«Spiegel»-Titelbild zur Entführung des deutschen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer © Spiegel
Deutscher Herbst © Spiegel

Herbst 1977 oder 40 Jahre «Freiheit und Terror»

Philipp Sarasin / 09. Sep 2017 - Die RAF entführt Hanns Martin Schleyer. Eine «konservative» Analyse bleibt überzeugender als linke Distanzierungen. Ein Essay.

Red. Philipp Sarasin lehrt Geschichte der Neu­zeit an der Universität Zürich. Er ist Mit­be­gründer des Zentrums Geschichte des Wissens, Mitglied des wissen­schaft­lichen Beirats der Internet­plattform H-Soz-Kult und Heraus­geber von Geschichte der Gegenwart. Er kommentiert privat auf twitter.

Am 5. Septem­ber vor vier­zig Jahren über­fiel in Köln ein «Kommando» der RAF die Dienst­fahr­zeuge des deut­schen Arbeit­ge­ber­prä­si­den­ten Hanns-Martin Schleyer und seiner Bewa­cher. Schleyer wurde entführt, seine vier Beglei­ter mit unzäh­li­gen Schüs­sen aus auto­ma­ti­schen Waffen getö­tet. In einem Beken­ner­schrei­ben am Tag nach der Entfüh­rung konfron­tier­ten die Entfüh­rer die Regie­rung der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land mit der Forde­rung, die im Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis Stuttgart-Stammheim gefan­ge­nen RAF-Mitglieder der «ersten Gene­ra­tion», Andreas Baader, Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin und Irmgard Möller sowie sieben weitere RAF-Häftlinge im Austausch gegen den Arbeit­ge­ber­prä­si­den­ten freizulassen.

«Offensive 77»

Die Schleyer-Entführung war der Endpunkt der von der RAF im Früh­jahr erklär­ten «Offen­sive 77» zur Befrei­ung der Gefan­ge­nen. Im April hatte sie mit der Ermor­dung des Gene­ral­bun­des­an­walts Sieg­fried Buback und seiner Beglei­ter begon­nen; im Okto­ber, mit der Kape­rung einer Lufthansa-Maschine durch ein paläs­ti­nen­si­sches Kommando zur Unter­stüt­zung der RAF-Forderungen, wurde sie zum inter­na­tio­na­len Drama. Doch der von Kanz­ler Helmut Schmidt (SPD) präsi­dierte «Gros­se Krisen­stab», in dem alle Parteien vertre­ten waren, gab nicht nach; am 18.10. wurden die Geiseln auf dem Flug­ha­fen von Moga­di­schu von einer Spezi­al­ein­heit des Bundes­grenz­schut­zes befreit, in Stamm­heim nahmen sich Baader, Ensslin und Raspe das Leben, Möller über­lebte schwer verletzt. Am 19.10. wurde die Leiche von Hanns-Martin Schleyer in Mühl­hau­sen gefun­den. Die RAF schwor zwar, «der Kampf» habe «erst begon­nen», doch «Moga­di­schu» war ihre entschei­dende Nieder­lage.

Der Zufall der Publikationstermine wollte es, dass frist­ge­recht zu diesen Ereig­nis­sen im Merkur (Nr. 352) der Aufsatz «Frei­heit und Terror» des in Zürich lehren­den, als konser­va­tiv gelten­den Philo­so­phen (und des zeit­wei­li­gen SPD-Mitglieds) Hermann Lübbe erschien. Lübbe erin­nerte daran, dass das Verhält­nis von Frei­heit und Terror vor bald zwei­hun­dert Jahren nicht zuletzt jene deut­schen Philo­so­phen und poli­ti­schen Lite­ra­ten beschäf­tigt hatte, die an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert ebenso atem­los wie faszi­niert die revo­lu­tio­nä­ren Vorgänge in Frank­reich – und spezi­ell der «grande terr­eure» der Jako­bi­ner gegen die «Feinde der Repu­blik» 1793/94 – beob­ach­te­ten. Seit­her lässt sich, so Lübbe, mit eini­ger Präzi­sion die Frage stel­len: Was ist Terror? Woher bezieht er seine Kraft und woher seine Legi­ti­ma­tion? Und wieso waren die Freunde der Frei­heit immer wieder vom Terror faszi­niert, obwohl sie seine konkrete «Fakti­zi­tät» verabscheuten?

