Wiederkäuer Bärfuss

Niklaus Ramseyer © Ramseyer
Niklaus Ramseyer / 04. Nov 2015 - Vor 10 Jahren hat Lukas Bärfuss im «Magazin» schon auf die Schweiz eingedroschen. Damals noch differenzierter und witziger.

Das «Magazin» hat Friedrich Dürrenmatts Rede für Vaclav Havel vom 22. November 1990 nochmals abgedruckt. Die Samstagsbeilage zu den Blättern des Tamedia-Konzerns nimmt dabei Bezug auf den kürzlich erfolgten Rundumschlag des Schweizer Schriftstellers Lukas Bärfuss («Die Schweiz ist des Wahnsinns») gegen die Schweiz und ihre Bevölkerung (alles «Zwerge») in der «FAZ». Doch «das Magazin» kann Dürrenmatts schon fast geniale Parabel nicht einfach stehen und für sich sprechen lassen: Es schulmeistert seine Leserschaft vielmehr vorab noch über eine ganze Seite mit einer gewundenen Erklärung des Germanisten Peter Von Matt zur Rede: «Ich war dabei». Und: «Man muss die Rede sehr sorgfältig lesen.» Das ist schon leicht peinlich.

Bärendienst für Bärfuss

Wenn die «Magazin»-Redaktion zudem geglaubt hatte, sie käme dem nun allenthalben kritisierten Bärfuss mit ihrem Rückgriff auf Dürrenmatt (Tenor: Auch der wurde doch damals harsch kritisiert.) zu Hilfe, so irrt sie sich. Sie erweist Bärfuss ganz im Gegenteil einen Bärendienst: Dürrenmatts philosophisch, politisch und literarisch meisterhafte Rede zu Themen wie Freiheit, Gefangenschaft und Sicherheit zeigt im Vergleich die Bescheidenheit des Bärfuss'schen Elaborats erst recht schroff auf.

Wo der gelassene Dürrenmatt nämlich in grossen Zügen und auch mit etwas Schalk die zeitlose Ambivalenz zwischen individueller Freiheit, kollektiver Regelung und sozialer Kontrolle in verschiedenen Systemen darlegt, verbeisst und verheddert sich der Thuner Wut-Autor Bärfuss in den direktdemokratisch gebremsten Hickhack helvetischer Politik.

Wo der weltberühmte Dürrenmatt differenziert die herrschenden Gesichtspunkte als Gesichtspunkte der Herrschenden (im Fichen-Staat) entlarvt, beschimpft der eher regional bekannte Bärfuss die ganze Bevölkerung ohne Reflexion der Machtverhältnisse generell als «Volk von Zwergen». (Was neudeutsch bei einem politisch korrekten Dichter ohnehin «ein Volk von Kleinwüchsigen» heissen müsste.) Aber egal: Dürrenmatts Rede zeigt schonungslos auf, wo literarisch damals Riesen am Werke waren – und wo heute eher publizistische Zwerge billige Provokationen probieren.

Aus «Klonen» wurden «Zwerge»

Pauschale Publikumsbeschimpfung ist von Bärfuss zudem nicht neu: Vor fast genau 10 Jahren ist er schon ganz ähnlich gegen die Schweiz und die Schweizer vom Leder gezogen. Damals noch in eben jenem «Tagi-Magazin»: In dessen Ausgabe vom 11. Juni 2005 war für ihn die Schweiz zwar noch nicht «wahnsinnig», aber doch schon ein wenig «verrückt». Für ihn auch so schlimm genug: «Wir bewegen uns als langweilige Klone, in Beruf, Stand und Status einer wie der andere, autistisch durch die Welt», schrieb Bärfuss 2005. Und: «Kein Wunder verblöden wir.»

Der Text, der die Schweiz in einem abgelegenen «Basislager» sieht, aus dem es Fluchtrouten zu suchen gilt, trägt in seiner Autorenzeile auch noch die Namen Martin Heller und Kurt Imhof. Mag sein, dass darum die Lage da noch nicht so hoffnungslos war und weniger ernst als heute. Es gab in diesem Text jedenfalls noch «Visionen». Als «Lösung» etwa den «schweizerischen Institutionenpatriotismus». Dieser verweise stolz auf «die real existierende unbürokratische Staatsbürokratie». Die ebenso gut sei, «wie die republikanische Volksschule, wie die beste Post, die besten Eisenbahnen, die direkte Demokratie, die Bürgerrechte, der Föderalismus, die Verfassung». Fehlt fast nur Ueli Maurers «beste Armee».

Dafür rühmt das Autoren-Trio: «Gut sind auch die Sozialversicherungen, die AHV und das Gesundheitswesen.» Kurzum: «Dies alles ist der Kern einer besseren Schweiz, und diese Schweiz misst sich an allen möglichen Kriterien und Ländern und erfindet sich dabei selbst.» Auch international: «Die guten Dienste glänzen in ganz und gar neuem Licht», steht da als Vision. Und: «Die Schweiz entdeckt sich keck als Hüterin des Völkerrechts, erhebt selbstbewusst Ansprüche und findet zurück in die Welt.»

