Gehirnwindungen über den Spermien-Notstand

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Red. / 12. Okt 2018 - Die NZZ holt gerne emeritierte Professoren aus der Versenkung, um ihrer ideologischen Position Wissenschaftlichkeit zu verleihen.

Bei einem neuen Beispiel über die «Männerdämmerung» und den «Niedergang der maskulinen Fertilität» geht es für einmal weniger um Ideologie als um das Lächerlichmachen eines ernsthaften Problems.

Gastautor ist der 74jährige Manfred Schneider. Er war Professor für «Neugermanistik, Ästhetik und literarische Medien» an der Ruhr-Universität Bochum.

Also ein wahrhaftiger Spezialist auf dem Gebiet der Spermien.

Zuerst zitiert er in der NZZ vom 4. Oktober eine Fachzeitschrift, wonach die Zahl der Spermien in den Industriestaaten zwischen 1973 und 2011 um genau 52,4 Prozent zurückgegangen sei. Er vergisst nicht zu erwähnen, dass «auch die Beweglichkeit, welche die Samenzellen auf ihrer langen Wanderung zu einer fruchtbaren Eizelle benötigen, nachlässt».

Schneider zählt etwas belustigt auf, was bisher als Ursachen alles ausgemacht worden seien: «Nikotin, Alkohol, Umweltgifte, hormonbelastete Speisen, enge Hosen, heisse Whirlpools ... oder Mobiltelefone in den Hosentaschen».

Schliesslich konsultiert er amerikanische Männerforen, die eine andere Erklärung hätten: «Die virile Leitkultur durch Emanzipation, Frauenbewegungen und zu viel Staat ... sei Gift für den Mann und sein männliches Produkt.»

Erhellt durch so viel Lektüre fragt der Neugermanist schliesslich: «Was mag die evolutionäre Vernunft dazu treiben, die Menge der Spermien so drastisch zu reduzieren?»

Dank dieser Frage gelangt Schneider zur Einsicht, man solle, «statt sich im Internet in Männerforen paranoisch einnebeln zu lassen, die alten Bücher des griechischen Arztes Hippokrates aufschlagen». In dessen «Säftelehre» sei dieser zum Schluss gekommen, dass «die Gehirnsubstanz den grössten Anteil zum feinen Schaumgemisch des Samens beisteuert».

Daraus folgert der NZZ-Gastautor zum Schluss scharfsinnig: «Die Natur, besorgt um die Menschenvernunft, geht dazu über, immer mehr (männliche) Hirnsubstanz zu retten.»

Vielleicht soll dieser Schluss andeuten, dass es sich beim Gastkommentar um eine Glosse handelte. Der Sperber allerdings hat diese letzte Gehirnwindung nicht verstanden, geschweige denn, sie lustig gefunden.

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