Fällander Tagebuch 13 © zvg
Cavaglia © Jürgmeier
Gletscher © Tamedia
Caralin © Jürgmeier
Steinböcke © Jürgmeier
Isla Pers © Max Meier

Wenn der Fels sich rötet – betet, freie Schweizer

Jürgmeier / 08. Sep 2017 - Eltern – das Doping ihrer Kinder. Der Klimawandel spaltet das ewige Eis. Kindeskinder bestaunen die neue unberührte Natur.

23. Juli 2017

Die Sonntagszeitung veröffentlicht als Illustration des Artikels «Hobbysportler schummeln am Laufmeter» das beklemmende Bild, das der Sportfotograf Manfred Binder beim Zieleinlauf der Drei- und Vierjährigen am Linzer Juniormarathon 2016 «geschossen» hat. MütterVäterEltern schleppen. reissen. schwingen ihre heulenden und durch die tatkräftige Unterstützung eingeschüchterten Nachkommen an deren halb ausgekugelten Ärmchen über die Ziellinie. «Die Kinder seien an den Händen der Eltern einen halben Meter hoch durch die Luft geflogen, sagte er der Zeitung Der Standard. ‹Da wollten die Eltern gewinnen. Die Kinder haben geweint.›» (Spiegel online, 6.4.2016). Wie sagen die Fürsorglichen doch gerne: «Ich mache alles für meine Kinder.»

Eltern sind das (erlaubte) Doping ihrer Sprösslinge. Gesunder Sport ist etwas anderes. Fairer auch. Was, beispielsweise, ist mit jenen Kindern, deren Väter und Mütter keine starken Arme oder keine Zeit haben, ihren Kleinen zuzusehen, wie sie, damals in Linz, 40 Meter rennen und torkeln, um sie dann über die Ziellinie zu schleudern? Weil sie damit beschäftigt sind, das Geld für MieteEssenKrankenkasse zu verdienen?

Im April dieses Jahres wurde der Linzer Juniormarathon mit neuen Regeln ausgetragen. Begleitpersonen durften nicht mehr mitlaufen, mussten still sitzen und zusehen, wie ihre Kleinsten ohne elterliche Beihilfe und erst noch weiter rennen mussten, viel weiter, 60 bis 180 Meter weit. Weil «aus Sicht der Veranstalter und erfahrener Kindertrainer weniger Stress für die Kinder entsteht, wenn diese länger laufen können und keine Reihung stattfindet» (www.linzmarathon.at). Bei den 3- bis 5-Jährigen wurde die Zeit nicht mehr gestoppt. Jedes Kind mit einer «Mitmachmedaille» gefeiert.

Da wird am Nachwuchs eingelöst – Mitmachen ist wichtiger als Siegen –, was bei den Grossen zwar als olympischer Gedanke gepriesen und gepredigt, aber mit blutigen Füssen sowie harten Bandagen getreten wird. Selbst «ambitionierte Freizeitsportler» tricksen, was das Zeug hält. Und vor Dopingkontrollen müssen sie, im Gegensatz zu Bolt (emeritiert) & Co., keine Angst haben. Aber sie schrecken auch nicht davor zurück, als Läufer aufs Velo, als Radfahrer ins Auto umzusteigen oder die vorgegebene Strecke clever abzukürzen. Erzählt Andreas Csonka, CEO von Datasport, dem grössten Anbieter für die Zeitmessung an Schweizer Grossveranstaltungen, der Sonntagszeitung. Hauptsache Erfolg.

Samedan, 24. Juli 2017

Auf der neuen Oberengadiner Wanderkarte – bis letztes Jahr hatte ich immer die Ausgabe von 1982 im Rucksack – ist kein Weg mehr von der Diavolezza über den Vadretgletscher zur Isla Pers, dann über den Morteratsch zur Bovalhütte eingezeichnet. Nicht einmal eine Alpinwanderroute. Die auf der alten Karte vermerkte «Gebirgstour, weglos» war eine der wenigen Attraktionen, mit denen meine Eltern mich (und sich) auf diesen endlosen Wanderungen bei Laune zu halten versuchten. Der Vater überliess mir als Kind den Eispickel mit dem langen Holzstiel – den ich noch bis vor wenigen Jahren im Keller lagerte – und demonstrierte mir, wo ich über die Spalten springen konnte, auch wenn das Wasser in der Tiefe des Eises etwas unheimlich gurgelte. Ein Dia aus jener Zeit zeigt meine Mutter mit einem aus monetären Gründen auf der neuen Bernina selbst genähten Faltenjupe, mich mit kurzer Hose (damit ich mir beim Klettern nur die Knie blutig machen, nicht den Stoff zerreissen würde) und den handgestrickten Wandersocken auf der sich wölbenden Masse gefrorenen Schnees und Wassers, im Hintergrund der Palü mit seinen drei markanten Gipfeln und Graten.

Viele Jahre später, nach einer längeren Wanderpause, fuhr ich mit meiner damaligen Freundin erneut zur Diavolezza, diesem Steinhaufen, der einen, trotz imposanter Aussicht auf Engadiner Firn, zum schnellen Abstieg auf den Gletscher treibt. Sie schien über das felsige Gelände auf der Isla Pers zu tanzen, vermutlich hatte sie etwas Angst vor dieser Überquerung, versuchte, dem unsicheren Boden zu entgehen, indem sie ihn nur mit den Fussspitzen berührte – wie eine Primaballerina. Vor rund zwanzig Jahren überredete ich dann S, mit dem Finger den vom Bundesamt für Landestopographie mit roten Punkten markierten Pfad nachzeichnend, mit den Kindern die sich zurückziehenden Wasserspeicher zu überqueren. Die Risse waren zahlreicher geworden und zwangen mich mehrfach, einen Weg aus dem Labyrinth zu finden, vor allem beim Ausstieg Richtung Pasculs da Boval. Der Klimawandel spaltet das ewige Eis, bringt es zum Schmelzen und nimmt einem alten Mann 2017 die Möglichkeit, den Morteratschgletscher noch einmal ohne Seil und ortskundige Begleitung zu betreten.

