kontertext: 50 Jahre nach 1968

Silvia Henke © cc
Silvia Henke / 09. Jan 2018 - 50 Jahre 1968: Das Datum fordert eine Debatte um den Stellenwert eines intellektuellen Diskurses heraus.

Erst 2008 begann man sich in der Schweiz mit der 68-Bewegung überhaupt zu beschäftigen. Mit ein Auslöser waren die 50 biographischen Porträts, die Heinz Nigg verfasst hat. Dabei stellte man die Unterschiede zu den Nachbarländern heraus und beeilte sich zu sagen, dass 1968 in der Schweiz bedeutend unpolitischer war als in Frankreich und Deutschland, mehr an einzelnen Figuren und Ereignissen erkennbar denn an einer eigentlichen «Bewegung». Diesen Winter nun trägt eine Ausstellung im historischen Museum Bern zu einigen Vertiefungen bei. Zum einen fragen die Ausstellungsmacher, welche Spuren dieser bewegten Jahre in Politik, Kultur und Alltag zu sichern wären. Zum andern verharren sie ohne wirkliche Synthese darüber, was heute von jenem 1968 nachdenkens- und bewahrenswert geblieben ist. Um das 50-Jahre-«Jubiläum» jedoch nicht zu verpassen, kann das Ereignis nicht wie ein historisches Stück hervorgeholt und bald wieder versorgt werden.

2018/1968 – ein Jubiläum?

Mit Walter Benjamin kann man davon ausgehen, dass es eines Gegenwartsstandpunktes bedarf, um überhaupt ein Objekt der Vergangenheit hervorzubringen. Vergangenheit in diesem Sinn heisst, dass die Geschichte niemals ganz vorbei ist; Geschichte ist immer nur insoweit interessant, als sie die Gegenwart lesbarer macht.

Dabei geht es weder darum, an alten Dogmen und Ideologien der 68er festzuhalten, noch darum, sich von etwas abzukoppeln, das in keiner Weise erledigt ist. Vielmehr muss sich das Datum dem intellektuellen Diskurs öffnen. Zumal es genügend Reflexe gibt, die bestrebt sind, alle kleinen politischen und grossen kulturellen Errungenschaften der letzten 50 Jahre – wie Mitsprache in den Institutionen, Gleichberechtigung, Queerforschung, Minderheitenrechte, politische Kunst, kulturelle Demokratie, Machtkritik, internationale Solidarität – rückgängig zu machen. Nicht überall wird das so deutlich ausgesprochen wie bei der neuen Rechten, wo sich im letzten Herbst der Hass gegen 1968 in einer Rede des AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen etwa so Bahn brach: «Wir wollen weg vom moralisch verrotteten links-rot-grün-versifften 68er-Deutschland!» Meuthen erhielt für diesen Hassausbruch tosenden Applaus und sagte später, ergriffen vom Erfolg seines Auftritts, «unglaublich, was der Begriff 68 noch immer für Emotionen auslöst».

Unglaublich, ja. Während es in Deutschland, Amerika und Frankreich eine Presse und einen Rundfunk gibt, die die Selbstberauschung der neuen Rechten konsequent kritisch verfolgt und ihre antidemokratischen und faschistoiden Züge offenlegt, driftet die schweizerische Presselandschaft (mit Ausnahme der WOZ) in den Händen von profitorientierten oder rechtsbewegten Investoren in ein intellektuelles Nirwana. Die SRG ist dermassen unter Druck, dass sie noch vor der Abstimmung vom 4. März erwägt, SRF 2 aufzugeben, um sich selber zu kasteien für ein Programm, das mehr als Unterhaltung ist: «Wenn wir als arrogant empfunden werden, dann ist das unser Problem, nicht jenes der Leute, die uns so wahrnehmen», begründet Ladina Heimgartner von der SRG-Spitze die Strategie. Diese lamentable Selbstkritik zielt direkt auf qualitativ spezialisierte Information und auf intellektuelle Diskurse von Journalisten, die eventuell nicht von allen Bevölkerungsschichten verstanden werden können. Bedient wird damit das gleiche Ressentiment, wie es Andreas Kleeb vom Inititiativkomitee No-Billag letzte Woche unfreiwillig deutlich ausplauderte: Dass die Kulturschaffenden (und damit auch die Intellektuellen) an den Gebühren hingen, «wie Drogenabhängige an der Nadel».

