Das Finanzzentrum von Shanghai: Die Kluft zwischen Reich und Arm wird auch in China immer grösser © lkiller123 / flickr

Das Finanzzentrum von Shanghai: Die Kluft zwischen Reich und Arm wird auch in China immer grösser

Der "Grosse Sprung" Chinas – mit offenem Ausgang

Peter G. Achten / 28. Jun 2011 - Auch 30 Jahre starkes Wirtschaftswachstum sind noch keine Sicherheit für alle Zukunft. Noch sind viele grosse Probleme ungelöst.

Schon vor über fünfzig Jahren setzte China zu einem «Grossen Sprung nach vorne» an. Er endete 1961 im Desaster mit der schlimmsten Hungersnot der Weltgeschichte und 45 Millionen Toten. Das Ziel, die Sowjetunion und die Industrieländer Grossbritannien und die USA zu überholen, blieb Mao Zedongs Utopie. Mit der Wirtschaftsreform vor dreissig Jahren begann dann der zweite Grosse Sprung nach vorn. Er wurde, unter Anleitung des visionären Pragmatikers Deng Xiaoping, zum durchschlagenden Erfolg.

Schneller Vormarsch auf Platz 2

Das Brutto-Inlandprodukt BIP Chinas wuchs in den letzten drei Jahrzehnten seit Beginn der Wirtschaftsreform um jährlich satte zehn Prozent. 1999 noch auf Rang 9 der grössten Volkswirtschaften der Welt hat sich China zunächst 2007 an Deutschland vorbei auf Rang 3 und 2009 an Japan vorbei auf Platz zwei vorgearbeitet, hinter den USA. Wann, fragen sich viele Ökonomen und Politiker, wird China die Vereinigten Staaten überflügeln? Und: Wird China die neue Supermacht und das 21. Jahrhundert das «Chinesische Jahrhundert»?

Von kaum jemandem erwartet

Noch in den 80er- und zu Beginn der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts interessierten sich vornehmlich Sinologen und Journalisten für das wirtschaftliche Schicksal Chinas. Gewiss, am Rande nahm man selbst in den Wirtschaftsspalten der westlichen Presse die ökonomischen Fortschritte wahr, doch die überkommene Welt(wirtschafts)ordnung war damals selbst für die sogenannten China-Experten nicht in Gefahr. Nur wenige nahmen mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion am Ende des Kalten Krieges zur Kenntnis, was schon damals sich deutlich abzuzeichnen begann: dass sich das politische und wirtschaftliche Schwergewicht der Welt langsam vom Atlantischen in den Pazifischen Raum bis hin zum Indischen Ozean verschob.

Mit Visionen - und auch mit Gewalt

Schon das erste Jahrzehnt der chinesischen Wirtschaftsreform glänzte mit jährlichen Wachstumsraten von rund zehn Prozent. Das Pro-Kopf-Einkommen verdoppelte sich. Reform(über)vater Deng Xiaoping liess inmitten einer überhitzten Wirtschaft mit zweistelligen Inflationsraten den Studentenprotest auf dem Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen 1989 niederkartätschen. Zur «Abwehr des Chaos» und zur «Aufrechterhaltung der Stabilität», wie Deng begründete, denn ohne Stabilität sei kein Wirtschaftswachstum und mithin kein Wohlstand für die Chinesinnen und Chinesen zu haben. Gegen den Widerstand in den eigenen, konservativen Reihen entfachte Deng, damals schon fast neunzig Jahre alt, mit seiner Südreise 1992 nach altem kaiserlichen Muster dann noch einmal überbordenden Reformeifer. Das Wachstum entwickelte sich rasant, das Reich der Mitte zog magnetisch Auslandinvestitionen an. Resultat: In gut dreissig Jahren hat sich das Pro-Kopf-Einkommen mehr als verzwanzigfacht. Der Rest ist Wirtschaftsgeschichte.

Von handfesten Alltagsproblemen eingeholt

Die aktuelle Diskussion in Kreisen chinesischer Ökonomen, von Partei und Regierung kreist derzeit eher um konkrete Fragen des Alltags. Um den für China so wichtigen Schweinepreis zum Beispiel. Mit Nervosität verfolgt die Regierung den allgemeinen Konsumentenpreisindex, der im Vorjahresvergleich per Juni auf gut sechs Prozent gestiegen ist. Bei Lebensmitteln sind es über zehn, bei Schweinefleisch gar über fünfzehn Prozent. Inflation, so die Befürchtung der geschichtsbewussten Kader, löst soziale Unruhen und Chaos aus. Das BIP-Wachstum ist im ersten Halbjahr leicht zurückgegangen, bewegt sich aber mit über acht Prozent immer noch im «roten» Bereich. Rot natürlich nicht ideologisch gemeint, sondern im «gefährlichen» Bereich, denn Ökonomen wie Mandarine wollen eine «weiche Landung» der Volkswirtschaft erreichen, unterstützt von einer vorsichtigen Währungs-, Geld- und Fiskalpolitik. Premier Wen Jiabao hält eine harte Landung für praktisch ausgeschlossen. Als wirtschaftlich ebenso wie politisch stabilisierender Faktor wird von chinesischen Sozialwissenschaftern die schnell wachsende Mittelklasse eingestuft. Gehörten noch zu Beginn des neuen Jahrhunderts nicht einmal hundert Millionen mit einem Einkommen von umgerechnet über 8'000 Franken pro Jahr dazu, sind es heute bereits fast dreihundert Millionen.

