Lisa-Maria Neudert © Lisa Maria Neudert

Twitter-Account von Lisa-Maria Neudert

«Es gibt keine Smoking Gun»

Jutta Kramm / 22. Sep 2017 - Finale im deutschen Wahlkampf. Die Bilanz zum Bot-Einfluss von Propaganda-Forscherin Neudert – es war ruhig. Ein Gespräch.

Red. Die Wissenschaftlerin Lisa-Maria Neudert ist Expertin für politische Internet-Kommunikation, Manipulationen und Social Bots. Sie forscht an der Universität von Oxford, Grossbritannien, zum Thema Fake News, Social Bots und automatisierte Propaganda. Die Wissenschaftler des Oxford Internet Institutes wollen herausfinden, wie soziale Netzwerke und die Kommunikation im Netz die Politik sowie die politischen Diskurse verändern. Sie untersuchen Botaktivitäten in Wahlkämpfen in verschiedenen Ländern sowie die Verbreitung von Fake News, die sie inzwischen lieber Junk News – also Schrottnachrichten – nennen.

Am Dienstag haben die Wissenschaftler ihre jüngste Studie veröffentlicht: «Junk News and Bots during the German Parliamentary Election: What are German Voters Sharing over Twitter». Ihre Bilanz: Bots waren eher zurückhaltend. Aber das ist kein Grund zur Entwarnung. Das Gespräch mit Lisa-Maria Neudert, die den Bundestagswahlkampf beobachtet und ausgewertet hat, führte Jutta Kramm von «Correctiv».

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Jutta Kramm: Welche Rolle spielten Social Bots im Bundestagswahlkampf und für wen arbeiten die Bots?

Lisa-Maria Neudert: Wir haben uns Tweets und Hashtags vom 1. bis zum 10. September angeschaut. Insgesamt wurden eine Million Tweets gesammelt und ausgewertet. Die AfD ist sehr stark vertreten. Sie hat über 30 Prozent des Traffics verursacht. Der Traffic zur AfD war sogar höher als der zu allgemeinen politischen Themen, zum Beispiel die mit dem Hashtag #btw17. Das ist sehr viel. Aber: Auf die Frage, ob das Bots sind, die die AfD-Themen verbreiten, antworten wir eher mit Nein. Wir haben 92 Bot-Accounts von 150‘000 Unique-Usern gefunden. Ungefähr 7,4 Prozent des gesamten Traffics waren automatisiert. Und da wir das Ganze gesondert für die einzelnen Parteien angeschaut haben, konnten wir feststellen, dass die AfD am stärksten amplifiziert war: Bei ihr waren es etwa 15 Prozent des Traffics.

92 Accounts – das ist nicht gerade viel.

Das stimmt. Es ist eine geringe Anzahl, vor allem, wenn man es mit den USA oder Grossbritannien zu Zeiten der Brexit-Kampagne vergleicht. Da haben Bots zu gewissen Zeiten fast drei Viertel des gesamten Traffics kontrolliert. Und damit sind wir bei der zweiten grossen These: Ja, es gibt Bots in Deutschland und sie sorgen für Traffic. Aber im internationalen Vergleich spielen sie eher eine geringe Rolle.

Keine Kontrolle von Bots in geheimen Gruppen

Warum ist das so? Zu Beginn des Wahljahres waren sich doch ganz viele Beobachter sicher: Das Thema Bots, die Falschmeldungen und Missinformationen verbreiten, wird eine grosse Rolle spielen. Deutschland wird das Spielfeld für Botangriffe in Europa sein.

Zum einen haben sich alle nach der grossen Debatte schnell darauf geeinigt und verpflichtet, keine Bots einzusetzen. Selbst die AfD hat das ja versprochen. Das Thema stand also schon früh auf der politischen Agenda. Das hat vielleicht eine gewisse Vorsicht hervorgerufen. Es wird definitiv darauf geachtet, ob Social Bots aktiv sind. Zum zweiten bin ich überzeugt, und das hat ja das Experiment von «Die Partei» gezeigt, dass viele Bots in geheimen, geschlossenen Gruppen agieren. Da haben wir keine Chance, das öffentlich zu kontrollieren oder richtigzustellen. Es geschieht unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Die können selbst Profis nicht finden?

