Saudiarabien aus Sicht von Erich Gysling

Erich Gysling © Bernard van Dierendonck
Erich Gysling / 03. Jan 2016 - Es wäre höchste Zeit, dass der Westen zu Saudiarabien auf Distanz ginge, statt auf gute Geschäfte zu schielen.

Die Welt entsetzt sich darüber, dass Saudiarabien an einem Tag 47 Menschen hingerichtet hat. Andrerseits wünschen sich fast alle Regierungen sehnlichst gute Beziehungen zum saudischen Königtum.

Das gilt auch für die Schweiz: Saudiarabien ist ein guter Markt für die Pharma-Industrie, für die Uhrenbranche, für die Rüstungsbetriebe. Und das Land gilt ja auch als unverzichtbar für die Erhaltung eines Rests von Stabilität in Nah- und Mittelost.

Zu recht, zu unrecht? Saudiarabien bewegt sich, religions-ideologisch, in der Nähe des von der ganzen Welt verabscheuten «Islamischen Staats» des selbst ernannten Kalifen al-Baghdadi. Die Methode des Rückgriffs auf Texte aus der koranischen Epoche Baghdadis unterscheidet sich kaum von der Methode der wahhabitischen Rechtsgelehrten in Saudiarabien.

Al-Baghdadi und dessen Gefolgschaft vertreten allerdings die Meinung, der Prophet hätte eine Protzerei mit Reichtum, wie vom saudischen Königshaus praktiziert, nie gewollt – sein Ideal sei es gewesen, relative Gleichheit innerhalb einer auf freier Wirtschaftsordnung beruhenden Gesellschaft zu schaffen. Wohlstand für die Tüchtigen Ja, aber am anderen Ende der Pyramide keine Armut. So die Grundidee übrigens auch von Osama bin-Laden, der sich ein Luxusleben hätte leisten können, aber eine Existenz als Halb-Mönch vorzog. Und sein Geld für die Finanzierung von Terror ausgab.

Was der Westen ausblendet

Baghdadi, das saudische Königshaus, Osama bin-Laden: da gibt’s eine durchgehende Linie. Der Westen blendet das aus.

Ziemlich erfolgreich war das saudische Regime bisher (gegenüber dem Westen) beim Anprangern einer schiitischen Verschwörung gegen die «braven» Sunniten: böser Iran, verbrecherische Hizb-Allah in Libanon, korrumpiertes Schiiten-Regime in Irak, rebellische Huthi-Truppen in Jemen, undankbare schiitische Bevölkerung in Bahrain. Saudische Kommentatoren schreiben Angst verbreitend: «Der schiitische Halbmond entwickelt sich zum Vollmond». Womit gemeint ist, dass die Schiiten nun drauf und dran seien, die Sunniten in der islamischen Welt zu strangulieren.

Schiiten sind eine Minderheit

Dass das fern jeglicher Realität ist, weiss im Nahen und Mittleren Osten wohl Jeder. Die Schiiten sind in der Region eine Minderheit, nur in Iran und Irak bilden sie die Majorität.

  • In Bahrain wird die schiitische Mehrheit unterdrückt von einer sunnitischen Fremdherrschaft.
  • Im Libanon konnten die früher benachteiligten Schiiten sich erst in den letzten zwei Jahrzehnten hinsichtlich Bildung und sozialer Integration einigermassen emanzipieren.
  • Die Zaiditen im Jemen (deren militärische Phalanx die Huthi-Rebellen bilden) sind nach wie vor diskriminiert.

All das weiss Jeder, weiss Jede in der nah- und mittelöstlichen Welt. Aber die Saudis wissen auch, aus Erfahrung: wenn sie das schiitische «Gespenst» beschwören, gerät der Westen in Schockstarre. Dann befindet er: Saudiarabien ist doch eigentlich ein respektabler Staat, und, wie erwähnt, darüber hinaus ja auch ein grossartiger Wirtschaftspartner.

Es wäre an der Zeit, dass westliche Regierungen, auch die unsrige, auf Distanz gingen zum Regime des saudischen Königs. Der seit seinem Machtantritt vor allem dies tat:

  • Vernichtungskrieg im Jemen,
  • massenweise Exekutionen von Dissidenten,
  • Geld für islamistische Extremisten in Syrien zumindest zulassen (wenn nicht aktiv transferieren),
  • Subventionierung des as-Sissi-Regimes in Aegypten.

All das wird/wurde dekoriert durch die erstmalige Zulassung von Frauen bei lokalen Wahlen in Saudiarabien selbst. Das Ausland nahm das ernst, in vielen Zeitungen wurde der Urnengang ausführlich kommentiert. Aber ernst nehmen kann das wohl niemand.

Also geht es so weiter wie bisher? Courant normal mit einem Staat, der sich über Menschenrechte salopp hinwegsetzt und Menschen den Kopf abschlagen lässt, die gewaltlos Reformen, verlangten? Oder einen Blogger, den es bis zum Tod auspeitschen will? Und Terror-Gruppen in Syrien unterstützt?

