Fällander Tagebuch 16 © zvg

Fällander Tagebuch 16

Die Sehnsucht nach dem Krieg oder Blut tut gut

Jürgmeier / 28. Dez 2017 - Eine Sekunde für eine Tote. Ein Oberst freut sich auf den Krieg. Wenn Eltern diejenigen sind, vor denen sie ihre Kinder warnen.

22. Oktober 2017

Ich bin zu früh. Der Freund noch nicht da. Mit dem ich verabredet bin. In der Stadt. Zürich. Im Hauptbahnhof. Vor der Buchhandlung Barth. Wie immer. Ich nutze die unverplante Zeit. Betrete den kleinen Laden. Ursprünglich nur die Shopville-Filiale des Hauptgeschäfts über dem Zürcher Untergrund. Einem Eldorado für alle Reisenden und Wandernden. Die ganze Schweiz, die gesamte Welt war da in verschiedensten Massstäben und Formaten zu kaufen. Der Boden an der Bahnhofstrasse ist für Belletristik und Fachbücher längst zu teuer geworden. Jetzt quetschen sie im ehemaligen Taschenbuchladen zwischen den Zürcher Geleisen nur noch ein paar wenige Landkarten und Reiseführer neben Romanen, Sach- und Lebenshilfebüchern in die Gestelle.

Normalerweise komme ich nur, um die per Mail bestellten Bücher abzuholen, stürme zur Kasse, lasse die Preisetiketten in das blaue Rechnungsheft mit meinem Namen kleben und gehe wieder. Ohne nach links oder rechts zu schauen. Eigentlich liebe ich es, in Buchläden den Gestellen entlang zu flanieren, Covers und Klappentexte zu überfliegen, da und dort ein paar Passagen zu lesen, das eine oder andere Buch unter den Arm und nach Hause zu nehmen. Aber seit die Zahl der Bücher, die ich besitze – Kaufen geht schneller als Lesen – längst die Zahl derer übersteigt, die ich gelesen habe und noch lesen werde, vermeide ich den gefährlichen Blick auf das gesammelte Wissen und den gestapelten Liebeskummer.

Die Angst des Kindes, der Lesestoff könnte mir – trotz zwei Bibliothekskarten, eines Schulkollegen mit vollem Regal, trotz der obligaten Geburtstags- und Weihnachtsbücher sowie des grösstenteils in der nahen Papeterie mit Karl-May-Büchern verjubelten Taschengeldes – ausgehen, hat den Erwachsenen zum zwanghaften Sammler von Geschichten, Hoffnungen und Welterklärungen gemacht, dem Büchergestelle – trotz einsichtiger Beschränkung auf immer weniger Interessen – täglich demonstrieren, dass sein Leben, auch seines, ein unvollendetes bleiben wird. Nicht alles gelesen. Nicht alles geschrieben.

Von den Tablaren raunt es dem Leser mehrstimmig entgegen: «Bei mir findest du letzte Erkenntnis, Freundschaft in einsamen Stunden, Aufmunterung in traurigen Tagen, Verunsicherung in hoffnungsvollen Zeiten und (Welt-)Geschichten – spannender erzählt, als sie wirklich waren.» Dem Schreibenden flüstern RomaneKurzprosaGedichteEssaysTheaterstücke zu, was, damals, an der Frankfurter Buchmesse, auch die Chöre aus Fiction und Non-Fiction skandierten: «Was schreibst du noch? Alles längst bei uns nachzulesen. Tausendfach variiert.» Obwohl es äusserst unwahrscheinlich ist, dass jemand auch nur fünf identische Sätze in Folge schreibt, wie sie schon irgendwo zu lesen sind, ist eine Buchhandlung für einen Schreibenden Anlass zu einer mittelschweren, exogenen Depression.

Wie viele Leser bleiben einer Autorin in digitalen Zeiten, die das Publizieren (technisch) endgültig demokratisiert haben, in denen (fast) alle (fast) täglichstündlichminütlich irgendetwas posten oder twittern? Aber war das nicht die Utopie, damals und immer wieder – dass alle zu Wort kommen? Jede Leserin auch ein Schriftsteller? Wer wird dann noch meine Texte beachten? Was habe ich von meinen schreibenden Kollegen und dichtenden Kolleginnen gelesen?

