kontertext: Die Medien und die Despoten

Linda Stibler © cc
Linda Stibler / 20. Apr 2017 - Soll man sie verachten? Oder als Witzfiguren darstellen? Oder gar ignorieren?

Wir erleben es beinahe täglich. Wenn JournalistInnen dem russischen Präsidenten vorhalten, sein Umgang mit der Opposition sei undemokratisch, dann wird er postwendend zurückschlagen, die Medienleute in seinem eigenen Land mundtot machen und die ausländischen Medien der Verunglimpfung Russlands bezichtigen. Der amerikanische Präsident verhöhnt die Medienschaffenden in seinem Land pauschal als Dummköpfe und beschimpft sie als Lügner.

Und der türkische Präsident geht noch einen Schritt weiter: In seinem Land stehen alle Medien unter Generalverdacht. Medienschaffende, die Kritik üben – und sei es auch die leiseste –, verschwinden im Gefängnis. Darüber hinaus jedoch versucht er, auch ausländische JournalistInnen zu verfolgen und mit gerichtlichen Klagen in ihren eigenen Ländern einzudecken.

Man kann sich jetzt überlegen, warum diese Despoten so agieren. Glauben sie tatsächlich an das, was sie sagen? Oder geht es ihnen vielmehr darum, die Aufmerksamkeit von ihren Untaten abzulenken? Oder ist es ein simpler Propagandatrick? Hauptsache man bleibt in den Schlagzeilen – auch negative sind dafür willkommen.

Und das Paradoxe: die Medien bedienen diese Erwartungen. Es wäre jetzt absurd, sie zu beschuldigen, sie würden das Spiel antreiben. Aber es ist an der Zeit, diese Mechanismen zu hinterfragen.

Natürlich gibt es nicht «die Medien». Und längst nicht alle sind unabhängig und können ihre Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit wahrnehmen, wie man von ihnen eigentlich erwarten müsste. Die Medienlandschaft hat sich in den letzten 25 Jahren stark verändert – weg von der vielfältigen Meinungspresse (die in ihrer Parteilichkeit zumindest noch identifizierbar war), hin zu den Boulevardmedien, Gratisblättern, zu privaten Radiostationen und Fernsehanstalten, die meisten profitorientiert, die meisten privat finanziert und auf Werbung ausgerichtet. Ganze Medienimperien entstanden, die möglichst viele Verbreitungsarten erfassen. Sie werden nicht alleine des Profites wegen betrieben, sondern auch, um politischen Einfluss zu gewinnen. Dank dem hohen finanziellen Einsatz – sprich Investitionen – und der totalen Abhängigkeit von Werbung können sich diese Medien auf den Massenkonsum ausrichten, sie diktieren die Themen, denen sich die unabhängigen Medien kaum entziehen können oder wollen. Alle hasten sie nach Aufmerksamkeit, nach Leserzahlen, Einschaltquoten, im Glauben, dass der Mainstream der einzig gültige Massstab ihrer Arbeit sei. Die Haupttriebfeder dieses Konkurrenzkampfes ist die Jagd nach Sensationen, nach Unerhörtem.

In diesem Spiel müssen jene, die gehört werden wollen, möglichst laut schreien, unter Umständen möglichst simpel und manchmal auch unflätig sein. Das gilt nicht nur für PolitikerInnen, sondern für alle Akteure in der Öffentlichkeit.

Das gilt mittlerweilen auch in den sozialen Medien, die eigentlich unglaubliche Möglichkeiten zu einer differenzierten öffentlichen Debatte bieten würden. Aber auch hier hat sich das Muster eingespielt: Wer laut und möglichst unanständig ist, wird beachtet. Und das natürlich immer im Zusammenhang mit den Plattformen, die ebenso kommerziell sind und mit den Klicks Werbung generieren und Geld verdienen.

Und so hat sich eine Art neue Kultur gebildet – man nennt sie Populismus – die nur auf die vordergründigen Impulse eines imaginären Volkes abzielt, ohne seine demokratischen Bedürfnisse zu befriedigen. Diese Kultur – oder Unkultur – pfeift auf Respekt und Anstand, sie setzt auf Provokation und Behauptung. Sie zielt immer auf Personen und bedient die Wechselgefühle von Hass und Bewunderung.

Die Frage bleibt: Wollen das die Menschen – das angepeilte «Volk»? Oder ist es nur eine billige Ausrede für Kommerz und schlimmer noch: für Manipulation? In jüngster Zeit hat sich aber bei vielen Leuten ein Unwille oder gar ein Überdruss eingestellt, überhaupt noch Medieninformationen zur Kenntnis zu nehmen. Man weicht auf Sport, auf Kultur oder einfach auf Unterhaltung aus. Das hat verheerende Konsequenzen für die Demokratie.

Und damit zurück zu den Despoten: Wie war es möglich, dass hohe Politiker, Macht- und Würdenträger von einstmals angesehenen Ländern auf ein derart primitives Niveau gesunken sind?

