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Arvenholz gegen Fluchtfliegen, aber nur 1. Klasse

Jürgmeier / 10. Nov 2017 - Wer zu früh kommt, den bestraft die SBB. Im Engadin begann die Islamisierung vor 1000 Jahren. Toiletten putzen – nicht benutzen.

18. September 2017

Wieder einmal auf Muottas Muragl. Wo ich schon in verschiedensten Lebenslagen übernachtet und gegessen habe. Mit verliebtem Blick auf die Malojaschlange oder einsamem Staunen ob der glitzernden Engadinerseen. In den letzten Tagen hat es geschneit, und es liegt, offiziell noch Sommer, mehr Schnee als in den letzten zwei Jahren vor Weihnachten. Da war der Weg über die Alp Muragl jeweils kurz vor dem der Christenheit so heiligen Abend noch aper, da und dort rutschte der Bergschuh auf vereistem Stein ab. Heute mit der Standseilbahn direkt an den aus dem Unterland reservierten Vierertisch. Das bestellte und gegessene Stück Fleisch, 120 Gramm, taucht in der Rechnung als «Rindsfilet Lady Size» auf. Gendereien auf dem Teller.

19. September 2017

Der Mann ist empört. «Ich bin doch kein Krimineller!» Und streckt der durchgeschulten Dame in Anthrazit mit Rot sein Smartphone entgegen. Kriminell nicht, einen Fehler habe er gemacht. Bewertet die Freundliche sein Verhalten. «Aber ich habe doch ein gültiges Billet!» Darauf wird auch L. – die mit dem SBB-App Vertrautere als ich notorischer GA-Besitzer – ein paar Wochen später beharren. Nachdem sie mit ihren beiden Kindern durch den Bahnhof gerannt, froh sein wird, einen früheren Zug erwischt zu haben als erhofft. «Zwei Minuten zu früh», wird sie eine Uniform in gleichen Farben, aber mit anderem Träger belehren und sich durch den kleinen Wutausbruch – den ich mir lebhaft vorstellen kann – nicht beeindrucken lassen. Ob er etwa im Ernst glaube, sie würde mit den zwei Müden noch ein Vergnügungsreisli machen, um die hundertzwanzig Sekunden zu nutzen, wird die Kämpferin rufen. Aber ihr bleibt dieselbe Wahl, vor die Frau Gnadenlos auch den Mann stellt, den ich als älteren phantasiere. «Sie lösen jetzt per Handy ein zweites Ticket, oder ich muss Sie an die Zentrale verweisen.» Hat die Korrekte ähnliche Erfahrungen gemacht wie der Passbeamte, der mir vor vielen Jahren erzählte, ein Kunde habe sich bei seinem Chef über ihn beschwert, er habe ihn bevorzugt behandelt – weil er dem Bettelnden unter Umgehung der offiziellen Fristen noch rechtzeitig vor der Reise nach Downunder zu einem neuen Pass verholfen habe. Die Mutter – die auch eine Tochter ist – wird im bevorstehenden Herbst mit Gefluche und fuchtelnden Händen nochmals den Touchscreen bearbeiten. Was der Mann, der sich nicht wie ein Verbrecher behandeln lassen will, tut, weiss ich nicht. Dank GA kann ich jederzeit und überall ein- beziehungsweise aussteigen, während diese Applerinnen und Appler darauf hoffen müssen, dass ihr Kundengespräch nicht schneller als geplant erfolgreich ist oder das romantische Dinner kein filmreifes Ende nimmt. Ein zu früh bestiegener Zug bringt einen nicht zwingend schneller ins Glück.

