60 Prozent der Chinesen leben vom täglichen Reis © flickr/UN Multimedia

60 Prozent der Chinesen leben vom täglichen Reis

Gib uns unseren täglichen Reis...

Peter G. Achten / 28. Okt 2011 - Für die Hälfte der Erdbevölkerung, so schätzt man, ist Reis die tägliche Grundnahrung. In China ist Reis das Überlebens-Thema.

In der Schweiz gibt es bekanntlich den Röschti-Graben. Kulinarisch jedenfalls. In China gibt es etwas Ähnliches den Reis-Nudel-Graben. Er verläuft mitten durch das Reich der Mitte, mit andern Worten durch das Zentrum der Welt entlang dem mächtigen Yangtse-Fluss. Nördlich davon sind die Nudel-, südlich die Reis-Esser beheimatet. Kein Wunder deshalb, dass die Erbsenzähler im Nationalen Statistischen Büro (NSB) auch die Reis-Esser mit einer genauen Zahl belegen können. Es sind sechzig Prozent der Chinesen und Chinesinnen. Weltweit, fügt das NSB hinzu, ist für fünfzig Prozent der Menschen Reis das Grundnahrungsmittel. Gilt für die vierzig Prozent Chinesen im Norden der Wunsch «gib uns unser tägliches Brot» – beziehungsweise Dampfbrötchen – , heisst es für die sechzig Prozent im Süden «gib uns unseren täglichen Reis».

In China ist Nahrung (noch) keine Selbstverständlichkeit

Nahrung hat in China einen Stellenwert, der in den satten Industrie-Staaten und mithin auch in der Schweiz nur schwer vorstellbar ist. Hungersnöte durchziehen wie ein roter Faden die lange Geschichte Chinas. Die letzte grosse Hungerkatastrophe mit über 45 Millionen Todesopfern liegt noch nicht lange zurück. Es geschah 1958-61 während des sogenannten «Grossen Sprungs nach Vorn». Nicht Naturkatastrophen waren der Grund, wie noch heute offiziell in chinesischen Schul- und Geschichtsbüchern verbreitet wird, sondern Mao Dsedongs extreme Kollektivierung der Landwirtschaft mit der Etablierung riesiger Kommunen.

Hungersnöte waren oft «hausgemacht»

Auch weltweit war Nahrungsmittelmangel in der Regel nicht ausschliesslich die Folge von Natur-Ereignissen und -Katastrophen, sondern von Menschen gemacht: von der irischen Hungersnot in der Mitte des 19. Jahrhunderts bis hin zur Sowjetunion in den 30er Jahren und der Bengalischen Hungersnot unter den britischen Kolonialherren in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Es kann deshalb nicht erstaunen, dass selbst im mittlerweile industriell erfolgreichen China die Getreideernte immer ein grosses Thema ist. Nicht ohne Stolz weist dann die allmächtige Partei darauf hin, dass unter ihrer Führung China genug Getreide zur Selbstversorgung produzieren kann. Seit längerer Zeit sind es jährlich deutlich über 500 Millionen Tonnen. Das ist tatsächlich eine Leistung, denn China wird jedes Jahr von Natur-Katastrophen heimgesucht, im laufenden Jahr zum Beispiel extreme Trockenheit im Norden und exzessive Überflutungen im Süden. Und das auf weltweit nur 7 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Bodens für 23 Prozent der Menschheit.

Führend in der Reis-Forschung

Seit den 60er Jahren haben die Grüne Revolution und die Forschungen des Internationalen Reisinstituts auf den Philippinen mit der Steigerung der Hektar-Erträge entscheidend zur Nahrungssicherheit beigetragen. Seit über dreissig Jahren in der Reisforschung führend ist der Agronom Yuan Longpin. Er gilt als Vater des Hybrid-Reises. 1974 hat er mit dem Kreuzen verschiedener Nassreis-Sorten begonnen. Mit dem Saatgut DH2525 hat der mittlerweile 81 Jahre alte Yuan auf einem Versuchsfeld in der Provinz Hunan einen Hektar-Ertrag von 13,9 Tonnen erzielt. Weltrekord, wie die chinesischen Medien stolz vermeldeten. Yuan erklärtes Ziel ist es, den Ertrag auf 15 Tonnen zu steigern. Er hoffe, dass das bis zu seinem 90. Geburtstag erreicht werde. Yuan ist zwar stolz darauf, dass China – wie in andern Bereichen auch – in der Weltspitze ist. Doch er ist realistisch. Für hohe Erträge brauche es dreierlei: fortgeschrittene Anbaumethoden, Saatgut bester Qualität und fruchtbarer Boden, sagt er.

Das Ziel heisst dauerhafte Selbstversorgung

Unterdessen wird Hybrid-Reis – Reis aus der Kreuzung verschiedener Reissorten – auch in Indien, Vietnam, Indonesien, Thailand, den Philippinen, Sri Lanka und Burma, aber auch in Afrika, den USA und Lateinamerika angebaut, insgesamt auf wohl etwa vierzig Millionen Hektaren; genaue Zahlen stehen nicht zur Verfügung. Langsam steigen die Hektar-Erträge nun auch andernorts. Laut der UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft FAO betrug der Durchschnittsertrag pro Hektar im Jahr 2009 4,3 Tonnen. In China selbst wird auf 29 Millionen Hektaren Reis angebaut mit durchschnittlichen Erträgen von 6,3 Tonnen pro Hektare. Auf 25 Prozent (andere Quellen nennen sogar über 50 Prozent) dieser Fläche werden jetzt die neuesten Hybrid-Reissorten verwendet. Lu Bu, Forscher an der Chinesischen Akadamie für Agrarwissenschaften, gibt denn den Reportern der Regierungszeitung «China Daily» stolz zu Protokoll, dass mit dem Hybrid-Reis sich die Nation auch in Zukunft selbst ernähren und zusätzlich weltweit die Armut verringern könne.

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Keine

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