Treblinka © Wikimedia Commons

Das brennende Treblinka am 2.8.1943, Foto von Franciszek Zabecki, Augenzeuge aller Transporte

Treblinka 1_6: Der Aufstand. Die Flucht.

Jürgmeier / 02. Aug 2018 - Er war einer der vielen, die nach Treblinka deportiert wurden. Richard Glazar. Einer, der zurückkam. Das waren nicht viele.

Lesen Sie hier die anderen Teile von «Treblinka».

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Massenmord und Widerstand sind das Menschenmögliche –
Erinnerungen an eine Vergangenheit, in der Hoffnung,
dass es keine Erinnerungen an Zukünfte werden

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«‹Hurra!› Es erklingt erst vereinzelt und zaghaft, mir bleibt es in der Brust stecken und würgt im Hals, bevor ich es hervorbringe: ‹Hurra!› Das Rufen wird lauter und erhebt sich über ganz Treblinka.» Schreibt Richard Glazar (1) über jenen 2. August 1943, der sich dieses Jahr zum 75. Mal jährt. Er und sein Freund Karl Unger – den er in Theresienstadt kennengelernt hatte – gehörten zu jenen «Arbeitsjuden», denen es an diesem Tag gelang, das Vernichtungslager Treblinka in Brand zu setzen und zu flüchten. «‹Karl, juhu!› Wir lachen beide wie verrückt, während wir nebeneinander laufen. Ich schreie, ich höre mich weiter schreien, wie beim Herumtollen.»

«Überlebt haben nur 54, ermordet wurden etwa 900’000»

«Unterschiedlichen Schätzungen zufolge wurden von den 850 Häftlingen, die am Tag des Aufstands im Lager lebten, 100 gleich zu Anfang ergriffen, 350 bis 400 kamen in den Kämpfen um, und ungefähr 400 flohen, von denen aber die Hälfte binnen weniger Stunden wieder eingefangen wurde; von den verbleibenden 200 gelang es etwa 100, dem deutschen Schleppnetz und der feindseligen Bevölkerung zu entgehen; die Zahl derer, die letztlich überlebten, ist nicht bekannt.» Fasst der in Prag geborene Historiker Saul Friedländer (2) die Zahlen zusammen, die menschliche Individuen – eines wie das andere mit Hoffnungen und Ängsten – nicht zu repräsentieren vermögen. «Überlebt haben nur 54, ermordet wurden etwa 900’000», notiert der ehemalige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin Wolfgang Benz (3). Treblinka war ein Ort des Mordens und des Sterbens, nicht des Überlebens.

Richard Glazar erinnert sich 1987 (4) an den Aufstand als einen halb gelungenen, halb misslungenen. Zwar hätten sie den grössten Teil des Lagers in Brand gesteckt, «aber es ist uns nicht gelungen zu siegen». U.a. weil «die Ukrainer» (5) – womit sie nicht gerechnet – das Lager verteidigt hätten, «das Geld, das Fressen, das Saufen und die Weiber, die sie für das Geld haben konnten». Die hätten sie «hin- und hergejagt und auf uns geschossen wie auf Kaninchen». Obwohl während Monaten heimlich und geradezu militärisch geplant, ging in der «Stunde H», wie sie den früh geplanten und immer wieder verschobenen Aufstand ursprünglich nannten, alles drunter und drüber. «Was ich vom Kino her kenne», zitiert Glazar seinen Freund Karl Unger (1), «war dieser Aufstand nicht besonders rühmlich. Wir warfen gerade mal die Handgranaten und zündeten alles an. Nachher trudelten wir nur so herum, und die schossen auf uns wie auf der Kirmes.» Und irgendwann – «wie lange es gedauert hat, ob zehn Minuten, fünf Minuten, fünfzehn Minuten, ich weiss es nicht» (4) – wurde geschrien: «Weg jetzt, alle weg – in die Wälder!» Obwohl während der Vorbereitung nie die Rede von Flucht gewesen.

