Trump und Kim-Jong-un: Gefährliches Vabanque-Spiel

Andreas Zumach, Genf © az
Andreas Zumach, Genf / 12. Aug 2017 - Aus dem verbalen Konflikt droht ein Konflikt mit Waffen zu werden. Es braucht von dritter Seite einen Vermittler.

Ausgerechnet zwischen den Jahrestagen der beiden verheerenden Atombombenabwürfen vom 6. und 9. August 1945 haben Donald Trump und Kim-Jong-un weltweit die Angst vor einem dritten Einsatz dieser fürchterlichen Massenvernichtungswaffen geschürt. Zumindest rhetorisch hat sich der Präsident der häufig als Führungsmacht demokratischer Staaten bezeichneten USA und vermeintlich mächtigste Mann der Welt dabei auf das Niveau eines seit Jahren völlig isolierten stalinistischen Diktators begeben.

Trump und Kim spielen beide Vabanque. Der Diktator von Pjöngjang hat offensichtlich niemanden in seiner Umgebung, der ihm von diesem hochgefährlichen Spiel abrät – anders als sein deutscher Vorgänger vor 78 Jahren: «Wir wollen doch das Vabanque-Spiel lassen», riet Hermann Göring dem Führer nach der britischen Kriegserklärung an Nazideutschland vom 3. September 1939, zwei Tage nach dem deutschen Überfall auf Polen. Adolf Hitler antwortete: «Ich habe in meinem Leben immer Vabanque gespielt.» Dieser Satz könnte auch von Donald Trump stammen. Der US-Präsident hat im Unterschied zu Kim in seinem Umfeld allerdings viele Akteure – innerhalb der Administration, in beiden Kongressparteien, in den Geheimdiensten und in den Medien – die sein bisheriges Verhalten im Konflikt mit Nordkorea kritisieren und auf eine Kursänderung drängen. Das ist ein zentraler Unterschied zwischen der Diktatur in Pjöngjang und der Demokratie in Washington.

Die große, bange Frage ist allerdings, ob Trump auf diese kritischen Stimmen hört. Oder ob er weiterhin die Analyse der New York Times vom Mai bestätigt, wonach «die Welt von einem Kind angeführt wird» und «Präsident Trump sich verhält wie ein Siebenjähriger, der nicht gelernt hat, zuzuhören, Fehler einzugestehen und seine Impulse zu kontrollieren». Schon einmal, mit seinem Befehl zum Raketenbeschuss einer syrischen Luftwaffenbasis in Vergeltung eines angeblichen Giftgaseinsatzes durch die syrische Luftwaffe, ignorierte der Präsident alle Warnungen und Berichte seiner Geheimdienste und Militärs. Nach diesen Berichten handelte es sich um einen Angriff der russischen Luftwaffe mit einer konventionellen Bombe auf ein Treffen von Führungsleuten der Al-Kaida, bei dem versehentlich auch ein Lager mit chemischen Substanzen getroffen wurde. Moskau hatte Washington sogar vorab von dem geplanten Luftangriff informiert.

Nach dem Raketenbeschuss auf die syrische Luftwaffenbasis schnellten die Umfrageergebnisse für Trump hoch. Viele seiner Kritiker stellten sich hinter ihren «Commander in Chief». Die Versuchung für Trump, durch einen militärischen Konflikt mit Nordkorea wieder einen ähnlichen Effekt zu erzielen und damit von seinen erheblichen innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken, ist gross. Auch für Kim ist der Konflikt mit den USA in erster Linie ein Mittel, das eigene Volk hinter sich zu scharen, dem er ansonsten nur Armut, Hunger, Unterdrückung und internationale Isolation anzubieten hat.

Kim ist rationaler als Trump

Vor allem in westlichen Medien wird Kim häufig als «Psychopath» bezeichnet, als «der Irre mit der Bombe» oder mit ähnlichen Begriffen, die ein irrationales Verhalten des nordkoreanischen Diktators unterstellen.

