Zukunft der Presse: Man kann viel lernen aus der US-Zeitungsdepression © Krossbow/Flickr/CC

Zukunft der Presse: Man kann viel lernen aus der US-Zeitungsdepression

Bezahlzeitungen mit Zukunft – gedruckt oder online

Red. / 04. Aug 2013 - Heribert Prantl von der Chefredaktion der «Süddeutschen Zeitung» liest Journalisten und Verlegern die Leviten. TEIL 3

upg. In einem ersten Teil hatte Heribert Prantl analysiert, warum Qualitätsjournalismus und Qualitätsmedien noch systemrelevanter sind als Banken; in einem zweiten Teil, wer den Qualitätsjournalismus heute am meisten bedroht: Medienunternehmen und der Journalismus selber. Im dritten Teil zeigt Prantl auf, warum das Internet und die Social Media die Qualitätsmedien nicht gefährden.

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Voreilige Todesanzeigen

Ich weiss schon: Es gibt immer mehr Leute, die schon die Todesanzeigen für die Zeitung entwerfen: «Geboren 1603 in Strassburg/Elsass, gestorben 2020. Wir werden der Zeitung ein ehrendes Andenken bewahren.» Diese Beerdigungsredner reden nicht von der Zusammenlegung von Redaktionen, auch nicht von entlassenen Redaktoren und nicht vom Outsourcing - sondern vom Internet.

Seitdem der amerikanische Publizist Philip Meyer im Jahr 2004 ein Buch mit dem Titel «The Vanishing Newspaper» veröffentlicht, also das Verschwinden der Tageszeitung angekündigt hat, hören sich die Podiumsdiskussionen auf Medientagen über das Internet so an wie Vorbereitungen zur Beerdigung der Zeitungen.

Für derlei Überlegungen ist es aber erstens ein bisschen früh, denn selbst Professor Meyer hat den Tod der Tageszeitung erst für das Jahr 2043 vorhergesagt. Zweitens könnte es sich mit Meyers Prophezeiungen so verhalten wie mit denen seines Kollegen Francis Fukuyama, der 1992, als das östliche Imperium und der Staatskommunismus zusammengebrochen waren, das «Ende der Geschichte» ausgerufen hat. Die Geschichte mochte sich dann nicht daran halten. Der US-Publizist Meyer hat natürlich recht damit, dass das Internet rasend schnell ist: Es ist schnell, es ist ubiquitär und es hat etwas sympathisch Antiautoritäres. Aber ein sympathisches neues Medium bedeutet mitnichten automatisch das Ende des sympathischen alten.

Zeitungen müssen sich von Ereignis-Meldungen verabschieden

Das Internet ist nicht das Ende der gedruckten Zeitung; es nimmt der gedruckten Zeitung nur eine Aufgabe ab, die sie bisher, so gut es halt ging, zu erfüllen versuchte. Bei der «Vermeldung» von Ereignissen kommt und kam die Zeitung bei allem Bemühen immer zu spät. Diese natürliche Schwäche war den Zeitungen seit jeher bewusst.

Der Vorsprung, die Vermeldung eines Ereignisses zumindest vor der gesamten Konkurrenz, war bisher Ziel jedes Unternehmens, das mit Informationen Geschäfte macht - erreichbar durch ein ausgebautes Korrespondentennetz, durch Ausnutzung aller technischen Hilfsmittel bei der Übermittlung durch Erschliessung neuer Nachrichtenquellen. Dank dieses Bemühens schrumpfte die zeitliche Distanz zwischen Ereignis und Öffentlichkeit immer weiter.

Mit dem Internet ist das Ende dieser Entwicklung erreicht. Es erreicht das Publikum im Idealfall in Echt-Zeit. Es verfügt also über eine Fähigkeit, die eine Zeitung bei allergrösstem Bemühen nicht erreichen kann. Der Tod Napoleons auf St. Helena am 5. Mai 1821 wurde in der «Londoner Times» als erster Zeitung zwei Monate später gemeldet, am 4. Juli 1821. Die «Vossische Zeitung» in Berlin druckte die «Times»-Meldung weitere zehn Tage später nach. Die Meldung über den Tod Mahatma Gandhis lief 1948 schon wenige Minuten nach dem Schuss des Attentäters in allen Orten der Erde ein; sie gilt in der Fachliteratur als das klassische Beispiel moderner Nachrichtentechnik. Der Fortschritt der Technik und ihr Einsatz im Nachrichtenwesen schlugen sich schon in Zeitungstiteln wie «Telegraph» nieder. Telefon, Funk, Satellit, Radio und Fernsehen machten aus einer distanzierten eine fast miterlebende Öffentlichkeit - aber nur fast. Das Internet beendet das «fast».

Rasanz vs. Analyse

Es wird davon geredet, dass Zeitungen und Internet sich ergänzen. Das stimmt dann, wenn jedes Medium seine spezifischen Stärken kennt. Die Stärke des Internets ist die Rasanz, die Stärke der Zeitung die Analyse. Zeitungen, die sich darauf besinnen, werden interessanter, weil sie Uniformität und die Wiederholung des Immergleichen vermeiden.

Weil es das Internet, weil es also nun bessere, schnellere Methoden blosser Informationsvermittlung gibt, kann sich die Zeitung auf anderes konzentrieren - auf Analyse, Hintergrund, Kommentierung, auf Sprachkraft, Gründlichkeit und Tiefgang, auf all das, was sich in der Hetze der Echtzeit im Internet nicht leisten lässt. Die Zeitung kann Wegweiser sein im Wirrwarr; sie kann Informationen destillieren, konzentrieren, auswerten, bewerten. Für die Lokalzeitung und das überregionale Blatt kann das ganz verschiedene Gewichtungen bedeuten.