Richard Glazar erklärt sich das mit dem Umstand, dass die Anführer des Aufstands schon etwas älter gewesen und mit ihren Familien nach Treblinka gebracht worden waren. «Die selber wollten nicht mehr flüchten. Sie wollten nicht mehr leben.» Ohne die im Gas verlorenen Liebsten. «Sie wollten vielleicht uns, den ganz Jungen [er war damals 23], die Chance geben.» Damit, lebend davonzukommen, hätten sie nicht wirklich, hätten mit dem Tod gerechnet. «Der Hauptgedanke war, bei jedem von uns, ich will nicht so weitermachen, ich will nicht zum Totengräber eigener Leute werden.» Was sie in diesen durchorganisierten mörderischen Abläufen faktisch längst geworden. «Die Leute draussen, die würden es nie begreifen, und man kann es von den Leuten auch nicht verlangen, dass sie, wenn sie es nicht selber erlebt haben, dass die es begreifen.»

«Diesmal brannte ganz Treblinka,
und das war ein wunderbares Gefühl»

Wie er über das «geackerte Vorfeld», über die sechzig Meter bis zu den Panzerhindernissen, wie über die spanischen Reiter, die Stacheldrähte gekommen sei, während sie von den Wachttürmen geschossen – das wisse er nicht. Nur dass er sich «in der sengenden Hitze des Tages» gewundert habe, «dass Blut so grellrot sein kann», das Blut von denen, «die in den Stacheldrähten hängen blieben.» Der moorige Teich – durch den sie flüchten wollten – wurde für die beiden fast zur tödlichen Falle. Vom Ufer aus beschossen, mussten sie zurückschwimmen, sich unter Weidenästen ins schlammige Ufer eingraben. Mussten sich «ganz, ganz still verhalten», um sich nicht durch kleine Wellen zu verraten. «Stundenlang blieben wir so, bis zur Dunkelheit; aber auch im wärmsten Wasser, es war vielleicht 24, 26 Grad warm, wird der Körper nach so langer Zeit unterkühlt, und ich bekam einen Schüttelfrost.» Als es endlich dunkel, ganz dunkel wurde, schwammen sie ans andere Ufer. Drehten sich um, sahen «eine riesige Flamme, die war anders gefärbt als in allen Nächten zuvor, als die Flammen von dem riesengrossen Verbrennungsrost emporschlugen, wo man die Leichen verbrannte. Diesmal brannte ganz Treblinka, und das war ein wunderbares Gefühl.»

50 Jahre später, «bei einem Spaziergang im Sommer 1994 an einem See in Brandenburg», schreibt Wolfgang Benz (3), habe Richard – der ihm «lange Jahre der Freundschaft geschenkt» – plötzlich einen Schüttelfrost bekommen, «hatte eine Gänsehaut, zeigte alle Symptome starker Unterkühlung». Seit dem stundenlangen Ausharren in dem kleinen Moorsee nordöstlich von Warschau hätte er «beim Anblick solchen Gewässers diesen Kälteschock» gehabt. Das sei nicht immer so gewesen, korrigiert Richard Glazar, der Sohn, das Bild der posttraumatischen Störung, wie Psychologisierende es heute, vermutlich, nennen würden. Bei einem Gespräch, 2018, in Volketswil. (6) Wo er den Schweizer Sitz eines internationalen Unternehmens «für intelligente Automatisierungslösungen» leitet. «Noch bis nächstes Jahr.» Lacht der 64-Jährige. Auch wenn die Situation, damals, prägend gewesen, der Vater sei viel und gerne geschwommen. Nicht nur bei 25 Grad warmem Wasser.

