Fällander Tagebuch 20 © zvg

Fällander Tagebuch 20

Unsere Welt Südsüdwest – für welchen Frieden sind Sie?

Jürgmeier / 08. Mai 2018 - «Trachten Sie danach, sich an Sabotage oder Genozid zu beteiligen?» Nein? Seien Sie nicht so negativ, sagen Sie Ja, z.B. zum Krieg.

26. März 2018

Wenn die ganze Welt unser Land wär'

Sich die Welt,
Für einen Moment,
Einen utopischen,
Als ein Land denken.
So dass alle Kriege
Von Süd bis Ost
Unsere Kriege,
Alle Gefolterten & Flüchtenden,
Verhungernden & Mordenden
Unsere Landsleute wären.

So wie die Orangen
Aus Südsüdost an
Unseren Bäumen wachsen.
Längst alle Strände in
Nordsüdwest unsere
Wellness-Oasen sind.
Gift & Ce-O-Zwei in allen
Lüften & Meeren aus
Unseren Fliegern & Fabriken
Kommen – kompensiert.

Die Grenzen – damit
Wir & die anderen wissen,
Wo Anfang & Ende,
Wo Elend & Krieg der
Anderen und unsere
Gemütlichkeit enden.
Wohin die Leichen.
Woher die Mörder.
In einer Welt, die in
Nationen zerfällt.

28. März 2018

Zum ersten Mal wird es, für mich, diesen Sommer in das Land gehen, das den einen als «Führungsmacht der freien Welt», den anderen als «Gefahr für den Weltfrieden» erscheint. Aus familiären, nur aus familiären Gründen. Zum ersten Mal beantrage ich eine sogenannte ESTA-Reisegenehmigung (Electronic System for Travel Authorization). Kein anderes Land, an dessen Ufern ich auf irgendein Meer geschaut, in dessen Städten ich der Geschichte gefolgt und in dessen Restaurants ich gegessen, wollte wissen, ob ich an «einem körperlichen oder geistigen Gebrechen» leide, Drogen missbrauche oder süchtig sei. Zugegeben, es sind nur wenige und keine wirklich fernen Länder.

Aber Liechtenstein, Deutschland, Frankreich, Holland, Italien, Österreich, Spanien, England, Schweden, Finnland, Dänemark und Polen – sie alle kümmerte es nicht, ob ich gegenwärtig an CholeraDiphterieTuberkulosePlagePockenGelbfieber leide. Sie vergewisserten sich nicht, dass ich nach dem 1. März 2011 nicht in IrakIranSudanSyrienLibyenSomaliaJemen gewesen. Kein anderer Staat brachte mich in die Verlegenheit, die Frage «Trachten Sie danach, sich an terroristischen Aktivitäten, Spionage, Sabotage oder Genozid zu beteiligen, oder haben Sie sich jemals an derartigen Aktivitäten beteiligt?» mit «Ja» zu beantworten. Aus Trotz. «Mach’ das nicht!» Werde ich gewarnt. Von Familie, Freunden und Freundinnen. Die verstünden keinen Spass. «Die Amerikaner».

Brav bete ich das Entry-Nein herunter. Nein, ich versuche nicht, «Arbeit in den Vereinigten Staaten zu bekommen». Nein, ich wurde nie «verhaftet oder eines Verbrechens überführt». Nein, nie hat man mir «den Zutritt zu den Vereinigten Staaten verweigert». Nein, nie habe ich darum gebeten. Aber vielleicht war gerade das ein Fehler? Am Ende sind sie noch beleidigt, «die Amis», dass ich, mit 66, noch nie in Americafirst war, nie länger als von der U.S. Regierung erlaubt in den «Vereinigten Staaten geblieben» bin. Nachdem ich die Namen meiner Eltern, tot oder lebendig, angegeben und per Kreditkarte die Bezahlung von 28 Dollar garantiert habe, erhalte ich umgehend die Genehmigung, «in die Vereinigten Staaten zu reisen».

