizer Pass © WOMM

Ein Passepartout: der Schweizer Pass

Vom Leben mit dem falschen Pass (I/II)

Christof Moser / 11. Dez 2014 - Manche leben hier mit einem falschen Pass, manche haben den falschen Pass, um hier zu leben. Eine Reise in die Schattenwelt.

Es gab Zeiten, als auch innerhalb Europas Reisepässe über Leben und Tod entschieden haben. Adolfo Kaminsky war während des Nazi-Regimes Teil der Résistance im besetzten Frankreich. Er fälschte Papiere und rettete damit Tausenden Menschen das Leben. Seine Lebensgeschichte, von seiner Tochter Sarah im Buch «Adolfo Kaminsky – ein Fälscherleben» aufgezeichnet, erzählt davon, wie er und vier weitere Fälscher während der Nazi-Herrschaft in einer winzigen Dachmansarde in Paris fast rund um die Uhr Papiere fälschten, Hunderte am Tag, manchmal ohne Schlaf: «Ich hatte immer das Gefühl: wenn ich eine Stunde schlafe, kostet das dreissig Kindern das Leben».

Als grösste Herausforderung seines Fälscherlebens, für das sich Kaminsky entschieden hatte, als er 1943 kurzzeitig im Durchgangslager Drancy nahe Paris inhaftiert war und sah, wie von dort täglich drei Deportationszüge mit je 1000 Juden nach Auschwitz losfuhren, bezeichnet er das Fälschen des Schweizer Passes. Zuerst konnte er den ultraleichten Karton, zugleich fest und sehr biegsam, unmöglich herstellen. Bis er einen nächtlichen Einfall hatte, wie er eine vergleichbare Haptik erreichen konnte. Kaminsky, heute 89 Jahre alt, unterstützte mit seiner Kunstfertigkeit nicht nur den französischen Widerstand, sondern später auch den Unabhängigkeitskampf in Algerien und die Dissidenten beziehungsweise Dissidentinnen, die Südafrikas Apartheid, Griechenlands Militärjunta sowie die Diktaturen in Spanien und Portugal bekämpften.

Zum Verbrechen verurteilt

Im Gegensatz zu Kaminsky, der für seine Fälscherdienste nie Geld verlangte, sind die Schranken der Migration heute die Grundlage für ein Milliardengeschäft der organisierten Kriminalität. Menschenhandel und -schmuggel sind noch vor dem Geschäft mit Waffen und Drogen der lukrativste Zweig der globalen Schattenwirtschaft – aufgebläht durch einen Systemfehler. Egal ob illegal oder legal: Entscheidend für Reisefreiheit, das Recht auf Aufenthalt oder Niederlassung ist – insbesondere für jene, die kaum Geld haben – Geld.

An Schweizer Gerichten gehören erschlichene Aufenthaltsgenehmigungen mit gekauften gefälschten Papieren längst zu den Routinefällen. Bezirksgericht Bremgarten, Kanton Aargau, Mai 2014: Angeklagt ist ein Mann aus dem Kosovo, der 2010 als Asylsuchender in die Schweiz kam, kurz darauf unter- und als Grieche wieder auftauchte. Der gefälschte EU-Pass, für den er nach eigenen Angaben 6000 Franken bezahlt hat, fiel selbst dem Bezirksamt nicht auf. Der Mann ist nur aufgeflogen, weil er mit den gefälschten Papieren Banken betrogen hat, um Schulden zu bezahlen. Strafe: 10 Monate unbedingt. Das Migrationsamt entscheidet, ob er ausgewiesen wird oder nicht.

Illegalität ist teuer

Edita* wird bald wieder mehrere Tausend Franken ihres hart erarbeiteten Geldes ausgeben, um nicht plötzlich ohne Papiere dazustehen und damit ihre ohnehin schon prekäre Existenz in der Schweiz zu verlieren. 1997 brach in Albanien – nach einem Kreditbetrug, bei dem Tausende ihr gesamtes Vermögen verloren – der sogenannte Lotterieaufstand aus. 2000 Menschen starben, am Ende stürzte die Regierung. Edita, damals 26 und ausgebildete Krankenschwester, entschloss sich mit ihrem Mann zur Flucht.