Es gab beides in Richard Glazars Leben nach Treblinka – die Lebensfreude und die «Schatten der Vergangenheit». So der Titel von Wolfgang Benz’s Porträt Richard Glazars in seinem Buch «Deutsche Juden im 20. Jahrhundert» (3). Dieser sei 1957, während einer Dienstreise nach Polen, erstmals wieder am Ort der Vernichtung gewesen. Wo es noch kein Denkmal gegeben. «Da war nichts. Da lagen noch Knochen herum.» Zitiert Benz Glazar, der, wieder zu Hause in Prag, bei der Gartenarbeit – während er seine damals fünfjährige Tochter und den dreijährigen Sohn beim Spielen beobachtete – Vergangenheit auf Gegenwart prallen sah: «Irgendwie sah ich sie, das ganze Grün dieses kleinen Gartens und die Kinder projiziert in das Grün von Treblinka und da erst, so als junger Vater, packte mich das Grauen.» Benz folgert, u.a. aufgrund der geschilderten Szenen: «Der Judenmord blieb allgegenwärtig, bis in die physische Existenz.» (3) Der Sohn bestätigt: «Ja, das ist so.» Aber weniger nach aussen, und wenn, dann nur öffentlich, aber nicht in der Familie.

«Der Judenmord blieb allgegenwärtig, bis in die physische Existenz»

Wolfgang Benz stützt sich auf Gespräche (insbesondere ein Interview im Jahre 1990) mit Richard Glazar, dem Vater, und ein Gespräch mit der Tochter, Pavla Fröhlich-Glazar, im Jahre 2011. Den Kindern hat er nicht gezeigt – wie Journalistinnen und Journalisten das, hoffentlich, tun würden –, was er ihnen in seinem Text zugeschrieben. Das konnten, mussten sie in seinem 2011 erschienenen Buch lesen. Zum Beispiel: «Die Kinder, Pavla und Richard, 1952 und 1954 geboren, haben Probleme mit der Leidensgeschichte ihres Vaters… Das Verhältnis der Kinder zum Vater ist von dessen stillschweigendem Auftrag der Erinnerung an den Holocaust und der Verweigerung, dieser Delegation zu entsprechen, den daraus resultierenden Schuldgefühlen der Kinder, der Enttäuschung des Vaters charakterisiert.» (3) Benz habe nicht hinterfragt, hält Richard Glazar, der Sohn, am Telefon mit mir fest, ob das, was der Vater über das Erleben der Kinder sagte, zutreffe. Es sei die Sicht des Vaters, dessen Angst gewesen, er würde sie mit seiner Vergangenheit zu sehr belasten, aber sie hätten das nie so empfunden. Wahrscheinlich habe er Schuldgefühle gegenüber seiner Familie gehabt. – Eine beklemmende Sicht. Das Opfer, welches das grosse Morden knapp überlebt hatte, befürchtet, es könnte der Familie mit dem, was ihm angetan, zu viel aufbürden.

Als Richard Glazar seine Erinnerungen – die er unmittelbar nach Kriegsende, noch vor seiner Rückkehr nach Prag, niedergeschrieben hatte – in den Sechzigerjahren für eine Publikation (in zwölf Folgen) in der tschechischen Zeitschrift International Politics und für einen tschechischen Verlag bearbeitete, waren die Kinder noch zu jung, um zu verstehen, was der Vater schrieb. Die Niederschlagung des Prager Frühlings und die anschliessende Flucht in die Schweiz rückten die Bewältigung einer neuen und fremden Gegenwart ins Zentrum der familiären Aufmerksamkeit. Absorbierten die Kräfte von allen. Richard Glazar, der Jüngere, hat das Gefühl, der Vater habe Treblinka «sehr gut verarbeitet» und «damit umgehen» können, auch wenn sich so etwas nie abschliessend verarbeiten lasse. Aber er habe seine beiden Welten, seine eigene Vergangenheit und die familiäre Gegenwart, klar getrennt. «Für die Familie war es genial. Wir haben alles gehabt, was man damals haben konnte. Wir haben Sport machen können [wie der Vater spielte er Tennis, daneben Eishockey], konnten auswärts in die Ferien gehen, zwar nur in ein Zeltlager, aber es waren Abenteuerferien.» (6) Das Buch (1) hätten er und seine Schwester erst gelesen, als es, 1992, im Fischer Verlag erschien. Hätten einzelne Fragen gestellt, «aber keine stundenlangen Diskussionen über das Thema geführt. Wir werden eh nie verstehen, was dort passiert ist.» Dem Vater ist der Sohn auch 2018 noch dankbar für das Leben, das dieser ihm ermöglicht habe. Auf die Frage, ob der Vater die Familie vor den langen Schatten Treblinkas habe schützen wollen, kommt ein schnelles «Ja, absolut. Das war eine klare Aussage, am Schluss, in Prag, als er dann zum Fenster raus ist.»

