kontertext: Marktradikalisierung Swiss Made

Heinrich Vogler © cm
Heinrich Vogler / 20. Feb 2018 - Die Schweizerische Eidgenossenschaft wird gerade zielführend zur Aktiengesellschaft umgebaut. Tief greifend.

Die SRG wird abgewickelt und den hiesigen Medienoligopolen zum Frass vorgeworfen. Dieselben Konzerne liquidieren die Schweizerische Depeschenagentur.

Die Post verkauft ihren Leistungsauftrag an UPS International und ist künftig eine Grossbank mit einer landesweiten Kioskkette, die Krimis, Smartphones und Teddybären feilbietet.

Die SBB veräussern ihre unprofitablen Nebenlinien an Flixbus und bauen landesweit frei werdende Bahnhofsareale zu Shoppingmalls um. Die Bahn wird vollends privatisiert und mutiert rasch zum grössten Immobilienkonzern des Landes.

Die öffentlichen Spitäler werden zu Ambulatorien für die kaufkraftschwache Unterschicht gesundgeschrumpft. Das dadurch arbeitslos werdende Personal wird dem freien Arbeitsmarkt zugeführt.

Die Universitäten fusionieren Medizin, Jurisprudenz, Ökonomie sowie alle Geisteswissenschaften mit bestehenden Fachhochschulen zu privaten, profitorientierten Ausbildungsfirmen. Diese expandieren nach Indien und China. Nicht-marktrelevante Forschung wird eingestellt. Ein Konsortium von chinesisch-amerikanischen Grossinvestoren übernimmt die ETH, wo die gesamte technisch-naturwissenschaftliche Forschung des Landes als schlagkräftiges Start-up-Monopol konzentriert wird.

Die Volksschule wird von der Zwangsjacke des Staats erlöst und vollständig in die Freiheit der Wirtschaft entlassen, d.h. privatisiert.

Das Gewaltmonopol des Staats fällt. Börsenkotierte Bewachungsfirmen übernehmen Polizei und Strafvollzug. Wie die Justiz am besten profitabel deregulierbar wäre, evaluieren marktfundamentale Spezialisten der Firma Swissmoneyhouse.

Die Schweizerische Kulturstiftung Pro Helvetia baut die Förderung nicht marktgängiger Kultur zügig ab. Um Kommerzkultur kümmern sich künftig, wie bisher, Public Relations Abteilungen der Industrie zwecks Imagewerbung sowie Eventfirmen, die zur landesweiten Aktiengesellschaft Swissevent fusionierten.

Museen, staatliche Theater und Orchester gehen wahlweise in Privateigentum – etwa von Stiftungen – über oder sie werden geschlossen, respektive aufgelöst. Die Orchester des Landes fusioniert man zu einem einzigen nationalen Symphonieorchester, das den Namen Nestlé-Roche-Novartis Orchestra trägt. Die dadurch erzielten Einsparungen der öffentlichen Haushalte können in die Sicherheit des Staates reinvestiert werden (Migration, Armee, Grenzwacht etc.).

Die Bestände der öffentlichen Bibliotheken werden vom Bund in Zusammenarbeit mit Google vollständig fürs Netz aufbereitet. Der Ausleihverkehr von physischen Büchern wird zugunsten des digitalen eingestellt. Nachdem die Bücher aus den öffentlichen Bibliotheken verschwunden sind, kann man drei Viertel des bisherigen Personals entlassen.

So wird der Service Public zügig wegrationiert und das Land optimiert sich, mit Hilfe der unsichtbaren Hand (nach Adam Smith), total marktradikal. Das Gewinnstreben ist endgültig von seinen Fesseln befreit. Im Namen der schweizerischen Freiheit.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Heinrich Vogler, geboren 1950 in Basel. Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie der Politik. War Journalist / Redaktor bei Radio DRS und SRF 2 Kultur. Arbeitete als Kultur- sowie jahrelang als Literaturredaktor. Bis zur Pensionierung Ende 2015. War freier Literaturkritiker für Berner Zeitung, Tages-Anzeiger und NZZ.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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8 Meinungen

& Wasser & Strom & Abfall & Armee & Luft!
Werner Camenisch, am 20. Februar 2018 um 12:35 Uhr
Was nicht mehr taugt, wird eben auf dem Börsenmisthaufen verschachert. Als meine Grossmutter 1906 heiratete gab man ihr einen Haufen Aktien der damaligen Touristikbranche aus England als Mitgift. Als sie starb, war es nur noch ein Haufen wertloses Papier, da niemand während ihres Lebens sich darum gekümmert hatte. Bereits 1968 propagierte man an der ETH in Zürich die Nutzung des Terrains über den Bahnhofgeleisen, was auch teilweise in den Grosstädten gelang, aber eben nicht an kleineren Haltestellen, was nun heute zur Liquidation dieser entwerteten Areale ohne Bahn führt.1986 gründete ich ein Umweltbureau in Muttenz, und jedermann ausser die Mutter meiner beiden Töchter klopfte mir auf die Schulter und wünschte mir Erfolg für etwas, was man als dringend notwendig erachtete. Nun zum alten Eisen gehörend, sage ich Heini Vogler und «Kontertext», o.k., wenn ihr noch nach bestehenden Werten sucht, aber lasst die junge Generation kreativ bleiben und lasst sie junge Pflanzen hegen und pflegen. Was auf der Börse noch einen Wert hat, ist bestimmt gut, aber früher oder später wird auch dieses Gut wertlos. Persönlich bin ich nicht in der Lage dies abzuschätzen. Lasst aber Neues und neue Werte entstehen, wo immer dies auch immer geschieht oder geschehen wird. Die Schweiz hat eine riesige Chance innovativ zu bleiben und den sogenannten «Genius loci» neu zu entdecken und zu definieren.. Werterhaltung ja, aber eben nur bedingt, wenn Junges auf dem alten Mist frei sich entfalten kann.
Beat von Tscharner, am 20. Februar 2018 um 13:19 Uhr
Nein, dieser Beitrag gefällt mir nicht. Er ist sehr tendeziös unsachlich abgefasst. Auch ist er falsch. Fixbus will nicht unrentable Nebenlinien von der SBB sondern nistet sich leider in lukrativeren Hauptlinien ein. Das Thema der Privatisierung ist aktuell, aber bitte nicht in diesem Stil. Martin A. Liechti, Maur
Martin A. Liechti, am 20. Februar 2018 um 14:09 Uhr
Marktradikalisierung Swiss Made???