Das ist ein gefährlicher Irrtum. Denn Kim spielt nicht nur Vabanque. Sondern er beherrscht – im Unterschied zu Trump – auch das Schachspiel mit genau durchdachten, rationalen Zügen. Davon zeugt Pjöngjangs jüngste Veröffentlichung wohlkalkulierter und detaillierter Abschussplanungen mit Mittelstreckenraketen – nicht etwa gegen das Territorium der Insel Guam oder gar gegen die dortige US-Militärbasis, sondern gegen unbestimmte Ziele in den internationalen Gewässern 30-40 Kilometer vor der Küste Guams. Eine Umsetzung dieser Planungen würde die US-Administration vor schwierige Entscheidungen stellen: sowohl eine militärische Reaktion wie ein präventiver Militärschlag der USA gegen Nordkorea wären völkerrechtlich nicht zu begründen. Selbst dann nicht, wenn die nordkoreanischen Raketen tatsächlich durch den Luftraum Japans und Südkoreas fliegen sollten. Und in beiden Szenarien – präventiver oder reaktiver Militärschlag – müssten die USA alle Angriffskapazitäten Nordkoreas verlässlich ausschalten, um Gegenschläge gegen südkoreanische oder japanische Städte zu verhindern.

Eine Deeskalation und vielleicht sogar eine politische Beilegung des Konflikts wird es nur geben, wenn die USA wieder zu ihrer Politik der 90er Jahre zurückkehren. Die Clinton-Administration gab Nordkorea im Genfer Abkommen von1994 neben der Lieferzusage für verbilligte Nahrungsmittel und Öl sowie für nicht zu militärischen Zwecken nutzbaren Leichtwasserreaktoren zur Energieversorgung eine Nichtangriffsgarantie. Im Gegenzug verpflichtete sich Pjöngjang zur Einstellung seines militärischen Nuklearprogramms und zur Einhaltung all seiner Verpflichtungen aus dem Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen (NPT). Erst seitdem Präsident Georg Bush die Nichtangriffsgarantie im Januar 2002 aufkündigte, hält sich Pjöngjang nicht mehr an diese Zusagen. Die besten Chancen, und damit auch die grösste Verantwortung, Washington zur Kurskorrektur zu bewegen und dann auch eine erfolgreiche Vermittlerrolle zwischen den USA und Nordkorea zu spielen, hätte die EU.

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3 Meinungen

Einfach mal zwischendurch dem Autoren besten Dank.

Tut gut bei Themen wo «der» Journalismus nur von News zu News hyperventiliert, nen Beitrag zu lesen der; breites (vor)Wissen beinhaltet, die Geschichte im Blick behält, hinter die Kulissen zu blicken versucht und mir Erkenntnisgewinn schenkt. (Anstatt der zZt übliche Versuch von so manch Medium; dem Konsumenten primär alles in Gut&Böse ein zu teilen.)
Florian Frey, am 12. August 2017 um 21:55 Uhr
Ich habe bisher nirgendwo eine Analyse gelesen, die derart überzeugend die Hintergründe des «Nordkorea-Problems» erklärt. Andreas Zumach bringt es auf den Punkt. Trump braucht diese Eskalation, um von seinen innenpolitischen Problemen und der vermeintlichen Russland-Connection abzulenken. Kim fürchtet - völlig zu recht - dass er vom Westen entsorgt werden könnte wie Gaddafi, Saddam Hussein etc. Er spielt den Atombomben-Zampano. Wenn der Westen auf dieses unbedeutende und heruntergewirtschaftete Dritte-Welt-Land zugehen würde, statt in Südkorea aufzurüsten, wäre eine Entspannung und Kooperation möglich. Der erste Staat, der seine Nuklearwaffen abschaffen sollte, sind übrigens die USA. Sie sind das einziges Land der Welt, welches Atombomben auf Zivilbevölkerung geworfen hat. Hiroshima, Nagasaki waren strategisch nicht zu rechtfertigen. Japan suchte bereits intensiv über diplomatische Kanäle nach der Möglichkeit einer Kapitulation, die es dem Kaiser erlauben würde, das Gesicht zu wahren. Das wurde von zahlreichen seriösen Historikern belegt.
Helmut Scheben, am 13. August 2017 um 09:22 Uhr
Keine Dämonisierung der vermeintlichen Gegenseite, jedoch ein kritisches Auge auf beide Seiten mit dem historischen Kontext. Bei Infosperber fühlt man sich für einmal nicht für Dumm verkauft. Herzlichen Dank dafür und gerne noch mehr davon!
Urs von Känel, am 15. August 2017 um 08:15 Uhr

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