Samedan, 26. Juli 2017

Vielleicht ist es trotz psychoanalytischer Offensichtlichkeit Zufall, dass ich in der Nacht vor dem Ausflug zu den Gletschermühlen von Cavaglia von einem Mann träume, dem der Enkel aus dem Arm und ins Wolfsgehege rutscht. Die Tierpflegerinnen, unter ihnen auch ein Mann, finden nur noch den Rucksack und die schwarzen Turnschuhe des Grossvaters, der den Eltern nicht hat erklären wollen, weshalb er ohne ihren Vierjährigen vom Zoobesuch zurückkommt und das Problem der Schuld auf radikale Weise löst. Die Wölfe schlafen im Schatten der Bäume, mittendrin sitzt der Kleine in seiner Matschhose und plaudert mit seinem Plüschhasen. Bei den «Töpfen der Riesen» – die an das Mahlen der Gletscher vor Jahrmillionen erinnern – nehme ich N. auf den Arm, damit er, «log emal», die Steinkugeln in der Tiefe bestaunen kann, mit beiden Armen umklammere ich ihn, dass er fast keine Luft mehr bekommt, vorsichtig darauf achtend, dass der nächste Tritt hält.

Samedan, 1. August 2017

Ich verfalle in eine Art Ferienmodus. Das Hirn wird träge. Das (Kriegs-)Getrommel leiser. Der Kopf scheint sich zu leeren. Routinierte Abgeklärtheit weicht lustvoller Gemütlichkeit. Ich lebe in die Stunde hinein. Und bekomme Angst, ich vermöchte nie mehr die Kraft zu Empörung und Verzweiflung – die einen zu Widerspruch und Widerstand treibt – aufzubringen. Würde nie mehr an meinen Arbeitstisch zurückkehren, um mich irgendwie und hilflos einzumischen in das regionale und globale Geschehen, sondern mich der wiederkehrenden Erkenntnis ergeben, es sei bedeutungslos, ob und was ich schreibesagetue. Ich könnte ebenso gut und genüsslich in der Sonne liegen bleiben, durch den Regen joggen, irgendein Buch lesen, mir einen alten (Kitsch-)Film reinziehen, auf dem Greifensee herumpaddeln oder stundenlang die Steinböcke hinter der Fuorcla Pischa beobachten, die sich nicht einmal von den Ungeduldigen in Outdoor-Outfit – die sie mit ihren (Handy-)Kameras ohne anständiges Zoom bedrängen – in Aufregung versetzen lassen. Die vom Aussterben bedrohte Mopsfledermaus, die Kinder von Mossul, «die Welt» – ihnen hilft nicht, was ich tue; sie kümmert nicht, was ich lasse. Das darf der eitle Schreiber ihnen auch mal ein wenig übel nehmen und etwas verschnupft tun.

Samedan, 3. August 2017

«Die Schweizer Gletscher sind nicht zu retten», titelt der Tagesanzeiger heute. «Bis 2100 wird fast die gesamte Eisfläche in der Schweiz verschwunden sein.» Schreibt Marc Brupbacher. Der Lagh da Caralin, den wir in ein paar Tagen besuchen werden, ist erst vor ein paar Jahren entdeckt worden und «durch das stetige Schmelzen des Gletschers», des Palügletschers, entstanden, wie auf der Website www.wanderland.ch nachzulesen ist. Auf dem Rückweg zur Alp Grüm werden wir plötzlich hören, wie sich ein Rumpeln in das Tosen des Bachs mischt. Von Steinbrocken und Geschiebe braun eingefärbt, wird das Wasser talwärts donnern, in den Lac da Palü hineinschlieren, bis dessen Blau grösstenteils braun überstrichen sein wird.

«In den Bergen und auf höheren Lagen wird es praktisch nur noch Felsen und Schutt geben», hat die Zürcher Geologin Kathy Ricklin schon vor einem Jahr bei swissinfo.ch zu Protokoll gegeben. Muss die Schweiz ihre Landeshymne neu schreiben? «Trittst im Morgenrot daher, seh‘ ich dich im Strahlenmeer, dich, du Hocherhabener Herrlicher!» Murmeln Schweizer Sportlerinnen und Sportler, wenn sie’s aufs oberste Treppchen geschafft. Weiter wissen viele nicht, und was dann kommt, klingt ja auch fast wie eine Drohung: «Wenn der Alpenfirn sich rötet, betet, freie Schweizer, betet!» Was wird der herrliche Hocherhabene tun und die freien Schweizerinnen – werden sie noch beten, wenn sich nur noch Fels und Geröll röten? Was passiert mit der eidgenössischen Identität – die so schnell bedroht scheint –, wenn der Biancograt nur noch grau schimmert, auf dem Rhonegletscher Buchen wachsen und Wildschweine im Kies unter der Monte-Rosa-Hütte nach Trüffeln schnüffeln?

N. und L. sowie ihre Kinder und Kindeskinder werden die nach der grossen Schmelze entstehenden Seenlandschaften vermutlich als «unberührte Natur» bestaunen. Sich darüber freuen, dass sie nicht mehr, wie ihre Grosseltern, in einen Flieger steigen müssen, wenn sie Palmen und das Meer sehen wollen, das dannzumal womöglich zu einem unüberwindlichen Schützengraben zwischen Europa und Afrika angeschwollen sein wird.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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