Aus diesem Hass und Ressentiment gegen die Intellektuellen wird derzeit vordergründig ein einfaches pädagogisch Programm abgeleitet, das vorgibt, näher an die einfachen Leute zu kommen. Wer davon profitiert, bringt Jacqueline Badran mit ihrem aktuellen Beitrag für infosperber auf den Punkt. Gut informiert deckt sie auf, dass die Interessen der Lobbyisten von No-Billag in der Wachstums-Strategie des neuen Tamedia/Goldbach Konzerns zusammenlaufen, der eigentlich ein Werbekonzern mit schwachem redaktionellem Umfeld ist. Statt auf guten Journalismus in dürftigen Zeiten setzt man in der Schweiz also auf die Sicherung von Werbefenstern und auf das Füllen von Programmlücken mit Pro 7 und RTL 2.

Dass die Politikerin Badran selbst in die Tasten greift, zeigt an: Es geht um viel und es braucht jetzt etwas, damit 2018 nicht zu einem weiteren Durchmarsch der Rechten führt.

Es braucht sachliche, widerständige, gut informierte intellektuelle Positionen, die das ideologische Gestrüpp der Rechten durchleuchten können. Und es braucht neue Ideen. Aber woher?

Intellektuelle als Ideenhändler?

In der üblichen Jahres-Kollektion der Basler Zeitung dürfen Anfang Jahr die sogenannten Intellektuellen auftauchen. Wie nette Accessoires, in einem Schaukasten zurechtgestutzt, präsentiert das Blatt am 2. Januar 13 Männern und 2 Frauen, die 2017 als Intellektuelle «aufgefallen» seien.

Präsentiert werden sie als «Ideenhändler der arbeitsteiligen Gesellschaft», die «klingende Begriffe herumbieten wie Demokratie, Freiheit, Kohäsion». Die Auswahl, so die Blattmacher, richte sich nicht nach Publikationen oder Zitationswürdigkeit von Gesagtem/Geschriebenem, sondern, ja wonach denn? Nach dem, dass «jeder 2017 auf seine Art prägend war». Prägend ist, was prägend war. Soweit die für die BAZ typischen Zirkelschlüsse. Entsprechend werden die 13 Männer und zwei Frauen auch – mit einer einzigen Ausnahme – nicht nach einer Idee präsentiert, sondern einzig und allein nach ihrer Auffälligkeit auf dem Markt der Medien selber. Die Ausnahme bildet Thomas Hürlimann, der mit seiner Idee des Verlustes von Vertikalität (geäussert in der Sternstunde Philosophie der SRG) präsentiert wird – immerhin eine intellektuelle Diagnose der gottlosen, am Markt orientierten Gesellschaft abgibt. Ansonsten führt die Sammlung etwas vor, was eigentlich das Verschwinden eines intellektuellen Diskurses bestätigt: Die eigentlichen Denker haben in dieser Form von Kabinett nichts zu sagen. Denn die Präsentierten stehen nicht für die Sache des Intellekts, sondern für ihre mediale Berühmtheit. So wird etwa Barbara Bleisch mitgenannt, weil mittlerweile sogar der Blick über sie schreibe. Daniel Binswanger, weil er den Medienkanal wechselt, Eric Gujer, weil er NZZ-Chefredaktor ist und über Journalismus im Internet nachdenkt (!), Frank A. Meyer, weil er auf SRF und im Blick präsent ist, Philipp Sarasin, weil er von NZZ und Weltwoche mit längeren Artikeln bedacht wird, Iris Bohnet, weil die Annabelle einen grossen Artikel über sie veröffentlichte, Carl Baudenbacher, weil er einen Gastbeitrag im Daily Telegraph veröffentlichte. Und schliesslich Martin Ebel, der zu den führenden Köpfen des Jahres 2017 gehört, weil ihm seine mediale und literaturbetriebliche Ämterkumulation mittlerweile selber lästig sei. Womit sich die Logik der medialen Selbstreferenzierung endlich selber in den Schwanz beisst. (Vgl. BAZ vom 2. 1. 2018)

