kontertext: Die unheimlichen Investoren

Guy Krneta © Ayse Yavas
Guy Krneta / 16. Mrz 2017 - Martin Wagner wollte die «Blick»-Gruppe kaufen. Und drohte mit einer Gratis-Sonntagszeitung. Wagner ist kein Unbekannter.

Für 230 Millionen Franken wollte der Basler Wirtschaftsanwalt Martin Wagner im Auftrag einer Investorengruppe die gesamte «Blick»-Gruppe kaufen. Dies machte die «NZZ am Sonntag» bekannt. Als Hauptinvestor wurde der frühere SVP-Nationalrat und Autoimporteur Walter Frey genannt. Dieser dementierte umgehend, er habe «weder direkt noch indirekt» bei Ringier ein entsprechendes Angebot deponiert. Und verlangte von der «NZZ am Sonntag» eine «Richtigstellung». Dabei verriet ihn schon das Wording: Christoph Blocher wollte jahrelang «weder direkt noch indirekt» an der «Basler Zeitung» beteiligt sein.

Am Anfang stand Martin Wagner

Sowohl Ringier wie Martin Wagner haben das Angebot mittlerweile bestätigt. Seine Geldgeber hätten keine politischen, sondern kommerzielle Absichten verfolgt, richtete Martin Wagner der Zeitung «Schweiz am Wochenende» aus. Dabei hatte Martin Wagner auch bei den politischen Umpolungen von «Weltwoche» und BaZ zu rechts-ideologischen Kampfblättern am Anfang gestanden.

Beim Verkauf der Jean-Frey-Gruppe wandte sich der BaZ- und spätere «Weltwoche»-Anwalt Wagner an den Banker und heutigen SVP-Nationalrat Thomas Matter. Dieser holte Tito Tettamanti und weitere Investoren ins Boot. Beim Verkauf der BaZ wiederum gelangte Wagner direkt an Tettamanti und Banker Matter besorgte die diskrete Finanzabwicklung im Auftrag Christoph Blochers.

Bei der Jean-Frey-Gruppe war das Bubenstück gelungen, gleichzeitig Investoren mit satten Gewinnen zu befriedigen, die «Weltwoche» politisch umzupolen und sie schliesslich für einen Bruchteil des ursprünglichen Preises an Roger Köppel zu verhökern. Ob und wann Blocher ins Spiel kam, bleibt bis heute im Dunkeln. Ein damaliger Akteur meinte einst lapidar im Gespräch, Blocher sei in alle Medien- und Bankengeschäfte involviert. Das lasse sich gar nicht vermeiden.

Wagner schert aus

Bei der BaZ hingegen verfolgte Martin Wagner auf einmal eine eigene Agenda. Er gab den Herausgeber und plante, zusammen mit seinem Geschäftspartner Bernhard Burgener, ein «multimediales Konzept». Neben «Printabdeckung» und Bereichen wie «Sportmarketing» und «Eventmarketing» sollte es «Buchpublikationen» (Ratgeberliteratur) und «Social gaming» geben.

Wagner verpflichtete zwei Co-Chefredaktoren, von denen er annehmen konnte, dass Christoph Blocher im Hintergrund sie nicht akzeptieren würde. Er suchte, scheint es, bewusst den Bruch. Tettamanti und Blocher installierten daraufhin Markus Somm, der mit seiner schnörkellosen Propagandaschreibe viele Leserinnen und Leser sogleich vor den Kopf stiess und Wagners «multimediale» Pläne vereitelte.

Wagner sprang ab, er profilierte sich kurz als Nationalratskandidat der FDP Baselland, nannte Blocher «Gift für die Schweiz», kritisierte dessen Führungsprinzipien als «menschenverachtend», bezeichnete die SVP als «demokratiefeindlich» und «naive Schweizer Tea-Party-Fans». Er erzielte ein miserables Wahlresultat an der Urne und kehrte daraufhin klammheimlich als Anwalt zur BaZ zurück.

Ein nächster Anlauf?

Beim geplanten «Blick»-Deal brachten Medien auch wieder den Namen von Bernhard Burgener ins Spiel, der mittlerweile als künftiger FCB-Präsident gehandelt wird. Mit Burgener zusammen vermarktet Wagner die kommerziellen Rechte der Champions League und der Europa League. Angeblich hatte Wagner vor, den Sportteil der «Blick»-Zeitungen auszubauen, auf Kosten des Nachrichten- und Auslandteils. Er sah dabei auch die Zusammenarbeit mit anderen «Content-Herstellern wie etwa Verleger Peter Wanner» vor – und verkündete das just in Wanners «Schweiz am Wochenende». Nebelpetarden?

Weniger Mühe, Blochers Medien-Ambitionen wegzureden, jedenfalls macht sich «Weltwoche»-Kolumnist Kurt W. Zimmermann: «Den Blick, das hat Christoph Blocher nie verschwiegen, den Blick, den hätte er liebend gern. Er versuchte es erst mit offenem Visier. Dann versuchte es Blocher mit verdecktem Visier, also über Strohmänner.» Für Zimmermann ist klar, dass hinter Wagners üppiger Kaufofferte Christoph Blocher steht: «Er wollte wissen, bei welcher Grenze Ringier schwach werden würde.» Und Wagner hätte dann wieder den Spagat versucht zwischen apolitischem Sport- und Event-Publikum und seinen sendungsbewussten Investoren im Hintergrund?

Einstellen oder an Blocher verkaufen?

Der Deal ist nicht zustande gekommen, Ringier erklärte die «Blick»-Gruppe für unverkäuflich. Wie lange noch? Im Branchen-Magazin «Schweizer Journalist» – dessen Chefredaktor ebenfalls Kurt W. Zimmermann ist – wird darüber spekuliert, dass der angeblich defizitäre «Blick am Abend» vor dem Aus stehe. «L’Hebdo» wurde kürzlich eingestellt. Und die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» schrieb vor ein paar Tagen, Ringier plane auch schon wieder den Verkauf von «Le Temps».

Dagegen stimmt die Aussicht, Blocher könnte unter Benutzung der Infrastruktur von «20 Minuten» eine Gratis-Sonntagszeitung lancieren, geradezu hoffnungsfroh. Wer sollte sich den Familienausflug, die Gruppenreise, den Sonntagsbesuch, die Fahrt ins Grüne von Blocherscher Propaganda vergällen lassen? Eine solche Zeitung, bestenfalls mit einem Chefredaktor Markus Somm, hätte von Beginn weg keinerlei Glaubwürdigkeit. Es wäre ein Leichtes, sie schweizweit zu boykottieren und allfällige Inserenten anzusprechen. Nein, Neugründungen waren noch nie Blochers Stärke. Seine Strategie ist die heimliche Besetzung von eingeführten Marken und Erinnerungsorten.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Guy Krneta, geboren in Bern, lebt als freier Autor in Basel. Er schreibt Theaterstücke und Spoken-Word-Texte. Eben erschienen ist eine Sammlung mit Theatertexten: "Stottern und Poltern" (Verlag der Autoren, Frankfurt M.). Der Band enthält u.a. Texte zum Theaterprojekt "In Formation", das im Dezember im Schauspielhaus Zürich zur Aufführung kam. Krneta ist Mitbegründer von Kunst+Politik und der Aktion RettetBasel!

  • Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Corina Lanfranchi, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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