Innere Medienfreiheit © His Master's Voice

Wenn Journalisten aufmerksam zuhören, welche Wünsche aus der Chefetage kommen...

Der Journalist und «His Master’s Voice»

Christian Müller / 17. Nov 2013 - Die wirtschaftliche Krise macht die Journalisten ängstlicher und die Medienhaus-Bosse stärker. Das muss im Auge behalten werden.

Interner Zoff auf Zeitungsredaktionen und in Medienhäusern: das gab es schon immer. Zum Glück. Solche Konflikte – kürzlich beim deutschen «Spiegel», noch nicht ganz ausgestanden, jetzt gerade beim TagesAnzeiger, siehe den Bericht auf Infosperber – leisten ungewollt immer auch einen Beitrag zur Transparenz. Und Transparenz in den Medienhäusern ist ebenso wichtig wie Transparenz in der Politik. Denn die Medienhäuser sind ja dazu da, die freie politische Debatte und Entscheidungsfindung in der Demokratie zu ermöglichen – nicht zuletzt aufgrund transparenter Einfluss- und Machtverhältnisse. Auch im eigenen Haus.

Doch davon sei hier nicht die Rede, sondern über einen anderen Punkt bei den Medien, der im Auge behalten werden muss: über die innere Pressefreiheit. Die formelle Presse- oder heute eben Medienfreiheit, die gesetzliche, ist nicht nur weltweit nicht gegeben, selbst innerhalb der EU gibt es massive Gefährdungen, zur Zeit vor allem in Ungarn. Erst recht aber ist die innere Medienfreiheit in Gefahr – deutlich mehr als noch vor ein paar Jahren. Vor allem natürlich aufgrund der zunehmenden Konzentration und Monopolisierung im Medienbereich.

Die Angst um den Arbeitsplatz reduziert den Mut zur eigenen Meinung

Die Medien-Häuser stecken – wer weiss es nicht? – in grossen wirtschaftlichen Schwierigkeiten: zum grossen Teil der massiven Rückgänge der Werbe-Erlöse wegen, zum andern Teil aber auch wegen der Gratis-Informationen im Internet, die den klassischen Zeitungen und Zeitschriften mehr und mehr Leserinnen und Leser abnehmen. So wurden in den letzten Jahren auf allen Zeitungsredaktionen die Personalbestände dramatisch reduziert und sogenannte Synergien geschaffen, die gutem Journalismus nicht besonders zuträglich sind. Auch in der Schweiz: Kein Arbeitsplatz ist mehr sicher. Und die Folge davon – wenn auch nicht die einzige: Die Neigung der festangestellten Journalistinnen und Journalisten, ihre Kommentare «erwartungsgemäss» zu schreiben, nimmt spürbar zu. Die sprichwörtliche Schere im Kopf, beim Schreiben eines Artikels oder Kommentars an die Chefetage zu denken und also der Erhaltung des Arbeitsplatzes zuliebe die geäusserte Meinung derjenigen des Bosses anzupassen, funktioniert wirksamer denn je. Auch wenn das selbstverständlich jeder Journalist und jede Redaktorin bestreiten würden. So ist man beim Lesen eines Kommentars nicht selten an jenes Platten-Label «His Master's Voice» erinnert, das der Vinylplatten-Epoche seinen Stempel aufdrückte. Siehe Bild oben...

Wenn Mathias Döpfner in die Tasten greift

Als im April 2012 der deutsche Autor Günter Grass das Gedicht «Was gesagt werden muss» veröffentlichte, in dem er Israels Kriegshetze gegen den Iran kritisierte, griff der oberste Chef des marktdominanten deutschen Medien-Konzerns Axel Springer AG persönlich in die Tasten und veröffentlichte einen eigenen Kommentar in der Bild-Zeitung: «Der braune Kern der Zwiebel». In Anspielung auf Günter Grass’ autobiografisches Buch «Beim Häuten der Zwiebel» warf der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner Grass eine braune Gesinnung vor (Infosperber berichtete). Frage: Welcher Journalist, welche Journalistin auf der Lohnliste des Springer-Konzerns hatte danach noch den Mut, das erwähnte Gedicht des Literatur-Nobelpreisträgers Grass lobend zu erwähnen – oder, schlimmer noch, inhaltlich ähnliche Kritik an der Politik Israels zu üben?

