Kein Ende in Sicht: Proteste gegen China in Hongkong © HKFP
US- und China-Export in Prozent vom BIP © Media Pioneer

Wackelt Hongkong, wächst Trump – und Europa schrumpft

Gabor Steingart / 17. Aug 2019 - Die Proteste in Hongkong sind geopolitisch von grosser Bedeutung. Geht der chinesische Staatskapitalismus unter, jubeln die USA.

(cm) Gabor Steingart ist Wirtschaftsjournalist in Berlin und war zuletzt Herausgeber, leitender Geschäftsführer und Miteigentümer der deutschen Handelsblatt-Gruppe, bis er im Februar 2018 aus Deutschland-innenpolitischen Gründen von Handelsblatt-Mehrheitsaktionär Dieter von Holtzbrink gefeuert wurde (Infosperber berichtete). Jetzt gibt er den Newsletter «Morning Briefing» heraus und macht darin oft auf wirtschaftspolitische Entwicklungen aufmerksam, die von grossen Medien zu wenig beachtet werden. Seine hier leicht gekürzte Analyse der Hongkonger Proteste ist so ein Beispiel.

Derweil die ehemalige britische Kronkolonie Hongkong unter chinesischer Repression leidet, herrscht im Weissen Haus des Donald Trump ein Triumphalismus wie zuletzt unter Ronald Reagan. Die Strategie einer ökonomisch-politischen Kriegsführung gegen die neue Wirtschaftsweltmacht China scheint aufzugehen. Die jetzige Situation bringt Trump sieben handfeste Vorteile.

Erstens: Die KP Chinas wird demaskiert. Die in Hongkong protestierende Jugend enthüllt zur Freude der USA den autoritären Charakter des chinesischen Systems. Eine Unterstützung der Aufständischen durch die CIA ist nicht belegt, aber denkbar: ‹This storm escalated quickly and it was well organised. We have reasons to believe there were masterminds behind the storm›, sagte Tung Chee-hwa, Regierungschef Hongkongs von 1997 bis 2005, kürzlich vor rund 100 Geschäftsleuten.

Zweitens: Peking isoliert sich selbst. Sollte China den Aufstand mit Waffengewalt niederschlagen, käme die Integration des Riesenreiches in die internationale Ordnung vorerst zum Erliegen. Schon der Truppenaufmarsch im benachbarten Shenzhen schadet der Reputation. Die Anerkennung als vollwertiges Mitglied der Welthandelsorganisation WTO ist derzeit undenkbar. Die USA sind seit jeher dagegen, China die Meistbegünstigung im internationalen Handel einzuräumen.

Drittens: Der Freiheitskampf in Hongkong zwingt Europa an die Seite von Trump. Der Handelskrieg, den Trump derzeit im Alleingang führt, würde spätestens im Fall einer Niederschlagung der Proteste durch ein internationales Sanktionsregime flankiert. Europa, das bisher darauf hofft, als Kriegsgewinner aus der Konfrontation USA versus China hervorzugehen, wäre gezwungen, sich den Amerikanern unterzuordnen.

Viertens: Chinas Exportmaschinerie gerät ins Stottern. Schon der bisherige Handelskonflikt schadet China mehr als den USA, was daran liegt, dass die US-Exporte nach China traditionell sehr viel geringer ausfallen als die chinesischen Importe in die USA. Stoppt Peking alle 120 Milliarden Dollar an US-Importen, macht das nur etwa ein halbes Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus.

Ärgerlich, aber verkraftbar. Stoppen die USA die Importe Chinas, verliert das Reich der Mitte mehr als vier Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Das bedeutet Krise. Schon bisher hat sich das chinesische Wirtschaftswachstum auf das niedrigste Niveau seit fast 30 Jahren verlangsamt.

Fünftens: Amerikas Konzerne werden zu Bündnisgenossen wider Willen. Notgedrungen haben US-Konzerne begonnen, ihre Wertschöpfungsketten um China herum zu verlegen. Allein im ersten Quartal 2019 pumpten ausländische Investoren 10,8 Milliarden Dollar in das benachbarte Vietnam, ein Anstieg der Direktinvestitionen um 86,2 Prozent.

Sechstens: Der Aufstieg des Netzausrüsters Huawei könnte – wie von Trump gewünscht – so nicht fortgesetzt werden. Der strategische Ansatz des Präsidenten, chinesische Unternehmen aus dem Hochtechnologiebereich der USA fernzuhalten, setzt sich allmählich durch. Auch die deutsche Bundesregierung kann sich dem auf Dauer nicht widersetzen.

Siebtens: Die Geste des antikommunistischen Freiheitskämpfers hilft dem Wahlkämpfer Trump. Amerika steht in dieser Frage geschlossen hinter ihm. Stolz tweetet er: ‹Biden doesn’t have a clue! I will solve the China problem.› Die oppositionellen Demokraten – die immer auf eine Partnerschaft mit China gesetzt hatten und jede Schroffheit gegenüber Peking vermieden – stehen als Naivlinge da, ‹on the wrong side of history›, wie man in Amerika sagt.

Die Chinesen können dem Konflikt kaum ausweichen. Für sie bedeutet die Kontrolle über Hongkong mehr als viele in Europa ahnen. Es geht nicht um Symbolik. Es geht um die Existenzfähigkeit des sozialistisch-kapitalistischen Mischsystems, das auf die Sonderwirtschaftszone Hongkong dringend angewiesen ist.

  • Hongkong ist einer der wichtigsten Finanzplätze der Welt. Die Börse ist die sechstgrösste weltweit – im Vergleich zu Hongkong spielen die Handelsplätze in Schanghai und Shenzhen zumindest international kaum eine Rolle.

