Hohe Berge – Enges Tal: Buch über Walser und Trepp

Wolfgang Hafner © zvg
Wolfgang Hafner / 10. Nov 2018 - Ein Wirtesohn aus dem Kreis 5, der Ökonom Gian Trepp, setzt die Geschichte der mobilen gegen die traditionelle Igelschweiz.

Es ist ein spezielles Buch, das Gian Trepp mit dem Titel «Hohe Berge – Enges Tal» verfasst und im Eigenverlag herausgebracht hat. Das Buch passt tatsächlich – wie Trepp auf dem Umschlag vermerkt – «in keine Schublade». Das Buch beschreibt in einem autobiographischen Rückblick die harte Jugend des Autors als Wirtesohn im Zürcher Kreis 5 und endet schliesslich bei seinen (väterlichen) Vorfahren, deren konkrete Wurzeln irgendwo im Nebel der Geschichte verschwinden. Es ist ein weltoffener Gewerblerhaushalt mit Angestellten aus dem südlichen Europa, Stammgästen, vorwiegend aus dem Gemüsegrosshandel. Selbstverständlich wurde angenommen, dass alle Familienangehörigen rund um die Uhr mithelfen.

Auf dem Weg zum kritischen Ökonomen und Publizisten

Auf Reisen im jugendlichen Alter begegnete der Autor politisch engagierten Menschen aus Ländern der Dritten Welt, was seine zukünftige Sicht auf die Schweiz prägte. Leider erfährt der Leser/die Leserin nur sehr wenig über die persönlichen Entwicklungsschritte, die letztlich zu dem prononcierten politischen Engagement des Autors als kritischer Ökonom und Publizist führten. Es ist ja vor allem diese Tätigkeit, die Arbeit über die Finanzmärkte, die ihn in der Öffentlichkeit bekannt machten. Oder ist der Hinweis des Autors auf Fernand Braudel und die von diesem französischen Strukturalisten betriebene Geschichtsschreibung auf der Basis der «longue durée» so zu verstehen, dass letztlich das persönliche Bemühen und die Geschichte der einzelnen Persönlichkeit kaum grosse Bedeutung im Rahmen der langfristigen Entwicklung hat? Der Einzelne so bloss nachvollzieht, wofür frühere Generationen die Grundlage gelegt haben? Und ein Ausscheren aus den vorgespurten Geleisen nicht möglich ist? Dient die Projektion auf die Vergangenheit so als Vergewisserung der Gegenwart?

Herzblut für Walser – die Begründer einer mobilen Schweiz

Jedenfalls entwickelt der Autor bei seiner vertieften Recherche über jene Zeit, die er nicht mehr anhand eines zuverlässigen (väterlichen) Stammbaums rekonstruieren kann, einen fesselnden Erzählstil, während der persönliche Teil eher etwas spröde gehalten ist. Das Herzblut Trepps liegt bei den Walsern, welche als Säumer und Wegmacher der rätischen Alpenübergänge rund um Thusis und Nufenen eine zentral wichtige Verbindungsfunktion zwischen der Lombardei und dem nördlichen Europa aufrechterhielten. Der alpenübergreifende Gebietshunger der verschiedenen deutschen Kaiser und Könige sowie das Gewinndenken der europäisch orientierten lombardischen Händler verlangte schnelle Verbindungswege, die während des ganzen Jahres offengehalten werden mussten. Und die Walser boten hier ihre Dienstleistungen an. Sie setzten so eine Entwicklung in Gang, die ihnen eine eigenständige Kultur und eine gewisse politische Unabhängigkeit rund um den Alpenhauptkamm ermöglichte. Dieses Wissen und die Kenntnis der Berge, ihrer Gefahren und Möglichkeiten, waren das «Asset» der Walser. Sie waren keine Bauern, die gegen irgendwelche Territorialfürsten – wie beispielsweise die Innerschweizer gegen die Habsburger – ankämpften um (reichs-)unabhängig zu werden. Vielmehr waren sie erfahrene Transportfachleute, auf welche die Herrschenden angewiesen waren. Zur Entschädigung für ihre speziellen Fähigkeiten wurden ihnen in der Folge entsprechende Freiheiten gewährt. Auf der Basis dieser frühen Freiheiten konnten sich – so der Autor – Ansätze für die Entstehung einer eigenständigen Nation herausbilden. Dabei stammten die in den bündnerischen Alpenübergängen tätigen Walser ursprünglich aus dem Oberwallis. Mit dem Zerfall der staufischen Herrschaft, die sowohl weite Teile des südlichen Italiens – mit dem Königreich Sizilien als einem Schwerpunkt – als auch des deutschen Reiches – mit Frankfurt/Mainz als wichtigem Zentrum – umfasste, verlor im 13. Jahrhundert auch die traditionelle Verbindungsroute Brünig-Grimsel-Griespass an Bedeutung – und die dort ansässigen Säumer und Wegmacher ihre Arbeit. Die verschobenen Machtkonstellationen begünstigten nun die bündnerischen Übergänge, was den Bedarf an Säumern und Wegmachern anschwellen liess und zur Zuwanderung aus dem Oberwallis führte. Dabei vermischten sich die Zuwanderer mit der bereits dort ansässigen Bevölkerung: Die Walser haben vielfältige ethnische Wurzeln. Es ist vor allem die auf vertieften Recherchen gründende neue Sicht auf die Geschichte einer mobilen und multiethnischen «Schweiz», die der Autor dem traditionellen Bild der bodenverhafteten Igelschweiz gegenübersetzt.

Ein intellektueller Gewerbler

So eröffnet der Blick ins Mittelalter nicht nur die Grundlage für einen wichtigen Aspekt der heutigen Schweiz, sondern demonstriert auch das Selbstverständnis des Autors als Exponent eines auf eigenständigem und eigensinnigem Denken behafteten neugierigen Menschen.

Und auch wenn das Buch – aus der Sicht eines an einen stringenten Erzählstrom gewöhnten Lesers (Einheit der Materie, einigermassen geschlossene Argumentation etc.) – missglückt ist, ist es gerade wegen seiner Brüche lesenswert. Nicht nur für mich, der ich Gian seit Jahren gut kenne und eng mit ihm zusammengearbeitet habe. Mit dem Buch positioniert sich Trepp als ein kritischer, unabhängiger Intellektueller, der in seinem Herzen noch immer zutiefst im Geist des Gewerbes verhaftet ist. Es ist gewissermassen der Versuch, dem miefigen Blocher'schen SVP-Stallgeruch, der dem Gewerbe im Allgemeinen anhaftet, zu entkommen und eine Gegenposition aufzubauen: Die des weltoffenen, auf seine Fähigkeiten vertrauenden Gewerblersohnes. Denn dem Gewerbe treu geblieben, ist Trepp auch in seinen späten Jahren und auch ein bisschen der Landwirtschaft. So vermerkt er stolz: «Nicht ein halber Bauernhof im Toggenburg und etwas Bargeld sind mein elterliches Erbe, sondern die Fähigkeit, auf den eigenen Füssen zu stehen.»

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Das Buch kann direkt bei Gian Trepp bestellt werden, Email: gt1@protonmail.ch

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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