Männer ejakulieren im Durchschnitt nur noch halb so viele Spermien wie noch im Jahr 1973 © DeterminantHealth

«Not am Mann»: NZZaS verschweigt wichtige Ursachen

Urs P. Gasche / 01. Aug 2017 - Auf der Frontseite berichtete die NZZaS, worüber Infosperber bereits informiert hatte. Zur Verantwortung von Konzernen kein Wort.

Infosperber hatte am 28. Juli ausführlich darüber berichtet: Was schon im Jahr 2005 ziemlich klar war, hat jetzt eine Übersichtsstudie, welche die Fachzeitschrift «Human Reproduction Update» am 25. Juli veröffentlichte, noch einmal aufgezeigt: In den Industriestaaten ist die Gesamtzahl der Spermien pro Samenerguss seit 1973 um die Hälfte gesunken.

Darüber informierte am 30. Juli in grosser Aufmachung auch die «NZZ am Sonntag». Anders als Infosperber ging die NZZaS jedoch nicht näher auf die wahrscheinliche Hauptursache und die Verantwortlichen ein.

Dafür liess die Zeitung ausführlich zwei Reproduktionsmediziner zu Wort kommen, die beide bekannt dafür sind, sich für die Legalisierung der Eizellenspende und der Leihmutterschaft einzusetzen.

Die NZZaS erwähnte zwar, dass nicht nur die Zahl der Spermien, sondern die Beweglichkeit und die Form der Spermien «ebenfalls wichtig für die Fruchtbarkeit des Mannes» seien. Die Zeitung informierte jedoch nicht darüber, dass es damit ebenfalls nicht gut steht.

«NZZ am Sonntag» vom 30. Juli 2017

Auch die Qualität der Spermien verschlechtert sich

Am 8. Juni 2017 hatte Infosperber über «Spermien mit Anomalien wie zwei Köpfen statt einem» berichtet: Bereits 90 Prozent der Spermien junger Männer sind missgebildet, manchmal mit zwei Köpfen oder zwei Schwänzchen. «Wir beobachten nicht nur einen Rückgang der Zahl der Spermien, sondern eine verschlechterte Qualität und eingeschränkte Bewegungsfähigkeiten, so dass viele nicht mehr ans Ziel gelangen», stellte Shanna Swan in der «New York Times» fest. Sie ist Epidemiologin und Reproduktionsmedizinerin an der «Icahn School of Medicine at Mount Sinai» in New York.

Andrea Gore, Professorin an der University of Texas und Herausgeberin des wissenschaftlichen Fachblatts «Endocrinology», warnte: «Mit der verschlechterten Spermien-Qualität sinkt die Fruchtbarkeit der Männer.»

«Es herrscht die Meinung vor»

Eigentlich sei eine verbreitete Angst vor Unfruchtbarkeit unbegründet, meinte die NZZaS. Denn schliesslich gebe es heute die Reproduktionsmedizin: «Obwohl die Fortpflanzungsmedizin immer mehr Paaren zu ihren Wunschkindern verhilft, schwindet die Angst vor der Unfruchtbarkeit nicht, im Gegenteil», bedauerte die NZZaS und zitierte sogleich Reproduktionsmediziner Bruno Imthurm der Uni Zürich: «Es herrscht die Meinung vor, dass die Unfruchtbarkeit zunimmt». Offensichtlich ist diese Meinung nach Ansicht von Imthurm unbegründet, denn er erklärt die häufigeren Fälle von Unfruchtbarkeit wie folgt: «Die Hauptursache dafür ist, dass die Frauen und Männer immer älter werden, bis sie ein Kind wollen.»

Der Reproduktionsmediziner unterstellt damit Forscherinnen und Forschern wie Hagai Levin, Shanna Swan, Andrea Gore und andern, sie hätten jüngere Männer mit heute älteren Männern verglichen. Das stimmt natürlich nicht. Sowohl die Quantität wie die Qualität der Spermien nahmen seit den Siebzigerjahren bei Männern gleichen Alters alarmierend ab.

NZZaS verwedelt die Ursachen

Die NZZ-Redaktorin schrieb lediglich allgemein: «Der Fortschritt der Zivilisation und die wirtschaftliche Entwicklung dürften mitverantwortlich sein für die Spermienkrise der westlichen Männer.» Sie zitiert dann zwar den den Autor der neusten Studie, Hagai Levine, wonach es «immer mehr Hinweise» gebe, dass «von Menschen gefertigte Chemikalien die Fruchtbarkeit der Männer beeinträchtigen».

Doch welche Chemikalien höchstwahrscheinlich schuld sind, darüber gebe es «fast keine gesicherten Befunde». Damit übernahm die NZZaS die Haltung von Industriekonzernen, die zuerst «endgültige» und «zweifelsfreie» Beweise verlangen, bevor ihre hormonaktiven Stoffe in Produkten verboten werden. Dieses Abwarten ohne Vorsichtsmassnahmen hat beim Tabak und beim Asbest unsägliches Leid angerichtet.

