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Fällander Tagebuch 21

Fliegen kompensieren. Z.B. unter Lesensgefahr.

Jürgmeier / 10. Jun 2018 - Nicht lesen, viel fliegen, ewig sündigen, regelmässig beichten, immer Busse tun, konsequent kompensieren – moderne Ablasskette.

20. April 2018

Einen Facebook-Post gelesen, in dem jemand, irgendwo in der Ferne, die Schönheiten der Natur geniesst. Sich dann bewusst wird, dass Fliegen nicht wirklich dazu beiträgt, «Mutter Erde» zu schützen. Und sich damit tröstet, dass es «Millionen von Möglichkeiten» gebe, um die Fliegerei zu «kompensieren». Ablasshandel 2018. Sünden beichten. Rosenkränze beten. Ablassbriefe kaufen. Zehn Rosenkränze für eine Lüge. Eine Woche Fasten für unzüchtige Gedanken. Einen Monatslohn für das Versetzen eines Grenzsteins. Wie viele Ablassbriefe für einen Mord?

Stellvertreter waren dem Klerus auch früher schon willkommen. «Ein wohlhabender Büsser konnte so eine Busszeit von sieben Jahren in drei Tagen ableisten, wenn er die entsprechende Anzahl Männer ‹mietete›, die für ihn fasteten» (Wikipedia). Wie viele Afrikaner und Afrikanerinnen müssen zu Fuss zum Markt gehen, damit der Flug Zürich-Chicago retour «kompensiert» ist? Der entsprechende Spendenablass für nachhaltige Projekte bei Myclimate betrüge 76 Franken.

Aber die «Unschuld» – die sich Meghan Markle vor der Heirat mit Harry, dem Prinzen, im Gegensatz zu Diana Spencer, dessen Mutter, nicht mehr ärztlich bescheinigen lassen musste – ist schon verloren. Der Banktresor geleert. Die Leiche längst verbrannt. Da helfen auch Rosenkranz und Ablassbrief nicht wirklich weiter. Der Kerosin-Ausstoss wird auch nicht real kleiner, nur weil zwei mit schlechtem Gewissen im Flieger sitzen, die vor einem Vierteljahrhundert zum letzten Mal eingecheckt haben und nicht wissen, wie das heutzutage geht, aber unbedingt die Tochter am Lake Mendota besuchen wollen. Da können sie an diesem See noch so lange fasten oder, zurück in Zürich, noch so viele CO2-Kompensationen kaufen. 

27. April 2018

«Aber dass die Leser weniger werden, auf absehbare Zeit, dass das viele Verlage und Buchhandlungen die Existenz kosten wird: Das scheint ein Naturgesetz zu sein.» Notiert Kulturredaktor Martin Ebel unter dem Titel «Sechs Millionen Buchkäufer weniger» (*) heute im Tagesanzeiger. Zu Schriftstellerinnen und Autoren, die ja irgendwie an diesen Büchern hängen, kein Wort. Sie werden in der «Wertschöpfungskette», nicht nur im Hause Tamedia, gerne vernachlässigt. Und spielen ökonomisch, womöglich, tatsächlich bald keine Rolle mehr. Wenn gemäss dem Ebelschen Naturgesetz künftig zwei Autorinnen um einen Leser streiten werden. Wer von uns liest dann Ebel?

Schreiben rechnet sich nicht. «Warum verschwendest du soviel Zeit mit Schreiben, wenn du doch nichts damit verdienst!» Schrie mich eine von S.’s Töchtern schon vor vielen Jahren an, als ich sie aus meinem Büro schickte und mit ihrem Dreisatz auf später vertröstete. Schliesslich verdiente ich nicht ganz nichts. Warum Romane oder andere nutzlose Bücher schreiben, die womöglich nie gedruckt oder nach einem Jahr aus dem überfüllten Lager entsorgt werden? Wenn, inzwischen, Enkelin und Enkel gehütet beziehungsweise deren Eltern entlastet werden wollen?

