Dank Klonforschung zeitiger zum Mars

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Beat Gerber / 14. Feb 2018 - Fliegen bald geklonte Affen durchs Weltall? Könnte ein IBM-Computer Diabetes reduzieren? Die Forschung schuldet darauf Antworten.

Wissenschaft sorgte wieder einmal für laute Empörung. Den Aufruhr provozierte nicht das sonntägliche Primeur-Rascheln im helvetischen Blätterwald. Nicht die wenigen bösen Forscher (im Prozentbereich), die für ihre Publikationen in minderwertigen Pseudo-Journalen mehrere tausend Dollar bezahlen, um die Publish-or-Perish-Plackerei zu überleben (NZZaS 04.02.). Auch die durch den Klimawandel veränderten Lawinen, die gemäss eidgenössischen Experten künftig nässer sowie mit Geröll und Schlamm durchsetzt zu Tale donnern sollen, sind medial harmlos geraten (SoZ 28.01.).

Nein, den Kopf einzuziehen gilt es vor einer global verbreiteten Sensation (24.01.). Nach zahllosen Versuchen ist es chinesischen Forschern gelungen, zwei Affen zu klonen. Die beiden niedlichen Tierchen auf dem Pressefoto gleichen sich tatsächlich wie ein (gentechnisch verändertes) Ei dem andern. Wissenschaftliche Experten erklären zwar, der Klon-Schritt von tierischen zu den humanen Primaten sei ungleich komplizierter. Doch es ist mutmasslich bloss eine Frage der Zeit, bis der erste Homo sapiens (wohl ein Chinese) im genetisch identischen Doppelpack auftauchen wird.

Narzissmus wird Weltideologie

Jedenfalls wird mithin der Traum wahr, sich selbst bis in alle Ewigkeit reproduzieren zu können. Das eigene Ebenbild kann ins Unendliche verlängert werden. Dadurch fühlt sich der Mensch unsterblich, auch wenn er selbst das Zeitliche segnen muss. Sein Klon jedoch lebt munter weiter. Der Narzissmus wird endgültig zur Weltideologie, der heutige Selfie-Wahn ist bloss ein ungemein bescheidener Anfang.

Weniger berauschend sind die Untersuchungen über die Giftigkeit von Dieselabgasen. In die Schlagzeilen geriet eine von VW, BMW und Daimler betriebene Forschungsgemeinschaft (29.01.). Dort hatten Wissenschaftler nicht nur mit Affen (in den USA), sondern später auch (in Deutschland) mit Menschen reale Abgastests durchgeführt. Skandal, Skandal, schrien Ethiker und Tierschützer. Die Karosserie der industriellen Forschung wurde arg zerbeult. Es werde geforscht, bis das Ergebnis passe, monierten die Moralisten. Allein der Profit zähle. Was denn sonst?

Die Menschen- und Tierversuche sollten beweisen, wie harmlos das Stickoxid ist, das die Dieselmotoren unseligerweise in die Umwelt pusten. Aus den Stickoxiden entstehen danach garantiert gesundheitsschädliche Stoffe wie Ozon und Feinstaub. Asthmatiker können ein Lied davon pfeifen, falls sie überhaupt noch genug Luft bekommen.

Big Data für Leckeres

Schmackhaftere Stoffe spürt «Watson» auf, ein auf diesen Namen getauften IBM-Computer. Die gastronomische Rechenmaschine sucht leckere Kombinationen von Aromen, die noch nie zuvor ein Mensch gekostet hat (NZZ 12.01.). Das Geschmackserlebnis sei ungewöhnlich, sagen Watson-Benutzer, etwa der Mix von Fleisch und Schokolade. Der digitale Küchenchef stellt seine Speisen aber nicht am Herd zusammen, sondern durchforstet Berge von Daten und leitet daraus selbständig (als künstliche Intelligenz) die innovativen Rezepte ab. Big Data umfasst hier die Eigenschaften tausender Zutaten, Gewürzmischungen, Aromastoffen und Geschmacksrichtungen.

Sehr beliebt ist der fünfte Geschmackssinn, genannt umami, der als «fleischig» und «wohlschmeckend» beschrieben wird. Vor allem Glutamat und Tomaten rufen das Umami-Empfinden hervor, was die Fastfood-Produzenten deftig ausnützen. Sie peppen damit ihr fetttriefendes und übersalztes Essen auf, wozu reichlich gezuckerte Limonaden getrunken werden. McDonald’s liegt in fast allen Grossstädten der Welt an den attraktivsten Standorten. Burger King, Kentucky Fried Chicken und Pizza Hut sind jeweils nicht weit davon entfernt.

Gesucht: Hochwertiges Billigessen

Gerade in südlichen Ländern ist infolge der rasant wachsenden Stadtbevölkerung der Konsum von billigem Junkfood explosionsartig angestiegen. Die Gesundheitsbehörden sind besorgt, weil sich der Anteil der übergewichtigen Menschen in vielen Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens innerhalb weniger Jahrzehnte vervielfacht hat. In Mexiko liegt er heute bei 20,3 %, Indien hat 18,8 % Übergewichtige, Ghana 13,6 %. Damit einher geht bekanntlich die Zunahme von Diabetes und Herzkrankheiten (NYT 13.01. / 10.02.).

Wer querdenkt, sieht hier die viel gepriesene interdisziplinäre Forschung gefordert. Der Computerriese IBM könnte doch eine humanitäre Geste vollziehen und Watsons künstliche Intelligenz auf gesundes Billigessen ansetzen. Big Data im Dienste der Menschheit, um hochwertiges und zugleich preiswertes Fastfood zu kreieren! Selbstverständlich braucht es zur Markteinführung eine Heerschar von Ökonomen, Marketingspezialisten, Soziologen und Volkskundler. Doch Übergewicht und seine krankhaften Folgen werden sich vermindern. Wohl ein kulinarischer Traum!

Wettreise zum Roten Planeten

Zum Schluss ein weiterer Quergedanke, der das viel gelobte wissenschaftlich-technische Potenzial auszuschöpfen versucht. Kürzlich ist die Grossrakete «Falcon Heavy» in Florida erfolgreich zum Testflug gestartet (06.02.) und durch die nachweislich dünner gewordene Ozon-Schutzschicht (06.02.) gen Himmel gerauscht. Das astronautische Vorzeigestück des Techno-Tausendsassas Elon Musk (Tesla, SpaceX) soll dereinst Menschen zum Mars transportieren (für 2024 vorgesehen), wo in der eisigen Einöde (Durchschnittstemperatur ca. minus 30 Grad) eine menschliche Kolonie geplant ist. Auch Russland und China bereiten bemannte Marsmissionen vor.

Bevor jedoch der Homo sapiens, dieses weise Wesen, definitiv auf dem Roten Planeten Fuss fassen kann, braucht es etliche Testflüge, auch mit lebendigen Passagieren. Und hier liegt China augenscheinlich im Vorteil. Als Versuchskaninchen für die mehrmonatige Reise kann die Volksrepublik nämlich ihre geklonten Affen einsetzen und wissenschaftlich studieren. Vermutlich sind sie widerstandsfähiger als das genetische Original. China wird dank der Klonforschung auch die ausserirdische Vormacht übernehmen, Ethiker und Tierschützer haben wiederum das Nachsehen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der langjährige Wissenschaftsjournalist des «Tages-Anzeiger» war bis Februar 2014 Öffentlichkeitsreferent der ETH Zürich. Er publiziert heute auf seiner satirischen Webseite «dot on the i».

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Beat Gerber: Tüpfelchen auf dem i

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