Viktor Parma (links) geehrt von Daniel Binswanger (rechts) bei der ProLitteris-Preisverleihung © Monika Flückiger/db

Viktor Parma (links) geehrt von Daniel Binswanger (rechts) bei der ProLitteris-Preisverleihung

Distanz zur Macht, im Dienst der Öffentlichkeit

Robert Ruoff / 31. Mai 2014 - Daniel Binswanger würdigt die Leistung von Viktor Parma. Analyse der Machtgier und Einsatz für demokratische Öffentlichkeit.

Der Pro Litteris Preis für Journalismus war ein Ereignis, das die Öffentlichkeit kaum wahrgenommen hat. Zu Unrecht. Die publizistische Leistung der Preisträger verdient hohe öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Zum Förderpreis für Oliver Classen und das Autorenteam des Buches über die Rohstoffdrehscheibe Schweiz sagt der Mediensoziologe Kurt Imhof: «Seit seiner Publikation im Herbst 2011 ist die reflexive Berichterstattung über die Schweizer Rohstoffbranche sprunghaft gestiegen.» Und zum Pro-Litteris-Preis für Al Imfeld sagt der Politiker und Publizist Rudolf Strahm: «Sein journalistisch-literarisches Lebenswerk ist enorm.»

Al Imfeld teilt den Hauptpreis mit dem Publizisten Viktor Parma. Für die ProLitteris-Jury sagt der Publizist Constantin Seibt dazu: Geht Imfeld dahin, «wo sich noch niemand hinbegeben hat, ins Exotische» – so arbeitet Viktor Parma dort, «wo sich alle anderen Journalisten tummeln und macht es anders: gründlicher, genauer, klüger».

Infosperber publiziert hier zum Abschluss der kleinen Reihe zum Schweizer Qualitäts-Journalismus die Laudatio von Daniel Binswanger für Viktor Parma.

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«Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Viktor Parma,

Ich empfinde es als grosse Auszeichnung, aus gegebenem Anlass eine Laudatio auf Viktor Parma halten zu können. Obwohl ich ihn schon seit langem lese, sind Viktor Parma und ich uns erst vor kürzerer Zeit zum ersten Mal begegnet. Wir gehören nicht derselben Generation an. Aber Viktor Parma hat Massstäbe gesetzt – für den Schweizer Journalismus, für die Schweizer Polit-Publizistik, Massstäbe der Reflektierheit, des historischen Tiefganges, der präzisen aktuellen Detailkenntnis, die einen Journalisten nicht unbeeindruckt lassen können. Sie prägten früher seine Artikel und prägen heute seine Buchpublikationen. Ich sehe nicht, wie man sie NICHT als Referenzwert für den aufgeklärten öffentlichen Diskurs in unserem Lande betrachten könnte.

Lassen Sie mich ganz kurz ausführen, worin ich die besondere Qualität von Viktor Parmas bisher drei – teilweise mit Ko-Autoren – verfassten, politischen Büchern erblicke. Der Essay «Machtgier. Wer die Schweiz wirklich regiert», erschienen im Wahljahr 2007, liefert eine Gesamtschau der Schweizer Machteliten, der Entwicklungen im Institutionen- Parteien- und Gesellschaftsgefüge, und analysiert – vielfach in geradezu prophetischer Weise – , weshalb das Schweizer Staatswesen den Herausforderungen durch ein globalisiertes Wirtschaftssystem immer weniger gerecht wird.

Legalisierte Korruption

«Schurkenstaat Schweiz?» handelt gemäss Untertitel von der Steuerflucht, bzw. davon «wie sich der grösste Bankenstaat der Welt korrumpiert und andere Länder destabilisiert». Das gemeinsam mit Werner Vontobel verfasste Werk erwies sich ebenfalls in vielerlei Hinsicht als vorausschauend. Noch bevor die UBS zunächst per Notrecht und danach durch einen zwischenstaatlichen Vergleich zur Herausgabe von US-Kundendaten ermächtigt wurde und die Schweizer Volkswirtschaft zum zweiten Mal innert eines halben Jahres knapp dem Kollaps der Too-big-to-fail-Bank entging, legten Parma und Vontobel zielsicher den Finger auf den intimen Konnex zwischen der Instabilität des globalisierten Finanzsystems und der sowohl ökonomisch als auch moralisch höchst zweifelhaften Rolle der grossen Steuerparadiese – insbesondere des Flaggschiffs der Offshore-Industrie, unserer schönen Alpenrepublik.

In seinem jüngsten publizierten Werk «Die käufliche Schweiz», das Viktor Parma gemeinsam mit dem ehemaligen Bundesratssprecher Oswald Sigg verfasst hat, plädieren die beiden Autoren für eine Rückeroberung der Demokratie durch ihre Bürger. Ihre Analyse der «schleichenden Staatskrise» der Schweiz hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Oder wer würde an dem Abstimmungssonntag, an dem über die Pädophilen-Initiative abgestimmt wird, der Befürchtung die Begründetheit absprechen wollen, wir seien auf dem besten Weg, «die direkte Demokratie mit ihren eigenen Mitteln, den Volksrechten, abzuschaffen?»