Allerdings ist das keine Garantie für den «Zutritt zu den Vereinigten Staaten; ein Customs and Border Protection (CBP) Beamter wird am Einreiseort die endgültige Entscheidung darüber treffen». So leicht kommt keiner nach Americagreatagain. Und den Witz, den ich mir vor Jahrzehnten in Paris, gegenüber eines Gefängnisses, in dem Leute aus politischen Gründen – welchen weiss ich nicht mehr – einsassen, leistete, als Polizisten mich baten, meine Tasche – in der neben Kleidern auch ein paar Flugblätter versteckt waren – zu öffnen, könne ich mir im «Land der unbegrenzten Möglichkeiten» nicht erlauben. Warnen mich Weit- und Weltgereiste. «Denken Sie, ich hätte da eine Bombe drin?» Spottete ich damals. Und wir lachten alle. Die Flics womöglich über mein Schulfranzösisch. Das war vor Jahrzehnten. In Frankreich. Wie gesagt.

1. April 2018

«Hast du den 1.-April-Scherz schon gefunden?» Fragt S. Nein. Ich habe die SonntagsZeitung überflogen. Als wär’s ein Sonntag wie jeder. Jetzt, an den ersten April erinnert, lese ich die Zeitung anders. Mit Scherzblick. «Neu soll gesetzlich vorgeschrieben sein, im Stau auf der Autobahn eine Rettungsgasse zu bilden.» Tatsache? «CVP schmiedet Wirtschafts-Allianz gegen Martullo-Blocher.» Fake? «Der Weltfussballverband Fifa büsst YB mit 20 Punkten Abzug, weil der Kunstrasen im Stade de Suisse nicht den internationalen Standards entspreche.» Ernsthaft? «Natürlich, so der Vatikan…, sei die Hölle eine Realität. Etwas anderes zu behaupten, sei absurd.» Ein Witz? Kein Witz? So viele Fragezeichen. So viele mögliche Scherze. In einer Zeitung. Aber am Ende ist nur einer der richtige. Das heisst eine Falschmeldung. Die Young Boys haben einen FIFA-konformen Rasen. Den sie regelmässig spritzen. Verlieren keine Punkte. Nicht einmal am grünen Tisch. Und werden am 28. April definitiv Schweizer Meister werden.

Ich aber kann mir vorstellen, der Papst könnte nicht mehr an die Hölle glauben. In welcher Welt lebe ich? Was würde ich in der SonntagsZeitung am Sechseläuten entdecken? Was am 1. Mai, an Silvester und Ostern? Wie lesen Leute, die «Lügenpresse» schreien, die Zeitung? Wie jene, welche das Schweizer Fernsehen und Radio für links unterwandert beziehungsweise für SVP-lastig halten? Oder in den sogenannten Mainstream-Medien nur Handlager des Kapitals am Schreiben wähnen? Was glauben GottesfürchtigeMarktgläubigeWissende? Welchen Informationen trauen jene, die in Ost und West, Nord und Süd überall Kriegspropaganda wittern und hinter jedem Attentat – 9/11 New York, Charlie Hebdo Paris, Breitscheidplatz Berlin – Geheimdienste, eigene und fremde, am Werk sehen? Welche Bomben sind für sie gefallen? Wer hat in ihren Augen das Gift geliefert? Welche Toten sehen sie noch leben?

16. April 2018

Liebe unbekannte Bewohnerinnen und Bewohner von Duma (Syrien)

Wir, die wir – wenn sich nicht gerade Krankenkassenprämien, Facebook oder böllernde Fussballfans in die Tagesaktualitäten drängen – in mehr oder weniger gestylten Stuben und an reich gedeckten Tischen regelmässig die Bilder der zertrümmerten Mauern eurer Häuser und Städte vorgesetzt bekommen, wir murmeln gerne mit betrübtem Blick: «Dass die da noch wohnen können.» Lebt ihr noch? Wie? Wie lange noch? Und natürlich hoffen wir, dass dieser Krieg endlich ein Ende hat. Damit ihr nicht alle abhaut und schliesslich an unsere Türen klopft. Wenn ihr noch fliehen könnt.

