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Kleiner Mann – sprachlos in Amerika, fremd zu Hause

Jürgmeier / 05. Dez 2018 - Einer verliert in den USA die Orientierung, kauft in Wisconsin Schweizer Käse, kommt in Madison heim und fährt zurück in die Fremde

1. August 2018

Ich habe den Namen bereits wieder vergessen, als wir den Schmetterling – der mir schon auf dem Lakefront Trail in Chicago aus dem Bild geflogen ist – durch den botanischen Garten von Madison flattern sehen. Natürlich ist es nicht derselbe, obwohl es für dieses Tierchen ein Kurzstreckenflug wäre, von der grössten Stadt am Michigansee in die Hauptstadt von Wisconsin. Es ist ein Monarch. Muss ich mir etwa zum siebten Mal sagen lassen. Einer ohne festes Königreich. Wenn die Tage kälter werden, verlassen diese Falter America’s Dairyland1. Wie auch Minnesota, Neu-England oder Kanada. Bis zu viertausend Kilometern flattern die Muskulösen südwärts. Ins Winterquartier. Was im Vergleich mit einem Airbus (Spannweite: 60 Meter) bei einer maximalen Vorderflügellänge von 50 Millimetern mancher Erdumrundung entspräche. Fliegen und fliegen und fliegen. «In einer Art Energiesparmodus.» CO2-Ausstoss: Praktisch null. Bis sie die Sierra Nevada erreichen. Und niemand weiss, wie sie den Weg dahin finden. Erinnern können sich die Sommervögel nicht, «denn im Verlaufe eines Jahres werden mindestens drei Generationen der Falter geboren. Im Oktober treffen in Mexiko also stets die Urenkel derer ein, die im Vorjahr von dort aufgebrochen sind.» Schreibt Johann Grolle auf Spiegel online, am 1. Oktober 2014. Irgendwie müssten die Flugrouten «auf rätselhafte Weise im Erbgut der Falter kodiert sein». Und dank der Monarchen geht der Schweizer Nationalfeiertag im fernen Amerika unbemerkt an mir vorbei.

2. August 2018

In Madison sind wir weniger Touristin (ich bin da mit-gemeint) als in Chicago. Statt Hotelleben Familien-WG. Ohne serienreifen Streit. Trotz Ungleichzeitigkeiten im Tagesablauf und enger Verhältnisse, die vielen aus anderen Welten als grosszügig erscheinen würden. In einem der University Houses, die Angestellte oder Gäste für einen Forschungsaufenthalt mieten können. Allerdings nur jene mit Doktor- oder Mastertitel. Bachelors und andere müssen sich mit einem University Apartment begnügen. Die Professorinnen und Professoren wohnen etwas weiter oben, in Häusern und Villen, zmittst im Wald. Klassengesellschaft auch im demokratischen Amerika. In den Vorgärten entdecke ich da und dort Tafeln mit Aufschriften wie «Black Lives Matter» (Schwarze Leben zählen) oder «No matter, where you are from, we’re glad you’re our neighbor» (Woher du auch immer kommst, wir freuen uns, dass du unser Nachbar bist). Und im öffentlichen Madison fast überall der Hinweis – den ich in einem irischen Pub in Chicago erstmals an der Glastüre gesichtet –, hier seien Waffen nicht erlaubt. Kleine Zeichen des Widerstands von «Gutmenschen» gegen das «We make America great again». Eine «Blase» nennt N. die Universitäts- und Hauptstadt von Wisconsin. Ausserhalb, auf dem Land, sei es ganz anders. Trump und die Republikanische Partei konnten bei den Wahlen 2016 den Staat Wisconsin, trotz Nachzählung, ganz knapp für sich gewinnen. In anderen Städten müsste ich, womöglich, damit rechnen, dass einer oder eine mit dem Revolver spielt, während ich zusehe, wie die Kassiererin meinen Einkauf scannt.