Krise der Demokratie

Viktor Parma und seine Ko-Autoren verstehen es, die relevanten Fragen zu stellen. Ist es auf längere Sicht im Interesse der Schweizer Staatsbürger, wenn die politischen Organe von den Finanzplatzvertretern beherrscht werden? Parma stellt diese Frage mit allem Nachdruck bereits im Jahr 2007, ein Jahr vor dem definitiven Ausbruch der Finanzkrise, zu einem Zeitpunkt, als Marcel Ospel noch praktisch nach Belieben die wirtschaftspolitischen Weichenstellungen des Schweizer Standortes festlegen konnte. Mit Verblüffung liest man heute das Ospel-Porträt, das Parma in «Machtgier» zeichnet: «Er und die andern Global Player liessen festen Boden hinter sich, auch in ihrer Symbolsprache: Sie gingen mit ihren Konzernen offshore, also weg von der Küste – Schlüsselbegriff der Globalisierung. Sie umschifften Regeln, die sich die Staaten des Festlands geben. Die UBS erkor, wie die CS, das Segeln zu ihrem liebsten Markenzeichen, dabei läuft Ospels Bank heute eher Gefahr, wie ein Öltanker auszusehen. (...) Er weiss: Liefe sein Tanker auf Grund, erschiene daneben selbst die Exxon-Valdez-Katastrophe wie ein kleiner Autounfall.»

Gut ein Jahr nach dem Erscheinen von «Machtgier» ist der Tanker dann tatsächlich auf Grund gelaufen. Viktor Parma zeichnete nicht nur mit grosser Akribie die komplexe Genealogie des Desasters nach – die Vorbildfunktion des angelsächsischen Investment-Bankings, die Revolutionierung der Risikokultur, die politische Forcierung der Deregulierungs-Sündenfälle, der irreversible Abstieg des altfreisinnig-liberalen Establishments und der unaufhaltsame Aufstieg einer neoliberalen Managerkaste – er prognostiziert auch mit beeindruckender Klarsicht, was nach der Havarie geschehen wird. «Der Geldhai (gemeint ist die UBS) im eidgenössischen Karpfenteich setzt alles daran, das Risiko für die UBS zu begrenzen und vermehrt auf Dritte abzuwälzen. Muss gestorben werden, ist auf Marcel Ospel nicht zu zählen.» Wie Parma mit ganz klassisch journalistischen Mitteln – nämlich einer luziden Einordnung der verfügbaren Informationen und der dichten Schilderung von Menschen und Ereignissen – zu so treffsicheren Analysen kommen, ist beeindruckend. Wie zahlreich sind diejenigen in den Schweizer Medien, die es ihm im Jahr 2007 gleich getan haben?

Aus dem Blickwinkel der Geschichte

Was mich an Viktor Parmas Büchern beeindruckt ist allerdings nicht nur die Fähigkeit zur souveränen Gesamtschau wirtschaftlicher und politischer Zusammenhänge – eine Fähigkeit, die zu Zeiten der Ökonomisierung aller Lebenssphären für politischen Journalismus immer entscheidender wird – sondern auch die kenntnisreiche historische Perspektivierung, mit der der Autor aktuelle Entwicklungen in einen breiteren und in der Regel sehr lehrreichen Zusammenhang zu stellen vermag. So ist zum Beispiel in der «Käuflichen Schweiz», das von Parma verfasste Kapitel über den Wirtschaftsdachverband Economiesuisse nicht nur deshalb brillant, weil der immer noch akkreditierte Bundeshausjournalist die Feinmechanik des Berner Polit-Lobbyismus in all ihren Details kennt und in bunten Farben ein Sittenbild der politischen Entscheidungsprozesse nachzeichnet, das sich bis anhin der Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit entzogen hat. Es besticht auch durch die elegante Darstellung der weit zurückweichenden Kontinuitäten in der Schweizerischen Verbandsdemokratie.

Parma zeigt nach, wie die Institutionen der direkten Demokratie erkämpft werden mussten, gegen den erbitterten Widerstand der liberalen Wirtschaftseliten, welche bei seiner Gründung den Bundesstaat dominierten. Er legt aber auch dar, wie diese Wirtschaftseliten (die Erben des Escher-Systems) nach anfänglichem Widerstand sehr schnell begriffen, dass die direkte Demokratie – wenn man sich nur effizient genug in starken Verbänden organisierte – auch ein Mittel sein konnte, die Macht der Wirtschaft auszubauen. 1874 wurde im Bundesstaat das Referendum eingeführt. 1882 wurde der damalige Wirtschaftsdachverband Vorort zu einer schlagkräftigen, politischen Kampf-Organisation umgeformt. Die historische Sequenz ist bezeichnend – auch noch für das Funktionieren der heutigen Schweiz.