«Terror ist eine Praxis, die ihre Legitimität unmittelbar
aus unseren höchsten Zwecken bezieht»

Lübbe gab eine Antwort, die über die übli­che Defi­ni­tion – Terror ist demons­tra­tive Gewalt zur Errei­chung poli­ti­scher Ziele – hinaus­ging und zudem allein jener histo­ri­schen Linie folgte, die von der bürger­li­chen Revo­lu­tion zum aktu­el­len Revo­lu­ti­ons­an­spruch der Linken verlief (d.h. er sprach nicht über den anders funk­tio­nie­ren­den Nazi-Terror). Mit Hegel iden­ti­fi­zierte Lübbe den Dreh- und Angel­punkt der Frage, was Terror sei, in der Allge­mein­heit des Anspruchs auf Frei­heit für alle Menschen. Könnte es etwas Besse­res geben, als Frei­heit für alle zu wünschen und verwirk­li­chen zu wollen? War nicht der Wunsch nach Frei­heit für alle eine Tugend? Und wäre der, der alles tut, um das Errei­chen dieses hehren Ziels zu beför­dern, nicht der Tugend­haf­teste von allen? Es scheint so. Hegels Antwort (in Lübbes Worten) war daher klar: Erstens, «Terror ist eine Praxis, die ihre Legi­ti­mi­tät unmit­tel­bar aus unse­ren höchs­ten Zwecken bezieht», d.h. die sich mit Beru­fung auf die edels­ten poli­ti­schen Ziele zu recht­fer­ti­gen weiss. Zwei­tens ist die subjek­tive Bedin­gung des Terrors «das gute Gewis­sen», mithin die Über­zeu­gung, nicht aus Eigen­in­ter­esse oder persön­li­cher Bösar­tig­keit heraus zu handeln – was den Terro­ris­ten tatsäch­lich vom gewöhn­li­chen Krimi­nel­len unter­schei­det –, sondern einem aner­kann­ten poli­ti­schen Ziel zu dienen.

Und drit­tens, so para­phra­sierte Lübbe Hegel: «Die terro­ris­ti­sche Praxis ist revo­lu­tio­näre Praxis» – in ihr verschmel­zen und «verflüs­si­gen» sich alle Insti­tu­tio­nen. «Sie ist unge­teilte, schlecht­hin durch­grei­fende Gewalt», sie übt ihre «Wahr­heit und Gerech­tig­keit» unmit­tel­bar aus, jenseits aller der Korrup­tion verdäch­ti­gen Insti­tu­tio­nen, dafür aber im Namen des «Volkes». Mit ande­ren Worten: «Die Subjek­ti­vi­tät des guten Gewis­ses» wird mit der «Objek­ti­vi­tät des abso­lu­ten Zweckes der Frei­heit» zusam­men­ge­schlos­sen, das indi­vi­du­elle Handeln ist durch die Allge­mein­heit und Wahr­heit des poli­ti­schen Ziels immer schon gedeckt.

Doch was hatte das mit den Ereig­nis­sen im Jahr 1977 zu tun? Und was wäre die Alter­na­tive zu einem poli­ti­schen Programm, das «terror-anfällig» ist?

Der Mesca­lero oder die klammheimliche Freude

Die ehrlichste und wohl auch folgen­reichste, den Stil der nach­fol­gen­den Debat­ten prägende Stel­lung­nahme aus dem Feld der mehr oder minder revo­lu­tio­nä­ren Linken zum Terror der RAF erfolgte schon kurz nach dem Mord an Sieg­fried Buback im April des Jahres 1977. Ein anony­mer «Mesca­lero» schrieb unter dem Titel «Buback – ein Nach­ruf» in einer Göttin­ger Studen­ten­zei­tung zum «Abschuss von Buback» (das war die Spra­che der Jagd auf Tiere) zuerst: «Ich konnte und wollte (und will) eine klamm­heim­li­che Freude nicht verheh­len.» Und er gestand, dass «ich auch über eine Zeit hinweg (wie so viele von uns) die Aktio­nen der bewaff­ne­ten Kämp­fer goutiert habe; ich, der ich als Zivi­list noch nie eine Knarre in der Hand hatte, eine Bombe habe hoch­ge­hen lassen.» Der Autor voll­zog dann aber im Text die Wendung, zuerst hin zu der eher takti­schen Über­le­gung, dass solche Taten der Linken scha­den, um dann doch bei einer deut­li­chen Ableh­nung von terro­ris­ti­scher Gewalt zu enden, aller­dings nicht ohne an der schar­fen Unter­schei­dung von Freund und Feind fest­zu­hal­ten: «Unser Weg zum Sozia­lis­mus (wegen mir: Anar­chie) kann nicht mit Leichen gepflas­tert werden. […] Damit die Linken, die so handeln, nicht die glei­chen Killer­vi­sa­gen wie die Bubacks kriegen.»

