Türkische Bombenangriffe auf Verbündete der USA: Im «Tages-Anzeiger» nur eine kleine Meldung © tamedia

Russland «bombardiert», die Türkei «interveniert»

Urs P. Gasche / 15. Feb 2016 - Die Türkei greift syrische Kurden an, die zu den erfolgreichsten Bekämpfern des IS gehören. Doch die Medien spielen es herunter.

Mit Recht haben unsere Medien angeprangert, dass Russland mit Bombardierungen von Stadtteilen viele Zivilisten treffen, und dass es Russland weniger auf die IS abgesehen hat als auf andere bewaffnete Gruppen, welche das Regime von Präsident Assad bekämpfen.

«Moskau bombardiert weiter», meldete SRF. Der Berner «Bund» berichtete, dass «die Russen geschundene, von der Opposition gehaltene Städte sturmreif bombardieren». 200 Bomben hätten sie allein auf Aleppo abgeworfen.

Wie viele Bomben die USA und ihre «Willigen» ihrerseits mit Flugzeugen und Drohnen abgeworfen haben, und wie viele Zivilisten dabei getötet und verletzt wurden, darüber haben unsere Medien nicht im Detail informiert. Der Sprecher des Deutschen Auswärtigen Amtes, Sebastian Fischer, meinte dazu am 12.2.2016: «Meinen Sie etwa, die Luftangriffe der internationalen Koalition seien das Gleiche wie die Luftangriffe der Russen?»

Syrische Kurden sind Verbündete der USA

Übers letzte Wochenende begann die Türkei, grössere, von syrischen Kurden eroberte Gebiete in Syrien von türkischem Territorium aus zu beschiessen und bombardieren. Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten in Syrien (YPG) gehören zu den erfolgreichsten Kämpfern gegen den IS. Die USA unterstützen die YPG mit Waffen und Logistik.

Arnold Hottinger, langjähriger Nahost-Korrespondent der NZZ, schreibt im «Journal21»: «Für die Amerikaner sind die Kurden in Syrien wichtige Partner. Vor allem deshalb, weil es wenige syrische Armee-Einheiten gibt, die gegen den IS energisch vorgehen, und weil die USA keine eigenen Bodentruppen einsetzen wollen

Was jetzt im Klartext geschieht:

Das Nato-Land Türkei bombardiert Kampfgruppen, die das führende Nato-Land USA als Verbündete betrachtet.

Die Medien behandeln die Türkei ganz anders

Unsere grossen Medien aber glänzten mit Zurückhaltung.

Der Berner «Bund» schwieg am Montag 15. Februar und informierte über die türkischen Bombardierungen mit keiner Zeile. Ebenso wenig der «Blick», der die Russen mit grossen Titeln wie «Putin bombt weiter» (zu Recht) angeprangert hatte.

Der «Tages-Anzeiger», der vom «russischen Bombenteppich» schrieb, informierte nur mit einer kleinen Meldung «Türkei: Armee greift Kurden im Norden Syriens an» (siehe Seitenausschnitt oben).

Weitere Titel vom 15 Februar 2016:

  • SRF-online: «Türkei will syrische Kurden weiter attackieren»
  • SRF-Tagesschau: «Die Türkei greift in Syrien militärisch ein, um im Norden des Nachbarlandes die Kurden zu stoppen»
  • SRF-Tagesschau schreibt von «Offensive». Das tönt sogar positiv. Die Russen hingegen «bombardieren» (Bild SRF)

  • NZZ: «Die türkische Armee interveniert in Syrien».
  • Südostschweiz «Gefährliche Eskalation im Norden von Aleppo»
  • SDA (in mehreren Regionalzeitungen): «Blutiges Kräftemessen in der Provinz Aleppo»

«Kräftemessen», «Intervention», «Eingreifen» oder im besten Fall «Attacke».

Kein Wort in den Titeln von «Bombardierungen», «Erdogan beschiesst» oder «Nato-Land gegen Nato-Verbündete». Kein Wort in den Meldungen über allfällige Opfer unter der geschundenen Zivilbevölkerung.

Die Türkei hatte viele IS-Kämpfer nach Syrien und in den Irak einreisen lassen und finanzierte den IS mit dem Kauf von Öl. Jetzt bombardiert Erdogan die erfolgreichsten Kämpfer gegen den IS, weil es Kurden sind und er das Entstehen eines kurdischen Teilstaats jenseits der türkischen Grenzen mit allen Mitteln bekämpft.

Muss diese Politik eines Nato-Staates und eines Verbündeten des Westens nicht ebenso grosse Schlagzeilen und scharfe Kommentare auslösen wie die Machtpolitik Russlands?

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2 Meinungen

Da erfüllt Infosperber wirklich eine sehr wichtige Aufgabe. Mir wurde jedenfalls erst jetzt bewusst, wie einseitig die Berichterstattung über dieses Thema ist. Danke fürs Augenöffnen.
Ueli Custer, am 16. Februar 2016 um 11:44 Uhr
Der Türkische Quasi-Diktator hatte doch versprochen zurück zu treten, falls sein Sohn wirklich in die Geschäfte mit Syrischem Öl verwickelt sei. Die Fakten sind doch klar?! Ist dieser Herrscher so vergesslich?
Urs Lachenmeier, am 19. Februar 2016 um 11:46 Uhr

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