Camoufliert wird in dieser beliebigen und unverbindlichen Assemblage, dass Intellektuelle nicht deshalb wichtig sind, weil sie auf dem medialen Markt der Aufmerksamkeitsökonomie und des Namedroppings «auffallen», sondern weil sie etwas zu sagen haben – müssen. Im Rückzugsgefecht des kritischen Feuilletons, im Auftrumpfen einer neuen Rechten in den aktuellen Medienverbünden und im Gefecht um die politische und kulturelle Freiheit der SRG werden die Stimmen der Intellektuellen jedoch immer unbedeutender. Müsste man also nicht, im Jahr 2018 und im Rückgang auf 1968, dringend intellektuelle Stimmen einfordern, die sich um die eigentlichen Probleme der Gesellschaft und der Zukunft kümmern? In Deutschland und Frankreich, wo sich die Medien nicht nur um sich selber drehen (müssen), sind diese Debatten bereits am Laufen, um einiges dynamischer und dringlicher als in unseren Leitmedien.

Ausblick auf 2018: Worum es gehen müsste

Eine der grossartigen Errungenschaften von 1968 ist die Anwendung der kritischen Theorie der Frankfurter Schule, die uns im Fortgang mit der Foucaultschen Diskursanalyse gelehrt hat, den doppelbödigen Diskurs der Macht zu lesen und zu enttarnen. Ideologiekritik heisst diese Disziplin. Im Jahr 2018 braucht es mittlerweile zwar auch gewiefte Datenjournalisten, die darauf spezialisiert sind, fake news zu enttarnen und zumindest partiell zu bekämpfen. Das neue Phänomen heisst «kognitive Dissonanz», erzeugt durch «digitalen Tribalismus», in welchem alles ausgeblendet wird, was nicht passt. Wir sind alle Zeuge dieser neuen Gesellschaftskrankheit.

Neben dieser neuen journalistischen Aufgabe des «Richtig-Stellens» bleibt die intellektuelle Aufgabe, zu verstehen, warum wer wann wo und wie spricht, eine journalistische, eine politische und ja, eine intellektuelle Basisdisziplin. Ohne kritische Gegenöffentlichkeit weht uns der rechte Wind direkt dorthin, wo nicht mehr gedacht, sondern nur noch gerechnet wird. Harald Welzer führt in der ZEIT vom 3. Januar 2018 deutlich vor, wie stark dieser Wind weht, indem er mit Hilfe einer Bertelsmann-Studie nachweist, dass in Deutschland nicht so sehr die Menschen in ihrem Alltagsleben und ihren sogenannten Sorgen nach rechts gerutscht seien, sondern dass es eine rechte Agenda gibt, die den Diskurs in diese Richtung treibt. In den Medien beschwört man die Fremden als das grosses Problem, im Alltagsleben leiden die Menschen aber nicht unter dem Asylheim im Quartier oder im Dorf, sondern unter der sich verschärfenden wirtschaftlichen Ungleichheit.

Welzers Frage kann und muss genau gleich für die Schweiz gelten: «Und was bedeutet es für die Entwicklung der noch existierenden Demokratien, wenn wie in Deutschland die politische Rhetorik nach rechts schwenkt, während für die Zukunft der Demokratie so entscheidende Themen wie die Digitalisierung und Durchökonomisierung aller öffentlichen und privaten Daseinsbereiche, die soziale Gerechtigkeit, die Bildungsungleichheit, der Klimawandel, die Biodiversität und die Bodenverluste kaum debattiert werden…?»

Diese Fragen müssen lauter gestellt werden – deshalb sollten die Linken aufhören mit der larmoyanten «Was haben wir 1968 falsch gemacht»-Rhetorik. Sicher müssen sie sich auch, wie Didier Eribon (in einem Gespräch mit der ZEIT) dies für Frankreich tut, die Frage stellen, wie die Arbeiter als Klasse überhaupt noch anzusprechen sind – und dass man sie überhaupt als «Klasse» ansprechen muss, und nicht als Kunden oder Wähler, um ihnen klar zu machen, welche Kräfte tatsächlich gegen sie arbeiten.

