ProLitteris Al Imfeld Strahm © cc/rs

ProLitteris-Preisträger Al Imfeld (links) und sein Laudator Rudolf Strahm

Auszeichnung für widerständigen Journalismus

Robert Ruoff / 23. Mai 2014 - Rudolf Strahm ehrt bei der ProLitteris-Preisverleihung für Journalisten seinen Weggenossen Al Imfeld.

Es gibt Preise, die wichtig sind, weil sie an Prominente gehen. Und es gibt Preise, die wichtig sind, weil sie an Autoren gehen, die sich durch sehr eigenständige, widerständige Lebensleistungen auszeichnen. Der ProLitteris-Preis 2014 für Journalisten ging an solche Autoren von aussergewöhnlichem Rang: Al Imfeld und Viktor Parma. Beide wurden ausgezeichnet für ihr Lebenswerk.

Und die beiden Preisträger wählten einen aussergewöhnlichen Preisträger für den ProLitteris-Förderpreis: einen PR-Menschen. Oliver Classen, Mediensprecher der Erklärung von Bern, erhielt die Auszeichnung stellvertretend für eine Arbeitsgruppe, die mit ihrem Buch über den Rohstoffhandel und die Schweiz als Drehscheibe tatsächlich eine publizistische Leistung von bedeutender Wirkung erbracht hat.

So ungewöhnlich die Preisvergabe (am 18. Mai im Zürcher «Kaufleuten»), so substantiell waren die Lobreden. Persönlich geprägt und gleichzeitig reich an Reflexion über die Aufgabe eines kritischen Journalismus in der Welt der Gegenwart.

Für den 79-jährigen Infosperber-Autor, Theologen, Schriftsteller und Journalisten Al Imfeld hielt Rudolf Strahm die Laudatio, die Infosperber hier abdruckt.

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Al Imfeld – Weltbürger zwischen Napf und Kilimandscharo

«Der ProLitteris-Preis 2014 für Al Imfeld ist hoch verdient. Sein journalistisch-literarisches Lebenswerk ist enorm.

Mich freut auch der Förderpreis an die Erklärung von Bern. Ich bin ja ein Veteran der Erklärung von Bern und Vorvorvor- – ich weiss nicht wie viel mal – Vor-Gänger des Preisträgers. Ich begann dort als erster vollzeitlicher Sekretär vor genau 40 Jahren.

Erstmals bin ich Al Imfeld an der Interkonfessionellen Konferenz Schweiz-Dritte Welt im Herbst 1970 im Bundeshaus begegnet. Es gibt noch ein Bild von uns beiden, als die so genannte «Jugendfraktion» im Bundeshaus Zimmer 86 den Hungerstreik proklamierte. Al Imfeld als wohlwollender Berichterstatter mit der Würde des Immenseer Paters, mit kurzem amerikanischem Bürstenschnitt – ich als «Waffenchef der Entwicklungsstudenten», wie man Leute meiner Art damals in die Nähe der Roten Armeefraktion schob.

Ohne den Geist des Reformpapstes, Johannes XXIII., wäre damals dieses ökumenische Zusammengehen der katholischen, christkatholischen und der evangelisch-reformierten Landeskirchen im Bundeshaus nicht möglich gewesen. Ich glaube, auch Immensee und der junge Immenseer Priester Alois Imfeld, haben den Spielraum dank der kirchlich-theologischen Öffnung dieses Papstes nutzen können.

Ausgeraubter Afrika-Journalist

Einige Jahre später, im Sommer 1976, bin ich Al Imfeld in den Strassen von Dar es Salaam begegnet. Al war schmutzig, schlacksig, verschwitzt und müde. Er erzählte die Geschichte vom tansanischen Bischof, den er – typisch für Al Imfeld – unerschrocken der Korruption überführte, weil er Missionsgelder für seine eigenen, illegitimen Kinder abgezweigt hatte. Al fragte uns beiläufig und bescheiden, ob wir ihm nicht «ein Nötli» geben könnten, er war zuvor ausgeraubt worden, war ohne Ausweise und Geld; – auch nicht ganz untypisch für den Priester Imfeld. Als weisser Einzelgänger mit schlacksigen Hosen und hervorstehendem Geldbeutel hatte er sich wohl geradezu für einen Raub angeboten.

