kontertext: Lohnt sich Dauer-Bashing doch?

Alfred Schlienger © as
Alfred Schlienger / 19. Sep 2017 - Die Blocher-Medien machen’s vor. Die andern sind noch am Üben.

Nein, natürlich soll man sich nicht ärgern. Aber amüsieren wird man sich hin und wieder vielleicht doch dürfen. Nach dem kürzlichen Bergsturz von Bondo erhebt der Historiker Markus Somm in der «Basler Zeitung» die Bundespräsidentin Doris Leuthard zur Land und Leute aufwühlenden Busspredigerin: «Um ihre untaugliche Energiepolitik durchzusetzen, nutzt sie jede Tragödie und bringt das erschütterte Publikum dazu, sich ihre Argumente anzuhören. Es ist Linkspopulismus in Vollendung, was uns die Bundespräsidentin hier bietet, nicht zum ersten Mal. Statt die Menschen zu beruhigen und zu helfen, zieht die Katholikin wie einst Savonarola, der humorlose Bussprediger in Florenz, von Katastrophe zu Katastrophe, sie klagt an, tröstet Gemeindepräsidentinnen, warnt vor weiteren Katastrophen und ermahnt uns Bürger und Steuerzahler zur Umkehr, ansonsten wir in der Hölle verbrennen.» (BaZ 2.9.2017) Verbrannt wurde dann allerdings Savonarola selber – vor 519 Jahren. Ob der humorige Schriftleiter Somm uns mit seinem schiefen Vergleich erheitern will – oder der Bundespräsidentin ein ähnliches Schicksal wünscht?

Eine Woche später ist dann Bundesrat Alain Berset dran. Somm hat sich inzwischen zum Modeexperten gemausert: «Es ist vielleicht dies die grösste Leistung des Alain Berset: Dass es ihm gelingt, durch die Vortragssäle des Landes zu ziehen, ohne rot zu werden, immer picobello gekleidet, wenn vielleicht auch in etwas zu engen Anzügen, so dass er aussieht wie der Pep Guardiola der AHV.» (BaZ 9.9.2017) Wir wollen jetzt gar nicht ins Sinnieren verfallen, wer von den beiden Herren wohl die bessere Falle macht, wenn man sie sich so nebeneinander vorstellt, in welcher Kleidung auch immer. Es soll in Somms Populismus-Sommerserie ja um Politik gehen. Aber fragen darf man sich schon, wer hier eigentlich und mit welchen Mitteln am Predigen ist.

Ziel der Zeitung: Zerstören!

Einer, der das auf die Person zielende, der Lächerlichmachung dienende Dauer-Bashing seit Jahr und Tag gewohnt ist, ist der Basler Baudirektor Hans-Peter Wessels, der sich einst erfrecht hatte, öffentlich zu verkünden, dass er eine Blocher-Zeitung nicht in seinem Briefkasten wolle. Dass Wessels vor knapp einem Jahr die Wiederwahl in den Basler Regierungsrat trotz – oder wegen? – der massiven BaZ-Kampagne gegen ihn letztlich problemlos schaffte, schien Somm so etwas wie Respekt abzunötigen, den er auf die ihm eigene Art zum Ausdruck brachte: Wessels habe, so Somm wörtlich, «eine monatelange Kampagne der BaZ gegen sich überlebt» und sei offenbar «unzerstörbar». Somm bekennt damit selber und öffentlich, was Ziel und Auftrag seiner Zeitung ist: Zerstören. (Vgl. Infosperber 30. November 2016) Der Protestant Somm hat damit – vielleicht unfreiwillig – gebeichtet. Aber bereuen und Busse tun will er nicht auch noch. Denn der Auftrag seines Herrn und Geldgebers gilt selbstverständlich weiterhin.

Ein kantonaler Bau- und Verkehrsdirektor gibt ja auch eine nur allzu dankbare Zielscheibe ab, um ungebremste Empörungs-Bewirtschaftung, z.B. für Auto-Lobby und SVP-Freunde, zu betreiben. Jeder aufgehobene Parkplatz ein Skandal! Jeder Stau eine bösartige Schikane! Jede Förderung des öffentlichen Verkehrs eine Provokation sondergleichen! Somm hat weiterhin seine halbe Redaktion zum Wessels-Bashing abkommandiert. Das füllt Seiten um Seiten und verschleiert notdürftig, dass man nichts Wesentliches zur Entwicklung der Stadt beizutragen hat.