Die Reak­tio­nen auf diesen Text waren heftig (sie können hier nicht weiter verfolgt werden), und die öffent­li­che Erre­gung über die terro­ris­ti­sche Gewalt der RAF stei­gerte sich bis zum «Deut­schen Herbst» noch erheb­lich. Die Boulevard-Presse kochte über, Forde­run­gen nach der Todes­strafe wurden laut, und der konser­va­tive Histo­ri­ker Golo Mann fanta­sierte in der Welt von «einer grau­sa­men und durch­aus neuen Art von Bürger­krieg», in der sich die Bundes­re­pu­blik befinde, und er forderte kaum verhüllt, die Grund­rechte der RAF-Mitglieder ausser Kraft zu setzen. Mehr­heit­lich aber wurde von beiden Seiten des poli­ti­schen Spek­trums Beson­nen­heit ange­mahnt. In promi­nen­ter Weise verur­teil­ten auch der ehema­lige Berli­ner «Studen­ten­füh­rer» von 1967, Rudi Dutschke, der Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger Hein­rich Böll und der marxis­ti­sche Philo­soph Herbert Marcuse in einem Gespräch in der Zeit die Gewalt der RAF. Viele andere Intel­lek­tu­elle taten es ihnen gleich und vertei­dig­ten in einem schnell publi­zier­ten, von Frei­mut Duve im Okto­ber heraus­ge­ge­be­nen rororo-Taschenbuch Briefe zur Vertei­di­gung der Repu­blik (mit einem Foto des Kinder­wa­gens auf dem Titel­bild, in dem die RAF die Maschi­nen­ge­wehre für den Über­fall auf Schleyer versteckt hatte), die rechts­staat­li­che Ordnung – aller­dings nicht nur gegen die RAF, sondern auch gegen den, wie Jürgen Haber­mas sich ange­sichts des repres­si­ven poli­ti­schen Klimas und vermehr­ter Law-and-Order-Rufe ausdrückte, angeb­lich drohen­den «faschis­ti­schen Zerfall unse­rer poli­ti­schen Kultur».

Für die Revo­lu­tion, gegen den Terror

So weit, so gut. Dutschke aller­dings – in dieser Hinsicht reprä­sen­ta­tiv für sehr viele Linke im weiten Feld zwischen ehema­li­ger Studen­ten­be­we­gung und Spon­tis beziehungsweise «Stadt­in­dia­nern» – hatte in einem kurzen Text in der Zeit vom 23. Septem­ber zusätz­lich fest­ge­hal­ten: «Wir in der Bundes­re­pu­blik sind nicht am Beginn [wie in Spanien nach Fran­cos Tod], wir sind viel eher in einer Endphase des bürger­li­chen Rechts­staa­tes, der in einer tiefen Krise steckt.» Das bedeute – im Gegen­satz zu einem von Dutschke erwähn­ten poli­ti­schen Mord in Spanien –, sich zu den «ausser­par­la­men­ta­ri­schen und parla­men­ta­ri­schen Möglich­kei­ten» und gegen den indi­vi­du­el­len Terror zu beken­nen. Aber das war nur eine takti­sche Frage in der «Endphase des bürger­li­chen Rechts­staa­tes» und schloss den bewaff­ne­ten revo­lu­tio­nä­ren Aufstand in keiner Weise aus. Dutschke zitierte dazu Che Gueva­ras Parole «Schaf­fen wir zwei, drei, viele Viet­nams» – sie war der Titel eines krie­ge­ri­schen Pamphlets Gueva­ras von 1967, das Dutschke im selben Jahr auf Deutsch heraus­ge­ge­ben hatte –, und betonte auch jetzt, zehn Jahre nach Gueva­ras Tod, noch ihren «sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren Sinn». Schliess­lich nahm er in seinem Zeit-Arti­kel in Bezug auf Buback dieselbe viel­deu­tige Diffe­ren­zie­rung wie der «Mesca­lero» vor: «Buback und seine Mitar­bei­ter sassen an zentra­len Stel­len, um gesell­schaft­lich unkon­trol­lierte Macht auszu­üben. Sie waren, um mit Marx zu spre­chen, ‹gesell­schaft­li­che Charak­ter­mas­ken›. Entfrem­dete Menschen – aber Menschen und nicht abzu­schies­sende Schweine.»