2. Oktober 2017

Der Versprecher des Tages: Fluchtfliegen. Statt Fruchtfliegen. Denkt die Moderatorin bei den «Plagegeistern» – die innert weniger Wochen eine Millionenarmee in der Küche mobil zu machen in der Lage sind und der Biologie als «ideales Versuchstier für genetische und entwicklungsbiologische Untersuchungen» dienen – an Flüchtende? Hofft sie im Kampf gegen an- und abschwellende Menschenfluten auf ebenso simple Hausmittelchen wie gegen Fruchtfliegen? Kein reifes Obst und Gemüse herumstehen lassen. Regelmässig und gründlich lüften. Fallen stellen. Mit Apfelsaft oder Geschirrspülmittel. Sekt oder Zuckerwasser. Im Klartext – anlocken, festhalten, ersaufen lassen. Natürlich könnte man auch Obst, Gemüse, Wein und Softdrinks im Kühlschrank wegsperren, dann kämen diese Fluchtfliegen gar erst nicht auf die dumme Idee, bei uns nach einem süsseren Leben zu suchen (1).

14. Oktober 2017

Im «Volkiland» – ist im Volketswiler «Familieneinkaufszentrum» alles Volkes Land? – beim Vorüberschieben des sperrigen Einkaufswagens gehört: «Die Leute werden einfach zu alt.» Welche Leute? Und was ist zu alt? 50? 60? 70? 80? 90? Und dann? – Erschlagen?

16. Oktober 2017

Unterhalb Muottas Schlarigna, noch ohne Sicht aufs Roseggtal, die Arve gesichtet, die auf 900 bis 1200 Jahre geschätzt und von Zora del Buono in ihrem Buch «Das Leben der Mächtigen – Reisen zu alten Bäumen» (2) als einer beschrieben wird, «der keine Missliebigen kennt, die an ihm aufgeknüpft wurden, keine Adeligen, die Schriftstücke unter ihm signierten, keine Indianer, die ihn als spirituellen Wächter nutzen, dieser Baum hat weder historische noch literarische Bedeutung.» Die Arve von Schlarigna eignet sich nicht für nationalistische Mythen, die stand da oben schon in Wind und Wetter, bevor den alten Eidgenossen irgendwelche Schwüre und Apfelschüsse angedichtet wurden. Liess die Jahrhunderte gelassen vorüberziehen, unbeeindruckt vom Ruf des Landes und dem Lärm in den Städten. Welche Zeitenwenden, Prediger und Dichterinnen haben sich in ihren Jahrringen eingeschrieben? Bevor die Rotfäule ihr Gedächtnis zu zersetzen begann?

Was würde der Baum berichten? Über den Schwabenkrieg, der Samedan 1499 niederbrannte. Die Pest, die das Engadin 1629 befiel. Die Feuersbrunst, die Pontresina-Laret 1718 fast vollständig zerstörte. Was würde er über den Lawinenwinter 1951 berichten, wenn Bäume irgendetwas berichten könnten?

Hätte der alte Baum hoch über dem Stazersee geglaubt, was Papst Leo der Zehnte den zur Quellenkirche des heiligen Mauritius in St. Moritz Pilgernden versprach – «die völlige Absolution»? (3) Hätte er an das «besonders gesegnet[e] und heilbringend[e]» Wasser geglaubt, wenn Bäume irgendetwas glauben könnten?

Könnte er bezeugen, dass der St. Moritzer Johannes Badrutt 1864 mit englischen Sommergästen tatsächlich die Wette abschloss, sie könnten «auch im Winter hemdsärmlig auf seiner Terrasse die milde Engadiner Sonne geniessen», andernfalls würde er ihre Reisekosten übernehmen? (4) Würde er bezeugen, dass die vor Weihnachten angereisten Britinnen als erste Wintertouristen blieben, bis sie «nach Ostern braungebrannt, erholt und glücklich» wieder abreisten, wenn Bäume irgendetwas bezeugen könnten?