Mehr Alltag als Sightseeing. Was muss ein Reisender gesehen haben? Damit er etwas zu erzählen hat? Den Senatssaal im Capitol, das Textile Museum der Universität (warum waren wir da nicht, obwohl textile Gestaltung das Fachgebiet von S. ist?), die Memorial Union Terrace (wo wir, fast schon heimisch geworden, immer mal wieder eine Pizza essen, «die beste», sagt S., für sieben Dollar) oder das Yogurt- und Käseangebot in einem Whole Foods Market? Wer selbst einkauft, lernt ein anderes Amerika (aber immer noch in den USA) kennen als diejenigen, die sich ausschliesslich in Restaurants bedienen lassen. In denen es – wie in Chicago und immer häufiger auch in Zürich – keine freie Platzwahl gibt, sondern einem Tisch und Stuhl zugewiesen werden. Kaum ist der letzte Bissen in der Speiseröhre, räumen sie ab und legen einem die Rechnung auf den Tisch. Wollen sie den Umsatz pro Platz in die Höhe treiben? Möglichst viele Gäste an einem Abend abfertigen? «Sie können sitzen bleiben, solange Sie wollen», sagt die Bedienung. Als hätte sie den misstrauischen Blick registriert. Was als unfreundlicher Wink mit dem Zaunpfahl interpretiert werden könnte, scheint gut gemeint – die Gäste sollen nicht sieben Mal nach der Rechnung rufen, nicht ungeduldig auf einen Kellner oder eine Kellnerin warten müssen, sondern gehen können, wann immer sie wollen (oder müssen).

«Die Orte, an denen sich die Waren präsentierten, wurden immer grösser und schöner, immer bunter und sauberer, ein krasser Gegensatz zu den verwahrlosten Metrostationen, Postämtern und öffentlichen Schulen, sie erblühten jeden Morgen in der Harmonie und Fülle eines Garten Eden.» Was Annie Ernaux in ihrem Roman «Die Jahre» notiert – den ich Monate nach der Rückkehr in die Schweiz lese –, hätte sie auch über das nördliche Amerika schreiben können. In Algoma – einem Kaff nordöstlich von OshKosh und Greenbay, das sich gut als Filmkulisse eignen würde – hat die in der Schweiz als öffentliche Hand bezeichnete Gemeinde offensichtlich so wenig Geld, dass sie sich die Strassenlampen von Privaten finanzieren lassen muss. Dafür bekommen die Sponsorinnen und Sponsoren, «donated by», eine Laterne mit eigenem Namen. Die Besucherin und der Besucher aus der Schweiz fragen sich im Metcalfe’s Market, ob sie tatsächlich amerikanischen Käse kaufen sollen. Dem sie nicht wirklich trauen. Zu Recht, wie die Verwöhnten nach dem ersten Bissen feststellen. Und dann auf dem Wochenmarkt beim Capitol zum vertrauten Swiss Cheese greifen. Sich damit beruhigen, dass es vermutlich kein Importkäse aus der Schweiz ist, der dank Exportrisikoversicherung in «die Staaten» geflogen wurde, sondern lokaler Käse, den einheimische Nachfahren von Schweizer Wirtschaftsflüchtlingen im Landwirtschaftsstaat Wisconsin nach eidgenössischen Geheimrezepten produzieren.