«Schweine» war der verächt­li­che Termi­nus tech­ni­cus, den die RAF für die Reprä­sen­tan­ten des «Systems» benutzte; die Distan­zie­rung war zwin­gend. Allein, wer der Feind war, den es zu bekämp­fen galt, stand für Dutschke und viele andere revo­lu­tio­när gesinnte Linke der dama­li­gen Zeit dennoch fest. Buback war für ihn ein «entfrem­de­ter Mensch»; das bedeu­tete im Jargon der Zeit: Ein Mensch, der – wie im Kapi­ta­lis­mus eigent­lich alle – auf Grund der gesell­schaft­li­chen Umstände noch nicht zu seiner «Iden­ti­tät» gefun­den habe (wie der am 4. August verstor­bene popu­läre Philo­soph Ernst Bloch sagte, an dessen Grab Rudi Dutschke gespro­chen hatte). Im vorlie­gen­den Zusam­men­hang hiess das: einer, der die «entfrem­den­den» Herr­schafts­ver­hält­nisse aktiv aufrechterhielt.

Das «sozia­lis­ti­sche Ziel», die Aufhe­bung der «Entfrem­dung», schien damit in norma­ti­ver Weise eine Wahr­heit der Geschichte vorzu­ge­ben, die half, mit gutem Gewis­sen scharf zwischen Freund und Feind zu unter­schei­den – wenn nötig auch jenseits rechts­staat­li­cher Regeln. Und es gab dem «Sozia­lis­ten» daher die Gewiss­heit, dass auch ein bewaff­ne­ter Aufstand gegen den «bürger­li­chen Rechts­staat» grund­sätz­lich gerecht­fer­tigt wäre. Zwar trage der Terror der RAF dazu bei, so Dutschke in der Zeit, «der bürger­li­chen Demo­kra­tie den letz­ten Boden wegzu­neh­men», jedoch «ohne im Gerings­ten eine revo­lu­tio­näre Situa­tion für die Linken und deren Sympa­thi­san­ten zu schaffen».

Die konser­va­tive Antwort

Was sagte Lübbe paral­lel dazu und gleich­zei­tig in seinem Aufsatz im Merkur? Er hatte den Terro­ris­mus mit dem radi­ka­len Anspruch iden­ti­fi­ziert, der Wahr­heit, der Frei­heit und der «unent­frem­de­ten Iden­ti­tät» (Lübbe) zum Durch­bruch zu verhel­fen. Doch konnte dieser Anspruch denn so falsch sein? «Wäre es denn», so para­phra­sierte Lübbe den Einwand eines «jemand» – gemeint war Haber­mas –, «nicht die voll­endete Reduk­tion aller Herr­schaft auf die einzig noch verblei­bende unmit­tel­bare Herr­schaft von Wahr­heit und Gerech­tig­keit, wenn aller Zwang, dem wir unter­lie­gen, einzig der Zwang zwin­gen­der Argu­mente wäre […]?» Das war das Kern­ar­gu­ment von Haber­mas' Diskur­s­ethik; es besagt, dass wir die poli­ti­schen Diskurse so einrich­ten müssen, dass nicht irgend­wel­che Macht sich durch­setzt, sondern nur noch der «zwang­lose Zwang des besten Arguments».

Lübbes Einwand war nun grund­sätz­lich: In Fragen der gesell­schaft­li­chen Regeln und Vorschrif­ten, die uns «zuge­mu­tet» werden, gäbe es eben kein «bestes Argu­ment», sondern immer nur beschränkt gute Lösun­gen. Wer hinge­gen «Geltungs­an­sprü­che» nicht nur für solche Regeln und Gesetze erhebt – denen gegen­über man reser­viert blei­ben kann, auch wenn man sie befolgt –, sondern gleich­zei­tig auch den Geltungs­an­spruch auf deren volle «Wahr­heit» und «Gerech­tig­keit» erhebt, behaupte, die Wahr­heit der Geschichte zu kennen. Aus einer solchen Posi­tion müsse er dann die zwin­gende Aner­ken­nung von kontin­gen­ten welt­li­chen Regeln und Normen ablei­ten, bis hin zum Recht, im Namen dieser Normen zu töten. Das aber sei, so Lübbe, im Kern terro­ris­tisch, ja «tota­li­tär».