Beschimpfung als Bumerang

Genau, wird da mancher Schweizer heute denken: Unser Aussenministerium hat unter Micheline Calmy-Rey (SP) und nun Didier Burkhalter (FDP) die Schweiz wieder als verlässlichen und unverdächtig-unabhängigen weil neutralen Vermittler weltweit profiliert – im Konflikt zwischen Armeniern und Türken, zwischen den USA und dem Iran, sowie in der Ukraine – um nur die wichtigsten zu nennen.

Nicht für Bärfuss: Zehn Jahre später ist für ihn die Schweiz nur noch schlimm und übel. Die direkte Demokratie habe «den nationalen Karren in den Dreck gefahren». Das Land habe «nichts mehr zu sagen». Es sei nicht mal bei den Verhandlungen über das Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU (TTIP) mit dabei. So jammert er. (Zum Glück auch, dürfte man zum letzten Punkt sagen, wer weiss, was da in aller Heimlichkeit geplant wird.) Dass bei den Verhandlungen über das nicht minder wichtige und ebenso verheerende Tisa-Abkommen die Schweiz in Genf leider mit dabei und sogar indirekt Gaststaat ist, weiss Bärfuss nicht – oder er verschweigt es.

So oder so fällt da seine harsche Kritik an den Medien, auf den erbosten Schriftsteller zurück. Wie erst recht bei seiner Medienschelte, wer genau die Defizite der «BaslerZeitung» decke, habe «nie jemand recherchiert». Man genüge sich mit «den notorischen Lügen der Beteiligten». Beides falsch: Dass Blocher die Defizite deckt, ist längstens recherchiert und publiziert. Er hat selber eingeräumt, dass er die Übernahme «sämtlicher Verbindlichkeiten» der früheren «BaZ» schriftlich zugesichert habe. Seit er das unterschrieben habe, zahle er sich dumm und dämlich, soll Blocher gar geklagt haben. Die Ausfinanzierung der früheren «BaZ»-Pensionskasse auf 100 Prozent etwa kostete ihn fast 20 Millionen Franken. Auch das ist längst recherchiert und publiziert.

Dürrenmatt lesen, Bärfuss lassen

Jemanden, der so schludrig mit Fakten umgeht und gleichzeitig mit Verbalinjurien wie «notorische Lügen» oder «Faschismus» und «Extremismus» um sich schlägt, sollte man nicht mit dem stets präzisen, oft schalkhaft ironischen aber nie gehässigen Dürrenmatt vergleichen – der zudem weise genug war, sich als «begeisterten Kleinstaatler» zu bezeichnen. Nein: Diese Beleidigung hat der weltberühmte Berner nicht verdient. Dürrenmatt zu lesen (und zu hören), lohnt sich immer wieder. Vor allem auch seine «Stoffe». Oder das «Durcheinandertal». Dass das «Magazin» die «Gefängnis-Rede» nun nochmals publiziert hat, dafür sei ihm hiermit herzlich gedankt.

Auf Bärfuss kann man hingegen gut verzichten. Und sollte man ihn jedenfalls weniger ernst und wichtig nehmen, als er sich selber. Im Unterschied zu seinem kollektiv verfassten, pfiffigen «Magazin»-Text von 2005 ist seine neuste Fundamental-Kritik an der Schweiz nämlich nur noch verbittert und verbissen. Schon 2005 hatte er indes geschrieben: «Unlustig zelebrieren die Intellektuellen ihre Ton- und die Kulturschaffenden ihre Witzlosigkeit.» Wem sagten Sie das, Herr Bärfuss?

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Dürrenmatts Rede für Vaclav Havel (YouTube-Video)

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

«Im Gefängnis. Eingesperrt. Selber.» (Infosperber vom 1. November 2015)

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5 Meinungen

Das Problem von Bärfuss ist nicht nur eine Bärfuss-Angelegenheit, sondern betrifft fast alle, die heute als Autoren und Publizisten sich direkt oder indirekt auf Dürrenmatt berufen. Selbst wenn ich Irrtümer von D. kritisiere, komme ich mir höchst kleinkariert vor. Was von Matt sagte, man müsse es genau lesen, ist eine Banalität. Vor ein paar Wochen fiel mir hier auf, als @Fritsche und ich die sensationelle Erzählung «Der Versuch» ganz unterschiedlich verstanden, ev. Fritsche genauer als ich: Das Wichtigste ist, was beim Lesen in einem selber passiert.