Wer selbst kocht, sieht US-amerikanische Küchen. Sieht den riesigen Backofen. Für den Truthahn an Thanksgiving, klären uns M. und N. auf, die uns schon vor der Reise aufgeregt von freilebenden Truthühnern berichtet haben, die ihre Haustüre belagerten. Als wir beim Joggen an den Schrebergärten vorbeikommen, wackeln drei, vier von ihnen davon, als hätten sie Angst, wir würden sie einfangen und für Thanksgiving in die Kühltruhe stopfen. Thanksgiving ist «das amerikanischste aller Feste», schreibt Lotta Suter in ihrem Buch «Amerikanerin werden – Tagebuch einer Annäherung». «Dieses Erntedankfest ist mein Lieblingsfeiertag, kein Geschenkstress wie Weihnachten, und trotzdem kommt, wenn immer möglich, die ganze grosse Familie zusammen und feiert ausgiebig, laut und fröhlich. Denn das traditionelle Thanksgiving-Dinner ist kein flinker Apéro, sondern ein sogenanntes Sit-Down Meal, eine reichhaltige Mahlzeit am festlich gedeckten Tisch, für die man sich Zeit nehmen muss.» Und für Thanksgiving drückt sogar die Mit-Gründerin der Wochenzeitung am 27. November 2017 das nachhaltige Auge zu: «Rund dreissig Millionen Menschen stiegen in der letzten Woche ins Flugzeug, um ihre Verwandten oder Freunde zu besuchen. Ökologisch gesehen ist das eine ungute Verschleuderung von Ressourcen. Doch ich kann nicht umhin, die Entschlossenheit und den Einsatz zu bewundern, mit denen US-Amerikanerinnen und -Amerikaner Freundschaften und Familienbeziehungen pflegen.» Liebevolle Gegenwart oder nachhaltige Zukunft, Gletscher und Südseeinseln oder soziale Geborgenheit – ist das die Frage? Und alles wegen eines Backofens, der auch einem Truthahn genügend Platz bietet.

4. August 2018

Es ist schon länger her, dass ich in Zürich neben einer Demonstration hergelaufen oder zum 1.-Mai-Umzug in die Stadt gefahren bin. Ich weiche der Konfrontation mit dem Uneingelösten aus. Aber als ich in Madison den Flyer für den «Wisconsin March On The NRA»2 in die Hand bekomme, ist klar – diesen Protest gegen die US-amerikanische Waffenpraxis möchte ich live sehen. Obwohl ich auch gerne mit den anderen zur teuflischen Rock Formation im grössten öffentlichen Park von Wisconsin, dem Devil’s Lake State Park, gefahren wäre. Wo die posierenden Touristen und Touristinnen die von EisWasserWind geschaffenen Steinskulpturen entstellen. Berichtet mir S. – verärgert.

Ich warte bei der Library Mall auf die Manifestierenden, die nach halb vier eintröpfeln. Ich schätze, dass an diesem «sister protest to the National March On NRA in Fairfax, Virginia» plusminus hundert Leute teilnehmen. Im Oktober 1967 besammelten sich am gleichen Ort Hunderte, womöglich sogar Tausende von Studierenden, um gegen die Dow Chemical zu protestieren. Die an ihrem europäischen Hauptsitz, im zürcherischen Horgen, in den Siebzigerjahren regelmässig für Steuersenkungen sorgte. Ausserdem stellte sie das Napalm (und zusammen mit Monsanto das Entlaubungsgift Agent Orange) her, von dem in Vietnam Hunderttausende von Tonnen abgeworfen wurden. An US-amerikanischen Universitäten versuchte sie gleichzeitig, neue Mitarbeitende zu rekrutieren. Dabei kam es in Madison zu gewalttätigen Zusammenstössen mit Verletzten. Im sogenannten Dow Riot (Dow Krawall) setzte die Polizei erstmals jenes Gas ein, das in den folgenden Jahrzehnten Rebellierenden weltweit immer wieder die Tränen in die Augen treiben sollte. Der Versuch, den Protest im Keim zu ersticken, scheiterte. Mobilisierte noch mehr Studierende. Und die Universität von Madison wurde zu einer Vorreiterin der nationalen Anti-Vietnamkriegs-Bewegung.