Nein. Wir sehen, was auf Twitter läuft. Aber was auf Facebook passiert, wenn etwa ein AfD-Sympathisant eine geschlossene Gruppe hat mit 5‘000 oder mehr Mitgliedern und wenn in dieser Gruppe aktiv Bots posten: Das sehen wir nicht.

Welche Hashtags, welche Themen hat Ihre Forschergruppe verfolgen können? Wie wurde sichergestellt, dass nicht nur im rechten Spektrum analysiert wird?

Wir sind ganz neutral vorgegangen und haben Hashtags gesucht wie #btw2017. Das waren 15 bis 20 Suchbegriffe. Nach drei Tagen haben wir dann weitere Begriffe, die im Zusammenhang auftauchten, mitgenutzt. Zum Beispiel #fedidwguglwie oder #Traudichdeutschland.

Bots vor allem von rechts – kein grosser russischer Einfluss

Auch wenn Bots die Debatte im Netz nicht dominieren: Woher kommen die 7,4 Prozent? Wer steuert sie? Wer sind die Verbreiter?

Überwiegend kommt der Bot-Traffic von rechts. Mehrere der Bots hatten die AfD im Profilbild oder die Partei als Slogan als Twitter Biopic. Das heisst natürlich noch nicht, dass sie von der AfD geschaltet werden. Es gibt sogar Leute, die sagen, sie wollten schlechte Bots schalten, die so aussehen, als seien sie von der AfD, um sie auf den Leim zu führen. Bots zu bauen, ist ja ganz einfach.

Aber was ist aus den Russen geworden, die hinter Bot-Attacken vermutet wurden?

Gute Frage. Als wir die Bundespräsidentenwahl Anfang des Jahres ausgewertet haben, gab es tatsächlich noch mehr Bot-Aktivitäten, die auf russische Verbindungen hinwiesen. Aber jetzt, im September, haben wir tatsächlich sehr wenig gefunden. Deshalb gehen wir ganz d’accord mit den Ermittlungen, die auf Bundesebene stattfinden: Es gibt keine smoking gun. Man kann nicht belegen, dass es einen grossen russischen Einfluss gibt.

Gibt’s dafür eine Erklärung, eine Theorie?

Vielleicht ist es eine Wahl, die schon relativ früh ein klares Ausgangsergebnis hat.

Könnte es sein, dass in Deutschland öffentliche Debatten so nicht funktionieren, weil eben die Gesellschaft sowie die Politik nicht so polarisiert sind und sich deshalb Manipulationen von einer Seite weniger anbieten?

Das wäre zu hoffen. Sicher ist, dass wir in den USA so grosse Manipulationen mithilfe von Bots gesehen haben, weil das Land strukturell gespalten ist. Und auch, weil es in Amerika den grossen Skeptizismus und die Ablehnung gegenüber dem politischen Establishment gibt. Ich hoffe, dass Deutschland nicht so polarisiert ist. Und auch, dass die Menschen hier im Angesicht der Debatten über Russlands Einflussversuche – Stichwort russian election hacking, russian election medeling – im Online-Raum ein bisschen aufgeklärter sind als im Durchschnitt der US-Bürger es noch im letzten Sommer war. Aber wenn wir sehen, dass die AfD gerade um Platz 3 kämpft, dann kommen auch andere Gedanken auf.

Vielleicht stehen wir aber auch am Anfang. Es gibt ja noch gar nicht so viele Twitter-User in Deutschland.

Genau. Im Übrigen wissen wir auch nicht, was auf WhatsApp geschieht und diskutiert wird und welche Junk News dort zirkuliert werden.

Satire oder Junk

Welche Erkenntnisse haben Sie zu Junk- oder Fake-News?