Normen, Regeln und Gesetze ohne Wahrheitsanspruch

Natür­lich konnte Haber­mas mit einer solchen Ausle­gung seiner Diskur­s­ethik nicht einver­stan­den sein, wie sein wüten­der Beitrag in «Briefe zur Vertei­di­gung der Repu­blik» («Stumpf gewor­dene Waffen aus dem Arse­nal der Gegen­auf­klä­rung») zeigt, den er vor allem gegen den ähnlich wie Lübbe argu­men­tie­ren­den «konser­va­ti­ven» Poli­to­lo­gen (und SPD-Mitglied) Kurt Sont­hei­mer rich­tete. Doch die Argu­men­ta­tion von Lübbe und Sont­hei­mer war konsis­tent, und sie hat sich auch im Denken jener Linken durch­ge­setzt, die nach 1977 ihre Revo­lu­ti­ons­träume aufge­ge­ben haben. Sie lautet im Kern, dass man den Anspruch auf die Geltung kontin­gen­ter Normen, Regeln und Gesetze vom Anspruch auf Wahr­heit und Gerech­tig­keit tren­nen muss. Normen und Gesetze entste­hen in poli­ti­schen, rechts­staat­lich gezähm­ten Kräf­te­ver­hält­nis­sen, und sie können nie die «besten» oder «zwin­gend» sein. Die Prin­zi­pien von Frei­heit, Wahr­heit und Gerech­tig­keit seien hinge­gen, so Lübbe, norma­tive Ideen, an denen diese Regeln und Gesetze gemes­sen, von denen aus sie kriti­siert werden können und sollen – und die daher nicht mit ihnen iden­ti­fi­ziert werden dürfen. Denn sonst werde die Kritik an kontin­gen­ten Normen, Regeln und Geset­zen unver­meid­lich als Kritik an diesen obers­ten Prin­zi­pien wahr­ge­nom­men. Der Kriti­ker ist dann als «Feind» des «Volkes», der «Revo­lu­tion» oder des «Sozia­lis­mus» in Lebens­ge­fahr, wie die Geschichte gezeigt hat – und, in einer Volte zurück zu reli­giö­sen Prin­zi­pien, gegen­wär­tig wieder zeigt.


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Dieser Beitrag wurde erstmals auf «Geschichte der Gegenwart» veröffentlicht.

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7 Meinungen

Terror zur Schaffung einer besseren Welt, oder zu Stabilisierung der herrschenden Ordnung? Beide Phänomene hat es schon gegeben. Man muss nämlich auch unterscheiden zwischen dem authentischen Terror und Terrorakten unter falscher Flagge. Die Bombe im Hauptbahnhof in Bologna, die 1980 85 Menschen das Leben gekostet hatte, wurde nicht von den roten Brigaden durchgeführt, wie man anfänglich glaubte. Siehe auch das Buch von Daniele Ganser, «NATO-Geheimarmeen in Europa, Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung».

Kreise die Anschläge unter falscher Flagge wie in Bologna inszeniert hatten, werden sich wie 1977 Mesclaoero nach dem Buback Mord vielleicht auch gesagt haben: «Ich konnte und wollte (und will) eine klammheimliche Freude nicht verhehlen.»

Neben den Terrorattacken gibt es auch den «Terror mit dem grossen Budget» der Krieg, oft als gerechter Krieg zur Eindämmung des Bösen, sogar als humanitäre Intervention deklariert: Der Vietnamkrieg, die Kriege auf dem Balkan, in Afghanistan, im Irak, in Somalia, in Libyen, in Syrien.

