Skyline von Doha: Eine Woche nach Ablauf des Ultimatums herrscht Ruhe vor dem Sturm © Sebbe xy/Wikimedia Commons/cc

Skyline von Doha: Eine Woche nach Ablauf des Ultimatums herrscht Ruhe vor dem Sturm

Katar-Konflikt: Ringkampf am Golf

Erich Gysling / 11. Jul 2017 - Die Blockade Katars hat primär ein Ziel: Die Saudis und die Emirate wollen einen wirtschaftlichen Konkurrenten ausschalten.

Blickt man von einem Strand am südlichen Ufer des Persischen Golfs (pardon, aus der Sicht der Anrainer auf dieser Seite sollte ich sagen «des Arabischen Golfs») aufs Meer hinaus, drängt sich oft der Eindruck auf: Diese fast bleierne Stille kann nur noch kurze Zeit dauern – da muss demnächst ein Sturm aufkommen. Stunden später, ja Tage später hat sich die Erwartung in schwerer, schwüler Luft immer noch nicht aufgelöst: immer noch das Gleiche, von dramatischer Veränderung keine Spur.

Ähnlich ist es hinsichtlich der Katar-Krise: Eigentlich sollte ja, weil das Ultimatum schon vor fast einer Woche abgelaufen ist, «etwas» passieren – aber weiterhin bleibt es bei der fast bleiernen Ruhe. Mehr noch: Beide Parteien (Katar einerseits, Saudiarabien plus Emirate als Hauptakteure anderseits) tun so, als müsse «man» überhaupt nichts weiter unternehmen.

Die Flugzeuge von Qatar Airways fliegen nun eben Umwege, die Früchte und Gemüse für die steril gekühlten Supermärkte in Doha kommen aus Iran und die Milchprodukte aus der Türkei. Die High-Tech-Tanker Katars (das Emirat hat die Technologie der Erdgas-Verflüssigung respektive des Transports des verflüssigten Erdgases vorausschauend mit Milliarden entwickeln lassen) fahren weiterhin durch den Golf und das Nadelöhr der Strasse von Hormuz. Die Kamele der Katari, die jenseits der Saudi-Grenze seit Jahren weiden durften, sind entweder zurückgeholt worden oder tot. Und die Lastwagen-Unternehmen, welche ebenfalls jahrelang durch grenzüberschreitende Transporte von und nach Saudiarabien gutes Geld verdienten, die sind jetzt eben, wie viele andere Branchen, auf den Goodwill des Katarischen Herrschaftsclans angewiesen. Dessen Grosszügigkeit ist bekannt und sorgt dafür, dass im Kleinstaat niemand darben muss. Also, wenn ich niemand schreibe, meine ich: niemand von den etwa 300'000 Katari, aber was die rund 2,5 Millionen Wanderarbeiter aus Indien, Bangladesh, Nepal etc. betrifft, so gilt das selbstredend nicht. Die können ja gehen, wenn sie keinen Job mehr haben…

David gegen Goliath

Aus einer generellen Schweizer Perspektive präsentierten sich die Mächte am Persischen Golf bis vor wenigen Wochen praktisch als gleichwertig, zumindest als ähnlich: Ob «man» mit Emirates oder mit Qatar Airways oder mit Etihad zu einem Luxushotel mit schönem Sandstrand reiste oder ob man in Dubai, Abu Dhabi oder Doha zu einem anderen Zielort umstieg – für Frau und Herrn Schweizer spielte da allenfalls der geringfügig tiefere Ticketpreis eine Rolle, aber um unterschiedliche Interessen der Regime am Golf kümmerte man sich – zu Recht – nicht. Kam hinzu, dass die Qualität der drei erwähnten Airlines vergleichbar hoch ist.

Dass Katar staatlich eigenständig, ja eigenwillig war und weiterhin ist, wurde den Reisenden im Allgemeinen nicht bewusst. Erst die von Saudiarabien und den Emiraten angeführte Blockade Katars und die daraus resultierende Krise machte vielen schlagartig klar: Diese scheinbar einheitliche, ja harmonische Golf-Region ist in Tat und Wahrheit ein Kampfring.

Jetzt eben sieht es so aus, als ob David (Katar) gegen eine ganze Goliath-Front (Saudiarabien, Emirate, im Hintergrund unterstützt vor allem durch das von Saudiarabien abhängige Regime Ägyptens) antrete. David (also Katar) holte allerdings auch schon seine Groupies an Bord: die Türkei und Iran. Aber es gibt auch, wie beim catch-as-catch-can oder beim Boxen, Schiedsrichter: Kuwait, etwas diskreter Oman und noch diskreter Europa respektive Deutschlands Aussenminister. Die USA anderseits sitzen auf zwei gegenseitig angebrachten Bänken von Applaudierern und Zwischenrufern: Trump in der Südkurve, Tillerson (Aussenminister) in der Nordtribüne. Absurder geht’s nicht…

Airlines, Erdöl und Erdgas

Doch im Ernst: Will man diese Krise begreifen, muss man bei der Wirtschaft ansetzen – zunächst einmal bei den drei Airlines. Emirates beförderte letztes Jahr 56 Millionen Passagiere und erzielte einen Umsatz von 25,8 Milliarden. Etihad (in Abu Dhabi – ist Teil des Verbunds der Arabischen Emirate, also eigentlich ein interner Partner Dubais): 19 Millionen Reisende, 9 Milliarden Umsatz. Qatar Airways: 39 Millionen Passagiere, 10,8 Milliarden Umsatz. Dass da gnadenlose Konkurrenz herrschen muss, ist offenkundig (sie wird noch verstärkt durch die immer effizienter sich profilierende Airline Omans). Also: Warum nicht einmal die Gelegenheit ergreifen, um den lästigen Mitbewerber aus Katar zu eliminieren – mögen sich die Rivalen wohl gedacht haben.