Jetzt streiten sie bei uns wieder einmal über eure Lage. In Zeitungsspalten, Online-Foren, multimedialen Arenen, TV-Talkshows und an hundskommunen Stammtischen. Waren die Bomben auf syrische Chemiewaffen-Arsenale «gute» Bomben? Weil die «gezielten Raketenangriffe der USA mit Unterstützung der Briten und Franzosen» (NZZ am Sonntag, 15.4.2018) zwar irgendwie völkerrechtswidrig, aber die einzig richtige Antwort auf den Giftgasangriff in eurer Stadt vor einer Woche waren? Oder waren es «böse» Bomben, weil es den Giftgasangriff gar nicht gegeben hat und mit einer Lüge (wieder einmal) der Dritte Weltkrieg ausgelöst werden könnte? So streiten sie, und sie tun es heftig, die gut informierten beziehungsweise manipulierten Beobachterinnen und Beobachter in unseren Medien. Habt ihr da in Duma, in dieser Stadt mit rund 120'000 Einwohnern und Einwohnerinnen, etwas von diesem Gift gemerkt? Am eigenen Leib? Kennt ihr Leute, die betroffen oder daran gestorben sind? Eltern, die ein Kind verloren haben? Wenn nicht – wofür wäre das ein Beweis?

Und wer sind eigentlich die «bösen Buben» in diesem Elend? Assad – der «Wiederholungstäter» (NZZ am Sonntag, 15.4.2018), das «Monster» (Donald Trump über Baschar al-Assad)? Putin – «ein brutaler Zyniker, der als Schläger auf den Leningrader Strassen begonnen hat» (Blick, 14.4.)? Trump – «ein pathologischer Prahlhans» (Blick, 14.4.)? Der Daesch (Islamischer Staat), der, mindestens in einem Fall, «Chemiewaffen eingesetzt hat» (Tagesanzeiger, 11.4.2018)? Oder doch die Weisshelme, die nach Aussage des russischen Generalstabschefs Waleri Gerassimow, «Menschen in der Stadt zusammengetrieben» haben sollen, «um sie als Opfer eines Chemieangriffs zu inszenieren» (Tagesanzeiger, 12.4.2018; Spiegel online, 13.4.)? Sind diese Aufständischen und Rebellen eigentlich Freiheitskämpfer (in eurem Namen?) oder Jihadisten beziehungsweise islamistische Terroristen (vor denen ihr Angst habt)? Ist Assad der von euch demokratisch gewählte Präsident? Oder ein Diktator (vor dem eure Freunde und Freundinnen längst geflohen), der mit «seinem Volk» macht, was er will, und sich dafür Schützenhilfe geholt hat? Ohne dass die UNO ein Veto einlegen kann?

Habt ihr, im Gegensatz zu uns, noch die Übersicht über das, was in «eurem» Land passiert? Über die unterschiedlichsten Akteure und Akteurinnen sowie ihre wahren Interessen? Was glaubt ihr? Wem traut ihr? Auf wen setzt ihr? Wen wünscht ihr zum Teufel? Worauf hofft ihr noch? Kümmert es euch, woran, weswegen, durch wen eure Kinder und Liebsten in diesem Krieg verrecken? Lebt ihr noch? Seid ihr sicher, dass ihr tot seid? Keine Antwort? Kein klares Ja? Tot oder nicht tot? Entscheidet euch.