3000 Dollar legten sie für ihre zwei Schengen-Visa auf den Tisch eines korrupten albanischen Beamten. Als die beiden in der Schweiz ankamen, stellten sie ein Asylgesuch. Es wurde abgelehnt. «Für die Aufenthaltsberechtigung hat unser Wunsch nach einem besseren Leben natürlich nicht gereicht», sagt Edita in gebrochenem Deutsch und durchaus verständnisvoll. Nach Albanien wollten sie aber keinesfalls zurückkehren. Durch einen Tipp erfuhr das albanische Ehepaar von einem griechischen Konsulatsbeamten, der falsche Pässe verkaufte. Ihm bezahlten sie nochmals je 2000 Dollar, den Rest des Ersparten. So sind Edita und ihr Mann EU-Bürger geworden, damit aufenthaltsberechtigt in der Schweiz.

Heute arbeitet Edita als Putzfrau, ihr Mann als Hilfskraft einer Baufirma. Sie würde sehr gerne wieder als Krankenschwester arbeiten, aber dafür fehlen ihr Diplome, die auf den gleichen falschen Namen ausgestellt sind wie ihr Pass. Die Angst vor dem Auffliegen durchdringt das gesamte Leben – «es ist so, als würde man kaum Luft bekommen.» Und alles, was Edita und ihr Mann an Geld beiseite legen können, werden sie wieder ausgeben müssen, wenn ihre Pässe verlängert werden müssen. Ein falscher Pass muss immer wieder neu gefälscht werden, ihn zu verlängern ist zu riskant. «Weil die Einwanderung kriminalisiert wird, sind wir gezwungen, mit Mafia-Netzwerken zusammenzuarbeiten, um hier leben zu können», sagt sie. «Dabei wollen wir niemanden schädigen, niemanden ausnutzen, sondern einfach nur arbeiten.» Wenn Edita nachts aufwacht, dann schweissgebadet aus dem Alptraum, ihr Lügengebilde könnte enttarnt worden sein. «Wir würden alles verlieren, auch unsere AHV-Renten.»

Wir haben den Passepartout für Europa

Ein Pass kann auch heute über Leben und Tod entscheiden, zumindest aber entscheidet er über die Lebensperspektiven und die Perspektive auf die Welt. Das vergessen wir, die Privilegierten, oft, weil Reisefreiheit für uns selbstverständlich geworden ist. Mit einem EU- oder Schweizer Pass ist jedes Land auf dem Globus zugänglich, ein Visum in den seltensten Fällen mehr als ein bürokratischer Aufwand. Im Notfall gelangen wir sogar mit einer Identitätskarte von Spanien nach Marokko. In der Gegenrichtung werden Reisende von der marokkanischen Grenzmiliz erschlagen.

Innerhalb Europas spielen Grenzen für uns gar keine Rolle mehr. Wir besitzen den Passepartout für den europäischen Kontinent, der auf alle ausserhalb die Sogwirkung eines Schokoladenkuchens an einem Kindergeburtstag hat – mit der Schweiz als Marzipanschweinchen obendrauf. Die Politik, angetrieben von Abstiegsängsten aus der Mitte der Gesellschaft, dreht sich inzwischen fast nur noch um Abgrenzung, Abschottung und die Verteidigung des Kuchens. Wir sehen die Bilder von Flüchtlingen in überfüllten Booten auf dem Mittelmeer, wir sehen sie über Zäune klettern und ahnen, dass das, was wir zu viel haben, das ist, was diesen Menschen fehlt. Was uns mit Bestimmtheit von ihnen abgrenzt ist unsere Reisefreiheit.

Was sind eigentlich Wirtschaftsflüchtlinge?

Der britische Historiker Peter Gatrell hat ausgerechnet, dass sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs 175 Millionen Menschen eine neue Heimat suchen mussten. 140'000 sind dieses Jahr über das Mittelmeer nach Europa gekommen. Die meisten von ihnen stammen aus Syrien und dem Irak sowie Staaten südlich der Sahara: aus dem Sudan, aus Eritrea, Mali oder Somalia.

Es sind Länder, in denen wir Kriege führten, in die wir Waffen liefern, den einen, den anderen, allen. Selbst bei Kriegsflüchtlingen aus Syrien bröckelt heute der gesellschaftliche Konsens, der ihnen ein Recht auf Asyl garantiert – von den so genannten Wirtschaftsflüchtlingen gar nicht erst zu reden. Warum gestehen wir eigentlich Kriegsflüchtlingen, die mit unseren Waffen bedroht werden, mehr Recht auf Hilfe zu als somalischen Fischern, die ihre Existenzgrundlage verloren haben, weil unsere Fischindustrie die somalische Küste leergefischt hat?

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*Alle Namen im Artikel zum Schutz der Personen geändert.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Artikel erschien zuerst in einer gekürzten Fassung im Strassenmagazin «Surprise».

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