Slogan der «Washington Post»: «Democracy dies in darkness» (Demokratie stirbt in der Dunkelheit) © -

Slogan der «Washington Post»: «Democracy dies in darkness» (Demokratie stirbt in der Dunkelheit)

Hilft Trump dem US-Journalismus aus seiner Krise?

Roman Berger / 14. Jul 2018 - Die Wahl Donald Trumps zeigt: Die amerikanische Medienkrise ist eine Demokratiekrise. Es braucht also mehr als eine Medienreform.

Es ist ein winziger Raum mit 49 Stühlen, wo der Sprecher des Weissen Hauses die Presse informiert. Ich war stolz, als ich vor vielen Jahren die Akkreditierung als Weiss-Haus Journalist erhalten hatte. Rasch hatte ich verstanden, dass man als Korrespondent einer Schweizer Zeitung (1) keine Chance hatte, eine Frage zu stellen. Hat sich seither im Briefing Room des Weissen Hauses etwas geändert? Die Washington-Korrespondentin des Deuschlandradios stellte in einem Bericht Folgendes fest: «Im Briefing Room treffen sich mehrmals wöchentlich diejenigen, die was sagen könnten, aber nichts sagen wollen, mit denen, die Fragen haben, aber wissen, dass die meisten unbeantwortet bleiben werden. Das war schon immer so…»

«Schlecht für die Demokratie»

Seitdem Donald Trump das höchste Staatsamt übernommen hat, zeigt sich noch deutlicher, was bei den amerikanischen Medien falsch läuft. Die grossen US-Blätter hatten in den letzten Jahren aus finanziellen Gründen die Reporterteams, die draussen in den Strassen ihre Storys recherchierten, massiv reduziert. Klartext spricht Jeffrey Herbst, ehemaliger Direktor des Newseums in Washington DC: «Wer berichtet denn noch aus dem ländlichen Gebieten? Wer berichtet aus dem mittelgrossen Städten, aus den Hauptstädten der Bundesländer? Dieser Journalismus befindet sich im Niedergang und das ist schlecht für die Demokratie.»

Den Abbau dieses für die Demokratie so wichtigen Journalismus hat Kirk Douglas persönlich erlebt. Er ist Korrespondent der «New York Times» in Denver (Colorado): «Als ich meinen Posten 2004 antrat, hatten alle grossen Zeitungen Korrespondenten in Denver. Die Wirtschaftskrise von 2008 machte dem ein Ende. Während des Parteitags der Demokratischen Partei in Denver (2008) hatten die gleichen Zeitungen Korrespondenten eingeflogen,» berichtet Douglas. Vor allem die Features rund um die Versammlung seien voll von Clichés gewesen. «Man spürte», so Douglas, «dass die eingeflogenen Berichterstatter mit Denver nicht vertraut waren.»

Von den grossen US-Medien übersehen

Jack Shafer, der für das Magazin «Politico» über Medien schreibt, meint: «Reporter können in eine Kohlenmine der Appalachen einfliegen oder die Rednecks (Bezeichnung für arme, weisse Landarbeiter) besuchen, die Donald Trump gewählt haben. Aber diese Journalisten, die in den Grossstädten an den Küsten leben, können die wirklichen Gefühle des provinziellen Amerikas nicht spüren. Sie sind nicht in der Lage, aus ihren «Coastal Media Bubbles» (Küstenmedienblasen) auszubrechen.» Dieses Amerika, das Trump gewählt hat und weiter unterstützt, wurde von den grossen US-Medien übersehen.

Stark ausgebaut wurde der Online-Journalismus. Tatsächlich schufen Online-Zeitungen und -Magazine neue Jobs im US-Medienwesen: Innerhalb von zehn Jahren wuchsen sie von 77‘900 (2007) auf 206‘700 (2017). Die Online-Journalisten sitzen aber in abgeschlossenen, klimatisierten News Rooms, die sie kaum verlassen (2). Bei der Wahl von Trump wirkte sich die Medienkrise erstmals politisch aus, eine für den amerikanischen Journalismus bittere Erfahrung.

Michael Werz, der für die Denkfabrik «Center for American Progress» in Washington DC zu Medienfragen forscht, ist heute vorsichtig optimistisch. Werz glaubt, die Wahl von Donald Trump sei für den Journalismus ein traumatischer Moment gewesen. Es gebe nun aber in der Öffentlichkeit ein neues Bewusstsein für den Stellenwert von gutem Journalismus.

Warnung vor der Dunkelheit

Darauf hat die «Washington Post» reagiert. Auf der Frontseite der Zeitung heisst es nun: «Democracy dies in darkness» (Demokratie stirbt in der Dunkelheit). Der neue Slogan der «Washington Post» ist ein starkes Anti-Trump Statement. Der US-Journalismus befindet sich in einem Land, das einen Präsidenten hat, der den Medien den Krieg erklärt, faktisch richtige Berichterstattung als Fake-News bezeichnet. Die Journalisten sehen sich in der post-faktischen Trump-Aera als eine der letzten Verteidigungslinien von Freiheit und Demokratie. Gleichzeitig steigen aber die Abo-Zahlen der grossen Qualitätsmedien, die sich kritisch mit Donald Trump auseinandersetzen. Es braucht also die aktive Einflussnahme von Bürgerinnen und Bürger, um Demokratie am Leben zu erhalten.

Seit dem Präsidentschaftswahlkampf von 2016 spricht man vom sogenannten «Fly over Country». Gemeint ist jener Landstrich zwischen den Küsten, über den man immer nur hinwegfliegt und den man nicht kennt. Die Wahl von Trump hat nun aber dazu geführt, dass Medien wie die «Washington Post», «Politico» oder «National Public Radio» ihre Berichterstattung im «Fly over Country» verstärken wollen. Eine neue amerikanische Initiative, die sich «Report for America» nennt, will Journalisten in die Provinz schicken mit dem Ziel, die Demokratie zu retten (3).