Nicht ganz zufällig zum gleichen politischen Thema äusserte sich gerade diese Woche auch der Herausgeber der – ansonsten hervorragenden – deutschen Wochenzeitung «Die Zeit», Josef Joffe, zum Nein der Franzosen bei den internationalen Gesprächen über die Reduktion der Sanktionen gegen den Iran in Genf – notabene auf der «Zeit»-Frontseite! Und natürlich, man kennt Joffe ja mittlerweile, lobt er die Franzosen für ihre Härte gegenüber dem Iran über den grünen Klee. Haben die Ausland-Redaktoren der «Zeit» nun noch den Mut, Iran etwas differenzierter zu beurteilen? Man wird sehen.

Auch in der Schweiz ein Thema

Wer aber sind die Meinungsmacher in den Schweizer Medien? Getrauen sich die Schweizer Journalisten noch, in ihren Kommentaren eine andere Meinung zu verkünden als die ihrer obersten Bosse?

Im Hause Ringier ist es längst kein Geheimnis mehr, dass die Meinungen im wahrsten Sinne des Wortes gemacht werden (Siehe «Wenn das nur gut geht»). Der TagesAnzeiger steht seit der Übernahme des Verwaltungsratspräsidiums durch Pietro Supino auf der Watchlist (siehe dazu den Infosperber-Bericht vom 14. November). Die NZZ in der Periode ihres gescheiterten Verwaltungsratspräsidenten Konrad Hummler hat Infosperber ebenfalls schon unter die Lupe genommen. Und bei der BaZ ist es eh klar, dass dort letztlich ein Politiker und Milliardär den politischen Kurs entscheidet – leider. Wie aber steht es bei der AZ Medien Gruppe, da, wo ebenfalls ein einzelner Mann die Aktienmehrheit hält?

Die Meinungsmacher der Nordwestschweiz

Ende Oktober haben die Tageszeitungen der AZ Medien Gruppe, jetzt «Die Nordwestschweiz» genannt, wie schon in den vergangenen drei Jahren eine mehrseitige Sonderbeilage herausgegeben: «Unsere 100 Meinungsmacher». Die involvierten Redaktionen haben 400 Kandidaten zusammengestellt, die Jury, bestehend aus den Chefredaktionen der involvierten Titel, wählte daraus die 100 Meinungsmacher des «Nordwestschweiz»-Einzugsgebietes aus. Ein kurzer Blick darauf lohnte sich:

  • 28 der 100 Meinungsmacher sind Politiker. Die Jury hat sich Mühe gegeben, die Parteien möglichst ausgeglichen zu berücksichtigen: 5 sind von der SVP, 5 von der CVP, 5 von der SP, 5 von den Grünen, aber 8 von der FDP (inkl. LDP Basel). Warum ausgerechnet deutlich mehr von der FDP? Natürlich: Verleger Peter Wanner kandidierte zweimal für die FDP in den Nationalrat, und seine Frau Maja Wanner war 2001 bis 2012 für die FDP im Grossen Rat des Kantons Aargau. Und einer der 8, der Solothurner exRegierungsrat Christian Wanner, sitzt mittlerweile im publizistischen Ausschuss der AZ Medien Gruppe.