Die Gesetze des Marktes haben den meisten, die schreiben, noch nie zu einer Existenz verholfen. Die sie jetzt nicht einmal verlieren können. Es werden, in Zeiten der Emanzipierung von allen und allem immer mehr, die zu Wort kommen wollen. Und die schreiben auch gratis. Für Gottes Lohn oder um der Eitelkeit willen. Die einen legen sogar drauf. Bezahlen Verlagen hohe Druckkostenzuschüsse. Damit sie ihr eigenes Buch in der Hand halten und am Papier mit ihren gedruckten Sätzen schnuppern können. Wie viele Leserinnen und Leser machen eine Autorin oder einen Schriftsteller? Genügt es, einen Roman für die zwei, drei Kinder zu verfassen? Die keine Zeit haben, ihn zu lesen. Weil sie jetzt selber mit den Kindeskindern in den Zoo oder in den Zirkus müssen. Oder ihre Memoiren schreiben. Werden sie ihr auserlesenes Publikum dereinst bezahlen, damit es ihre Erinnerungen liest? Und wann überschreitet die Zahl der Schreibenden jene der Lesenden?

Früher, und einige nennen es die guten alten Zeiten, war das ganz anders. Da konnten nur ein paar wenige lesen und schreiben. Irgendwann mussten es alle lernen. Das Schreiben und das Lesen. Überliessen aber das Schreiben – Postkarten aus dem Toggenburg und Neujahrsgrüsse ausgenommen – den PfarrernGelehrtenDichterinnen. Jetzt schreiben vieleviele ihren eigenen Roman. So wie andere sich die Küche oder das Segelboot selber bauen. Bricolage. Doityourself. Selbstversorgung. Nicht nur mit Biorüebli und Lammfleisch, sondern auch mit Literatur. Der Roman – keine Massenware mehr, sondern Massanfertigung. Exklusiv geschrieben. Für die eine Leserin. Den Autor persönlich. Wenn das keine Selbstermächtigung von Konsumierenden ist.

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(*) Der deutsche Buchhandel, so eine Studie des Börsenvereins, hat zwischen 2012 (36,9 Millionen) und 2016 (30,8 Millionen) 6,1 Millionen Käuferinnen und Käufer verloren.
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6. Mai 2018

«Sie suchen die Gefahr, um sich lebendig zu fühlen.» Schreibt Chanchal Biswas in der NZZ am Sonntag. Nach dem Bergunglück am letzten Aprilwochenende im Gebiet des Pigne d’Arolla, in dem sieben Bergsteiger und Bergsteigerinnen den Tod fanden. Haben sie ihn gesucht? In einer Welt, in der die wenigsten in gesicherten Verhältnissen leben, leisten sich Privilegierte den Luxus, der Gemütlichkeit – nach der sich die meisten sehnen – überdrüssig zu werden. Während sie ihr Leben mit Sozialversicherungen, Blitzableitern, SUVA-Richtlinien, Verkehrsregeln, Lebensmittelverordnungen sowie Gefahrendeklarationen auf ZigarettenMedikamentenKinderspielzeug rundum abzusichern versuchen, kommen sie sich plötzlich wie «in Watte» (Biswas) gepackt vor. Bedauern, dass sie – wegen der Bauvorschriften und der grassierenden Friedfertigkeit – Friedrich Nietzsches Rat nicht befolgen können: «Denn, glaubt es mir! – das Geheimnis, um die grösste Fruchtbarkeit und den grössten Genuss vom Dasein einzuernten, heisst: gefährlich leben! Baut eure Städte an den Vesuv! Schickt eure Schiffe in unerforschte Meere! Lebt im Kriege mit Euresgleichen und mit euch selber!» (Die fröhliche Wissenschaft). Selbst der Wilde Westen ist nicht mehr, was er einmal war. Wenn es der US-Waffenlobby mit Unterstützung ihres Präsidenten gelingen sollte, alle Bürgerinnen an die Waffe zu bringen, ist Schluss mit dem spannungsgeladenen Highnoon, dann traut sich keiner und keine mehr, den Colt zu ziehen, weil sie rundum in Revolvermündungen und Gewehrläufe starren. Ödes Gleichgewicht des Schreckens.