Dieser «Terror mit dem grossen Budget» forderte in den letzten Jahrzehnten tausende Mal mehr Opfer als alle Terroranschläge zusammen. Aber Mord ist im Krieg eben zulässig. Frei nach dem deutschen Schriftsteller Kurt Tucholsky kann man sagen: «Da gibt es eben Kriege in Ländern, in denen Mord zulässig ist, während bei Terrorakten Mord streng verboten ist. »
Heinrich Frei, am 09. September 2017 um 15:03 Uhr
Das vielleicht grösste Versagen der RAF in ihrem Wahn, Probleme mit Gewalt zu lösen, lag vielleicht darin, SS-Untersturmführer Hanns-Martin Schleyer, beteiligt an der sogenannten “Entjudung” des “Reichsprotektorates Böhmen und Mähren”, zum “Opfer” zu machen.

Dieser Massenmörder hatte es auch in der Bundesrepublik geschafft, weiter in höchsten Kreisen zu verkehren, und es bis zum Arbeitgeberpräsidenten bebracht. Statt jedoch diesen Skandal zu nutzen, musste die RAF nach Meinhofs intellektueller Bankrotterklärung im Spiegel (“Der Bulle ist ein Schwein”) unbedingt mit Mord reagieren, wo vielmehr Verstand und Gewaltlosigkeit angesagt gewesen wären.

Und bis heute konnten und können es sich Personen wie Helmut Kohl und sogar Helmut Schmidt leisten, einen Preis anzunehmen, der nach diesem SS-Offizier benannt ist – statt endlich offen auszusprechen, womit man es bei Schleyer zu tun hatte: mit einem skrupellosen Nazi, der nach dem Krieg weiter Karriere machte.
Volker Birk, am 09. September 2017 um 21:02 Uhr
Die Verlogenheit der bundesrepublikanischen Eliten ist übrigens immer noch augenfällig. Kein Mensch darf leichtfertig getötet werden, nicht einmal ein am Holocaust beteiligter wie Hanns-Martin Schleyer. Die verdiente Trauer gilt jedoch den Polizisten und Personenschützern, die von der RAF ermordet wurden – vielleicht ihr grösstes Verbrechen. Denn, Frau Meinhof: Polizisten sind Menschen, und von den von der RAF ermordeten ist nichts bekannt, was sie sich – ausser die Ausübung ihres Dienstes – hätten zuschulden kommen lassen.

Mit dem Ermorden von Unschuldigen stellt man sich jedoch auf genau die Stufe derer, die man dafür kritisiert. Es gibt nur der gewaltlosen Weg im Antifaschismus. Nur dieser kann zur Heilung dieser wahnsinnigen, brandgefährlichen und menschenverachtenden Ideologie führen.
Volker Birk, am 09. September 2017 um 21:10 Uhr
@Philipp Sarasin

Bitte gestatten Sie , dem von Ihnen aufgezeigten Gespräch von Dutschke, Böll und Markuse in der >ZEIT> - ein weiteres Gespräch mit Helmut Schmidt nach dem Prolog hinzuzufügen .
Ich zitiere aus den letzten Passagen des Gespräches :

(Zitat)
Deutscher Herbst:

"Ich bin in Schuld verstrickt»

Mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer vor 30 Jahren erreichte der RAF-Terror seinen Höhepunkt. Der Staat ließ sich nicht erpressen. Ein Gespräch mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt über die Grenzerfahrungen seines Lebens

Von Giovanni di Lorenzo

30. August 2007

(...)


ZEIT: Gab es denn eine besondere Form des Terrorismus in Deutschland durch Baader, Meinhof und die anderen?

Schmidt: Ich habe den Verdacht, dass sich alle Terrorismen, egal, ob die deutsche RAF, die italienischen Brigate Rosse, die Franzosen, Iren, Spanier oder Araber, in ihrer Menschenverachtung wenig nehmen. Sie werden übertroffen von bestimmten Formen von Staatsterrorismus.

ZEIT: Ist das Ihr Ernst? Wen meinen Sie?

Schmidt: Belassen wir es dabei. Aber ich meine wirklich, was ich sage.

