Sepp Blatters Verhalten ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten

Tobias Tscherrig © Tscherrig
Tobias Tscherrig / 22. Jun 2018 - Der ehemalige FIFA-Präsident lässt sich in Russland trotz seiner Sperre feiern. Das ist ein Schlag ins Gesicht der Fussballfans.

«Von den Medien beinahe unbemerkt, treffen Sepp Blatter und seine Lebensgefährtin (...) in ihrem Hotel ein.» So kommentiert das Schweizer Fernsehen (SRF) Blatters Ankunft in Moskau. Der ehemalige FIFA-Präsident wird im Mercedes vorgefahren: Fans zücken ihre Smartphones und schiessen Fotos, Hotelpagen bilden eine menschliche Absperrung. «Sicher ist das etwas ganz Besonderes, wenn ich hier in Moskau eintreffe», sagt Blatter in die SRF-Kamera. Er lächelt – und das nicht ohne Grund. Mit seinem Besuch in Russland kehrt der 82-jährige Fussballkönig zum ersten Mal seit drei Jahren wieder auf die Fussballbühne zurück.

Eigentlich ist Blatter für diese Bühne gesperrt. Aufgrund einer dubiosen Millionenzahlung an seinen damaligen Stellvertreter Michel Platini, hatte die Ethikkomission der FIFA die rote Karte gegen ihren ehemaligen Chef ausgesprochen. Sie sperrte ihn für acht Jahre. Das FIFA-Rekursgremium verminderte die Strafe um zwei Jahre, sie läuft im Jahr 2021 aus. Trotzdem gab Blatter keine Ruhe und zog vor den internationalen Sportgerichtshof (CAS), er wollte seine Unschuld beweisen. Der Schuss ging nach hinten los, der CAS bestätigte die Sperre. Blatter reagierte unsportlich: «Aufgrund des Verlaufs des Prozesses war kein anderes Verdikt zu erwarten». Seitdem ist Blatter von sämtlichen Fussball-Aktivitäten ausgeschlossen.

Blatter darf die WM-Spiele gemäss den FIFA-Statuten trotz der Sperre besuchen. Allerdings nur, wenn er seiner Rolle als Privatperson treu bleibt. Dass Blatter dies nicht schafft, zeigt der SRF-Beitrag. Nach seiner Ankunft begleiten ihn die Journalisten ins pompöse Hotel. Blatters Augen leuchten, er wirkt wie ein begeisterter Zehnjähriger – mit dickem Portemonnaie.

Blatter ist vom russischen Staatschef Wladimir Putin eingeladen worden, so umgeht er die FIFA-Sperre. Das ist ein dreistes Stück vom ehemaligen FIFA-Präsidenten, fernab von jeder Sportlichkeit. Zwar verletzt er die Sperre nicht offiziell, Blatter zeigt damit aber, was er von der FIFA und dem Sportgerichtshof hält. Egal was entschieden wurde, niemand trennt ihn von «seinem» Fussball. Dass er seinen ehemaligen Arbeitgeber in eine heikle Situation bringt, kümmert den Fussballkönig nicht. Mehr Fairness zeigte der ebenfalls verbannte Michel Platini im Jahr 2016: Er erhielt zwar die Erlaubnis, die EM-Spiele zu besuchen – wenn er dabei nicht in offizieller Funktion erscheine. Platini verzichtete.

Blatter geht aber noch einen Schritt weiter. Er gibt sich trotzig und missverstanden. Geht es nach ihm, hätte das Präsidium der FIFA die Einladung von Putin verdoppeln und ihren ehemaligen Boss ebenfalls offiziell einladen sollen. «Das wäre ein Minimum an Respekt gewesen», so Blatter im SRF-Interview. Eine Aussage, die an Dreistigkeit nicht zu überbieten ist. Blatter wurde gesperrt – und das aus gutem Grund.

Neben seiner Sperre hat er in der Vergangenheit diverse Korruptionsvorwürfe und Bestechungsaffären überstanden: Interne Untersuchungen wurden von Blatter verhindert, Kritiker entlassen. Gegen ein kritisches Buch ist er juristisch vorgegangen und hat so dessen Verkaufsstopp in der Schweiz erwirkt. Bestechungsgelder verharmloste Blatter als Provisionszahlungen, ein Verfahren wurde aufgrund einer Millionenzahlung eingestellt.

Blatter hat sein Vermächtnis selber beschmutzt. Nun ist es an ihm, damit umzugehen.

Das SRF begleitet Blatter auch bei einem Spaziergang durch Moskau. Der Walliser gibt ein Interview für «Russia Television», einem vom russischen Staat finanzierten Auslandsfernsehsender. Blatter lächelt und liefert dem Sender, was er hören wollte: einen Lobgesang auf die tolle Arbeit des russischen WM-Organisationskomitees.

Vor dem grössten Fussballstadion von Russland, dem Olympiastadion Luschniki, geniesst Blatter das Bad in der Menge, gibt Autogramme und posiert für Selfies. «Ich bin nicht überrascht», sagt Blatter dazu. «Das ist, was ich für den Fussball gemacht habe: Fussball für alle auf der ganzen Welt und die schätzen das.» So sieht er sich und seine Arbeit, der Rest ist Kollateralschaden und wird in den Hintergrund gedrängt.

Vor dem Beginn des Spiels Portugal-Mexiko hält Blatter auf Nachfrage des SRF-Journalisten seine Akkreditierung in die Kamera: «Fan-ID» steht darauf. «Ich bin ein Fan des Fussballs», sagt Blatter und lacht. Aber das ist er nicht, zumindest kein gewöhnlicher. Nur – selbst Edelfans sollten wissen: Gesperrte Fussballer spielen nicht. Gesperrte Schiedsrichter pfeifen nicht. Gesperrte Funktionäre haben an einer Weltmeisterschaft nichts verloren. Alles andere ist unsportlich. Blatters Verhalten verdient die rote Karte – nicht nur eine rosa verwaschene.

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2 Meinungen

So ein BlaBla habe ich von Infosperber nicht erwartet.Es wäre vielleicht an der Zeit zu erwähnen wie die Amerikaner auf die WM Vergabe an Russland reagiert haben.Logisch feiern die Russen Blatter der diese Vergabe «eingeleitet"hat, was zugleich sein Sturz vom Thron bedeutet hat.Bei der Fifa hat sich dadurch nichts geändert.Ein solcher Kapitalismus kann man nicht durch BlaBla kuschen.
Albrecht Marco, am 22. Juni 2018 um 12:47 Uhr
Richtig. Der Rest ist Kollateralschaden. Der schlaue Fuchs im Schlangenkäfig hat seine eigenen Massstäbe. Massstäbe - die der Umgebung angepasst sind. Das ist eine Lebensversicherung. Mit einem leicht -aber wirklich nur ganz leicht-, zwinkernden Auge schlage ich vor: Sepp Blatter, assistiert von Ch. B., soll den Mächtigen in Brüssel die Schweiz erklären. Der dabei unvermeidliche entstehende Kollateralschaden wäre tragbar. Wir sehen, alles ist eine Frage des Blickwinkels und der Gewichtung. Herr Tscherrig hat alle Register gezogen, ganze Arbeit geleistet. Sepp sei Dank! Ohne Sepp Blatter hätte Tobias Tscherrig kaum ein so schönes Lästerthema gefunden. Und ich hätte nicht mit einem Auge gezwinkert... Ich hoffe Tobias und ich sind die grössten Leuchten und haben allen Sperbern den Blick geschärft.
Peter Geissmann, am 22. Juni 2018 um 13:37 Uhr

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