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Synes Ernst, Spiel-Experte

Der Spieler: Die Gunst der Geishas ist schwer zu bekommen

Synes Ernst. Der Spieler / 28. Apr 2018 - Unter den aktuellen Zweipersonenspielen sticht «Hanamikoji» besonders hervor: Maximale Spieltiefe mit minimalen Mitteln.

Der Spieler: «Hanamikoji» oder Geben ist selig wie Nehmen

28. April 2018 – Zweierspiele

Fast 2,5 Millionen aller Menschen in der Schweiz leben in Zweipersonenhaushalten. Das sind rund 30 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung unseres Landes. Aufgrund der demografischen und gesellschaftlichen Entwicklung geht das Bundesamt für Statistik davon aus, dass diese Zahl künftig noch stark steigen wird. Als unermüdlicher Kämpfer für die Sache des herkömmlichen Gesellschaftsspiels nehme ich nun mal an, dass eine hohe Zahl dieser Menschen, die so viele Stunden miteinander verbringen, in ihrer Freizeit miteinander auch spielen. Im Unterschied zu jenen, die in Einpersonenhaushalten leben, müssen sie dazu nicht einmal auf die Suche nach einer Partnerin oder einem Partner gehen (vorausgesetzt, diese oder dieser sei ebenfalls spielaffin …).

Wachsender Markt für Zweipersonenspiele

Vor diesem Hintergrund und auch angesichts der Tatsache, dass es erfahrungsgemäss nicht immer leicht ist, genügend Mitspielende für eine Viererrunde (oder gar mehr) zusammenzutrommeln, muss das Zielpublikum für Zweipersonenspiele beachtlich gross sein. Solches ist den Marktstrategen in den Spieleverlagen selbstverständlich nicht entgangen: So erscheinen seit 1996, als der Kosmos- Verlag mit dem «Siedler»-Kartenspiel seine Reihe «Spiele für Zwei» startete, Jahr für Jahr entsprechende Titel. Wer heute auf der Suche nach einem Zweierspiel ist, findet garantiert etwas, das seinem Spielergeschmack zusagt. Denn die Auswahl ist riesig.

Wenden wir uns nun «Hanamikoji» zu, dem jüngsten Sprössling der Zweipersonenspiel-Familie von Kosmos. Wer Japan ein bisschen kennt, bringt den Namen in Verbindung mit der Hanamikoji-Strasse in der Kaiserstadt Kyoto. Die Strasse ist für ihre Teehäuser und als Zentrum der Geisha-Kultur bekannt. In dem vom Japaner Kota Nakayama entwickelten Spiel wetteifern nun zwei Spielerinnen oder Spieler in der Rolle von Restaurantbesitzern um die Gunst der sieben berühmtesten Geishas. Sie gelten als die Hüterinnen japanischer Kultur und Tradition und sind Meisterinnen vieler Künste, wie Musizieren, Gesang, Tanz, gehobener Konversation.

Vier Aktionen, mehr nicht

Jede Geisha hat eine Lieblingsdisziplin. Welche es ist, erkennt man an den themengerechten, in japanischem Stil gehaltenen Illustrationen auf den sieben grossen Karten, die als Reihe zwischen den beiden Spielern liegen. Um die Gunst von Ayane, Chiharu, Anju & Co. zu gewinnen, lassen ihnen die beiden Restaurantbesitzer Geschenke zukommen. Dies erfolgt rundenweise im Rahmen von vier Aktionsmöglichkeiten. Welche er wählt, signalisiert der Spieler mit einem entsprechenden Marker. Spielt er die Aktion «Geheimnis», legt der Spieler eine Geschenkkarte verdeckt aus seiner Hand unter den betreffenden Marker. Die Karte wird erst am Ende der Runde aufgedeckt und an die passende Geisha angelegt. Mit der Aktion «Ablage» nimmt man zwei Geschenkkarten verdeckt aus der Wertung für die laufende Runde. Spannend wird es mit der Aktion «Angebot»: Hier legt der Spieler drei Geschenkkarten aus seiner Hand offen vor sich ab, worauf der Konkurrent eine der Karten auswählt und sie bei der passenden Geisha ablegt. Die anderen beiden Karten legt der Spieler entsprechend auf seiner Seite ab. Schliesslich gibt es noch den «Tausch» als vierte Aktionsmöglichkeit: Ich wähle vier Geschenkkarten aus meiner Hand und lege sie offen als zwei Paare vor mir ab. Der Gegenspieler wählt davon eines und legt es bei sich ab, während ich das andere Paar bei mir an die Geishas verschenke, zu denen es passt.