Wir sind beide Kinder des Napfs. Er auf der katholischen, schwarzen Luzerner Seite, ich auf der Berner Seite, dem Gotthelfland, wo man noch in meiner Jugend den Berner Freisinn in Gotthelf’scher Tradition als «Gottlose» betrachtete. Der Graben zwischen Katholischen und Reformierten war noch abgrundtief. Welch eine Schande war das für eine Emmentaler Familie, wenn einer von ihnen nach der Lüdere- oder der Napf-Chilbi oder nach einem Kiltgang ins Luzernische eine «Schwarzkatholische» aus dem Entlebuch heiraten musste! Und wohl auf der Luzerner Seite desgleichen. Man musste von dort halt auswandern.

Welche Werteverschiebung innert eines halben Jahrhunderts! Welche «Entzauberung der Welt», um mit Max Weber zu sprechen, hat da stattgefunden.

Weltbürger zwischen Napf und Kilimandscharo

Al Imfeld ist ein Weltbürger zwischen Napf und Kilimandscharo. Lotta Suter hat in ihrer Imfeld-Biographie die Stationen, Episoden, Erinnerungen des heutigen Preisträgers äusserst spannend, liebevoll und nicht unkritisch aufgezeichnet. Diese Biographie ist für sich schon ein Stück Literatur!

Man kann nicht aufzählen, welche Themenfelder Al Imfeld in seinem Leben alles beackert hat. Fast fünfzig Buchtitel gab es unter seinem Namen. Er ist allem voran ein Geschichtenerzähler. Dabei ist er ein unendlich kreativer Wortschöpfer, ein «Worteverschwender», ein Bildermacher und ein Kunstbeobachter und Künstler zugleich. Mit seinem Hin und Her zwischen Afrika und Europa, etwa mit seiner Mitherausgeberschaft der wertvollen Bücher-Reihe «Dialog Afrika», ist er Kulturtransferierer, Literat und Literaturkritiker zugleich, ein «Tausendsassa an allen Fronten», wie ein Porträt über ihn in einem Deza-Buch überschrieben ist. Akademisch ausgedrückt müsste man heute sagen: Imfeld war zeitlebens und heute noch ein «globalisierter Kulturdiffusionsagent».

Selbstverständlich war Al Imfeld immer auch ein Unruhestifter, auch in seiner Kirche, in seiner Missionsgesellschaft, besonders bei den etablierten Institutionen. Den einen war er zu wenig katholisch, den andern zu spirituell; den einen zu intellektuell, den andern zu oberflächlich; den einen zu eigenbrötlerisch, den andern zu narzisstisch. Auch in der entwicklungspolitischen Szene, die heute stark von öffentlichen Deza-Geldern und von der aalglatten Spendenwerbung mit abgeschliffenen Ecken und Kanten abhängt, gilt der weitgereiste, erfahrene Entwicklungsexperte Imfeld öfter als Spielverderber. Manchmal zeigt er sich auch verbittert, pessimistisch, traurig-resigniert.

«Ich war stets für Entwicklungshilfe, aber immer anders, als sie verlief.» Das ist eine seiner Kernaussagen. – Du sprichst mir aus dem Herzen, lieber Al Imfeld, und vielen, vielen anderen Tiers-Mondistes der ersten Stunde auch. Aber Du bist bei diesem Schwimmen gegen den Mainstream geistig lebendig und vif geblieben. Nur lebende Fische schwimmen gegen den Strom.

Was mir aber immer gefallen hat und gefällt: Al Imfeld war nie elitär. Er hat seine globalisierungskritischen Menschen vom Napf wie auch seine analphabetischen Bauern vom Kilimandscharo gleichermassen zutiefst verstanden. Er war nie abgehoben im intellektuellen Bashing gegen die einfache Volkskultur und Volksmeinung, wie wir dies jetzt wieder erleben. – Seine Napfwurzeln hat der Intellektuelle nie aus seinem Hirn getilgt.