Das Gespräch führte Giovanni di Lorenzo

(Ende des Zitates)

Mir sind spontan in der von Schmidt angedeuteten «Bandbreite» Namen gegenwärtig :
Palme , Hammarskjöld, Herrhausen, Rohwedder , - - wobei allein von Veröffentlichungen des John Perkins ein entsprechendes Archiv Erweiterung erfährt
Gustav - Adolf Siebrasse, am 10. September 2017 um 22:08 Uhr
Natürlich sprach Lübbe über den Nazi-Terror, auch im Zusammenhang mit Himmler berüchtiger Posener Rede von 1943, überhaupt unterschied er den Freiheitsterror vom kruden Unterdrückungsterror, den er banal nannte, wobei nun mal der Moralismus ein Hauptmerkmal des Terrorismus bleibt, wobei man sagen kann und muss: Umso schlimmer! Es lohnte sich ingesamt, Lübbes Ausführungen über den politischen Moralismus näher zu studieren und zu analysieren, war selber in den Siebziger Jahren in Lübbes Seminaren, habe den damaligen Diskurs sozusagen live miterlebt.
Pirmin Meier, am 11. September 2017 um 10:19 Uhr
Die Bedrohung durch den Terrorismus der früher in der Zeit der RAF und heute so hochgespielt ist in Tat und Wahrheit gar nicht so gross. Elias Davidsson hat in seinem Buch «Psychologische Kriegsführung und gesellschaftliche Leugnung», Januar 2017, diese Frage untersucht. Laut den von Davidsson ausgewerteten Statistiken starb in 22 europäischen Ländern zwischen 2001 und 2015 niemand durch Terrorismus. In neun weiteren europäischen Ländern starben in dieser Periode von 15 Jahren eine bis neun Personen bei Terroranschlägen. - Hingegen werden allein in der Bundesrepublik Deutschland jährlich 600 – 700 Mordtaten begangen.

Wichtig ist, dass ohne Scheuklappen Terroranschläge aufgeklärt werden. Waren es immer islamistische Terroristen? Am 11. September 2001 in den USA? Siehe dazu: http://www.ae911truth.ch. Beim London Bombing am 7. Juli 2005? Siehe dazu: Der trainierte Terror, Paul Schreyer 19.11.2015. http://www.heise.de/tp/artikel/46/46608/1.html

Warum beging Helric Fredou, ein führender Ermittler der ersten Stunden beim «Charlie Hebdo»-Massakers, noch in der Nacht nach dem Anschlag Selbstmord? Nach Aussagen des Arztes litt Helric Fredou nicht unter Depressionen, wie anfänglich gesagt wurde. Warum hatten die vermummten Täter einen Personalausweis dabei und liessen ihn nach der Tat auch noch im Fluchtwagen liegen, Gerhard Wisnewski dokumentierte seine Zweifel zu dem Charlie Hebdo Terrorakt im Buch: „Die Wahrheit über das Attentat auf Charlie Hebdo“.
Heinrich Frei, am 11. September 2017 um 15:03 Uhr
Die Bundesdeutschen suchten auch Unterstützung bei der RAF.
Siehe Fall Alfred Herrhausen.

Der fachkundige und ausserordlich sprachgewaltige Bankier, war aufgrund seiner Weitsicht und seines sozialen Engagement, vielen ein Dorn im Auge.
Er sah die Entwicklung des Investmentgeschäfts voraus und forderte daher Transparenz und Offenheit.

Wikipedia
"Schuldenerlass für Entwicklungsländer
Als untypisch für einen Manager gilt sein Interesse für die Belange der Dritten Welt. Schlagzeilen machte sein Eintreten für einen teilweisen Schuldenerlass für Entwicklungsländer auf einer Tagung der Weltbank in Washington im Jahre 1987.[5] Herrhausen war kurz zuvor bei einer Tagung des Internationalen Währungsfonds auf die Idee gekommen, als ihm der mexikanische Präsident Miguel de la Madrid Hurtado die katastrophale wirtschaftliche Lage seines Landes geschildert hatte.[6] Nach einem zwischenzeitlichen Widerruf wegen massiver Proteste der Finanzwelt stellte er die Forderung abermals im Kreise der Bilderberg-Konferenz des Jahres 1988."

und

"Auftreten und Wirkung
Herrhausen galt als Ausnahmeerscheinung unter den deutschen Spitzenmanagern. Von vielen Beobachtern wurde seine intellektuelle, rednerische und unternehmerische Brillanz hervorgehoben."

Das Attentat wurde der RAF in die Schuhe geschoben.
Herrhausen mit seinem sozialen Engagement, passt aber überhaupt nicht in das Feindbild der RAF.
Der beim Attentat verwandte Sprengstoff, wurde nie von der RAF verwendet.

siehe Wikipedia
Dieter Gabriel, am 12. September 2017 um 19:48 Uhr

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