Es müssen also Themen auf die Agenda gesetzt werden, die die Menschen tatsächlich erleiden und erleben: die zunehmende wirtschaftliche Ungerechtigkeit, das Ausbleiben von Chancengleichheit im Bildungswesen, der Druck auf dem Arbeitsmarkt, die Umwandlung der Hochschulen in Unternehmen mit dem neuen Bildungsförderungsgesetz, um nur einige zu nennen. Gerade im Vorfeld des Jubiläums von Mai 68 wäre es mehr als wünschenswert, dass die linken Intellektuellen sich erstens links nennen und zweitens Belege sammeln für die fortschreitende masslose Bereicherung einzelner neoliberaler Eliten, die im Hintergrund ihre Fäden ziehen und die dabei sind, die ganze Gesellschaft in einen Markt umzubauen. Auch das liest man nicht in Schweizer Medien, die Republik wird sich hier positionieren müssen.

So oder so: Das Gefühl des Verlustes von Heimat sollte im Jahr 2018 konsequent durch die Entfesselung der Märkte erklärt werden und nicht mehr durch die Kosten des Asylwesens. Wenigstens gilt es anzuzeigen, auf allen Kanälen, dass wir wissen, wie sehr sich die Politik am Gängelband der Wirtschaft von den meisten gesellschaftlichen Ideen der 68er entfernt hat.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Silvia Henke ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und Publizistin. Sie unterrichtet an der Hochschule Luzern Design & Kunst u.a. Kunst und Politik und visuelle Kultur. Forschungsschwerpunkte sind Kunst & Religion, künstlerisches Denken, transkulturelle Kunstpädagogik. Sie interessiert sich grundsätzlich für die Widersprüche der Gegenwart, wie sie auch in der Medienlandschaft auftauchen, und veröffentlicht regelmässig Texte und Kolumnen in Magazinen und Anthologien.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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15 Meinungen

Wer für «intellektuelle» Analyse auf Bertelsmann-Studien angewiesen ist, gehört wohl noch nicht ganz zu den ultimativ Emanzipierten, sage ich als jemand, der schon mal beim einstigen Linkenfeindbild Bertelsmann publiziert hat. Ostern 1968 habe ich in Berlin verbracht, wo leidenschaftliche Diskussionen über Tito, Ceausescu, Stalin, Mao, Pol Pot, Fidel Castro mitzuverfolgen waren; man rehabilitierte die fortschrittliche Diktatur, skandierte dafür «Enteignet Springer», wobei ARD mit Panorama u. Report, der Spiegel, die Zeit, die Frankfurter Rundschau, die Frankfurter Hefte. Titanic usw. schon damals samt Kulturschaffenden um Böll, Grass usw. eine recht pluralistische Debatte ermöglichten. Ein neuer «Faschismus» lag jenseits panischer Erwartungen. Umgekehrt war die Springerpresse bei offenkundiger Primitivität und Verlogenheit dank Hans Habe u. Willi Schlamm der fast einzige Öffentlichkeitsfaktor, der für die Wiedervereinigung und für Israel eintrat. Aber ganz grundlos war die Wut der Linken nicht.

Zu heute: Die Feststellung, dass es bei den 5000 Kulturschaffenden wie bei den Bergbauern oft um Interessen geht, hat nichts mit «Hass» gegen Intellektuelle zu tun, wiewohl man auch hier nicht verallgemeinern soll; zum Beispiel hat der 85jährige Emil gewiss nicht unterschrieben, weil er noch auf irgendetwas angewiesen wäre. Wäre endlich Markus Somm Fernsehdirektor, würde der öffentlichrechtliche Status von Medien selbst bei «Linksintellektuellen» wohl ergebnisoffener diskutiert.
Pirmin Meier, am 09. Januar 2018 um 12:04 Uhr
Silvia Henke schreibt: «Eine der grossartigen Errungenschaften von 1968 ist die Anwendung der kritischen Theorie der Frankfurter Schule, die uns im Fortgang mit der Foucaultschen Diskursanalyse gelehrt hat, den doppelbödigen Diskurs der Macht zu lesen und zu enttarnen.»