Schwarzer Peter den Geschädigten

Konkret nannte die NZZaS dann, was unter Verdacht steht: «Rauchen, strahlende Handys in der Hosentasche, Acetylsäure in Schmerzmitteln, Übergewicht oder Anabolika für Sportler». Damit wird der schwarze Peter den Konsumentinnen und Konsumenten zugeschoben: Sie sollen nicht rauchen, Handys nicht in die Hosentasche stecken, andere Schmerzmittel schlucken, abnehmen und nicht zu Anabolika greifen.

Die Verantwortung von Konzernen klammerte die NZZaS aus. Und doch gelten nach heutigem wissenschaftlichen Stand die hormonaktiven Substanzen in vielen Produkten als Hauptursache der Spermienprobleme. Meistens sind diese Stoffe nicht oder nicht transparent deklariert, so dass eine Vermeidung dieser Produkte schwierig ist.

Solche «endokrine Disruptoren», wie sie im Fachjargon heissen, sind nicht nur in Pestiziden, Flammschutzmitteln und Plastik zu finden, sondern ebenso in weitaus alltäglicheren Produkten wie Shampoos, Kosmetika, Farben, Lacken und sogar auf gedruckten Kaufquittungen und Einfassungen von Konservendosen.

Der Internationale Verband für Gynäkologie und Geburtshilfe (FIGO) hatte im Oktober 2015 eine aussergewöhnliche Warnung veröffentlicht: «Der Kontakt mit weit verbreiteten toxischen Chemikalien in unserer Umwelt gefährdet die menschliche Fortpflanzung.»

Über diese Warnung haben weder die NZZaS noch die NZZ und andere grosse Schweizer Medien bisher informiert. Das zeigt eine Konsultation der Mediendatenbank.

Auch Hormonspezialisten warnen

Der Internationale Verband der Gynäkologen ist nicht die einzige renommierte Organisation, die schon seit Längerem auf die latente Gefahr solcher Stoffe hinweist. Unlängst hat auch die Endocrine Society, ein internationaler Verband von Ärzten und Wissenschaftlern, die sich mit Hormonen befassen, eine ähnliche Warnung publiziert: Die Indizien würden sich verdichten, dass hormonaktive Stoffe die Ursache seien von weniger zeugungsfähigen Spermien bis zur Unfruchtbarkeit, Hoden-Hochständen und anderen Missbildungen der Fortpflanzungsorgane sowie von Krebserkrankungen der Prostata, Brust, Gebärmutter und Eierstöcken. Hormonaktive Stoffe würden auch zu den Zivilisationskrankheiten Diabetes und Übergewicht beitragen.

Eine Studie wies nach, dass namentlich die vorgeburtliche Exposition von Umweltchemikalien die Fruchtbarkeit negativ beeinflussen kann. In nordischen Ländern sei nachgewiesen worden, dass hormonaktive Substanzen, die in Pestiziden und in Pflege- und andern Konsumprodukten enthalten sind, zu Fruchtbarkeitsproblemen führen.

Auch darüber informierten bisher weder die NZZaS noch die NZZ und andere grosse Schweizer Medien.

Der ganzseitige Bericht der «NZZ am Sonntag» vom 30. Juli konnte zwischen den Zeilen wie folgt ankommen: Die Ursachen des Spermienproblems sind dem «Fortschritt der Zivilisation» geschuldet. Eine Förderung der künstlichen Befruchtungen sowie die Legalisierung der Eizellenspende und der Leihmutterschaft können das Problem lösen.

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Auf Wunsch der NZZ-Redaktorin haben wir deren Namen am 1.8.2017 um 13.05 aus obigem Artikel gelöscht.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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2 Meinungen

Ich wüsste doch zu gerne, warum sich die Redaktorin der NZZaS nich mehr zu ihrem Artikel bekennen mag!
Michael Haggenmacher, am 01. August 2017 um 15:40 Uhr
Mainstream Medien leben von der Käuferzahl. Alles was Kastrationsängste auslösen könnte, und somit Kunden verunsichern könnte, muss strikte vermieden werden. Wir leben in einer Welt von Lügen je länger desto mehr. Vermutlich werden Wissenschaftler welche Beweise für geschädigte Spermien auf den Tisch legen bald noch von den Unis entlassen und als Verschwörungstheoretiker verschrieen. Nach dem fortschreitenden Untergang der Relligionen müssen wohl nun andere Mechanismen für eine rosarote Brille sorgen. Wegschauen, bagatelisieren, ignorieren und tot schweigen sind Werkzeuge die nur schwer zu erkennen sind.
Beatus Gubler, am 02. August 2017 um 17:37 Uhr

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