Die letzten paar Wochen durfte Jungoffizier Christian Keller als Lokalchef an die Front. Diesmal geht’s um eine längst geplante Tramverbindung ins benachbarte elsässische Saint-Louis, die voraussichtlich Ende Jahr in Betrieb genommen wird. Wie bei der Tramverlängerung ins deutsche Weil am Rhein wurde von den BVB (Basler Verkehrs-Betrieben) an den ausländischen Partner eine Million Euro gesprochen. Weil dabei nicht alles protokollarisch ganz korrekt abgelaufen war, wurde daraus von der BaZ eine politische Suppe hochgekocht. Gemäss den offiziellen Abklärungen der Staatsanwaltschaft war in der Sache allerdings alles rechtens.

«Teeren, federn und aus der Stadt jagen»

Dies allerdings war nun gar nicht im Interesse der «Basler Zeitung», die ihre Suppe mit allen Mitteln weiterköcheln wollte. Wenn man die Kommentare von Christian Keller las, sah man den Stadtstaat Basel einmal mehr am Abgrund: Mit dem üblichen Empörungswortschatz Alarm! / Debakel! / dreist! / düstere Tage! / Missbrauch! / selbstherrlich! / Skandal! / Sumpf! / ungeheuerlich! etc. robbte der Lokalchef durchs Desaster-Alphabet wie durch eine Kampfbahn. (BaZ 8.9.2017) Alles wie immer. Die Kommentarspalten füllten sich wie gewünscht mit den übelsten Schmähungen gegen den Baudirektor: «Teeren, federn und aus der Stadt jagen, diesen linken Paradiesvogel.» Das ist kein Ausreisser, sondern einer der «meistempfohlenen» Kommentare auf der BaZ-Seite. Er stellt zwar einen klar strafbaren Aufruf zur Gewalt dar, wird bei der BaZ aber selbstverständlich nicht gelöscht. Dies ist eben genau das Geschäftsmodell dieses Kampfblattes.

Gleichzeitig wird eine Praktikantin auf die Piste geschickt, um der Bevölkerung den Puls zu fühlen. Das überraschende Ergebnis am Folgetag auf der Frontseite: «Bevölkerung senkt Daumen über Wessels.» (BaZ 9.9.2017) Ja klar, bei der BaZ geht es zu wie im alten Rom: «Daumen rauf, Daumen runter» entschied damals in den Kampfarenen über Leben und Tod. Heute reichen ganze 15 Meinungsäusserungen, die interessanterweise zu 100 Prozent anti-Wessels ausfallen, um eine quasi demokratische und repräsentative Umfrage zu simulieren. Ein Schelm, wer denkt, dass hier eine Praktikantin, in Übererfüllung des von ihr Erwarteten, die «richtige» Auswahl getroffen hat. – Noch peinlicher wird es drei Tage später, als die Praktikantin in der BaZ unter dem Titel «Von wegen nicht repräsentativ» ihre Umfrage hilflos zu rechtfertigen versucht. (BaZ 12.9.2017) So verheizt die «Basler Zeitung» auch den journalistischen Nachwuchs und gibt ihn der Lächerlichkeit preis.

Was ist los mit der «TagesWoche»?

Mehr zu denken gibt allerdings ein Kommentar von Renato Beck in der «TagesWoche» nach der Pressekonferenz von Wessels zur BVB-Geschichte: «Argumentativ war der Bau- und Verkehrsdirektor ziemlich überzeugend, und in der Sache hat er weitgehend recht: Es war richtig, das Geld zu sprechen, um das Projekt zu retten. Das hat auch die Staatsanwaltschaft in ihrer mittlerweile veröffentlichten Untersuchung so bewertet: Der Schaden für den Steuerzahler wäre ohne die Zahlung grösser gewesen. So bleibt jetzt, wo die meisten Fakten bekannt sind, erstaunlich wenig hängen, was als Fehlverhalten taxiert werden müsste. (…) Die Zahlung war angemessen – falsch war aber, dass sie in Hinterzimmern beschlossen und lange nicht vertraglich fixiert wurde. Unterm Strich aber steht die schrille, monatelange Debatte in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Begebenheiten. Da gibt es andere Missstände, wie die millionenteuren Tricksereien bei den Betriebskosten des Kunstmuseums-Neubau, die nach deutlich mehr Aufmerksamkeit verlangen würden.» So weit, so nachvollziehbar.