Das mag sein. Aber 1968 beschäftigte uns in Zürich weniger intellektuelle Theorien. Die 68er in Zürich, meist Schüler, Lehrlinge, Arbeiter, Angestellte und nur wenige Studenten, forderten damals ein autonomes Jugendzentrum im Globus Provisorium, protestierten gegen den Vietnamkrieg, gegen die Diskriminierung der Fremdarbeiter, gegen die Ausbeutung der Dritten Welt und verlangten gleiche Löhne für Frauen und Männer. Die 68-er wollten auch einen Zivildienst für Kriegsdienstverweigerer und alle Kriegsmaterialexporte stoppen, die Waffenexporte an die USA, an das faschistische Spanien, die Rüstungsexporte an alle Staaten. Bis 1996, bis zur Einführung eines zivilen Ersatzdienstes, wurden in der Schweiz bekanntlich etwa 10 000 Kriegsdienstverweigerer eingesperrt. Auch die Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruches war damals in Zürich ein Thema, wie das Konkubinatsverbot in Zürich, die Wohnungsnot, die Obdachlosigkeit in Zürich. Mehr Ferien für Lehrlinge, die 40 Stunden wurde gefordert. Die Gipser in Zürich hatten schon 1963 wochenlang in für die 40 Stunden Woche gestreikt, usw.
Siehe auch: https://ifor-mir.ch/1968-in-der-schweiz-jahr-der-traeume-und-die-zeit-danach/
Heinrich Frei, am 09. Januar 2018 um 14:24 Uhr
Sehr geehrte Frau Henke
Ja, das Datum verdient wirklich eine umfassende Betrachtung, intellektuell, kulturell und praktisch.
Veränderungen und Leistungen von Menschen mit ursprünglichen 68er-Impulsen sind praktisch in allen Bereichen erlebbar und sichtbar.
Um nur einen Bereich andeutungsweise zu nennen:
Weltweit wirken Menschen in über 100‘000 Ökodörfern & Gemeinschaften, wie z.B. Prolongomai.ch, Damanhur.org, Tamera.org, Findhorn.org, usw. einfach einmalig.
In vielen anderen Lebensbereichen wie z.B. Politik, Medien, Bildung/Pädagogik, Gesundheit, Soziales, Kultur, usw., fand und findet auf Grund ursprünglicher 68er-Impulse ähnlich Wertvolles statt.
Vielleicht gelingt es, auch auf diesem Weg, all die unzähligen Verdienste solch wertvoll wirkender Menschen zu würdigen.
Arthur Feierabend, am 09. Januar 2018 um 16:13 Uhr
Sehr lesenswerter Beitrag von Silvia Henke. Ein Denkanstoss auch für die hiesige Linke, welcher ihr Fussvolk mehr und mehr abhanden kommt ! Ein Weckruf an die SP, der ich mich gesinnungsmässig verbunden fühle. In Zeiten, in denen mittlerweile auch der Mittelstand in Bedrängnis gerät, Büezer und Angestellte ihre ständig steigenden Krankenkassenprämien kaum noch berappen können, sich die Suche nach einer bezahlbaren Wohnung in den Städten praktisch aussichtslos erweist und Jobverlust jenseits der Fünfzig meist in Dauerkundschaft beim Arbeitsamt und nach zweieinhalb Jahren in der Sozialhilfe endet – in solchen Zeiten, in denen sich immer breiter werdende Schichten des werktätigen Volkes mit der Angst vor dem sozialen Abstieg konfrontiert sehen, wäre ein linker, die realen Interessen des breiten Volkes aufnehmender Diskurs bitter notwendig. Wer ohne Job dasteht, wem die Loge gekündigt wurde, wer einen miesen, die minimalen Lebenskosten kaum deckenden Lohn hat, bringt null Verständnis auf für einen parlamentarischen Vorstoss, der die Entfernung des Negerkopfes aus dem Wappen der Zunft zum Mohren verlangt, hat null Verständnis für die politische Forderung nach dem Verbot von Miss-Schweiz-Wahlen und jene nach dem obligatorischen Angebot von veganen Menus an der Uni-Mensa, null Verständnis für die Einführung einer Sprachpolizei zur Durchsetzung gendergerechter Sprache; der interessiert sich auch nur mässig für das Thema «Feminismus in der kirgisischen Hirtengesellschaft des Pamir» !
René Edward Knupfer-Müller, am 09. Januar 2018 um 17:37 Uhr
Dieser Kontertext scheint mir ein bisschen hastig verfasst. Er insinuiert, dass mit dem „Aufgeben von SRF2“ das zweite Deutschschweizer Radioprogramm „SRF2 Kultur“ gemeint sei, wenn Frau Henke dann von “qualitativ spezialisierten Informationen und intellektuellen Diskursen“ schreibt, von denen sich SRG-Vize-Generadirektorin Ladina Heimgartner angeblich distanziere. Der Blick auf die Meldung der Basellandschaftlichen Zeitung zeigt, dass damit aber der zweite Deutschschweizer Fernsehkanal gemeint ist, welcher meines Wissens nie in den Verdacht intellektueller Überheblichkeit geraten ist.
