Vom Service public zum Service privé

Hanspeter Guggenbühl © bm
Hanspeter Guggenbühl / 09. Aug 2015 - Öffentlicher Dienst war gestern. Heute forciert der Staat seine Dienste für Private.

«Gott schuf den Menschen», glauben Christen, «und Mc Donalds hat ihn geformt», ergänzen Spötterinnen. Das Resultat aber gefällt dem Staat nur bedingt. Darum will der Bund den von zu viel Zucker, zu viel Salz, zu viel Fett und andern Stoffen verformten Menschen wieder zurück formen. Der Service public wird damit ergänzt durch den staatlichen Service privé. Davon zeugen unzählige Kampagnen, mit denen Bundesämter Privatpersonen zur Umstellung ihrer Ernährung, zur vermehrten körperlichen Betätigung oder zur Drosselung des Konsums von allerlei Drogen erziehen wollen.

Besonders aktiv erweist sich hier das Bundesamt für Gesundheit. «Unter dem Slogan «Wieviel ist zuviel» führt das BAG zurzeit eine «Alkoholpräventionskampagne» durch. Demnächst folgt ein «Nationales Programm Sucht», das neben Heroin und Cannabis auch die «Onlinegames» eindämmen soll. Schon früher gestartet ist das NPEB, das «Nationale Programm Ernährung und Bewegung». Derweil mahnte Gesundheitsminister Alain Berset letzte Woche die Nahrungsbranche, den Zucker- und Salzgehalt von Fertigprodukten zu senken.

Dieser staatliche Privatdienst bringt vielen etwas: Uns Bürgerinnen und Bürgern erspart er eigenes Denken, denn wir Dummchen wissen ja nicht, dass allzu viel nicht allzu gesund sein kann. Der Werbebranche, die bereits an der Propaganda für subventionierten Tabak, subventionierten Alkohol und subventionierte Schokolade verdient, beschert er zusätzliche Einnahmen. Steuerzahlerinnen und Steuerzahler, die sich nicht von Mc Donalds, Schnaps, Bewegungsmangel oder Onlinegames verformen lassen, dürfen den privaten Dienst solidarisch mitfinanzieren. Vor allem aber nützt und schadet er nichts. Denn alle Service-privé-Kampagnen beruhen auf Freiwilligkeit und verderben damit keiner Branche das angestammte Geschäft.

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Keine.

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12 Meinungen

Guter Text, richtige Haltung! Normalerweise wird die staatliche Übervorsorglichkeit von Ultraliberalen und Libertären angeprangert - von Leuten, die dem Wirken des Staats eh grundsätzlich abgeneigt sind. Hanspeter Guggenbühl gehört zum Glück nicht zu ihnen. Aber er weiss offensichtlich zu unterscheiden, wo Aktivitäten der öffentlichen Hand sinnvoll und notwendig sind und wo nicht. Bei der Nahrungs- und Genussmittelzuträglichkeit kommt dem Staat vor allem eine Aufgabe zu: Er muss klare Deklarationsvorschriften für die Produkte durchsetzen, damit die Konsumierenden selber wissen können, was sie kaufen. Das genügt.
Toni Koller, am 10. August 2015 um 12:15 Uhr
Mit scheint die Sache komplizierter. Schliesslich bezahle ich auch Krankenkassenprämien für jene, die sich eben gerade von raffinierter (und unvollständiger) Werbung für Lebens- oder Genussmittel verführen lassen. Je nach Kreisen, in denen wir verkehren, täuschen wir uns oft darin, was «man» weiss bzw. nicht weiss.
Bsp.: Noch vor ca. 5 Jahren war es selbst für (nicht-alternativ informierte) Mittelschul-Wirtschaftslehrer völlig neu, dass Fleischkonsum bedeutend mehr Ressourcen verschlingt als vegetarische Ernährung. Die Verbreitung dieses Wissens hilft längerfristig meinen Enkelkindern.
Hans Hauri-Karrer, am 10. August 2015 um 16:13 Uhr
@Hauri. Als Metzgerssohn halte ich es, an Schulgeschichte arbeitend, etwas weniger vegetarisch als Sie, lieber Kollege.

Für den Unterhalt der Stiftsschule Beromünster, die bis ins 19. Jahrhundert baulich mit dem örtlichen Schlachthaus und der Fleischbank integriert war, war unter anderem der Schweinezehnten aus der Gemeinde Neudorf wichtig. Der Schulbarg, wie das Viech genannt wurde, war zu Schuljahresbeginn zu liefern, am Gallustag (16. Okt.), traditionell Beginn der Metzgete. Ursprünglich stand Sau-Essen den Schülern zu, es wurde jedoch dann Bestandteil des Lehrerlohns. Mit zu den Möglichkeiten des Unterhaltes einer Schule gehörten Bussen, vor allem im Zusammenhang mit der Fleischschau, womit gleichzeitig hygienischer Fortschritt angestrebt wurde.