Sie betreffen rund ein Fünftel der Inhalten von politischen Quellen. Bei unserer Untersuchung unterscheiden wir professionelle News, hinter denen journalistisch-professionelle Arbeit und Fact-Checking und eine gewisse Transparenz steht – und im Gegensatz dazu Junk-News, die Meinung als faktisch darstellen und Propaganda-Inhalte verbreiten. Dann gibt es auch noch parteiliche News. All das ist nicht zu verwechseln mit Satire, die sich allerdings auch als Verkleidung von Junk daherkommen kann.

Wer sind die Verbreiter solcher Schrottnachrichten in Deutschland?

Aufgefallen in Deutschland ist «philosophia-perennis» – einer der Hauptverbreiter von Junk-News.

RT Deutsch, Sputnik, Epoch Times – spielen sie auch in dieser Kategorie?

Epoch Times ist sehr bedeutend, wir stufen sie aber nicht unter die Kategorie Junk News ein. Russische Quellen waren hingegen nur 130 zu finden, von insgesamt rund 12‘000 unique Links. Das ist also wirklich nicht viel. Bei den Bundespräsidentschaftswahlen, die wir ja auch analysiert haben, war das noch mehr. Aber: Solche Medien werden häufig nicht auf Twitter zirkuliert, sondern eher auf dem russischen Pendant zu Facebook, auf VK. Das haben wir nicht angeschaut.

Was ist mit den anderen Parteien?

Es gibt keine Anzeichen dafür, dass irgendeine Partei Social Bots dazu geschaltet hätte.

Schlafende Armeen

Ihr Fazit: Ist es Zeit für Entwarnung?

Wir haben in Frankreich gesehen: Bis einen Tag vor der Wahl gab es weder so viel Social Bots noch so viele Junk News wie in den USA. Und einen Tag vor der Wahl kamen die Macron-Leaks, die ganz massiv von Social Bots amplifiziert, also verstärkt oder verbreitet worden sind. Das ist ja das Spannende an Social Bots. Es sind Armeen, die teilweise schlafen. Vor einem halben Jahr wurde ein Bot-Network mit 350‘000 Accounts entdeckt, das nur zu Star Wars getweetet hat. Die könnten natürlich auch ganz schnell etwas anderes verbreiten. Es kann also noch was kommen. Wir sind wachsam. Wir tracken weiterhin.

Wagen Sie mal einen Blick in die Zukunft. Worauf müssen wir uns einstellen?

Die Themen Junk News, Social Bots, andere Arten von gefälschten Inhalten wie manipulierte Videos, aber auch Microtargeting – all das wird uns noch massiv beschäftigen in den nächsten Jahren. Deshalb müssen die sozialen Netzwerke für mehr Transparenz sorgen. Und sie müssen sicherstellen, dass ihre Inhalte mehr Qualität haben. Man muss erkennen können: Dieser Inhalt ist automatisiert; dies hier wurde von verschiedenen Usern geflaggt; das ist durch unser AI-Learning-System als potenziell rassistisch aufgefallen. Ich glaube, all das können diese Netzwerke. Und die User müssen mehr aufgeklärt werden und Nachrichten auf Social Media kritischer gegenüberstehen.

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Keine. Jutta Kramm ist Redakteurin des Recherchezentrums «Correctiv». Die Redaktion, mit der unsere Zeitung kooperiert, finanziert sich ausschliesslich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Ihr Anspruch: Mit gründlicher Recherche Missstände aufzudecken und unvoreingenommen darüber zu berichten. Wenn Sie «Correctiv» unterstützen möchten, werden Sie Fördermitglied. Informationen finden Sie unter «correctiv.org».

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Eine Meinung

Ausgerechnet correctiv! Mit Spenden von Google, Open Society Foundation von George Soros, der Deutschen Bank, etc..etc., ist correctiv wohl schwerlich als unabhängig zu bezeichnen.
Lilian Lüthi, am 24. September 2017 um 12:14 Uhr

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