Dann aber schlägt der Journalist eine überraschende Volte: «Trotzdem: Die BVB-Affäre hat den SP-Regierungsrat rettungslos beschädigt. Seine Partei ist deutlich zu ihm auf Distanz gegangen. Die bürgerlichen Parteien treiben seine Demontage konsequent voran, um bei den nächsten Wahlen zu profitieren. In weiten Teilen der Basler Medienlandschaft löst jede seiner Zuckungen Wellen der Entrüstung aus. Dazu hat Wessels die Loyalität einiger seiner wichtigsten Beamten verloren, die mit ihrem Geflüster viel Gehör finden. Alles in allem keine gute Ausgangslage, um erfolgreich regieren zu können.» Im Lead zum Kommentar rät der Journalist dem Regierungsrat, «sich über einen Rücktritt Gedanken zu machen». («TagesWoche» 8.9.2017)

Wie das? Kaum etwas falsch gemacht – und dennoch rettungslos beschädigt? Renato Beck ist nicht irgendwer. Er ist der beste Polit-Journalist der «TagesWoche» – und fast der Einzige aus der Gründungscrew, der noch an Bord ist. Klar, die «TagesWoche» macht selber schwierige Zeiten durch, sucht Profil trotz der massiven Redimensionierung, der sie unterworfen ist. Und manche fragen sich, wie sie sich selber von den eigenen Selbstbeschädigungen erholen will. Aber dass es einem grad so die Sinne vernebelt? Lohnt sich Dauer-Bashing also doch, selbst bei kritischen Geistern? Selbstverständlich hob die «Basler Zeitung» das Umkippen der «TagesWoche» sofort genüsslich auf die Frontseite. So prominent war die «TagesWoche» dort noch nie vertreten…

Was heisst Unabhängigkeit?

Das Umkipp-Phänomen scheint kein Einzelfall zu sein. Auch die «bz Basel» (AZ Medien) hat in letzter Zeit in das Wessels-Geheul eingestimmt. Nach kritischer Überprüfung den Standpunkt einer staatlichen Behörde einzunehmen, wenn es denn von der Sache her wirklich gerechtfertigt ist, erscheint offenbar vielen Journalisten schon als ein Teufelspakt. Eine solche Pauschalhaltung generiert aber noch keine echte Unabhängigkeit. Nichts geht über das eigene genaue Hinschauen. Und dann schon auch über ein wenig Reflektieren. Gerade wenn das Mitheulen mit der Medienmeute so viel einfacher ist. Einer, der das in diesem Fall gemacht hat, ist der Online-Pionier Peter Knechtli, Chefredakteur von «Onlinereports». In seinem Kommentar «So ein Gschiss um BVB-Aufseher Wessels» bringt er die Dimensionen dieser unsäglichen Geschichte wieder ins Lot. («Onlinereports» 7.9.2017) Aber eben, er ist ein Kleiner. Das Geheul machen die Grossen.

Fazit? Es kommt, gerade in schwierigen Zeiten, auch auf diese Kleinen, Aufrechten, wirklich Unabhängigen an.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Alfred Schlienger, Theater- und Filmkritiker, u.a. für die NZZ; ehem. Prof. für Literatur, Philosophie und Medien an der Pädagogischen Hochschule; Mitbegründer der Bürgerplattform RettetBasel!; lebt in Basel.

  • Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Corina Lanfranchi, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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5 Meinungen

Die Wahrheit lässt sich nicht aufhalten. Andersdenkende hat man im Mittelalter als Ketzer verurteilt, also Abtrünnige, die nicht an das herrschende Weltbild glaubten, welches heute so aussieht, dass alle, die irgendwie an Macht gelangt sind, dies aus reiner Gutmütigkeit geschafft haben. Medienkritik oder Systemkritik versucht man vermehrt durch juristische Einschüchterungen abzubremsen. Es ist klar, dass Verleumdung usw. juristisch bestraft werden muss. Was aber wenn die Kritik stichhaltig und fundiert ist? Was wenn sich mediale «Hetzejagt» gegen Arbeitslose, Behinderte, Ausländer usw. im Nachhinein als unbegründet und offensichtlich falsch herausstellt? Wer wird zur Rechenschaft gezogen? Es ist so als würde man von der Poizei zur einer Anhörung an deren Amt eingeladen. Man folgt dieser Einladung. Man hat ja nichts zu verbergen, wenn man Unschuldig ist, oder? Dort wird man in ein Kreuzverhör über nicht bewiesene Tatsachen und Anschuldigungen genommen, die von hochprofessionell ausgebildeten Polizisten durchgeführt werden und dabei kann sich der Verhörende sehr schnell in Schuld verstricken. Und?

Erst wenn eine richterliche Vorladung vorliegt muss der Termin wahrgenommen werden. Dann aber in Begleitung eines Rechtsbeistandes !

Die BEWEISLAST liegt IMMER auf der Seite des Klägers.

Fazit der Geschichte: Die Schulen, Kirchen, Gewerkschaften, Medien um nur ein paar zu nennen, sind Machtstrukturen die wiederum der MACHT dienen. Dies kritisch zu hinterfragen, aber wir verlernt.
Michele D'Aloia, am 19. September 2017 um 12:32 Uhr
Als in der Region Bern lebender Welscher lese ich die BaZ nicht. Dieser Bericht hat mich schockiert. Dass sich renommierte Journalisten der BaZ erlauben, Politiker aus der Nicht-SVP-Linie mit solchen unwürdigen, am Limit des Anstands stehenden Worten zu kritisieren, ist ein Skandal. Wo bleibt die Konsenskultur, die in unserem Land Stabilität und Wohlstand gebracht hat? Journalisten tragen eine grosse Verantwortung und ihr Ziel sollte objektiv zu informieren, um konstruktiv mitzuwirken (Bravo, Infosperber!). Wohin geht unser Land sonst? Unsere Vorfahren haben sich mit enormem Aufwand eingesetzt und nur dank ihnen sind wir heute wo wir sind. Wir müssen ihnen zu Ehre in diese Richtung weiterfahren!
Jean-Marc Suter, am 19. September 2017 um 12:40 Uhr
Leider etwas gar einseitig, Herr Schlienger! Über das journalistische Wirken der BaZ kann man geteilter Meinung sein, aber «nicht alles protokollarisch ganz korrekt» (Tram 3) - um nur ein Beispiel zu nennen - ist genauso einseitig bzw. falsch. Schade. Wirklich fundierte Kritik wäre hilfreich, «Untertreibung» als Mittel gegen «Übertreibung» wirkt nicht...
Patrick Hafner, am 19. September 2017 um 12:58 Uhr
Was da Herr Somm und seine Gehilfen schreiben, ist nun wirklich unter der Gürtellinie. Die BaZ trägt damit das Ihre bei, das politische Klima in der Schweiz weiter zu vergiften wie wir das von der SVP seit mittlerweile rund 25 Jahren gewohnt sind. Diese missgelaunten SVPler erinnern mich irgendwie immer an Sattler und Waldorf aus der Muppet Show.
Ueli Custer, am 20. September 2017 um 08:35 Uhr
Genau, die andern sind noch am Üben. Sie versuchen sich seit Januar 2016 mit Trump-Bashing. Trump ist weit weg, somit droht keine Gefahr. Jeder Trump'sche Schreibfehler auf Twitter ist ein Artikel wert. In jedem Artikel wird der demokratisch gewählte amerikanische Präsident möglichst schlecht dargestellt. Dabei gilt, wie wir heute Morgen gehört haben, Rosa Luxemburgs «Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.» mehr denn je. Das sollten sich einige Journalisten hinter die Ohren schreiben.
Tim Meier, am 20. September 2017 um 19:03 Uhr

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