Freundlich grüsst ein Zuschauer aus Reihe 11

5. Dezember 1981

Grusswort an Friedensdemonstranten
von einem nüchternen Staatsmann *

Sie sind also für den Frieden? Gut. Sehr gut. Selbstverständlich begrüssen wir jede Initiative für den Frieden, auch die kleinste und ausgefallenste, vor allem aber die friedlichen. Soweit sind wir also gleicher Meinung, und im selben Boot sitzen wir sowieso. Aber, sehen Sie, die Frage ist doch: Was für ein Friede? Für welchen Frieden sind Sie denn? Für den roten? Oder den grünen? Den blauen, gelben, braunen, schwarzen? Oder etwa den violetten? Oder gar den orangen? Und da beginnt eben die Schwierigkeit: Friede ist nicht einfach Friede. Und einen violetten Frieden, beispielsweise, können wir beim besten Willen nicht unterstützen, da müssen wir schon ganz realistisch bleiben.

Wie gesagt: Wir sind natürlich auch für den Frieden. Wir haben nur etwas gegen Leute, die für den Frieden auf die Strasse gehen. Da wird der Friede für politische Zwecke missbraucht, meinen wir, und das können wir nicht zulassen, auf keinen Fall, um keinen Preis. Sie protestieren gegen die Neutronenbombe? Aber, dafür haben wir doch Verständnis. Wer wird schon gerne versaftet? Aber, das ist doch kein Problem, wir sind doch flexibel, bedürfnissensibel, bürgernah, wir hören doch noch auf die Stimme aus dem einfachen Volk.

Was wäre Ihnen denn lieber? Eine traditionelle Atombombe? Oder Napalm? C-Waffen? Oder sind Sie eher fürs Biologische? Oder Sturmgewehre? Oder wie? Oder was? Wir richten uns ganz nach Ihren Wünschen. Und wie gesagt: Selbstverständlich haben auch wir etwas gegen den Krieg. Aber, sehen Sie: Politik ist die Kunst des Möglichen. Und: Pazifismus ist nun mal keine Politik, sondern eine Illusion. Und wenn die einen gegen den Krieg sind und die anderen dafür, dann müssen wir eben den goldenen Mittelweg finden. Sie müssen das positiv sehen, überhaupt sollten Sie alles ein wenig positiver sehen, grundsätzlich eine positivere Einstellung zum Leben entwickeln, mehr Ja sagen – Ja zu allem.

Sehen Sie, da gab es doch diesen begabten jungen Künstler, Dichter, wie hiess er doch gleich? Ach ja, Borchert, Wolfgang Borchert. Der war ja auch so unheimlich negativ. Der schrieb zum Beispiel:

«Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!

Du. Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten füllen und Zielfernrohre für Scharfschützengewehre montieren, dann gibt es nur eins:

Sag NEIN!»

Sehen Sie, der ist ja dann ganz jung gestorben. Man kann doch nicht zu allem und jedem «Nein» sagen. Ersetzen Sie doch in den zitierten Sätzen einmal das Wörtchen «Nein» durch das Wörtchen «Ja», und Sie werden sehen: Auf einen Schlag sieht alles gleich ganz anders aus, freundlicher, bejahender, friedlicher.

Und wenn Sie mich fragen: Lassen Sie das Demonstrieren. Aber, Sie fragen mich ja nicht. Nur dürfen Sie sich dann nicht wundern, wenn wir Sie hinterher auch nicht fragen.

Natürlich haben wir nichts gegen den Frieden, aber, sehen Sie, Leute, die niemals gehungert haben, wissen das Brot nicht zu schätzen. Sie verstehen, was ich meine: Nur wer den Krieg erlebt hat, weiss den Frieden zu schätzen. «Nie mehr Krieg» haben die Völker nach den letzten beiden grossen Kriegen geschrien. Und jetzt? Sehen Sie. Das wird beim nächsten Mal ganz anders sein. Ganz anders.

---

* Redebeitrag an Anti-Kriegsdemonstration in Bern am 5. Dezember 1981.
(In ganz Europa wurde gegen den sogenannten NATO-Doppelbeschluss und die Neutronenbombe protestiert.)

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Der Tod ist ein mühseliges Geschäft von Khaled Khalifa

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