Aus der geistigen Enge...

Wir, die Älteren hier, sind noch in der geistigen Enge der Schweiz des Zweiten Weltkriegs aufgewachsen. In den sechziger Jahren war das Wort «Entwicklungshilfe» besetzt als linke Kampfparole, das Wort «Weltfrieden» galt als das Schlagwort des Kommunismus, die UNO galt als unterwandert; und die «Mohren» und «Heiden» waren in den Sonntagsschulliedern noch allgegenwärtig. Doch die Schweiz ist in den letzten fünfzig Jahren weltoffener, pluralistischer, toleranter geworden.

Welche Werteverschiebung hat da seither stattgefunden!

Wie ist überhaupt Bewusstsein für die Dritte Welt, für internationale Solidarität, für Fair-Trade-Handel entstanden? Oder wo hat sich das Bewusstsein für die Bewahrung der Umwelt, der Flora, Fauna und Weltmeere, der Einsatz für globale Werte, Menschenrechte, Frauenrechte entwickelt?

...zu neuen Werten...

Diese Verschiebung der Werte kam nicht und nie von den Regierungen, nicht von den Amtskirchen, ja nicht einmal von den Gewerkschaften und Parteien, und schon gar nicht von den Konzernen und bolognagemodelten Universitäten. Nein, diese Anstösse kamen immer von der Zivilgesellschaft, von den NGOs. Meist wurden sie mit lokalen Freiwilligenaktionen an der Basis gestartet, später entwickelten sie sich zu hochprofessionellen Organisationen. Es waren die Arbeitsgruppen Dritte Welt und Erklärung von Bern, beim Umweltbewusstsein waren es die «Kaiseraugster», die WWF und die Greenpeace, beim globalisierten Rechtsverständnis waren es die Amnesty International und die Transparency International. Gewiss haben die Schriften und Reden von Einzelschwimmern gegen den Strom, etwa eines Al Imfeld oder eines Jean Ziegler, diesen Bewegungen auch Nahrung gegeben. Aber: die Bewegungen danken nie! Sie haben eine andere Logik und eine andere Bewegungsdynamik.

...und einer neuen Hoffnung

Ich glaube, das alte Thema hat uns wieder eingeholt, nämlich: die Spannung zwischen dem Anspruch auf «nationale Souveränität» einerseits und den neuen globalen Spielregeln anderseits, – zum Beispiel in Sachen Steuerflucht und Bankgeheimnis. Die Schweiz hatte ja historisch nie, nie die Kraft, ihr Haus auf dem Finanzplatz von sich aus in Ordnung zu bringen. Wer hätte das gedacht, lieber Al Imfeld, lieber Viktor Parma, liebe Gäste, dass wir noch erleben können, wie sich dieser Finanzplatz – wir sitzen hier im «Kaufleuten» ja geographisch mitten drin – den neuen globalen Spielregeln beugt und die Implosion des Bankgeheimnisses plötzlich akzeptiert?

Eine solche Entwicklung ist ja auch ein Stück Hoffnung. Hoffnung für Dich, Al Imfeld mit Deinem Lebenswerk, auch für Dich Viktor Parma.

Diese Veränderungen werden sich fortsetzen, auch nach uns!»

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Folgt: Das Raunen in der Journalistenszene. Kurt Imhof über den Journalistenpreis für den PR-Mann Oliver Classen

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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Eine Meinung

Melde mich meinerseits für den Al-Imfeld-Fanclub. Erste Begegnung war Zwischenruf bei einer Predigt, so fingen gute Kontakte mit einem «Geistlichen» an, dem einzigen mir bekannten Weltpriester ohne kirchliche Pension. Das mit den Napfkindern von Strahm, den ich bei der ersten Begegnung ebenfalls mit einem Einwand pro Staudamm Cabora Bassa begrüsste, passt prima. Je ein nonkonformistischer Katholik und ein ebensolcher, noch echter Protestant.
Pirmin Meier, am 24. Mai 2014 um 11:14 Uhr

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