Sind die vier Aktionen gespielt und die zehn Geschenke pro Runde verteilt, wird abgerechnet: Liegen auf meiner Seite mehr Geschenke, gehört mir die Gunst der Geisha, sonst meinem Gegenspieler. Das Spiel endet sofort, wenn ein Spieler die Gunst von mindestens vier Geishas besitzt oder elf oder mehr Gunstpunkte (die einzelnen Geishas sind unterschiedlich viel Punkte wert) erzielt hat. Gespielt wird, bis mindestens ein Spieler eine dieser Siegbedingungen erfüllt. Sollten beide je eine der Bedingungen erfüllen, gewinnt der Spieler mit der höheren Anzahl von Geisha-Punkten.

Nur vier Aktionsmöglichkeiten pro Runde, ist das nicht ein bisschen wenig? mögen sich nun viele fragen, die es gewohnt sind, über viel Handlungs- und Spielraum zu verfügen. Überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Es ist gerade diese Beschränkung, welche die Faszination von «Hanamikoji» ausmacht. Erstaunlich, was in den vier einfachen Aktionen alles drinsteckt! Einer der besonderen Reize dieses Spiels liegt meines Erachtens darin, dass die Folgen meiner Entscheide nicht irgendwie abgefedert und erst nach einer gewissen Zeit sichtbar werden. In «Hanamikoji» geht es Zackzack!, und schon hat dir eine der sieben Geishas die Gunst entzogen. Diese Direktheit, die mir sehr gut gefällt, stellt für die beiden Restaurantbesitzer eine anspruchsvolle taktische Herausforderung dar.

Geht man ohne umsichtige Planung ans Werk, hat man schon verloren. Welche zwei Geschenkkarten markiere ich in dieser Runde als «Ablage» und nehme sie so aus dem Spiel? Welches ist die Karte, die ich quasi als Trumpf behalten will und deswegen mit dem Marker «Geheimnis» belege? Ganz gemein sind schliesslich die beiden Aktionen «Angebot» und «Tausch», bei denen ich dem Konkurrenten Karten geben muss, wobei die Perfidie dadurch noch gesteigert wird, dass dieser selber wählen kann, welche er nimmt. Entsprechend muss ich jeweils die Auswahl zusammenstellen, die ich ihm offeriere. Mehr Interaktion geht fast nicht. Sehr, sehr tricky!

Enorme Spieltiefe

Allein aus dieser Beschreibung wird die enorme Spieltiefe sichtbar, die in diesem kleinen Taktikspiel steckt. Um ihre Dimension voll zu erfassen, muss man sie selber erleben. Das dauert nicht sehr lang. Die Regeln sind einfach und schnell erklärt. Man ist sofort drin und spürt auch rasch, wie «Hanamikoji» einen emotional richtig packt.

Die Auswahl an Zweipersonenspielen sei riesig, habe ich eingangs geschrieben. Braucht es dann noch mehr davon? Wenn sie so gut sind wie «Hanamikoji», unbedingt.

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Hanamikoji: Taktikspiel mit Karten von Kota Nakayama für 2 Spielerinnen und Spieler ab 10 Jahren. Kosmos-Spiele (Vertrieb Schweiz: Lémaco SA, Ecublens), ca. Fr. 19.-

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Spielekritiker für das Ausgehmagazin «Apéro» der «Neuen Luzerner Zeitung». War lange Zeit in der Jury «Spiel des Jahres», heute noch beratendes Mitglied, in dieser Funktion nicht mehr aktiv an der Juryarbeit beteiligt.

Weiterführende Informationen

Hier geht es zum Verlag von «Hanamikoji»
Zum Dossier «Der Spieler» mit allen Beiträgen

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