Das zweite, eigentlich wichtigere Schlachtfeld: das Ringen um die Absatzmärkte für Erdöl und Erdgas. Das winzige Katar ist, weltweit, zweitwichtigster Produzent von verflüssigtem Erdgas, und das relativ umweltfreundliche Erdgas verdrängt mehr und mehr das Erdöl. Saudiarabiens Wirtschaft anderseits ist zu über 90 Prozent abhängig von Erdöl – und da sinken nicht nur die Preise, da sinken, im saudischen Sandboden, auch die Ressourcen ständig tiefer ab. Sinkt der Erdölpreis weiter wie in den letzten Jahren, droht dem protzigen Königreich die Pleite.

2015/2016 schrieb Saudiarabien ein Defizit von mehr als 90 Milliarden – bei Reserven von allerdings noch respektablen 674 Milliarden. Doch die Preise für das Erdöl stiegen jetzt, 2017, nur marginal – und nun verpflichtete sich das Regime, beim Besuch des US-Präsidenten, auch noch, 110 Milliarden für amerikanische Rüstungsgüter auszugeben. Mit der Option, bis in wenigen Jahren weitere 250 Milliarden in die von Trump so geliebte Waffen-Industrie zu «investieren». Und was tut der jetzt 30-jährige Kronprinz (und Verteidigungsminister) des Landes damit? Krieg führen in Jemen, mit schon bisher mehr als 10'000 Toten und keinem erkennbaren strategischen Erfolg.

Ist’s verwunderlich, dass die saudische Monarchie/Diktatur angesichts solcher Fakten wenigstens einen Widersacher, nämlich Katar, wirtschaftlich ausschalten will?

Religion nur ein Vorwand

Die Herrscher Katars allerdings sind gewiss auch keine «Unschuldsknaben»: Aus Katar floss (fliesst möglicherweise weiterhin) Geld zu den Moslembrüdern in den Konfliktländern Syrien, Irak und Libyen – und auch in den Gazastreifen zur Hamas. Allerdings: Die Herrscher in Katar haben sich mehrmals offen dazu bekannt, dass sie gewisse Gruppierungen in den Konfliktgebieten unterstützen – im Gegensatz zu den Saudis und den Herrschenden in den Emiraten. Diese (gewiss auch problematische) Offenheit wurde Katar nun zum Verhängnis: Isolation, Grenzschliessung, Ausweisung von Staatsbürgern und von Kamelen, die jenseits der Grenze zu Saudiarabien bisher weiden durften.

Man sollte sich übrigens nicht durch einen Trick in die Irre führen lassen: Die Saudis erklären ja gerne, es handle es sich bei all dem um einen Konflikt zwischen den «rechtgläubigen» Sunniten innerhalb des Islams und den «fehlgeleiteten» Schiiten. Das ist nichts als Medien-Propaganda – sie soll vom wirklichen Problem ablenken, und das besteht in der wirtschaftlichen Rivalität zwischen Saudiarabien plus Emiraten einerseits gegen Katar anderseits. Und im Hintergrund gegen Iran – doch der Iran ist zu stark, dem kann man nicht einfach so ein Ultimatum stellen.

Die Rolle der USA

Nicht weniger wichtig als die Frage, was am Golf weiterhin zu erwarten ist, scheint mir die Diskussion um den Auslöser Krise. Klar, Donald Trump gab, während und nach seiner Teilnahme am Schwertertanz im Rahmen des Staatsbesuchs in Riad, den Saudis zu verstehen, dass er mit so ziemlich jeder denkbaren Offensiv-Strategie des Königshauses einverstanden sei. Zielrichtung, letzten Endes, Iran. Das gefiel dem neuen Günstling innerhalb der Saudi-Monarchie, Mohammed bin Salman, dem 32-jährigen Kriegstreiber in Jemen, offenkundig sehr. Also, warum danach nicht die Gelegenheit ergreifen, dem Konkurrenten Katar «eins auszuwischen»?

Doch der saudische Kronprinz handelte nicht allein – da gab und gibt es einen in Washington einflussreichen Helfershelfer, den Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate, Yousef al-Otaiba. Die «WOZ» hat, dafür gebührt der Redaktion und Roman Enzler Dank, die Rolle dieses Diplomaten nachgezeichnet.

Sie hat es in sich: Al-Oteiba hat freien Zugang zu und Einfluss auf Jared Kushner, den Schwiegersohn Trumps und Nahost-Superexperten der Administration der USA. Al-Oteiba leistete die Vorarbeit, die dann bei Trumps Schwertertanz in Riad das (verhängnisvolle) grüne Licht für die Aktion gegen Katar auslöste.

Und jetzt? Man dreht sich im Kreis. Mit Trump ist’s so, wie in anderen Problemkreisen: Der Zauberlehrling weiss nicht, wie er sich, sein Land und die übrige Welt (um die kümmert er sich allerdings nicht weiter) aus einer von ihm selbst verursachten Problemlage heraus manövrieren kann. Und wir, in Europa, wissen selbst nach dem G20-Gipfel immer noch nicht so recht, wie man mit der Provokation namens Trump umgehen soll.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Erich Gysling ist Chefredaktor der Weltrundschau und war 2001-2014 Präsident des Schweizer Forum Ost-West. Beim Schweizer Fernsehen leitete Gysling nacheinander die Sendungen Tagesschau und Rundschau. Von 1985 bis 1990 war Erich Gysling Chefredaktor von Fernsehen SRF.

Weiterführende Informationen

Katar-Konflikt: Schwertertanz und Falkenjagd (Infosperber vom 7.6.2017)

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