Ich vermute: ja, es wird weiterhin, auch zwischen der Schweiz und Saudiarabien, der courant normal herrschen.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Erich Gysling hat mehrere Bücher über den Nahen Osten veröffentlicht. Er war Leiter der «Rundschau» und Chefredaktor des Schweizer Fernsehens.

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7 Meinungen

Der saudische Terrorstaat - eine andere Bezeichnung verdient er beim besten Willen nicht - wäre ohne die Unterstützung aus dem Westen, allen voran der USA, schon längst kollabiert. Obwohl heute allgemein bekannt ist, dass die Saudis auf der halben Welt - von Westeuropa über Marokko bis nach Indonesien und die Philippinen - radikale Islamisten mit Waffenlieferungen und Geld unterstützen, geniesst Saudi-Arabien im Westen immer noch Unterstützung, weil es ein guter Kunde der Waffenexporteure ist. Das Blatt könnte sich bald wenden, denn auf lange Sicht hat der Iran die besseren Karten in der Region.
Alois Amrein, am 04. Januar 2016 um 10:55 Uhr
Gute Darlegung!
Und unsre Schweizer Politik? Sie wirft sich des Mamons wegen an den Hals der Reichen Ölverkäufer, prostituiert sich, liefert Waffen an diese Verbrecher-Regierung!
Wir haben falsch gewählt, nicht im Sinne der allgemeinen Wohlfahrt, sondern im Sinne einer primitiven Krämerseele :-(
Urs Lachenmeier, am 04. Januar 2016 um 11:56 Uhr
Die Schweiz hat 'liberal' gewählt: Und so werden Regierung und Parlament weiter - im Sinne der 'Wirtschaft' - Geschäfte machen mit Saudiarabien, derweil sie andere mit Wirtschaftssanktionen belegen. Und man wird weiter ohne zu erröten von 'Menschenrechten' reden. Aber die Schweiz ist damit in guter Gesellschaf mit der EU und den USA.
Ruth Obrist, am 04. Januar 2016 um 21:34 Uhr
Ich würde mich nicht getrauen, es so auszudrücken, aber Urs Lachenmeier hat Recht, wie auch alle obigen Meinungen und natürlich Erich Gysling. Aber es sind nicht nur die (Neo)Liberalen, deren Weltbild «Profit vor Moral» wenigstens kongruent ist, sondern auch die «C"-Moralisten, welche im entscheidenden Moment ebenfalls für das Profitieren statt für Menschenleben stimmen - entgegen ihren Parteiprogrammen.
Theo Schmidt, am 05. Januar 2016 um 12:16 Uhr
Da haben Sie Recht, Herr Schmidt! Für das christliche 'C' sind die Rüstungsgüter wichtiger als das 'C'.
Ruth Obrist, am 05. Januar 2016 um 14:56 Uhr
@Obrist,
Gut setzen Sie «liberal» und «C» in Anführungszeichen. Echt liberal ist nur, wer allen Andern die selbst beanspruchte Freiheit auch zugesteht. «Wirtschaftsliberal» ist eine Einschränkung auf das selbstsüchtige Geschäften ohne jede Rücksicht. Nicht alle «C"-Parlamentarier nehmen es mit ihrer (angeblichen?) C-Grundhaltung ernst. Im Nationalrat gab ja ein «C"-Präsident den Stichentscheid für den Waffenexport an die Wahabitischen Schlächter.
Eigentlich sollten wir den Missbrauch der Begriffe «liberal» und «christlich» konsequent blosstellen und kritisieren.
Urs Lachenmeier, am 05. Januar 2016 um 22:04 Uhr
In Saudi Arabien werden nicht nur die Schiiten unterdrückt, und es ist nicht richtig, hier das Gegensatzpaar Sunniten - Schiiten zu bilden. Vielmehr ist die offizielle Glaubenslehre in SA die „wahhabitische“ Lehre, die auch die meisten Anhänger des traditionellen Islams als Vertreter verwerflicher Neuerungen ansieht und verfolgt, wie z. B. die Sufis, die selbst Sunniten sind, jedoch die mystische Richtung des Islams vertreten. Sie können in SA nur heimlich ihren Aktivitäten nachgehen. Die Ideologie des vorgeblich „Islamischen Staates“ (IS, ISIS) hat große Ähnlichkeit mit der wahhabitischen Lehre. Interessanterweise gibt es eine Voraussage des Propheten des Islams, Muhammad, dass aus Nadschd, dem Zentrum der Arabischen Halbinsel und dem Herkunftsort der Wahhabiten und der saudischen Königsfamilie „das Horn des Satans“ hervorkommen wird. Vielleicht sind damit das saudische Königshaus und die Wahhabiten gemeint. Auch die Anhänger des IS hat er uns in einer Prophezeiung beschreiben, sie „Höllenhunde“ genannt und gesagt, er selbst würde gegen sie kämpfen, wenn er sie noch erlebte.
Frank Bubenheim, am 30. Januar 2016 um 04:02 Uhr

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