Fünfzig Jahre später folgt die Polizei dem kleinen Demonstrationszug gelassen und gemütlich mit drei PKWs durch die autofreie State Street zum Capitol. Das junge und bunte Völkchen – angeführt von drei Frauen mit Megafon, begleitet von einem schrägen Mix aus Brass Band und Guggemusig – fordert eine andere Waffenkultur. «Protect children, not guns.» Steht auf einem Transparent. «An armed society is a harmed society.» Auf einem andern. Es ist ein wenig wie Heimkommen. Als ich, Tausende von Kilometern von Helvetiaplatz und Greifensee entfernt, den vertrauten Sound von im Chor gerufenen Parolen höre. Die ich nur ansatzweise verstehe. Was mir allerdings auch in Zürich immer wieder passiert ist. Aber dann ergreift die Schrillste der Blechmusikanten das Mikrofon, Hände werden auf Herzen gepresst, vereinzelt sinken sie neben mir auf die Knie, und sie schmettert The Star-Spangled Banner, die US-amerikanische Landeshymne, in die Strassen von Madison hinaus. Das allerdings kann ich mir in Zürich nicht vorstellen – dass nach «HochdieInternationale»-Rufen und vor kämpferischen Reden gegen KapitalismusKriegPatriarchat das «Trittst im Morgenrot daher» angestimmt wird.

Der demokratische Kandidat für das Amt des Gouverneurs von Wisconsin, Mike McCabe, begrüsst die Menschenmenge – die er sich, bestimmt, grösser erhofft – herzlich und nicht ganz uneigennützig auf der Treppe des Capitols. Zwei, drei Polizisten ohne Zürcher Tracht, diskret im Hintergrund, und ein Mann, direkt neben dem Rednerinnenpult auf einem Rollator sitzend, in der Hand ein Federbusch – aufgrund historisch-kolonialistischer Irrtümer würden wir den Nachkommen der Ureinwohner Amerikas einen «Indianer» nennen –, verfolgen die engagierten Ansprachen der über zehn, meist sehr jugendlichen Rednerinnen. Ein etwa vierzigjähriger, dunkelhäutiger Mann mit Bart, Sonnenbrille und weissem T-Shirt, mit rotem Strich- und blauem QR-Code bedruckt, zieht seine roten Turnschuhe aus, bevor er in Socken die Vertreter der verschiedensten Gruppierungen der multikulturellen USA und der LBGTQ-Communities begrüsst. Er habe seine Mutter schon als Kind verloren. Erzählt er. Sie habe sich selbst erschossen. Und auch er habe, später, den Revolverlauf schon im Mund gehabt, aber den Abzug nicht betätigen können. Sonst stünde er jetzt nicht vor uns, könnte uns nicht davor warnen, in seine Fussstapfen – deshalb die roten Nikes auf der Capitol-Treppe – zu treten.

Ohne seinen Namen zu nennen, widersprechen alle Redner und Rednerinnen einem Präsidenten der nach Schoolshootings und anderen Massakern gerne twittert, es hätte weniger Tote gegeben, wenn Barpersonal oder Lehrpersonen bewaffnet wären. «Guns are the death of U.S.», «When it is easier to sell a gun than it is to sell Lemonade, you know there is a problem», «Drop your weapon, put your hands behind your head and protect our kids instead» und «We don’t want your thoughts and prayers. We want change», halten die Teilnehmenden des «Wisconsin March On The NRA» der nationalen Waffenlobby sowie ihren Getreuen auf selbst geschriebenen Plakaten entgegen. Und ich spüre die leise Trauer beim Gedanken daran, dass (auch) diese jungen Leute nicht in der Welt leben werden, die sie sich erträumen.

6. August 2018

«Can I help you?» Haben sie uns in Chicago immer wieder gefragt. Und das in «America first». Wären die Freundlichen – die jedes Dankeschön mit der Formel «You’re welcome» beantworten – gegenüber einer zentralamerikanischen Migrantin, die es von Tijuana irgendwie bis Chicago schafft, auch so hilfsbereit? In Madison hören wir das «Can I help you?» kaum mehr. Sind sie in Wisconsin weniger hilfsbereit? Natürlich nicht – wir stehen hier weniger verloren herum. Weil N. uns den Weg zum See, in die Stadt und zu den Einkaufszentren zeigt. So dass wir uns in diesem engen Rahmen so selbstverständlich zu bewegen beginnen, dass wir gefragt werden, wie warm das Wasser und welches der nächste Weg zum Capitol sei. Mein halbwegs englisches Gestotter beantwortet die Fragen nicht wirklich. Sie werden schlotternd aus dem See mit seinen grabschenden Wasserpflanzen flüchten, und statt beim Capitol landen sie vor dem Henry Vilas Zoo, wo sie sogar einen Eisbären in einem Becken herumschwimmen sehen könnten.