«Extreme Kommerzialisierung»

Es braucht aber mehr. Victor Pickard, ein bekannter, an der Pennsylvania Universität lehrender amerikanischer Medienexperte, sieht die «extreme Kommerzialisierung» als grösste Herausforderung für den amerikanischen Journalismus: «Die Informationsflüsse für fast 300 Millionen Amerikaner werden nur noch von fünf Megakonzernen kontrolliert, die nach aussen zwar als Konkurrenten auftreten, aber untereinander über Verwaltungsräte und zahlreiche Joint Ventures eng miteinander verbunden sind.» Pickard fordert eine De-Kommerzialisierung des amerikanischen Mediensystems: «Die Monopole müssen aufgebrochen werden, um weitere Konzentrationen im Medienwesen zu verhindern.»

«De-Kommerzialisierung» stellt aber auch die Frage nach der Finanzierung eines Mediensystems. Schon die Gründerväter der USA waren sich bewusst, dass die Demokratie nur dank einer informierten Gesellschaft überleben kann. Sie verstanden, dass es nicht genügt, wenn die Verfassung die Presse- und Meinungsfreiheit garantiert. Die Gründerväter veranlassten, dass Zeitungen ohne Postgebühren und mit subventionierten Druckkosten bis in den hintersten Winkel des Landes gelangten. Dank diesen staatlichen Subventionen konnten es sich viele Amerikaner damals leisten, Zeitungen und Zeitschriften mit nationaler Verbreitung zu abonnieren. Die amerikanische Post sorgte dafür, dass Amerika zu einer Nation zusammenwuchs (4).

Erst Ende des 19.Jahrhunderts begann die Werbung, den Journalismus zu finanzieren. Und damals entstand die Vorstellung, der Markt werde nun genügend Mittel für einen guten Journalismus in einer freien Gesellschaft zur Verfügung stellen. Aber Journalismus allein war nie ein Geschäft, er wurde immer von der Werbung finanziert. Das zeigte sich, als die Werbung die Zeitungen aufgab. Heute fliesst ein Grossteil der Werbemittel zu Google und Facebook. Sie profitieren von den Perlen des Informationsjournalismus, ohne diese mitzufinanzieren. Pickard fordert deshalb, die globalen Techgiganten müssten sich an der Finanzierung des Mediensystems beteiligen.

«Immer mehr Medien aber immer weniger Auswahl»

In den USA haben mindestens 25 Prozent der Bevölkerung keinen Zugang zum schnellen Internet (Digital Divide). Davon betroffen sind vor allem die Minderheiten, die arme Bevölkerung. Wenig thematisiert wird der «News Divide»: Eine gut informierte, privilegierte Elite steht einem wachsenden Bevölkerungsanteil gegenüber, der nicht mehr zur informierten Gesellschaft gehört. Diese Problematik haben amerikanische Medienexperten so formuliert: Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung sei «overnewsed but underinformed». Das gleiche Dilemma hat der US-Kolumnist William Safire mit folgenden Worten beschrieben: «Wir haben immer mehr Medienkanäle, aber immer mehr Einheitsbrei und weniger Auswahl.»

Der an der Universität Illinois lehrende Kommunikationsexperte Robert W. McChesney ist deshalb überzeugt: «Der Kampf um die Information für alle ist die entscheidende Schlacht. Ziel einer Medienreform muss sein, alle Bürger mit der für das Überleben der Demokratie notwendigen Information zu versorgen. Die ganze Gesellschaft hat ein Recht auf Kommunikation.»

McChesney glaubt, die Pressekonzentration sei nicht unvermeidbar sondern eine Folge politischer Entscheidungen, die korrigiert werden könnten. McChesney macht sich aber keine Illusionen. Im politischen Kontext von heute seien solche Korrekturen unmöglich. Als Kronzeugen für seine These zitiert er Ex-Präsident Jimmy Carter: «In den USA gibt es keine funktionierende Demokratie mehr». Eine Medienreform ist ohne Demokratiereform nicht möglich. Oder anders formuliert: Die Medienkrise ist, wie die Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten gezeigt hat, auch eine Demokratiekrise. Es braucht also mehr als eine Medienreform.

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FUSSNOTEN:

(1) Roman Berger war 1976 - 1982 USA-Korrespondent des «Tages Anzeigers»

(2) Gefangen in den Newsrooms, «Infosperber», 19.November 2016.

(3) «Neue Zürcher Zeitung», 30. Juni 2018

(4) «The Death and Life of American Journalism», Robert W. McChesney, John Nichols. S. 123 – 127. Nation Books. 2010

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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Eine Meinung

Wer zwei bis drei Jobs haben muss, wird kaum mehr die Zeit und Energie haben, die es braucht, um mehrere Informationsquellen anzuzapfen, die's in den Staaten sehr wohl gibt, die aber nur innerhalb ihrer Klienten-Blasen konsumiert werden.

Wer dann einen Fernsehsender schaut, der sich als Nachrichtensender gibt, der aber nur als Unterhaltungssender registriert ist, wird gezielt DESinformiert und dazu noch laufend indoktriniert, indem dort erklärt wird, dass alles, was nicht von ihnen kommt, gelogen ist. Da muss es einen nicht wundern, dass die Menschen sich nicht mehr wirklich informieren.
Marianne Mäder, am 15. Juli 2018 um 09:10 Uhr

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