Dass hingegen führende SRG-Leute wie Roger de Weck oder Rudolf Matter (nicht aber Gilles Marchand!) „als arrogant empfunden“ werden können, ist für mich absolut nachvollziehbar. Das ist zwar leider Futter für die libertären NoBillag-Promotoren - aber noch längst kein Grund, für die Zerstörung der SRG und eine künftige Schweiz der Medien-Oligarchen zu votieren.
Peter Egloff, am 09. Januar 2018 um 17:51 Uhr
@Egloff. Es geht nicht um Medien-Oligarchen, die beim Regionalfernsehen längst mitmischen, sondern um das Prinzip des Zwangsabonnements, dies in einer Medienlandschaft, in der seit generationenlanger Tradition zum Beispiel Lokalzeitungen wie der Willisauer Bote, die Botschaft, das Wynentaler Blatt, der Anzeiger für das Michelsamt (ich habe deren 4 abonniert) auch ohne Abonnementszwang genau so wichtig sind wie die SRF-Sender. Es gibt übrigens auch Leute, die, wie beim Militärdienst, aus weltanschaulichen oder anderen achtbaren prinzipiellen Gründen auf den Konsum elektronischer Massenmedien verzichten, erst recht von solchen mit offiziellem oder offiziösem Charakter. Und wie von mir schon mal hervorgehoben, sind z.B. die Religionsgemeinschaften für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ebenfalls wichtig, dort kann man aber wenigstens in den meisten Kantonen austreten. Dass es Leute gibt, die einem zum Gebührenzahlen zwingen wollen, zeigt, dass es sich bei Radio und Fernsehen, vor Generationen immerhin noch umstritten, heute in der Schweiz und in Deutschland um zivilreligiöse Einrichtungen handelt. Nach meiner Meinung müssten Abonnementsgebühren, z.B. für die «Tierwelt», eine sehr gute und genau so nötige Zeitschrift wie irgendein Sender, von den Gebühren für Radio und Fernsehen wenigstens teilweise abgezogen werden können. Was die 69er betrifft, so wäre zumindest das anarchische Gedankengut nur bedingt mit einem Zwangsabonnement vereinbar.
Pirmin Meier, am 09. Januar 2018 um 18:19 Uhr
@Meier: Dass die Medien-Oligarchen längst mitmischen - geschenkt. Am 4. März geht es darum, ob sie den ganzen Kuchen vorgeworfen bekommen. „Zwangsabonnement“ ist ein demagogischer Kampfbegriff. Ich habe kein Auto und bezahle auch an die Autobahnen. Mein Haus brennt mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht ab, ich bezahle trotzdem gern die Gebühren der kantonalen Gebäudeversicherung. Ich zahle eine Mediengebühr für ein Angebot, von dem ich nur den Radioteil nutze: Service Public im Informationsbereich, welcher für das Funktionieren unserer direkten Demokratie von erstrangiger Bedeutung ist und notwendige Inhalte vermittelt, welche auf dem freien Markt - Blick in die Radiolandschaft USA - untergehen. Aber einverstanden: die Nekrologe im „Willisauer Boten“ werden immer gelesen werden. Und wenn Ihnen die „Tierwelt“ tatsächlich ebenso wichtig ist wie das „Echo der Zeit“, die „Samstagsrundschau“, „International“ oder die „Sternstunden“, weiss ich eigentlich nichts weiter zur Debatte mit Ihnen beizutragen.
Peter Egloff, am 09. Januar 2018 um 18:43 Uhr
PS. Die «69er» war ein Freudscher Verschreiber für die anarchischen «68"-er!
Pirmin Meier, am 09. Januar 2018 um 18:58 Uhr
@PS. Meier: Entsprechende Lockerungsübungen waren ja ein nicht unwesentlicher Teil von 68. Habe übrigens kürzlich Ihren «Federer» gelesen. Chapeau!
Peter Egloff, am 09. Januar 2018 um 19:03 Uhr
@Egloff. Was 1902 über Autor Heinrich Federer in den Medien stand nach Festnahme aufgrund einer Pädophilenaffäre, nicht zuletzt in der NZZ, illustrierte Einsteins Mahnung: «Ich bin auf Zeitungen angewiesen, weiss nicht was geschieht.» Selbst noch bei Jürg Jegge galt und gilt, dass er nie so gut war wie medial-öffentlicher Lobpreis über ihn, aber auch kaum so mies, wie ihn Medien zuletzt abgeschlachtet haben, u.a. mit 68er Hintergrund. Dabei sind bei solchen Affären Printmedien meist eher schlimmer als die öffentlichrechtlichen, was ich in Ihrem Sinn als Einwand zugunsten von Vorsicht an der Urne gelten lasse. Trotzdem glaube ich, dass von Glückskette bis zu den von Ihnen bevorzugten Sendungen stets ein Markt für seriöse Gefässe vorhanden sein wird.