Das ist das Verunsichernde in der Fremde – dass Orientierungen fehlen, Selbstverständlichkeiten wegfallen und die Verständigung zerbröselt. Da vermittelt einem schon eine Tafel Lindt Excellence im Gestell den Hauch von Geborgenheit. Die Sprache bringt sie einem nicht zurück. Ohne sie ist einer wie ich verloren. (Das merken Kinder schnell.) Der sich mit LesenRedenSchreiben kleine und grosse Welten zu erschliessen, den Zumutungen des Lebens mit Worten zu begegnen versucht. Sprachliche Einschränkungen machen mich unbeholfen. Wenn der Badge im Hotel nicht mehr funktioniert. Wenn ich erklären muss, was für ein Sandwich ich will. Oder dass ich ein Kanu mieten möchte (wofür wir dann einen mehrseitigen englischen Fragebogen ausfüllen müssen). Ich stelle mir vor, wie ausgeliefert ich wäre, wenn mich die Polizei im Fahrverbot stoppte, mir das Bike von M.’s Arbeitskollegen wegnähme, wenn ihr meine Passkopie nicht genügte, ich zum nächsten Polizeiposten mitgenommen und dort mit neusten Verhörtechniken befragt würde. Woher kommen Sie? Wohin gehen Sie? Wovon träumen Sie? Wo waren Sie am 4. Januar 2013, 17.35h? Oder wenn ich nach einem Ohnmachtsanfall in den Eagle Heights im University Hospital aufwachen würde, wo sie wissen wollten, ob ich Blutverdünner, Blutdruck senkende oder andere Medikamente nähme, wann ich letztes Mal gegen Tetanus geimpft worden sei und welche Blutgruppe ich hätte (was ich auch in Deutsch nicht sagen könnte).

Solange man nicht in Grenzsituationen des Lebens gerät, gelingt es einem ja meistens doch noch, sich irgendwie verständlich zu machen, und am Ende liegt ein Sandwich auf dem Teller, das – richtiges Brot, richtiges Fleisch, kein Beigemüse, kein Ketchup und keine Mayonnaise – den eigenen Wünschen entspricht, lässt sich das Hotelzimmer mit dem neuen Badge wieder öffnen und die obligatorischen Schwimmwesten werden einem für die Fahrt auf dem Mendotasee in die Hand gedrückt. Aber der teilweise oder gänzliche Verlust der Sprache zerstört in Kürze die Fiktion der Autonomie. Macht einen von der Hilfe anderer abhängig. Zwingt einen zur Anpassung in Situationen, in denen man gerne widersprechen würde, wenn man es nur könnte. Immer wieder redet N. für uns. Weil es schneller geht und weniger zu Missverständnissen führt. Vorgeschmack auf die womöglich unausweichliche Zukunft, in der ich, selbst im Alltäglichen, der Hilfe vertrauter oder fremder Menschen bedarf? Werde ich es ihnen übel nehmen, zum alten Grantler werden? Wie geht es Flüchtenden und Migrantinnen, wenn sie an der Grenze fremder Länder mit dem üblichen Generalverdacht konfrontiert werden? Erklären müssen, woher sie kämen, wohin sie wollten und weshalb sie glaubten, an Leib und Leben bedroht zu sein, nicht nur Hunger oder Angst um die Zukunft ihrer Kinder zu haben.