Hätte er gesehen, wie 1878 die erste Elektrizitätsanlage der Schweiz in St. Moritz installiert wurde und im Speisesalon des Hotels Kulm das elektrische Licht anging, wenn Bäume irgendetwas sehen könnten? (5)

Würde der Baum mit neun Kandelaberästen (Zora del Buno) die Frage definitiv beantworten, ob Pontresina mit «Sarazenen-Brücke» übersetzt werden kann und in «Zusammenhang mit dem Einfall der Araber in die Schweiz des 10. Jahrhunderts» steht, oder ob das Dorf seinen Namen von einer Brücke hat, «die nach ihrem Erbauer Saraschin ‹Ponte sarasinae› benannt wurde»? (6) Würde die Arve klären, ob die Islamisierung des Abendlandes schon damals begonnen, die Bewohnerinnen von Puntraschigna allesamt Araber sind, oder ob sich, umgekehrt, die Sarazenen, diese «wilden Wüstensöhne», «mit Landestöchtern verheiratet und das Christentum angenommen» haben (7), das heisst eingeschweizert worden sind?

Würde sie die aktuellen Gemüter mit diesem Wissen beruhigen können, wenn Bäume in der Lage wären, irgendjemanden zu beruhigen? «Arvenholz», schreibt Zora del Buono, «beruhigt ungemein, fast möchte man sagen, es sediert. Der Puls sinkt nachweislich, dreitausendfünfhundert Schläge erspart sich ein Herz in einem Arvenraum am Tag.» (2)

An wen würden die Marktschreier und Propagandistinnen der Gegenwart den Baum – der seine «Existenz einem der dunkelbraunen Vögel mit den reiskorngrossen weissen Sprengseln» (2), einem Tannenhäher, verdanken dürfte – erinnern, wenn Bäume sich an irgendetwas erinnern könnten? Vor der Rückkehr welcher Sätze und Lieder würde er sich fürchten, wenn Bäume sich vor irgendetwas fürchten könnten?

17. Oktober 2017

Dank des Schweizer Boulevardblatts erfahre ich, was für Hobbys ein Multimillionär mit seinem Geld so pflegt. Unter dem Titel «In den Sümpfen von Bern» setzt sich der Zürcher SVP-Nationalrat Thomas Matter neuerdings für Videoselfies vor die Kamera – auf dem Tisch vor sich ein Schweizer Fähnchen. So wie das Präsidenten und manchmal auch Präsidentinnen gerne tun. Und weil er gehört hat, dass ein kleiner Wettbewerb die Publikumsbindung erhöht, fragt er in einem seiner neusten Blogs: «‹Woher kommt das Michelin-Männchen?› … und blendet dazu das berühmte Werbemaskottchen des Reifenherstellers ein. ‹Ist es A: Micheline Calmy-Rey?, B: Juso-Chefin Tamara Funiciello oder C: von Michelin?› lautet die Auswahl – wobei ein Oben-ohne-Foto von Funiciello eingeblendet wird, gefolgt von einem eingespielten Toni-Brunner-Lachen» (8). Da können wir nur hoffen, dass eine Mitarbeiterin von Facebook, Instagram oder Youtube an ihrem letzten Arbeitstag den Account von Thomas Matter löscht. So wie das einer mit dem Twitter-Konto des Trumpels gemacht hat. Wenigstens für einen klitzekleinen Moment. Am 22. Oktober wird Nationalrätin Verena Herzog dem Parteikollegen gegen die kalkulierte Empörung der politisch Korrekten beispringen: «Hätte sie sich nicht ausgezogen, hätte Matter nie einen solchen Witz gemacht» (9). Gäbe es die SVP nicht, niemand käme auf die hinterhältige Idee, ihr faschistoide Tendenzen zu unterstellen.