Diese Information ist tatsächlich schlagend – erschlagend.

Nein, das ist nicht Swiss-Made, und danach tönt es auch nicht. Diese wirtschaftliche und politische Transformation hat schon lange begonnen mit den international operierenden Banken und Wirtschaftskonzernen und entspricht ganz dem transatlantischen Plan nach One-World-Order-Diktatur.

Die Schweizer Bevölkerung hat das lange nicht bemerkt – so wenig wie die Bevölkerungen in anderen europ. Ländern. Als diese dann endlich aus ihrem „demokratischen Dornröschen-Schlaf“ erwacht sind, mussten sie feststellen, dass sie bei den politisch-globalen Vorgängen schon lange nichts mehr – wenn überhaupt jemals – zu melden hatten und weder in der Gegenwart noch in Zukunft beim politisch-elitären Prozess nur irgendetwas mitzureden haben. Die europäischen Regierungen entwickeln sich immer mehr zu Schein-Regierungen, zu miserablen – z.T. korrupten und autoritär-diktatorischen – Verwaltungsobjekten, die im Auftrag transatlantischer Vorgaben arbeiten. Die Bedürfnisse der jeweiligen Bevölkerung sind unerheblich. Die EU ist und war dazu nur ein strategischer Vorspann.

Jetzt findet auf westeuropäischem Terrain der Wirtschaftskrieg zwischen West und Ost statt, bei dem man nur noch hoffen kann, dass er nicht in militärische Aktivitäten mündet. Kartelle und Sanktionen halten für deren Ersteller nicht, was sie versprachen und laufen ins Leere. Was kommt als Nächstes??? Sieht nicht gut aus für Westeuropa.
Elisabeth Krail, am 20. Februar 2018 um 14:47 Uhr
Wer soll die elitäre Kultur bezahlen?

In früheren Zeiten haben vor allem Mäzene die Hochkultur getragen. Es ist eigentlich nicht einzusehen, wieso der Durchschnittsbürger die Kulturvergnügen der immer gleichen Minderheit mitfinanzieren soll.
Alex Schneider, am 20. Februar 2018 um 16:48 Uhr
Vor Jahren hat sich ein Redaktor des Tagesanzeigers damit beschäftigt, es tönt ähnlich. Man lese Hans Tschäni.
Schön.
Christoph Meili, am 20. Februar 2018 um 22:31 Uhr
Eindrückliche Zusammenstellung! Aber es ist nicht so, dass die SBB, die Spitäler, Schulen usw. dies ganz alleine tun. Die Politik schafft ja erst die Voraussetzungen für die Privatisierungen und hilft kräftig mit dabei. Hinterher jammert man dann über die schlimmsten Auswüchse dieser Strategie (siehe Postautoskandal). Mir ist schleierhaft, weshalb alle Parteien, einschliesslich der Linken und Grünen, vor kurzem noch die Service public Initiative abgelehnt und so gebodigt haben. Ob sie heute wohl klüger wären?
Katharina Belser, am 21. Februar 2018 um 10:36 Uhr
Die Tatsache, dass Geld bzw. natürlich der maximierte Profit die Welt regiert, realisiert langsam aber sicher jeder Einwohner dieses Landes. Die Folgen dieser Diktatur des Kapitals können noch viel schlimmer werden.
Tatsache ist: Die neoliberale Wirtschafts- und Geld-Misswirtschaft zerstört nicht nur durch den Wahn unbegrenzten Wachstums unsere (Um-) Welt, sondern zunehmend sichtbar auch unsere (Schein-)Demokratie und damit unser Wir-Gefühl, unser Selbstverständnis als Gemeinschaft, welches für ein friedliches Zusammenleben unverzichtbar ist.
Ich rate dringend, alle erwähnten öffentlichen Institutionen NICHT zu privatisieren, sonst werden wir sie in naher Zukunft als ausgeblutete, marode Sanierungsfälle wieder zurückbekommen ... das berichtete vor kurzem sogar die «Finanz und Wirtschaft» über die englischen Verhältnisse 25 Jahre nach der Privatisierungswelle von Margareth Thatcher. Die Fakten liegen für jedermann sichtbar auf dem Tisch.
Auch deshalb JA zu Vollgeld und JA zur Besteuerung von Kapital und Energie und zur Stärkung eines schlanken und effizienten Staates, kontrolliert durch seine Bürger.
Paul Steinmann, am 22. Februar 2018 um 12:47 Uhr

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