  • Laut dem UNCTAD World Investment Report ist Hongkong der drittgrösste Zielmarkt für ausländische Direktinvestitionen.

  • Hongkong ist die entscheidende Handelsdrehscheibe für die Chinesen: Über den Containerhafen und den Flughafen wickelt China fast ein Fünftel seines Aussenhandels ab. 98 Prozent der Exporte Hongkongs sind Re-Exporte, mehr als die Hälfte davon gehen nach Festlandchina.

  • Über Hongkong läuft Chinas Zahlungsverkehr: Auch wenn Alibaba mit Alipay und Tencent mit WeChat zwei führende Zahlungsverkehrs-Anbieter für Chinas Online-Shopper etabliert haben, laufen noch immer 70 Prozent der weltweiten Renminbi-Zahlungen über den Finanzdistrikt in Hongkong.

    Fazit: Donald Trump ist nicht der Einfaltspinsel, als den ihn seine Kritiker sehen. Sein archaisches Weltbild, sein tiefes Verständnis der ökonomischen Zusammenhänge und seine Entschlossenheit, die als richtig erkannte Strategie umzusetzen, machen ihn derzeit zum dominanten Spieler auf der Weltbühne. Wackelt Hongkong, wächst Trump. Wächst Trump, schrumpft Europa.

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    4 Meinungen

    Der autoritäre Charakter des chinesischen Systems war nie ein Geheimnis, weder für Chinesen selber, noch für westliche Beobachter. Dass Proteste in Hongkong dieses System ins Wanken bringen könnte, mag die Fantasien westlicher Kolumnisten anregen, ist aber nur schon wegen den Grössenverhältnissen hanebüchen. Das System kann sich durchaus erhoffen mit hartem Durchgreifen und konsequenter Repression in Hongkong seine eigene Position zu stärken. Daran kann der Westen, geschweige denn Trump, nichts ändern. Zu gross ist die Abhängigkeit von China.

    Steingart irrt, Trump ist ein Einfaltspinsel. Er ist nur nicht der einzige.
    Matthias Vogelsanger, am 17. August 2019 um 12:22 Uhr
    Die Welt steht auf der Kippe. Wir haben schwere Kriesen. Die Hoffnung auf Demokratie und Wohlstand für alle ist am zerbrechen. Wenn China in Hong-Kong einmarschiert, dann ist das der erste Akt eines 3. Weltkrieges. Vergleichbar mit dem Mord an Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo 1914. Irgendjemand muss vermitteln. Und ich sehe nur ein Land, das dies kann: die Schweiz!! Wir haben einen guten Draht zu Peking. Es sollte zu mindestes versucht werden. Wir alle - haben viel zu verlieren.
    Roland Ruckstuhl, am 17. August 2019 um 12:46 Uhr
    Herr vogelsanger vertritt eine durchaus auch realistische position bezüglich der stärke chinas. Seine einschätzung zu trump teile ich jedoch nicht, da bin ich voll bei herr steingart. Trump ist die dialektisch zu erwartende gegenbewegung zur ausser rand und band geratenen political correctness. Wenn toiletten für das dritte geschlecht wichtiger werden als die einkommenssicherung der armen, dann schlägt das pendel eben zurück. Ich denke trump kehrt zurück zu den einfachen und nach wie vor wirksamen mechanismen. Bildlich gesprochen zum alten testament. Meine prognose ist, dass er damit mehr erfolge erzielen wird als seine vorgänger, oder wenigstens nicht weniger. Aus dem geschäftsleben kennen wir ein sehr nützliches konzept: KISS - keep it simple and stupid. Trump benützt dies erfolgreich, er ist kein einfaltspinsel. Persönlich mag ich es sogar, wie er mit einer handbewegung all die überkommenen konventionen vom tisch fegt. Aber das kann man in guten treuen auch nicht mögen.
    Christian von Burg, am 18. August 2019 um 13:58 Uhr
    Trump ist der Einfaltspinsel, für den wir ihn halten. Er wird gar nichts erreichen, mit seinen Zöllen macht er nur chinesische Waren in den USA teuerer. Klar präsentiert das den Chinesen in kleines Problem, aber sie haben sowieso schon eine Weile damit rechnen müssen, dass die riesigen Wachstumszahlen langsam zurückgehen.

    Ich gebe Matthias Vogelsanger eher recht als der Angstmacherei des Artikelautoren.

    @Christian von Burg: das Beispiel mit den Toiletten ist ziemlich schlecht gewählt. Das Thema wurde nämlich von der rechten Seite her, also klar der Trump-Anhänger, breitgetreten, die haben sich darüber mehr aufgehalten als die Demokraten. Kommt in diesem Fall noch dazu, dass es eines der vielen klassischen Ausweich-Reizthemen wurde, die Trump regelmässig in die Arena schmeisst.

    Wer spricht noch vom Mueller-Report, wenn man sich über die grauenhafen Zustände in den Lagern an der Grenze aufregen muss, und wer spricht noch über Trumps unzähligen anderen Übertritte von Anstand und Moral, die zum Teil klar verfassungswidrig und kriminell sind, wenn er grade mal wieder eine seiner dämlichen Twitter-Tiraden über wen oder was auch immer vom Stapel lässt.
    Das ist seine einzige Cleverness: Ausweichmanöver über Ausweichmanöver mit immer neuen und so vielen Lügen, dass sich keiner mehr wirklich auskennt.

    Ausser der Washington Post. Siehe ihre Liste seiner Lügen. Im Schnitt drei pro Tag.

    YUCK!
    Marianne Mäder, am 20. August 2019 um 09:58 Uhr

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