Selber bin ich nicht unstolz darauf, dass zwei meiner ehemaligen Schüler, so z.B. Nahostkorrespondent Philipp Scholkmann, als überdurchschnittliche Mitarbeiter des Echos der Zeit anerkannt sind. Aber zur «Tierwelt» und zur Lokalpresse (in letzterer gibt es zwar zu oft Gefälligkeitsartikel): Was dort steht und erst recht in der gut gemachten Kleinvieh-Fachpresse ist nun mal im Durchschnitt für das Publikum eher überprüfbar und im Durchschnitt ernsthafter als was nicht nur seit der Wahl Trumps über das Weisse Haus herumgeboten wird, gleichgültig in welchen Medien. Hingegen finde ich z.B. kritische gesundheitspolitische Artikel von Urs Gasche nicht nur überprüfbar, sondern einen jährlich dreistelligen Beitrag für Infosperber wert.
Pirmin Meier, am 09. Januar 2018 um 20:01 Uhr
Die neue Rechte, was müssen wir uns darunter vorstellen ?
In Deutschland gibt es Nazis die auf der Straße gröhlen, die outen sich.
Viel schlimmer sind Nazis im Anzug, die auf freundlich mimen, aber die Notlage der Ausländer wie Migranten schamlos ausnutzen und diese bis zum letzten ausplündern.