  • Wie aber ist es mit den Journalisten selbst, mit jenen, die fast täglich ihren Leserinnen und Lesern die Welt erklären? Mit Werner de Schepper? Mit Christian Dorer? Mit Gieri Cavelty? Unter den 100 Meinungsmachern des AZ-Medien-Einzugsgebietes, von Basel im Nordwesten bis Grenchen im Südwesten, von Schlieren ZH im Nordosten bis Sins im Freiamt im Südosten: kein Journalist gehört zu den 100 Meinungsmachern. Sich selbst auferlegte Bescheidenheit der Redaktoren und der Jury? Wahrscheinlich ja. Aber wo ist dann Peer Teuwsen, der verantwortliche Redaktor für den Schweizer Teil der – oben erwähnten – deutschen Wochenzeitung «Die Zeit»? Wo doch gerade er und seine beiden Kollegen Matthias Daum und Ralph Pöhner sich – weit ab von der deutschen Verlagszentrale in Hamburg – erfreulich oft erlauben, eine eigene Meinung zu haben? Peer Teuwsen wohnt in Ennetbaden und hat sein Büro in Baden, kaum 500m von der Chefetage der AZ Medien Gruppe entfernt (nur residiert Peter Wanner im BT-Hochhaus und Peer Teuwsen traktiert seinen PC in einem Altstadt-Büro...).

  • Präsent auf der Liste der 100 Meinungsmacher sind zwar keine Journalisten und keine Journalistinnen, wohl aber deren oberster Boss: Peter Wanner, Verleger und Mehrheitsaktionär der AZ Medien Gruppe. Soweit hat dann die Bescheidenheit der in der Jury versammelten Chefredaktoren doch nicht gereicht, auch ihren Brötchengeber nicht zu erwähnen. Und dass Peter Wanner im Kanton Aargau und darüber hinaus mitredet, vorab natürlich in den eigenen Medien und via die eigenen Medien, daran besteht ja auch kein Zweifel. Seine Platzierung unter den 100 Meinungsmachern ist insofern erstaunlich ehrlich und auch goldrichtig.

Wo Journalisten und Journalistinnen, Redaktorinnen und Redaktoren nicht mehr zu den (freien) Meinungsmachern gehören, die Besitzer der Medienunternehmen dagegen immer mehr, da ist Aufmerksamkeit angesagt. Die Presse- bzw. Medienfreiheit ist Voraussetzung und Basis der Demokratie. Zur Medienfreiheit gehören aber nicht nur die diese Freiheit garantierenden Gesetze, es gehört dazu auch die innere Medienfreiheit. Das Thema bleibt – auch in der Schweiz – interessant.

PS vom 18.11 2013: Kurz vor Mittag meldete Kressblitz, dass Peer Teuwsen ab Frühjahr 2014 die Redaktion der Regionalausgabe Hamburg der «Zeit» übernimmt. Schade, dass dieser Mann damit der Schweiz verloren geht! (cm)

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor war 25 Jahre Journalist und 20 Jahre Verlagsmanager in verschiedenen Medienhäusern.

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Springer deklariert sein Meinungsspektrum allerdings klar und konsumentInnenfreundlich:

Verlagsrichtlinien sind nach WIKIPEDIA D (Stichwort «Axel Springer AG"):

„1. Das unbedingte Eintreten für den freiheitlichen Rechtsstaat Deutschland ... Einigungsbemühungen ... Europas.
2. Das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes.
3. Die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika.
4. Die Ablehnung jeglicher Art von politischem Totalitarismus.
5. die Verteidigung der freien sozialen Marktwirtschaft.“

Punkt 2. wird sehr eng ausgelegt und impliziert eunuchische Enthaltsamkeit auch bei Kritik am STAAT Israel und seiner rechtsradikalen REGIMES. Eine Mehrheit der Haaretz-JournalistInnen hätte bei Springer keine Überlebenschancen. Die von Jerusalem Post eher.

Neu ist also eher eine implizite Annäherung der ANDEREN an die langjährigen expliziten Springer-Vorgaben.

Israel besitzt nach CIA-Quellen bis 600 Atomsprengköpfe (Atommacht Nr. 3) und seine Jericho-3 decken auch Europa in Erstschlagsqualität ab. Warum sich europäische Journalisten da nicht prioritär um eine atomwaffenreie Zone in und rund um diese Gegend kümmern, statt um die Gefahr einer Iranischen Atombombe ist wirklich einen Artikel wert.

Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 18. November 2013 um 15:29 Uhr

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