Distanz zu den Mächtigen

Ich könnte noch lange fortfahren mit Exempeln der Urteilssicherheit und prognostische Kraft von Viktor Parmas Polit-Publizistik. Stattdessen möchte ich aber an dieser Stelle ein Zitat von einem anderen, nicht unbedeutenden Publizisten anführen: «Das Hauptprinzip und die höchste Ambition meiner Zeitung bestand immer darin, absolute Unabhängigkeit zur erreichen und zu bewahren, sowohl in finanzieller und politischer als auch in persönlicher und moralischer Hinsicht. Wir haben keine Herren und keine Freunde, ausser das Publikum.» Das Zitat stammt von Joseph Pulitzer, dessen Name heute – aufgrund des Pulitzer-Preises – die gängigste Metonymie für Qualitätsjournalismus geworden ist. Die wenigsten dürften allerdings wissen, dass seine erste grosse Kampagne beim St. Louis Dispatch, seiner ersten englisch-sprachigen Zeitung, darin bestand, dass er die Steuerzahlungen der reichsten Bürger von St. Louis öffentlich machte, gemeinsam mit Zahlen zu ihren Vermögen und Einkünften. Der moderne Qualitätsjournalismus hat seinen Ursprung in einer Kampagne gegen Steuerwiderstände der wirtschaftlichen Elite.

Im Dienst der Öffentlichkeit

Eine Unabhängigkeit, die weder Herren noch Freunde kennt, die sich kompromisslos in den Dienst nur eines Freundes, nämlich der politischen Öffentlichkeit stellt – sie scheint mir auch Viktor Parmas Begriff von Journalismus auszuzeichnen. Seine Karriere hatte zahlreiche und wechselnde Stationen. Seine Fähigkeit auf Distanz zu bleiben – und beim Sie zu bleiben – mit den politischen Akteuren, die er über Jahre begleitete und beobachtete, ist legendär. In Zeiten, in denen sich Politik nicht nur entideologisiert sondern in denen immer diffuser wird, auf welchen staatsbürgerlichen Werten die Basis gemeinschaftlichen Lebens überhaupt noch ruhen soll, in Zeiten, in denen uns der Richtungssinn der Geschichte abhanden gekommen zu sein scheint und in denen ungewiss wird, ob die morgige Welt, gesicherter, befriedeter und gerechter sein wird als die heutige, erscheint das aufklärerische Ethos einer konzessionslosen Aufarbeitung und Einordnung der Fakten als letztes Mittel, um politische Orientierung zu gewinnen. Das Werk von Viktor Parma zeichnet sich in hohem Mass durch dieses Ethos aus. Es ist heute unverzichtbarer den je.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Laudatio für Al Imfeld: «Auszeichnung für widerständigen Journalismus»
Laudatio für Oliver Classen: «Das Raunen in der Journalistenszene»

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2 Meinungen

Ja, die Rückeroberung der Demokratie durch ihre Bürger ist fällig.
Eduard Baumann, am 31. Mai 2014 um 10:40 Uhr
1992 habe ich im Rahmen eines Nationalfondspogramms an einer Tagung zu Fragen des Bankplatzes Schweiz teilgenommen. Damals wurde uns mitgeteilt, dass in den nächsten Jahren 10'000 Bankenstellen gestrichen werden müssten. Das erschien logisch, denn das überkommene Business-Modell schien überaltert und selbst der Währungsfonds hatte durch die Effizienz der BIZ wohl seine Daseinsberchtigung verloren. Damals gab es noch keine Finma. Das Feigenblatt hatte einen anderen Namen.

Ich befasste mich damals mit Hypothekarmargen und ähnlichen Fragen. Auch das ein Thema, welches als gelöst betrachtet werden konnte.

In der Folge verlor ich etwas den Faden in diesem Geschäft.

Ich war aber trotzdem erstaunt, als der Bankenplatz redimensioniert wurde und Steuereinnahmen von Privat- und so Banken, diejenigen der herkömmlichen Institute in erstaunlicher Geschwindigkeit überholten. Das Businessmodell hatte offenbar eine neue Qualität erreicht.

Politische Einflussname über Machtballungen und anderen Fusionen sind aber auch in anderen Bereichen wieder Mode geworden. Das «heimliche Imperium» lässt grüssen.

Es ist gut zu wissen, dass aufmerksame Beobachter diesen Faden weiterverfolgt haben und uns erlauben ein kohärentes Bild auch dieser Realitäten zu erhalten.

Dafür ein grosses Danke.
Josef Hunkeler, am 31. Mai 2014 um 18:39 Uhr

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