Wir müssen nun aber vor Dürrenmatt auch nicht auf dem Bauch liegen. Jenseits des Gestus von Bärfuss gibt es unter den Lebenden noch leisere Stimmen, etwa E.Y. Meyer mit seinen beiden Romanstudien über die Jahrtausendwende oder Klaus Merz, wie Hohler kürzlich 70 geworden, eine leise, keineswegs rechthaberische und doch relevante Stimme. Als er sich neulich in seinem Heimatkanton Aargau wegen dem metaphorischen Wahlkampf «König» oder «Knecht» eher behutsam in den Ständeratswahlkampf einmischte, wurde er bereits mit Bärfuss in den gleichen Topf geworfen, wiewohl der Unterschied nicht grösser hätte sein können. Hier vermerkt man eine «Nebenwirkung» von Bärfuss auf die ganze Gilde, wiewohl der primitivere Teil des entsprechenden Bashings ausgeblendet werden kann. Übrigens noch mehr ernst genommen als Dürrenmatt, durchaus im Sinn von Umstrittenheit, wurde vor 100 Jahren Carl Spitteler. Das maximale Gegenteil eines Polit-Clowns.
Pirmin Meier, am 04. November 2015 um 12:51 Uhr
Danke, Herr Ramseyer, dies ist auch weitgehend meine Meinung.
Ich würde den Selbstdarsteller Bärfuss ja auch gerne ignorieren. Nur ist es leider so, dass er mit Hilfe seiner drögen Aussagen vom hiesigen Boulevard aus der provinziellen Bedeutungslosigkeit ins nationale Rampenlicht gehievt wurde.
Ich habe mir aus noch nicht restlos geklärten Gründen das Schawinski-Interview angetan; und zum ersten Mal empfand ich Roschee als bescheidenen Gesprächspartner. Das kommt so selten vor, dass ich es als die Regel bestätigende Ausnahme taxiere. Auf der anderen Seite glaube ich, Lukas Bärfuss als Glühwürmchen mit Anspruch auf Flutlicht zu erkennen. Wir sehen ihn, weil die Dunkelheit um ihn so gross ist.
Dass wir ihm eine Bühne liefern, sollte uns zu denken geben. Immerhin.
Renato Stiefenhofer, am 04. November 2015 um 20:48 Uhr
Ich kann gerne auf belehrende Artikel des Herrn Ramseyer verzichten. Er tut nämlich dasselbe wie Peter von Matt, den er hier kritisiert: Ramseyer sagt uns, was wir von Dürrenmatt, Bärfuss 1 (damals) und Bärfuss 2 (heute) halten sollen. Dass der Ton von Bärfuss beleidigend ist, liegt in der Natur der Sache. Es ist ein Skandal, wie hierzulande unter den Tisch gewischt wird, dass die einflussreichen Medien gekauft sind und auf den Onlineportalen mit Schreibwerkstätten Propaganda betreiben. Daher ist der Streit um die literarische Qualität des Textes und der Vergleich mit Dürrenmatt nur ein Vorwand, um davon abzulenken, dass wir tatsächlich auf gutem Wege dahin sind, wo sich etwa die Pegida-Bewegung in Deutschland bereits befindet. Der von der SVP inspirierte Antiintellektualismus der proletarisierten Öffentlichkeit und der Journalisten, die ihrem Vorbild Weltwoche folgen, und der Neofeudalismus, der in Zeitungen schöngeredet wird, die zynisch einen Rechtsrutsch leugnen, sind das Mittel dazu.

Es ist auffällig genug, dass ein in derselben Woche erschienener Text mit ähnlicher Stossrichtung nicht dieselbe Gehässigkeit ausgelöst hat wie Bärfuss. Er stammt von Rudolf Strahm und kritisiert ebenfalls den Rechtsrutsch (bzw. die totale Politisierung) der Medien. Aber Bärfuss wird ja gerne als Intellektueller betitelt, nur damit man ihn umso wirkungsvoller runtermachen kann. Für den demokratischen Diskurs ist das ein Armutszeugnis und eine Kapitulation.
Thomas Läubli, am 06. November 2015 um 22:58 Uhr
Ob es Vermessenheit oder Ignoranz ist, wenn man in einem Atemzug Bärfuss und Dürrenmatt benennt? Gassen- und Fäkalsprache liessen mich Bärfuss Koala mit Schaudern aus meiner Bibliothek verbannen; obendrein hätte ich ihn in meiner Bibliothek gleich nach Dirk Baeckers Büchlein «Wozu Kultur» einreihen müssen.
Vielleicht hat B. auch entdeckt, dass er sein offensichtlich mangelhaftes literarisches Talent, mit deftigen Pamphleten wettmachen kann, oder doch zumindest gehörig Aufmerksamkeit erreicht.
Hermann K.J. Fritsche, am 08. November 2015 um 16:29 Uhr
Obacht! Jetzt in den Kinos: «Dürrenmatt - eine Liebesgeschichte». Sehr schöner und aufschlussreicher Dokfilm. Schauen gehen! N. Ramseyer
Niklaus Ramseyer, am 09. November 2015 um 09:55 Uhr

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