Man musste sich für eine gute Schule nicht extra am vegetarischen Gedanken emporranken. Traditionell galt, dass man zwischen Fleisch- und Mustagen zu unterscheiden hatte; also ass man nur am Dienstag, Donnerstag, Samstagabend und Sonntag Fleisch, die anderen Tage waren Mustage. Luzernische Internatsordnungen stellten sicher, dass Schüler 4mal wöchentlich Fleisch bekamen.


Schulgeschichte läuft z.T. parallel zur Schweinemast. Weil unter 1000 Säuen nichts mehr rentiert, wurde Kanton LU Hochburg der Massenmast, ähnlich Kantonsschulen, wo Sursee immer wieder mahnte, ein Kleingymnasium wie Beromünster hätte eine zu schwache Frequenz. Wie bei der Schweinemast lohnt es sich erst ab 1000 Schülern, so moderne Schulen in AG und LU.
Pirmin Meier, am 11. August 2015 um 08:11 Uhr
Ihr Studium der Schulgeschichte in Ehren, Pirmin Meier. Aus der Sicht eines Metzgersohnes kann man das so sehen. Der körperlich arbeitenden Bevölkerung war viermal Fleisch in der Woche sicher angemessen. Allerdings haben sich die Zeiten geändert. Maschinen und Geräte aller Art entlasten die meisten von uns. Die Essgewohnheiten müssen sich daher anpassen. Ausserdem geht es nicht nur um Fleisch. Auch der Zuckerkonsum - vielfach in Industrieprodukten versteckt - muss korrigiert werden. Der auf Profit gerichteten Werbung der Hersteller, oft auch mit wahrheitswidrigen Aussagen, muss entgegen gehalten werden.
Jürg Schmid, am 11. August 2015 um 08:34 Uhr
@Schmid. Was Sie über die arbeitende Bevölkerung schreiben, entspricht Forderungen der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc zu. Sie klagten, dass Werftarbeiter nicht jeden Werktag Fleisch zu essen bekämen.

Junge Kopfarbeiter sollten Fette konsumieren, es müssen nicht tierische sein.

Einstellung zum Fleischessen, ist wohl bei Ihnen, wie schon beim Apostel Paulus, selbstverständlich bei Juden und Muslimen, generell eine hochreligiöse weltanschauliche Angelegenheit, bei Grünen sektenkonstituierend. Vor allem aber ist es, wie die einstige Trennung von Fleisch- und Mustagen andeutet, eine Frage der Diätetik des Masses.

Von unseren Vorfahren, so weit nicht Inuits, können wir lernen, dass «man» nicht alle Tage Fleisch essen sollte. Sonst aber, was man angeblich «muss» und «sollte», gab und gibt es ein tiefes Bedürfnis religiöser Führer, später in säkularisierter Form bei aufgeklärten Leuten, die Mitmenschen zu bevormunden. Diätetisch bedenkenswert bleibt, dass Hochreligionen einen Fastenrhythmus kennen, so die heilige Teresa: «Wenn Rührei dann Rührei, wenn Rebhuhn dann Rebhuhn.» Immerhin war Rührei, wie Fisch oder Schnecken, eine nichtvegane Fastenspeise, wobei aber Butter als Rindsprodukt in der Fastenzeit im Gegensatz etwa zu Olivenöl verboten war. Deshalb gab es die berühmten «Butterbriefe» des Mittelalters: Dispensen, für die man bezahlen musste; erinnert schon fast an CO2-Ablasszahlungen. Essen und Trinken hat zutiefst mit Moral und dem Bedarf nach Vorschriftenmachen zu tun.
Pirmin Meier, am 11. August 2015 um 09:20 Uhr
Mit einem leisen Schmunzeln registriere ich, wie sich mein konkretes «Bsp.» verselbständigt hat. Eigentlich ging es darum: Kann es «service public» (Dienst an der Allgemeinheit) sein, Leute auf Wissen aufmerksam zu machen, dessen Verbreitung und Anwendung Ressourcen (finanzielle wie z.B. Krankenkassen-Prämien oder Steuergelder oder auch ökologische wie Rohstoffe) im Interesse aller und unserer Enkelkinder schonen kann. Wobei wir uns oft darin täuschen, was «man» an Wissen voraussetzen kann.
Hans Hauri-Karrer, am 11. August 2015 um 10:25 Uhr
Aufklärung war und ist wohl eine der vornehmsten Aufgaben von uns Lehrern, auch Hauswirtschaftslehrerinnen, mit denen zusammen ich schon «historische Ernährungsphilosophie» praktizierte. Wir sollten, wie Sie, zu dem stehen, was wir als richtig erarbeitet haben, das ist sogar der Sinn von Professor, Bekenner.