siehe u.a.
https://www.welt.de/politik/deutschland/article156122457/Nahles-plant-80-Cent-Jobs-fuer-Fluechtlinge.html

Der Übergang zum Nazi ist bei CDU, FDP und besonders «Grünen» fließend.
Das zeigt sich besonders auch bei der Anti Russland Hetze.

Die 68er werden nicht nur von der AfD angegriffen, sondern auch durch die CSU !
http://www.nachdenkseiten.de/?p=41823

"Die Manipulationsstrategien hinter CSU-Dobrindts Klage über den Einfluss der 68er und seiner Forderung nach einer “konservativen Wende/Revolution“"


Die AfD hat noch etwas gemeinsam mit den anderen Parteien.
Dr. Lindner ( FDP ) ist wie etliche AfD Mitglieder bei der Hayek Gesellschaft.

https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_A._von_Hayek-Gesellschaft

Die Ansichten der FDP und anderer Neoliberale wie Olaf Henkel, unterscheiden sich kaum von der AfD, sie mögen aber das braune Schmuddelimage nicht.

Dr. Lindner ( FDP ) verglich die AfD mit Schimmel. «Wenn er einmal da ist, wird man ihn so schnell nicht los."
Schimmel hat fast immer seine Ursache in lang anhaltenen eklatanten Mängeln in der Bausubstanz.
Guter Vergleich die AfD ist ein Symptom für ein kranke Gesellschaft. Ändert sich das nicht, werden die Symptome stärker !
Dieter Gabriel, am 09. Januar 2018 um 20:28 Uhr
Dass auch Kulturschaffende ihre Interessen haben, ist unbestritten. Wenn man sie aber darauf reduziert, wie es die Weltwoche, die BaZ, 20Minuten und viele andere Privatmedien machen, oder mit Drogenabhängigen vergleicht, dann nennt man das Hetze oder Hate Speech. Viele Feuilletons haben es heute nur noch darauf abgesehen, den Intellektuellen als sonderbaren Kauz darzustellen, um inhaltlich nicht mehr auf Kultur und Bildung eingehenzu müssen. René Scheu hat ja auch seine Clique rekrutiert, die die Kulturseiten mit «Ich bin nicht mehr links"-Gewäsch überziehen dürfen. Die Politische Korrektheit ist heute rechts.

Nicht die 68er haben heute die Deutungshoheit, sondern die Wutbürger-Schwarmintelligenz und die unflätigen 90er, die damals mit Roten-Ratten-Plakaten aufgefallen sind und heute die Massen mit organisierten Onlinekommentaren und likenden Bots zur Respektlosigkeit gegenüber Menschen und Institutionen «erziehen». Wäre Markus Somm daher Generaldirektor der SRG, hätte er sie längst selber aufgelöst, und die Linken, die er alle für dumm hält, hätte er endlich entlassen können, obwohl ja die SRG nur zu 10 Prozent über Politik berichtet. Aber das haben uns die Korrekten ja bereits eingetrichtert, so dass wir alle davon überzeugt sind, dass auch Kultur, Bildung, Wissenschaft und unabhängige Informationen links sind.
Thomas Läubli, am 09. Januar 2018 um 20:52 Uhr
"Nur zu 10 % über Politik berichtet».Hatte nie in meinem Leben Fernseher,aber 36,5 Fr. zahle ich disskussionslos.
1968 in der Rekrutenschule sagte Leutnant Hansheinrich Coninx zu den Rekruten Spinner,Stutzer und Woker: «Der einzige mit er nicht in den Krieg ziehen würde, sei der Rekrut Rothenbuehler."
Was war Rebellion 1968 und was ist Heute Rebellion ?
Der wichtigste revolutionäre Akt im Jahre 2018 ist für mich mein Ja zu NOBILLAG.
Andreas Willy Rothenbühler, am 10. Januar 2018 um 13:11 Uhr
Habe den Eindruck, @Herr Rothenbühler, dass Sie immer noch, wie die Gegenseite, stark ideologisch argumentieren. Man ist in einer bestimmten Generation entweder 68er oder dann von diesen beschädigt. Sehr ernst zu nehmen wären aus der Sicht der jüngeren Generation die Perspektive von @Patrick Daxboeck im Blog «Wenn die SRG weg ist, ist sie weg.» Der nüchtern argumentierende Mann, dessen Nichtbenützung der herkömmlichen Sendegefässe nicht aus politischen Gründen erfolgt und der auch keine politischen Bekenntnisse absondert, wird zwar mutmasslich durch das vereinigte Schweizer Altersheim noch einmal überstimmt werden, behält aber auf lange Sicht vermutlich trotzdem recht.
Pirmin Meier, am 10. Januar 2018 um 13:50 Uhr
Sehr gelehrter Herr Meier,wieviel Bildungsurlaub billigen Sie dem Postautofahrer zu,der in Sobrio eine Stunde nicht bezahlten Aufenthalt hat und wieviel den 1100 in der geschützten Werkstatt in Comano ?
Wenn Georg Kreis das Postauto mit der SRG vergleicht,ist er entweder ein Heuchler oder ein Ignorant.Er hat die Wahl.Ich trug 1968 die Strohballen ,auf denen die Herren Coninx,Spinner,Stutzer und Woker ihre Salon Gespräche führten.Ich setzte mich gegen ein Herdsteuer zur Wehr,mit der Unterhaltungsbrunzer wie Kilchsberger finanziert werden.Mit Ideologie hat das nichts zu schaffen.
Andreas Willy Rothenbühler, am 10. Januar 2018 um 14:24 Uhr

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