Der Populismus, der sich der Medien als Verstärker bedient, erklärt einiges. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Der immer strenger angeheizte Konkurrenzkampf ist Ausdruck eines rücksichtslosen Wirtschaftens, das das Recht des Stärkeren an die oberste Stelle setzt. Und damit einher geht auch eine neue Hierarchisierung der Gesellschaft. Die Führerfiguren gewinnen wieder an Bedeutung. Ihre angeblich aussergewöhnlichen Fähigkeiten, die Zukunft eines Unternehmens erfolgreich zu gestalten, rechtfertigen Saläre in schwindelnder Höhe. Ihre Erfolgsversprechen gelten als sakrosankt und die Aktienkurse richten sich danach. Ob die Unternehmen dann tatsächlich erfolgreich sind, hängt aber noch von ganz anderen Faktoren ab. Ähnliches beobachtet man in der Politik: Spitzenpolitiker werden zu Führerfiguren hochstilisiert, die geradezu magische Fähigkeiten haben müssten, um ihre vollmundigen Wahlversprechen einzulösen. Meistens gelingt das nicht, aber medial sind sie dank dieser Hierarchiegläubigkeit omnipräsent und so gelingt es oft, die Macht trotzdem zu erhalten, wenn nötig mit undemokratischen Mitteln, und nicht selten mit Gewalt bis hin zu diktatorischer Grösse. Das ist umso beunruhigender, je bedeutender ein Land ist.

Wir leben in einer Zeit, in der sich solche Figuren häufen und ihre Auftritte geradezu groteske Formen annehmen und sie zur eigenen Karikatur werden lassen. Trotzdem ist es kein guter Rat, diese Entwicklung zu ignorieren. Diese Machtspiele sind gefährlich, denn sie sind oft auch gezielte Provokationen, die auf eine unbedachte oder gar gewalttätige Reaktion abzielen und Gewalt in den politischen Beziehungen antreiben können.

Medien müssen diese Realität abbilden, das ist ihre ureigenste Aufgabe. Doch nicht jeglicher tägliche Unsinn muss auch verbreitet werden. Es gilt vielmehr, die Erfahrungen, die die Menschen – dem Himmel sei‘s geklagt – im 20. Jahrhundert mit dem Faschismus gemacht haben, wieder in Erinnerung zu rufen. Es sind die Inhalte, die das faschistische Gedankengut entlarven: Mussolini versprach seinen Landsleuten, an das antike römische Imperium anzuknüpfen. «Rom wird zum dritten Mal in der Geschichte die Führung der menschlichen Zivilisation übernehmen.» «Deutschland über alles» war das Credo von Hitler. «America first» oder «Make America great again» reiht sich da bestens ein.

Es ist bezeichnend, dass diese Ideologen keinen Widerspruch dulden und alle, die nicht derselben Meinung sind, als Verräter oder äussere Feinde bezeichnen. Es ist auch nicht zufällig, dass alle jene, die dem Faschismus zuneigen, die andern als Faschisten bezeichnen – eine Beschwörungsformel, um die eigene Schande zu verbergen. Das müssten die Medien thematisieren und zudem vom Personenkult – auch vom negativen – Abstand nehmen. Ein Recep Tayyip Erdogan wäre bedeutungslos, wenn hinter ihm nicht ein Machtklüngel stehen würde, der weit über die Türkei hinausreicht. Auch Wladimir Putin stützt sich auf ein System von Wirtschafts- und Geldinteressen, deren Ausläufer bis zu uns reichen. Und Donald Trump ist kein Vertreter des amerikanischen Volkes, sondern höchstens der Superreichen, die er ohne Scham um sich schart und denen er die höchsten Ämter zuschiebt. Es ist ein weites Feld, das von den Medien bearbeitet werden muss: Die Zusammenhänge aufzeigen, die Verbindungen blosslegen, ohne sich vom bösartigen Vokabular dieser Herren ablenken zu lassen. Nur so gewinnt die Zeitungsleserin, der Zuhörer oder die Zuschauerin Überblick und erkennt die Lügen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Die Journalistin und Autorin Linda Stibler war über 40 Jahre in verschiedenen Medien tätig, unter anderem in der damaligen National-Zeitung, in der Basler AZ und bei Radio DRS (heute SRF).

  • Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Corina Lanfranchi, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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Eine Meinung

"Die Zusammenhänge aufzeigen, die Verbindungen blosslegen, ohne sich vom bösartigen Vokabular dieser Herren ablenken zu lassen...», schreiben Sie, Frau Stiebler. Jetzt müssten Sie nur noch sagen, wer solches Tun im heutigen Wirtschaftssystem finanziert. Ignorieren und Schweigen, das wäre beides gratis. Aber damit haben selbst «seriöse» Medien so ihr Problem.
Walter Schenk, am 24. April 2017 um 13:36 Uhr

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