18. Oktober 2017

Züge sind auch Fundgruben – für Komikerinnen und andere Satzsucher. «Eigentlich müsste ich in der ersten Klasse sitzen.» Sagt ein Bub. In einem der Züge aus dem Bündnerland Richtung Zürich, in dem ich in diesem Herbst gesessen. Und erklärt seiner leicht verwunderten Mutter, die auch ein Vater sein könnte: «Ich bin doch ein Erstklässler.» Sagt es in der zweiten Klasse. Wahrscheinlich erinnert sich nicht einmal sein Grossvater an die Zeiten, in denen es in Schweizer Eisenbahnen noch drei Klassen und emaillierte Schildchen mit der Aufforderung «Bitte nicht in den Wagen spucken» gab. Der Primarschüler wird enttäuscht sein, dass schon nach der zweiten Klasse Schluss mit dem eigenen Waggon ist. Er kann und wird noch nicht wissen, dass es nicht nur Schulklassen, sondern auch Bootsklassen (Einer, Doppelzweier, Vierer ohne, Achter, Hochzeitseiner), Lohnklassen, Gewichtsklassen (beim Boxen und Ringen), Güteklassen (für Äpfel und Essig) und vor allem soziale Klassen gibt.

Nicht nur, weil er das «Kapital» von Marx nicht studiert hat, sondern weil die Rubrik «Stilfrage» von Tagesanzeiger und Bund erst Tage später eindrücklich belegen wird, dass es diese Klassen auch heute noch gibt. Aber wenn Frau R. S. der «Stil»-Briefkastentante Bettina Weber am 23. Oktober 2017 ihre Frage stellen wird, sitzt der kleine Bub längst nicht mehr im Zug, weder in der ersten noch in der zweiten Klasse. «Wöchentlich kommt eine Raumpflegerin und reinigt während dreier Stunden (von 13 bis 16 Uhr) unser Haus.» Schildert die Nichte in Unbekannt die Ausgangssituation und kommt dann auf den heiklen Punkt: «Nun benutzt sie jedes Mal, wirklich ohne Ausnahme, unsere Toilette – und zwar immer, nachdem sie sie gereinigt hat… Nun zu meiner Frage: Sehe ich das zu eng, wenn mich das stört? Müsste ich toleranter sein? Es will mir nicht in den Kopf, dass unsere Reinigungskraft, die ja kein Gast oder Familienmitglied ist, jedes Mal unsere Toilette benützen muss. Auch weiss ich nicht recht, wie ich es ihr sagen soll…» Anschaulicher hätte auch eine Soziologin die Klassengesellschaft nicht erklären können: Die einen kacken, die anderen sollen die Scheisse wegputzen, aber niemand bekommt den Fünfer und das Weggli – putzen und (s)ein Geschäft machen.

Das gilt gerade in unseren Zeiten und Breiten. In denen schon der Hinweis auf sozioökonomische Ungleichheiten, nicht aber die Anhäufung grosser Reichtümer, als Klassenkampf gilt. Und der Gedanke, unsere Gesellschaft würde sich in all ihren Verästelungen grundlegend verändern, wenn alle Arbeiten – vom Waschen Sterbender bis zum Erläutern von Investitionsplänen – denselben Wert erhielten, also gleich bezahlt würden, als Idee aus der kommunistischen Mottenkiste diffamiert wird. Kein Wunder will da schon ein Schulbub erste Klasse fahren.

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(1) unter Verwendung von Tipps für die Bekämpfung von Fruchtfliegen auf www.t-online.de beziehungsweise www.welt.de

(2) Zora del Buono: Das Leben der Mächtigen – Reisen zu alten Bäumen, Berlin: Naturkunden, No. 22, hrsg. von Judith Schalansky, Matthes & Seitz Berlin, 2015

(3) www.medizin-stmoritz.ch/zentrum/geschichte.html

(4) www.engadin.stmoritz.ch/winter/de/aktivitaeten/engadiner-lebensart/geschichte/geschichte-von/die-geschichte-von-stmoritz/

(5) www.stmoritz-energie.ch

(6) www.pontresina.ch

(7) Carl Camenisch: Pontresina und die Sarazenenbrücke, Bündnerisches Monatsblatt, Heft 5-6, 1951

(8) Blick, 17.10.2017

(9) Blick, 19.10.2017

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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