Zeitung – ob gedruckt oder digital – hat Zukunft

Aber: Wenn eine Zeitung das gut macht, wird sie - ob digital oder gedruckt - immer genügend Leser haben, die sich an ihr festhalten, weil sie der Realitätsvergewisserung dient, weil sie ein Schlüssel ist zum Verstehen der globalisierten Welt, deren Abbild das Internet ist. Eine solche Tageszeitung wird dann eine Solidarität und eine Autorität haben, von der das Internet nur träumen kann.

Zeitungsleute müssen vom Internet nicht reden wie von einem neuen Hunneneinfall. Die Hunnen kamen vor 1500 Jahren aus dem Nichts, schlugen alles kurz und klein (und verschwanden hundert Jahre später wieder). Das Internet schlägt gar nichts kurz und klein.

Gute Journalisten werden noch wichtiger

Das ist doch, wie gesagt, die Lehre aus jeder mediengeschichtlichen Revolution: Kein neues Medium hat je die alten Medien verdrängt. Es kommt zu Koexistenzen. Das Internet ersetzt nicht gute Redakteure, es macht gute Journalisten nicht überflüssig; im Gegenteil: Es macht sie noch wichtiger als bisher. Gegen Datentrash hilft, wie gesagt, nur kluge Analyse und Hintergrundbildung.

Das muss die Zeitung bieten – ob gedruckt oder digital. Mit wertehaltigem Journalismus, nicht mit Billigjournalismus. Die angebliche Existenzkrise, ja Todesnähe der Zeitungen oder gleich gar des professionellen Journalismus gehört zu den Hysterien, die im Journalismus noch besser gedeihen als anderswo.

Zeitungen schreiben sich selber schlecht

Der Kikeriki-Journalismus, die aufgeregte Kräherei, die seit einiger Zeit unsere politische Publizistik prägt, kräht nun das eigene Ende herbei. Man schreibt sich sein eigenes fin de siecle. Man schreibt sein eigenes Produkt schlecht, so lange, bis es alle glauben. Die deutschsprachige Publizistik hat sich von der US-Zeitungsdepression lustvoll anstecken lassen.

Lange bevor sich im Herbst 2008 die Banken- und Finanzkrise zuspitzte, steckten 19 der 50 grössten US-Zeitungen in roten Zahlen. Was hat zur US-Zeitungsdepression geführt? Es war vor allem die Geldsucht. Das US-Zeitungswesen fiel jener Wall-Street-Theorie zum Opfer, wonach man Profite dadurch maximiert, in dem man das Produkt minimiert. Die US-Zeitungen sind an die Börse gegangen und dann an der Börse heruntergewirtschaftet worden. Der Wert der Zeitungen wurde von der Wertschätzung nicht der Leser, sondern der Aktionäre abhängig gemacht.

Überall und ständig wurde von den Zeitungen gefordert, ihren Aktienwert zu verbessern. Deswegen gab es Kahlschlag-Sanierungen, Korrespondentennetze wurden zerschnitten, Büros geschlossen, Redaktionen kastriert, die Druckkosten zu Lasten der gedruckten Inhalte gesenkt.

Immer mehr Zeitungen gehörten und gehören Investmentfonds. Dass Fondsmanager kein Interesse am Zeitungsmachen haben, liegt auf der Hand. Das war das eine.

Blogs das andere: Die US-Zeitungen haben in der Bush-Ära fast komplett versagt. In Washington hatte sich - so konstatierte der Pulitzer-Preisträger Russell Baker - «das renommierte Corps der Hauptstadtkorrespondenten mit Lügen abspeisen und zur Hilfstruppe einer Clique neokonservativer Verschwörer machen lassen». Die Blogs waren da nichts anderes als eine demokratische Not- und Selbsthilfe. Blogger haben die kritischen Analysen und Kommentare gegen Bush und den Irak-Krieg geschrieben, die man in den Zeitungen nicht lesen konnte. Ein guter Journalismus muss wegen der Blogs nicht Heulen und Zähneklappern kriegen: er kann dem Blog dankbar sein, wenn und weil er seine Lücken substituiert und seine Fehler aufzeigt.

Man kann also viel lernen aus der US-Zeitungsdepression. Vor allem, was man tun muss, um nicht in eine solche Depression zu geraten. Die US-Zeitungskrise begann, als die Zeitungen dort nicht mehr der Stolz ihrer Besitzer waren, sondern nur noch Geldquellen. Entsprechend wurden sie auch geführt: nach industriellen Standards. Die Besitzer, die sich ihrem Blatt nicht mehr verpflichtet fühlten, haben ihre Verlage gemolken: Expansion und Rendite waren die Devise. Damit wurden die Blätter anfällig für allgemeine wirtschaftliche Einbrüche.

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In einem vierten Teil erklärt Heribert Prantl, warum der verbreitete Larifari-Journalismus die verfassungsmässig garantierte Pressefreiheit nicht verdient und weshalb es die Pressefreiheit überhaupt braucht.

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Zum ersten Teil: «Qualitätsmedien sind so systemrelevant wie Banken»

Zum zweiten Teil: «Medienunternehmen machen den Journalismus kaputt»

Zum vierten Teil: «Rendite-Einheitsbrei braucht keine Pressefreiheit»

Zum fünften Teil: «Guter Journalismus macht die Welt überschaubar»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Heribert Prantl (59) ist Mitglied der Chefredaktion der «Süddeutschen Zeitung» und leitet das Ressort Innenpolitik.

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