Zur Erfindung der Schweiz

Christian Müller © aw
Christian Müller / 01. Aug 2016 - Mit ganzseitigen Zeitungsinseraten zum 1. August wirbt die SVP neue Mitglieder. Ob das Datum das richtige ist?

Dass «die Schweiz» am 1. August gegründet worden ist, und dies vor 725 Jahren, gehört – die Historiker wissen es – in den Bereich der Mythologie. Dass wir trotzdem den 1. August als «Geburtstag» der Schweiz feiern, ist etwa so, wie wenn wir als «Geburtstag» eines Menschen die erste, noch heimliche, vielleicht sogar zufällige Liebesnacht seiner Eltern feiern würden.

Die Schweiz, so wie sie heute ist, mit ihren heutigen Grenzen und mit ihrer heutigen föderalen Struktur, wurde am Wiener Kongress 1815 geboren, und die Eltern waren – Ironie des Schicksals – die damaligen Grossmächte Europas. Selbst Russland sass damals am Tisch und redete mit!

Die Schweizerische Volkspartei SVP nutzt den diesjährigen 1. August, um in den Schweizer Zeitungen in ganzseitigen Inseraten neue Mitglieder zu werben – wie so oft mit Rückgriff auf die Mythologie, nicht auf die Geschichte. Das ist nicht verboten. Ehrlicher wäre allerdings, es würde auch da gesagt, wann die Schweiz «geboren» wurde. Und wer die «Eltern» waren.

Aus Anlass der 200-Jahr-Feier des Wiener Kongresses wurden die damaligen weitreichenden Entscheidungen aufgrund der erhaltenen Dokumente noch einmal gründlich historisch untersucht und beleuchtet. Der Lausanner Historiker Hans Ulrich Jost hat diese Forschungen für die Leserinnen und Leser von Infosperber zusammengefasst und aufgezeigt, wie dort die heutige Schweiz erfunden wurde.

Der heutige 1. August und die teure Werbekampagne der SVP mit zweifelhafter Argumentation sind ein guter Anlass, wieder einmal einen echt historischen Blick auf die Geburt – oder eben auf die Erfindung – der heutigen Schweiz zu werfen. Lesen Sie hier.

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Weiterführende Informationen

Hans Ulrich Jost: Zur Erfindung der Schweiz

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Unabhängigkeit als wichtigste Staatssäule

„Wer nicht unabhängig ist, kann nicht selber entscheiden, hat sich also abgeschafft. Die Schweiz ist seit hunderten von Jahren zwar weltoffen und treibt mit allen Ländern der Welt Handel, aber sie wehrte sich stets standhaft gegen Fremdbestimmung. „Wir wollen keine fremden Richter haben“ – das ist seit über 700 Jahren die Devise. Und immer wenn diese Devise aus den Händen gegeben wurde, ging es schief (Napoleon: Die Schweiz musste sich an der Kontinentalsperre gegen England beteiligen, denn sie gehörte zum napoleonischen Binnenmarkt. Sie ist daran fast ausgeblutet. Darum hütet Euch vor den Binnenmärkten.)

Gerade solche üblen Erfahrungen sollten sich im neugegründeten Bundesstaat von 1848 nicht wiederholen. Der Berner Ulrich Ochsenbein – die leitende Kraft für die neue Verfassung – verkündete damals öffentlich: “Sollte aber das Unwahrscheinliche, eine fremde Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Schweiz, versucht werden, so soll die Welt wissen, dass die Schweiz, stark durch ihr gutes Recht, gross durch die überall hin verzweigten Sympathien aller freien und nach Freiheit ringenden Völker, die letzte Kraft und das letzte Herzblut aufzuopfern wissen wird, ihre von den Vätern in so mancher heissen Schlacht erkämpfte Unabhängigkeit zu wahren.“ (Dr. Christoph Blocher in „Schweizerzeit“ Nr. 23 vom 4. Dezember 2015, Seite 1-2). Alex Schneider, Küttigen
Alex Schneider, am 01. August 2016 um 14:59 Uhr
Weniger mythisch wurde die Schweiz tatsächlich am Wiener Kongress geboren und wohl nicht ohne Grund als neutrales Land! Nun soll diese Schweizer Neutralität abgeschafft werden? Neutralität wäre auch die richtige Medizin für die Ukraine!
Beda Düggelin, am 02. August 2016 um 08:35 Uhr

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