23. Oktober 2017

In einem Land, in dem sich weder die Urgrossmütter noch die Urgrossväter – die «Aktivdienst» geleistet haben oder von ihm befreit wurden – daran erinnern können, wann Schweizer zum letzten Mal in einem (analogen) Krieg fürs Vaterland gefallen, müssen sich Obersten und Generäle irgendwie nutzlos vorkommen. «Im Krieg bin ich der Oberste auf dem Flughafen Kloten.» Tröstete sich in den Achtzigerjahren so ein militärisches Kadermitglied über seine Bedeutungslosigkeit in Friedenszeiten hinweg. Und verriet geheime Sehnsüchte. So ganz ohne kriegerische Spannung ertragen Schweizer (und vielleicht auch Schweizerinnen) die langweilige Gemütlichkeit denn doch nicht. Allerdings: «Schweizer sitzen Kriege lieber aus.» Wird Michael Hermann in seiner morgigen Tagesanzeiger-Kolumne (kostenpflichtig) schreiben. Und meint doch nur das Verhältnis zur EU.

Zum Glück gibt’s heute den «Cyberkrieg». Da ist auch der Schweizer Verteidigungsminister, Guy Parmelin, gefordert und gefragt. «Wir haben beim Bund praktisch jeden Tag Cyberangriffe.» Verrät er dem Journalisten Christoph Lenz im heutigen Tagesanzeiger-Gespräch militärisches Geheimnis. Der in der Schweiz verbreitete Glaube, «der Cyberkrieg» fände «anderswo statt», sei leider «nicht richtig». Immerhin, noch befänden wir uns nicht wirklich im Krieg. Beruhigt er den verschreckten Interviewer. «Aber es kommt der Moment, wo unsere vitalen Interessen betroffen sind, wie bei einer Bombardierung. In diesem Moment herrscht wirklich Krieg.»

Um das Lahmlegen zentraler Infrastrukturen zu verhindern, braucht es «Cyberkrieger». Das ist den beiden klar. «Wie viele Cyberkrieger haben Sie heute?» Will der eine wissen. «Nicht genug!», beklagt der andere. «Wie wollen Sie diese Cyberkrieger finden?» Fragt der eine besorgt. «Wir müssen erfinderisch sein.» Erklärt der Bundesrat. «Vielleicht mögen Cyberspezialisten es nicht, wenn man ihnen Dinge befiehlt. Hier können wir offener und flexibler werden. Aber der Rahmen muss klar und präzis sein. Es ist immer noch die Armee.» Ein Krieg ist immer noch ein Krieg. Und kein Spiel. Auch in der Cyberschweiz.

9. November 2017

Im Tagesspiegel auf die Liste der Künstlerin Banu Cennetoglu gestossen. «The List» erinnert an Menschen, «die auf der Flucht nach Europa [oder innerhalb Europas] gestorben sind» (www.tagesspiegel.de, 9.11.2017). Ich nehme mir vor, die ab 1993 nachgeführte Liste zu lesen. Irgendwann. Wahrscheinlich erst nach den «Festtagen», womöglich erst im neuen Jahr. Vollständig. Eine Sekunde, mindestens, für eine Tote. Manchmal auch, «Aktion», 10, selten 80 für einen. Total rund 500 Minuten. Knapp 8.5 Stunden. Soviel Zeit für all die Toten – 33'293, Stand 15.6.2017 – müsste sein. Jeder Eintrag ein Datum, die Anzahl Toter, wenn bekannt GeschlechtAlterName, häufig nur N.N., no Name, dann die Herkunftsregion, die Todesursache und die Quelle der Information. Jeder Tote ein Anlass, nicht weiterzumachen, als ob nichts geschehen. Ein verpasster.

24. November 2017

Auf dem Weg zum Migros. Das kleine Mädchen. Das mich grüsst. Wir gehen zusammen weiter. Wechseln ein paar Worte. Schweigen. Abwechslungsweise. «Ja», sagt sie, gefragt, sie gehe in den Kindergarten, aber sie sei zu spät. Ich ermutige sie, trotzdem weiterzugehen. «Übergestern», erzählt sie, habe sie Geburtstag gehabt. Sechs sei sie geworden. Dann müsse sie ja bald zur Schule. Ja, nächsten Sommer. Meint sie. Als ich mich von ihr verabschiede, streckt sie mir das Händchen entgegen. Ich gebe ihr meine Hand – oder war es umgekehrt? – und wünsche ihr einen schönen Tag. Als sie schon ein paar Schritte von mir weg ist, dreht sie sich nochmals um und ruft: «Ihnen auch.»