Die Aufklärung, die der Staat dann offiziell macht, bedarf dann aber wieder der Korrektur und Differenzierung. Leute, die so gut sind wie Sie, arbeiteten vielleicht doch lieber in der Schule als in einem Propagandaministerium. Die dortigen Leute können potentiell eine Negativauslese darstellen. Stellen Sie sich vor, die SVP wäre an der Macht und würde die Aufgabe der Aufklärung über Ernährung an den Bauernverband delegieren.
Pirmin Meier, am 11. August 2015 um 11:12 Uhr
PS: An Herrn Hauri: Dass über Nacht wieder 170 Schweine in einem Stall von Arth verbrannt sind, empört mich, stört mich mehr als die (abgeschafften) Elefantennummern im Zirkus. Noch abschliessend zum Thema Schule/Schlachthaus. Das ins Schlachthaus oben integrierte Stiftsschulhaus funktionierte in Beromünsster noch im 19. Jhd. unter Bedingungen, da der Metzger wie der Lehrer sozusagen noch Kleinhandwerker waren. Die moderne Kantonsschule Sursee befindet sich nicht zufällig im Industriegebiet; die Kantonsschule Baden vergleichsweise ziemlich in der Nähe des unterdessen eingestellten grossen Schlachthofes Baden, dessen Blütezeit ungefähr zur Gründungszeit Ihrer Kantonsschule war.

Wer nie sein Brot samt Cervelat in Tränen ass.
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte. (Frei nach Goethe)
Pirmin Meier, am 12. August 2015 um 07:31 Uhr
Fleisch ist schon ein besonderes Thema. Da hat Rudolf Strahm in seinem Buch «Warum sie so arm sind» 1985 dargelegt, wieviel Getreide für Tiermast verschwendet wird, wieviel Ressourcen durch unsere fleischlastige Ernährung verbraucht werden. Aber wenn Schweizer Fleisch mit subventionierter Fernsehreklame übermässig gefördert wird, ist das kein Thema.
HarzIV-abhängige in Deutschland können sich kaum gutes Gemüse leisten - Fleisch ist billiger. Da stimmt etwas nicht.
Hat die Fleischbranche die Aufklärung über Ernährung schon übernommen?
Maja Beutler-Vatter, am 14. August 2015 um 22:29 Uhr
@Maja Beutler. Werbung für «Schweizer Fleisch» meint nicht mehr Fleischkonsum, sondern Halten eines Marktanteils, der klar rückläufig ist; wohl nicht nur, weil im Grenzraum viel «auswärts» gekauft wird. Über *Schweizer Fleisch» wird viel Aufklärung betrieben, bloss nicht nicht nur so, wie Sie es gerne sähen. Von Bedeutung wäre, wieder «alles am Tier», nicht nur Spezialstücke, schätzen zu lernen, nebst Kutteln zum Beispiel «spanische Nieren», die im Rahmen meines Kurses «Ernährungsphilosphie» in Beromünster von zwei Schülern mal begeistert präsentiert wurden.

Während die ältere katholische Doktrin von maximal vier Fleischtagen die Woche ausging, veranstaltete Zwingli am Karfreitag ein Wurstessen. Daswar zur Zeit der Zerschlagung der Orgeln und der Heiligenbilder in Zürcher Kirchen.

Denkwürdig scheint mir der mehrmals geäusserte Protest des sonst hochverdienten Philosophen und Theologen Gonsalv Mainberger (1924 - 2015), der sich in seinem sozialen Engagement um eine fortschrittliche Synthese zwischen Christentum und Marxismus bemühte. Aus einem modernen spätreformatorischen Befreiungspathos heraus protestierte er dagegen, dass es in Altersheimen, so in seiner Heimatstadt St. Gallen, nicht täglich Fleisch zu essen gebe, sondern leider nur drei oder viermal die Woche. Als Emanzipationstheologe kämpfte er gegen Diskriminierung; also mussten die Alten täglich Fleisch futtern, was heute wieder Realität ist. Auch für Asylbewerber bedeutet die Reise zu uns: Hurra, mehr Fleisch!
Pirmin Meier, am 14. August 2015 um 23:22 Uhr
Die Fernsehkampagne hat «alles andere» (als Fleisch) zur Beilage degradiert und genau diese Einstellung ist verheerend. Nun gibt aber eine gute Mahlzeit nur aus Pflanzen recht viel zu tun. Und da müsste es halt auch für mehr Männer attraktiv sein, zu schnetzeln und nicht nur zu grillen.
Maja Beutler-Vatter, am 15. August 2015 um 15:26 Uhr
Aus Sicht von «Ernährungsphilosophie» könnte ich diesen Spot nie unterschreiben, aber wer würde schon, von einer «höheren» Reflexionsebene her, einen Fernsehspot unterschreiben?
Pirmin Meier, am 15. August 2015 um 16:52 Uhr

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