Die Prognosen gehen weit auseinander

Die Prognosen sind deshalb in China moderat positiv. Im Ausland hingegen ist die Vorhersage, wider besseres ökonomisches Wissen, meist sogar euphorisch. So wird Chinas Brutto-Inlandprodukt (BIP) jenes der USA wahlweise 2027 (Investment Bank Goldman Sachs), 2020 (Grossbank Standard Chartered), 2019 (The Economist) oder gar schon 2016 (Internationaler Währungsfonds IMF) überholen. Doch darauf, so kontern chinesische Ökonomen dezidiert, komme es gar nicht an. Viel wichtiger sei das BIP pro Kopf der Bevölkerung. Um da mit Amerika, Japan oder Europa gleichzuziehen, brauche es noch Jahrzehnte. Wenn überhaupt. Die Pekinger Zentralregierung weist deshalb zu Recht immer wieder darauf hin, dass China trotz grossem wirtschaftlichen Erfolg der letzten dreissig Reformjahre noch immer ein Entwicklungsland ist.

Auch in der Geschichte gibt es «Unfälle»

Prognosen, selbst in Form von Szenarien und Trends, sind wenig aussagekräftig. Unvorhergesehenes, vor allem «Unfälle» der Geschichte, stellt komplexe Systeme wie zum Beispiel eben Volkswirtschaften stets wieder auf den Kopf. Bleibt sich hingegen vom heutigen Standpunkt aus alles gleich, wird die Dynamik der chinesischen Volkswirtschaft gewiss für einige Zeit andauern. Wie lange und in welcher Intensität hängt massgeblich davon ab, wie das Reich der Mitte für sich – der Grösse wegen aber auch für die Welt – ein ganzes Bündel von Schwierigkeiten lösen wird. Dazu gehören, wie anderswo, vornehmlich Umweltfragen, dann aber auch Korruption, Überalterung der Gesellschaft, vor allem aber die Einkommensverteilung. Die Kluft zwischen Arm und Reich, Stadt und Land wird immer grösser. Die Lösung der sozialen Frage ist deshalb entscheidend für das Schicksal Chinas in den kommenden Jahrzehnten.

Chinas Entwicklung - im Kontext anderer Staaten

Im Westen wird China meist isoliert betrachtet. Zu Unrecht. Eine Reihe von Schwellenländern in Asien ergänzen und begleiten China auf Augenhöhe. Indien ist an erster Stelle zu nennen, dann aber auch Indonesien, Vietnam, Singapur oder Thailand. In Ostasien kommen reifere Volkswirtschaften wie Südkorea und Taiwan dazu, vom ökonomischen Schwergewicht Japan ganz zu schweigen. Auch in anderen Kontinenten sind Schwellenländer wie Südafrika, Brasilien, Mexiko oder die Türkei ins politische Kalkül mit einzubeziehen.

Ob also unter all diesen Blickwinkeln betrachtet das 21. Jahrhundert ein «Chinesisches Jahrhundert» wird, bleibt deshalb weit offen. Nur eines ist sicher: Es wird kein ausschliesslich von den USA dominiertes Jahrhundert mehr sein. Weder ökonomisch noch politisch. Bei einer günstigen Entwicklung der Weltwirtschaft und einem friedlichen politischen Verlauf in den nächsten Jahrzehnten ist mit einer multipolaren Welt zu rechnen, in der China, Indien und Brasilien ein gewichtiges Wort mitreden werden. Europa und die USA sind zwar nicht, wie viele schon voraussagen, «alte Geschichte», aber eben nicht mehr dominierend wie in den vergangenen zwei Jahrhunderten seit der Industriellen Revolution.

Die historische Perspektive, von den Experten oft vernachlässigt, setzt Vieles, das von Optimisten und Pessimisten prognostiziert wird, in ein anderes Licht. Noch im 17. Jahrhundert, als Europas Aufstieg schon begonnen hatte, generierten Indien und China zusammen rund 50 Prozent des weltweiten Brutto-Inlandproduktes (BIP). Das blieb so bis zur von Grossbritannien entfachten Industriellen Revolution, die den Westen an die Spitze katapultieren sollte. Aber noch 1820 betrug der Anteil Indiens und Chinas am weltweiten BIP 45 Prozent, der Anteil Chinas allein bezifferte sich auf satte 32 Prozent. Zu Beginn der chinesischen Wirtschaftsreform 1978 betrug der Anteil am weltweiten BIP für China jedoch nur noch 4 Prozent. Dreissig Jahre später weisen die Statistiken bereits wieder 18,5 Prozent aus.

Wird sich auch die Demokratie durchsetzen?

In den nächsten Jahrzehnten wird es auch interessant sein zu verfolgen, welche wirtschaftlichen und politischen System-Entwürfe sich durchsetzen werden. Welche Chancen hat politisch die Demokratie (z.B. in Indien) gegenüber autoritär effizienten Systemen (z.B. in China)? Und: wird sich ökonomisch der liberale Kapitalismus gegen den autoritären Staatskapitalismus Chinas durchsetzen? Bereits wird in vielen Entwicklungsländern das politisch-ökonomische Modell Chinas dem Kapitalismus westlicher Prägung vorgezogen. Fragen über Fragen. Sinologen und Journalisten sind von einer Myriade von China-Experten und Pundits abgelöst beziehungsweise ergänzt worden. Die Antworten sind so offen und die Zukunft so unvorhersehbar wie zuvor.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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