8. August 2018

Im Kanu, auf dem See, sind S. und ich unter uns. Da reden wir, als wären wir zu Hause, was uns nicht wirklich zu einem harmonischen Paddelschlag verhilft. Ein Zufall, dass ich kurz vor dem Abflug in die USA den über 2000 Seiten dicken Roman «Wer wir sind» über den deutschen Widerstand von Sabine Friedrich gelesen, in dem Mildred Fish und Arvid Harnack schon auf Seite 32 und im Sommer 1926 mit dem Kanu auf den Lake Mendota hinausgleiten. «Mildred hat ein Tuch umgebunden, gegen die Feuchtigkeit. Sie lachen. Dann sind sie still. Sie geniessen die Einsamkeit auf dem Wasser, die Ruhe. Als sie das Ufer am Picnic Point erreichen, hört der Regen auf. Sie ziehen das Boot über die Kiesel an den Strand. Sie haben Sandwiches dabei, Kaffee, die Sonne kommt heraus und trocknet die Kiesel.»

Noch in Madison heiratet die Dozentin für deutsche Literatur den Juristen und Rockefeller-Stipendiaten. 1929 folgt sie ihm, noch ohne zu ahnen, was ihnen bevorsteht, nach Berlin, wo sie, als die dunklen Jahre des Menschenmöglichen beginnen, in Diskussionszirkeln und schliesslich in der Roten Kapelle Widerstand leisten. Am 22. Dezember 1942 wird Arvid Harnack, am 16. Februar 1943 Mildred Harnack-Fish hingerichtet.

S. und ich werden am nächsten Montag in ein Europa zurückfliegen, in dem die Vertreterinnen und Vertreter der Staaten seit mehr als sechzig Jahren, auch in Konfliktsituationen, miteinander reden statt GewehrePanzerBomben töten zu lassen. Ist diese friedliche Gemütlichkeit eine nachhaltige, oder sind wir zu wenig auf der Hut, wenn Gegnerinnen und Freunde der EU sie auf Wirtschaftsinteressen reduzieren? Wird sich unsere Zuversicht, dass das «Niewieder» stärker ist als das «Nation first», irgendwann als Ahnungslosigkeit erweisen?

13. August 2018

Gelandet. Zurück in (demokratischen) Gewohnheiten, die Orientierung schaffen. Alphorn, Jodeln, muhende Kühe, Heidi und Matterhorn in der Skymetro. Wir sind wieder zu Hause. Müsste ich mich heimisch fühlen? In dieser Schweiz? Welcher Schweiz? Wessen Schweiz? Eine Reise in die Fremde macht klar, was ich schon wusste. In der Fremde ist jeder ein Fremdling. Ich bin es auch zu Hause. Natürlich nicht nur ich. Heimkommen hat nichts mit Heimatscheinen zu tun. Wir kommen nicht in ein Land nach Hause. Sondern zu Menschen. Ganz konkreten Menschen. BäumenSeeufernBeizen. Aber «die Schweiz» ist nicht «mein Land». Und wenn sie «das Volk» sagen, meinen sie nicht mich. Auch mich nicht. Die vertrauten Wörter verschleiern, dass ich auch da ein Verlorener bin, wo «die anderen» dieselbe Sprache sprechen wie ich. Gerade, weil wir einander verstehen.

22. August 2018

Es ist ein absehbarer Schock, als ich myclimate die CO2-Kompensation überweise. 2.7 Tonnen Kohlendioxid verursacht so ein Flug Zürich-Chicago retour. Pro Person. Wer den Klimawandel aufhalten möchte – wie Don Quijote die Windmühlen – dürfte pro Jahr nur einen CO2-Fussabdruck von maximal zwei Tonnen hinterlassen. Also sofort einfrieren und erst im August 2019 wieder aus dem Klimaschlaf wecken lassen. Aber nicht einmal das wäre wirklich klimaneutral. Nur schlafen lassen ist in diesen Zeiten halbwegs nachhaltig.

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[Alle Fotos: Jm]

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1Amerikas Molkereiland: So wird Wisconsin, das vor allem von der Landwirtschaft lebt, wegen «seiner intensiv betriebenen Milchwirtschaft» auch genannt. (Wikipedia)

2 NRA = National Rifle Association

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

«Kill Zone USA» oder Männliche Waffenlogiken

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