Und so scheint es denkbar, dass sich am Ende alle schützen wollten. Gegenseitig, aber jede und jeder auch ein bisschen sich selbst. Der Vater die Kinder, indem er ihnen das, was er zunehmend öffentlich zu bezeugen begann, nicht aufdrängen wollte. («Ich weiss, es gab und gibt Fälle, in denen die Eltern, die sowas erlebt haben, so oft darüber vor ihren Kindern sprechen, bis die Kinder die Nase voll haben.» (1) Die Kinder, weil sie den Vater nicht zu sehr mit Fragen an jene Zeit erinnern wollten. – Vermutlich ist es für einen Aussenstehenden einfacher, bohrende Fragen zu stellen und beklemmende Antworten auszuhalten. So wie ich es damals, 1987, in Allschwil getan. Wo Richard Glazar und seine Frau Zdenka Glazar-Vitkova – die ihn am 3. Juli 1949 in Prag geheiratet und über all die Jahre immer wieder ins Leben zurück begleitet hatte – einen Techniker vom Radio sowie mich gastfreundlich und geduldig empfingen.

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Der zweite Teil von «Treblinka» (Im Zug der Ahnungslosen) erscheint voraussichtlich am 5. August 2018.

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Quellen und Anmerkungen

(1) Richard Glazar: Die Falle mit dem grünen Zaun. Überleben in Treblinka, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1992. (Eine erste Fassung seiner Geschichte hat er, wie Wolfgang Benz in seinem Vorwort schreibt, «bereits unmittelbar nach Kriegsende und vor seiner Rückkehr nach Prag» aufgeschrieben.)

(2) Saul Friedländer: Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden 1939 – 1945: München: Verlag C. H. Beck, 2006

(3) Wolfgang Benz: Deutsche Juden im 20. Jahrhundert. München: Verlag C. H. Beck, 2011

(4) Für das unter dem Titel «Ich war in Treblinka» auf DRS 1 (heute SRF 1) ausgestrahlte Gespräch befragte ich Richard Glazar 1987 während mehrerer Tage, in Allschwil, wo er damals mit seiner Frau Zdenka Glazar wohnte.

(5) «Die drei Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka benötigten nur wenig Personal, jeweils zwei oder drei Dutzend SS-Leute und etwa einhundert ‹Trawnikis› (das waren rekrutierte und im Lager Trawniki ausgebildete Gefangene der Roten Armee im Dienst der SS, überwiegend Ukrainer, Volksdeutsche, Litauer) und dazu ein paar Hundert ‹Arbeitsjuden›, die in der Regel nach ein paar Wochen ermordet und durch neu ankommende ersetzt wurden.» (Wolfgang Benz)

(6) Gespräch mit Richard Glazar, dem Sohn, im Juni 2018

(7) Claude Lanzmann: Shoah, Düsseldorf: claassen Verlag, 1986 (Das Buch zum Film)

(8) «Die Bezeichnung geht tatsächlich auf den Vornamen Heydrichs zurück, der in den zeitgenössischen Quellen und sogar von Himmler selbst statt ‹Reinhard› fälschlicherweise ‹Reinhardt› geschrieben wurde.» (Wikipedia)

(9) Gitta Sereny: Am Abgrund: Gespräche mit dem Henker. Franz Stangl und die Morde von Treblinka, München: R. Piper Verlag, 1995 (erste Auflage: 1974)

(10) Christoph Schneider: Zum Tod von Richard Glazar, diskus, 1/98

(11) Franz Stangl, Wikipedia

(12) Ute Benz: Wie die Luft zum Atmen. Zur Erinnerung an Zdenka Glazar-Vitkova. in: Barbara Distel (Hg.): Frauen im Holocaust, Gerlingen: Bleicher Verlag, 2001

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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