Ich stelle mir vor, am nächsten Tag träfe ich die Kleine wieder, und dann würde sie während der restlichen Woche jeden Morgen auf mich warten. Einmal würde ich sie vielleicht sogar über die Strasse beim Kreisel begleiten und sie dabei an der Hand nehmen. Nach einer Woche, denke ich mir aus, würde das Mädchen verschwinden. Der Polizei würde aufgrund eines Zeugenaufrufs zugetragen, in den letzten Tagen sei ein alter Mann gesehen worden, der das Mädchen immer bis zum Kreisel beim Migros begleitet habe und auffallend freundlich mit ihm gewesen sei. Die Suche wäre schnell erfolgreich, meine Nachbarinnen und Nachbarn würden den Mann verraten. Obwohl die Gefahr, dass dem Mädchen in der eigenen Familie oder Verwandtschaft etwas angetan wird, signifikant grösser ist als bei unbekannten Männern, vor denen Kinder regelmässig gewarnt werden. Gehe nie mit einem Fremden. Lass’ dich nur von Verwandten und Bekannten berühren. Sie sind die, vor denen sie euch immer gewarnt haben.

Zum Glück kaufe ich MilchYogurtOrangen normalerweise beim COOP und gehe selten zu Fuss einkaufen. Das Velo – mein Alibi.

30. November 2017

In meinen Papierstapeln finde ich eine Meldung vom 7. Oktober. «Jedes fünfte Kind wird geschlagen.» Der Tagesanzeiger schreibt aufgrund einer laufenden Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW): «Ein Fünftel der Jugendlichen in der Schweiz erlebt zu Hause schwere Gewalt… Eltern schlagen Kinder mit einem Gegenstand oder mit der Faust. Sie treten oder prügeln sie. Weitere zwei von fünf Kindern sind leichter Gewalt ausgesetzt wie einer Ohrfeige.
40 Prozent der auch mit Schlägen erziehenden Eltern stammen aus Balkanländern, 37 Prozent sind portugiesischer Herkunft. Jedes zehnte Kind von Schweizer Eltern erlebt schwere Gewalt.»

Wieso eigentlich ist das Schlagen von Kindern sozial akzeptierter als das Schlagen von VorgesetztenArbeitskolleginnenKunden? Und warum lanciert das Egerkinger Komitee – das mit einem Verhüllungsverbot symbolisch den politischen Islam und den Terrorismus bekämpfen will – eigentlich keine Initiative zum Verbot der körperlichen Züchtigung? (*) Oder unterstützt wenigstens die «Petition gegen Körperstrafen und psychische Gewalt an Kindern»? Weil dann auch eidgenössische und christliche Eltern mit ihren Kindern nicht mehr machen könnten, was sie wollen? Schliesslich wissen die leiblichen Eltern immer noch am besten, was gut für Kinder ist. Blut tut gut.

Selbst jene, die ihre Kinder in KrippeHortSchule nie und nimmer einem «Naturtalent» oder einer auf nicht anerkannten Wegen pädagogisch Gebildeten überlassen würden, mit ihrem Hündli selbstverständlich den obligaten Welpenkurs, inklusive WK, besuchen, keine Elektrikerin ohne Eidgenössischen Fähigkeitsausweis an ihre Steckdosen liessen, von ihren Mitarbeitenden im Lager einen Staplerkurs verlangen und sich niemals ohne Segelschein auf den Greifensee wagen würden, selbst diese Kürsli- und Diplomgläubigen halten Eltern ohne ErfahrungVorwissenAusbildung immer noch generell und gegen alle Bedenken der Kindes- und Erwachsenenschutz-Behörden (KESB) im Einzelfall für die geeignetsten Bezugspersonen ihrer Nachkommen. Blut ist der beste Erzieher.

(*) «Das Recht der Eltern, ihre Kinder zu züchtigen, wurde hier 1978 abgeschafft. Ausdrücklich verboten ist es aber nicht» (Tagesanzeiger).

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Keine

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