Sehnen sich jene, die das Mantra des Norisknofun herunterbeten, nach dem Überlebenskampf unserer Vorfahren oder in libyschen Flüchtlingslagern? «Wenn Hunger, Kälte und Tod drohen, müssen sich Menschen keine Gedanken mehr über das Lebendigsein machen, der Kampf um das Überleben reicht für Adrenalinschübe» (Biswas). Bei den Glücklichen ist das Abenteuer noch im gemeinen Alltag inbegriffen. Gratis und franko. Jener Nervenkitzel, den sich die Verwöhnten mühsam und teuer in den Todeszonen der Meerestiefen und Gletscherschründe, in Canyons und Luftwirbeln oder durch den Bungeejump von einer Eisenbahnbrücke zu verschaffen suchen. Der drohende Tod soll das (männliche) Leben ins gesicherte (weibliche) Dasein zurückbringen. 1996 spottet der ehemalige Chefarzt im Zürcher Triemlispital und Extrembergsteiger Oswald Oelz über das gesicherte Klettern in der Halle in einem Porträt von mir für den Tagesanzeiger: «Wenn es nicht darauf ankommt, ob man runterfällt, wird das Ganze zum entspannten Turnen. Wenn aber ein Sturz Tod oder schwere Verletzung zur Folge haben kann, ist der Adrenalin-Schuss natürlich viel besser.»

Aber warum fliehen sie aus der «unnatürlichen, künstlichen Zivilisationswelt, in der wir» (welches wir?) «uns keine Sorgen um die Nahrung mehr zu machen brauchen» (Oelz), in die imitierte «Sexyness» des tödlichen Scheiterns am Berg oder im Wingsuit? Warum suchen sie Überlebenskampf und Gefahren nicht da, wo sie um den geringsten Preis zu haben wären? Warum tauschen sie ihre Attikawohnung oder das umgebaute Bauernhaus nicht gegen die bombardierten Häuserruinen, die armseligen Blechhütten oder die vom Wind verwehten Zelte der «Verdammten dieser Erde»? Denen in unseren wohligen Fernsehstudios gerne die Bedrohung an Leib und Leben abgesprochen wird? Das wäre doch eine wahre Win-Win-Situation: Geiler Überlebenskampf gegen erträumte Gemütlichkeit.

Und warum muss es das prickelnde Spiel mit dem Tod – der Männer macht – sein, warum wagen es die Tapferen nicht, im hundskommunen Alltag gefährlich zu leben? Sich den Unberechenbarkeiten von Liebe und Leidenschaft auszuliefern? («Ich hatte mehr Angst davor, ein Mädchen anzusprechen, als mich an Viertausender zu wagen. Ich hatte wahnsinnige Angst davor, zurückgewiesen zu werden. Bei einer Wand, da liegt’s an mir, ob ich raufkomme», Oswald Oelz.) Oder der Frau, dem Freund, der Chefin, dem Obersten zu widersprechen und an der Passkontrolle Witze zu machen? Den Dienst am tottalen Wachstum – das die eigene Existenz sichert, aber die Lebensgrundlagen von Kindern und Kindeskindern zerstört – zu quittieren? Den Marsch-, den Schiessbefehl zu verweigern – in Krieg und Frieden?

Ist ihnen das denn doch zu waghalsig? Oder fehlt ihnen die Grandiosität, die in der Todeszone winkt? Wer mit dem Tod spielt, gibt sich, heil zurück, der Illusion hin, er (oder sie) hätte den Tod im Griff. Wer nicht aus der Gefahrenzone in den gemeinen und gemütlichen Alltag zurückkehrt wie Jack in «Titanic», wird zum Mann und unsterblichen Helden, denn, so wird es an Cal, dem widerlichen Verlobten von Rose, demonstriert: Nur Feiglinge und Charakterlumpen überleben. So viel Glamour verspricht das mühselige Leben in Widerspruch und Ungehorsam nicht.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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Eine Meinung

Eine Bekannte sagte mir einmal, sie hätte sich als Kind immer gewünscht, dass einmal etwas ganz Katastrophales passiere. Es scheint, dass in einer gefährlichen Ausnahmesituation nicht nur Hormone freigesetzt werden, die ein intensiveres Lebensgefühl schenken (Thema Bergsteigen) sondern auch soziale Verkrustungen aufgebrochen und Menschen näher zusammengebracht werden. In den Tagen von 9/11 wurde die Suizidrate in New York auffallend kleiner. Schon ein Drei-Std.-Stau auf der Autobahn kann offensichtlich bei vielen Leuten die Bereitschaft zu Kommunikation und «Verbrüderung» mit ihren Mitleidenden erhöhen.
Helmut Scheben, am 11. Juni 2018 um 10:09 Uhr

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