Angst vor Russland – zu Recht?

Christian Müller © aw
Christian Müller / 30. Jun 2017 - Der US-Harvard-Politologe Steven Walt erklärt Osteuropa, warum es sich vor Russland nicht zu fürchten braucht.

Russland ist unsere Bedrohung, die USA wären, im Fall des Falles, unsere Beschützer, unsere einzige Rettung. Das ist, in weiten Teilen Europas, die verbreitete Meinung zur gegenwärtigen geopolitischen Situation. Verständlicherweise, denn die meisten Zeitungen, Fernseh- und Radio-Stationen verbreiten tagtäglich genau diese Beurteilung. Nicht wider besseres Wissen, nein, sondern in blindem Vertrauen auf das, was ihnen aus westlichen Nachrichtenagenturen, vor allem von Nato-nahen Informationsstellen, täglich eingetrichtert wird.

Die Realität ist eine andere

Umso bemerkenswerter ist es, wenn ausgerechnet ein Politologie-Professor von der weltberühmten Harvard-Universität in Cambridge/Massachusetts in den USA dieser verbreiteten Beurteilung keine Nähe zur Realität abgewinnen kann. Stephen M. Walt, spezialisiert auf internationale Beziehungen, erlaubte sich vor Kurzem an der Sicherheitskonferenz globsec in Bratislava, den mittel- und osteuropäischen Politikern zu widersprechen. Sowohl in Georgien 2008 wie auch in der Ukraine 2014 sei Russland nicht von sich aus aggressiv geworden, Russland habe sich vielmehr durch die immer näher an seine Grenzen vorrückende Nato zu Recht in Bedrängnis gefühlt (im Georgienkrieg wurde Russland sogar ganz konkret militärisch provoziert), und Russland sei deshalb aktiv geworden – habe also eher aus Angst und nicht aus Aggression gehandelt.

Angst vor Russland zu haben, sagte Stephen Walt, sei heute unbegründet, geopolitisch stünden die osteuropäischen Staaten zurzeit nicht im Vordergrund. Und Europa könne sich auch selber verteidigen und sei nicht auf die USA angewiesen, allein schon der Kräfteverhältnisse wegen: Die EU hat 500 Millionen Einwohner, Russland 140 Millionen. Allerdings sollten die EU-Staaten, so der Harvard-Professor, ihre Streitkräfte zusammenlegen, idealerweise zu einer EU-Armee, und sich nicht in x verschiedenen Systemen verzetteln.

Zum Nachhören:

Urs Bruderer, der stets aufmerksame Osteuropakorrespondent von Radio SRF, hat Professor Stephen M. Walts Argumentation für das Echo der Zeit auf Band festgehalten und übersetzt. Es kann hier nachgehört werden.

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Keine.

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5 Meinungen

Genau so ähnlich sehe ich es auch.ich bin gleicher meinung wie herr prof steven walts. Immer auf die «bösen russen».
Ernst Küng, am 30. Juni 2017 um 15:50 Uhr
Um zu verstehen, wer Angst vor wen haben muss, siehe «The Grand Chessboard» bzw. «Die einzige Weltmacht» des ex. US Sicherheitsberaters Zbigniew Brezinski.

Ende des 20. Jahrhunderts hat sich gezeigt, dass die Vereinigten Staaten von Amerika die einzige noch verbliebene Supermacht sind: Keine andere Nation besitzt eine vergleichbare militärische und ökonomische Macht oder verfolgt Interessen, die den ganzen Globus umfassen. Doch die entscheidende Frage in Bezug auf Amerika bleibt unbeantwortet: Welche globale Strategie sollten die USA verfolgen, um ihre Vormachtstellung in der Welt zu bewahren? Zbigniew Brzezinski geht in seinem enthüllenden Buch dieser Frage offensiv nach. In Die einzige Weltmacht präsentiert er seine geostrategische Vision der amerikanischen Vorrangstellung im 21. Jahrhundert.

Von zentraler Bedeutung ist bei seiner Analyse die Machtausübung auf dem eurasischen Kontinent, Heimat des größten Teils der Weltbevölkerung, der bedeutendsten Bodenschätze und Wirtschaftstätigkeiten. Eurasien ist das »große Schachbrett«, auf dem die amerikanische Vorherrschaft in den kommenden Jahren bestätigt und herausgefordert werden wird. Laut Brzezinski stehen die Vereinigten Staaten vor der Aufgabe, die Konflikte und Beziehungen in Europa, Asien und dem Nahen Osten so zu managen, dass keine rivalisierende Supermacht entstehen kann, die die Interessen und den Wohlstand der USA bedrohen kann."
Dieter Gabriel, am 01. Juli 2017 um 19:37 Uhr
weiterhin

"
So erklärt er zum Beispiel, warum Frankreich und Deutschland im Gegensatz zu Großbritannien und Japan eine geostrategische Schlüsselrolle spielen werden. Warum Amerika nicht nur die erste wirklich globale Supermacht ist, sondern auch die letzte. Brzezinskis überraschende Schlussfolgerungen stellen viele herkömmliche Auffassungen auf den Kopf, wenn er eine neue und stringente Vision der internationalen Interessen Amerikas entwirft. Zbigniew Brzezinski liefert einen geopolitischen Leitfaden für den Erhalt und die Ausübung der globalen Vormachtstellung der Vereinigten Staaten."
Dieter Gabriel, am 01. Juli 2017 um 19:37 Uhr
siehe auch
https://www.youtube.com/watch?v=FPt1DFSDquQ

"Mr. Dax», Dirk Müller erklärt Passage aus dem Buch «Die Einzige Weltmacht» von Zbigniew Brzezinski.
Das Buch kann man durchaus mit Hitlers «Mein Kampf» vergleichen.
Der Unterschied, Brzezinski ist ein ganz schlauer Stratege und wohl größter geistiger Brandstifter der Geschichte.
Dieter Gabriel, am 01. Juli 2017 um 19:41 Uhr
Umfassend werden die Ideen Brzezinski in dieser Reportage dagestellt.

https://www.youtube.com/watch?v=W9rr1S5RDpo

"(Doku) - Die einzige Weltmacht, Amerikas Strategie der Vorherrschaft [Zbigniew Brzezinski] «
Dieter Gabriel, am 01. Juli 2017 um 20:51 Uhr

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