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Fällander Tagebuch 14

Auch Basler müssen duschen und das absehbare Glück

Jürgmeier / 17. Sep 2017 - Wenn Götter verbieten, was Menschengesetze verlangen, gibt es Streit. Das Leben ist kein Kitschfilm. Deshalb gibt es kein Happyend.

Samedan, 8. August 2017

Sie erinnern an Städter und Städterinnen, die noch nicht wirklich wach waren, als sie in den Kleiderkasten griffen, in den falschen Zug gestiegen oder aus der (Jahres-)Zeit gefallen sind – die, vermutlich, strenggläubigen Jüdinnen und Juden, die in Bergrestaurants häufig nur Getränke bestellen. Das Mitleid der Modischen – die in ihren atmungsaktiven, wind- und wasserdichten Uniformen für jede Witterung gerüstet sind – ist ihren traditionell gekleideten Kindern gewiss. Die beiden älteren Herren in Schwarz und Weiss – die dem Individualisten ins ungläubige Auge stechen – kommen uns auf der Strecke zwischen Pontresina und Morteratsch retour immer wieder entgegen, grüssen jedes Mal freundlich, obwohl sie einander viel zu erzählen oder zu sagen haben, womöglich in einen differenzierten Disput über irgendein Zitat aus dem Talmud vertieft sind.

Samedan, 10. August 2017

Auf dem Bike, das auch nur ein Velo ist, zwischen Samedan und Morteratsch fällt es mir nicht ein, erst nachträglich, beim Schreiben, bemerke ich – der Geburtstag meines Vaters. Niemand wird sich daran erinnern. Meine Mutter nicht – weil ihr das meiste im Minutentakt entfällt. Nur, dass es in ihrer Kindheit in Langnau am Albis erst drei Autos gegeben habe, das erzählt sie bei jeder Gelegenheit. Anderen ist das Datum nicht vertraut, weil so einer wie mein Vater – der vor über zwanzig Jahren gestorben ist – schon zu Lebzeiten zu den Unauffälligen gehörte, lange vor seinem letzten Tag verschwand und keine nachhaltigen Spuren hinterliess.

Das Leben meines Vaters ist schnell erzählt. Die Pfarrerin liess an der Beerdigung, 1994, die Geschichte des kleinen Mannes, der es nicht ins Scheinwerferlicht gebracht, rasch hinter sich. Um zu den grossen, den Trost spendenden Mythen von Leiden und Auferstehung – denen der Verstorbene nie wirklich getraut, aber sicherheitshalber die kirchlichen Ablassprämien trotzdem weiter bezahlt hatte – zu kommen. Nicht einmal dreissig Sekunden brauchte sie für die Jahrzehnte zwischen meiner Geburt und seinem Tod. Büro und Frau über vierzig Jahre die Treue gehalten. Keine besonderen – weder Vorkommnisse noch Merkmale. Ein knapper Hinweis auf sein geliebtes Bergvagabundensindwir. Wobei mein Vater das «Erklimmen schwindelnder Höhen … mit Seil und Hacken, den Tod im Nacken …» den schlagernden «Brüdern auf Leben und Tod» überliess. Dann die Krankheit, die ihm den Atem nahm. Und Exitus. Die Tausende von Dias, die er nach seiner Pensionierung hatte ordnen wollen, blieben, weil er dafür schon zu müde war, in den provisorisch beschrifteten Kassetten. Bis auf ein paar wenige stopfte ich sie beim Umzug meiner Mutter ins Altersheim in die bekannten grauen Säcke.

Der Hobbyfotograf war geboren worden. Als erster. In einer ärmeren Familie. Wenn der Grossvater den halben Znünicervelat wieder nach Hause brachte, hätten sie als Kinder ein Festessen gehabt. Erzählte er mehr als einmal. Und ich glaubte ihm. Ein Buch habe ich in dem Wönigli, in dem nur das Stübli geheizt war, nie gesehen. Den Sihltaler habe nur der Vatervater in die Hand bekommen. Dem Rest der Familie habe er beschieden, er sage ihnen dann schon, was sie wissen müssten. Von der Grossmutter habe ich nie ein Widerwort gehört. Gegen wen auch immer. Am liebsten spielte sie EilemitWeile. Alle zehn Minuten sagte sie: «Soso.» Das war ihre Philosophie.

Ich hätte mir einen anderen Vater (und eine andere Mutter) gewünscht. Einen grossartigeren. Dessen Leben Geschichten hergegeben. Der wenigstens eine reichhaltige Bibliothek besessen. Aber da reihten sich, neben Kristallgläsern mit mütterlichen Ritzereien, nur Silva- an Nestlébücher. Neben drei, vier Gutenberg-Bänden von Jeremias Gotthelf stand «Die weisse Spinne» von Heinrich Harrer. Mein einziger Stolz waren die Glauser-Romane. Ich schämte mich für das Büchergestell meiner Eltern. Und für diesen Verrat an der eigenen Klasse. Ein Begriff, der ihn damals hätte zusammenzucken lassen und heute nur noch müdes Grinsen provoziert.

Während sie rundum zu Millionen in Gaskammern getrieben und auf Schlachtfeldern niedergemacht wurden, lag er als HD-Soldat, hier in Samedan, in Engadiner Sonne und Schnee, kam im Dienst des Vaterlands zu seinen ersten Skiferien. Warum hat er keiner Widerstandsgruppe den Weg durchs Gebirge gezeigt? Keine Jüdin im Gartenhäuschen des Grossvaters versteckt? Oder wenigstens einen Koffer voller antifaschistischer Schriften über die Grenze geschmuggelt? Wie der alte Huber, der – 1939 unmittelbar jenseits der österreichischen Grenze arretiert – erst nach Kriegsende aus dem Konzentrationslager Dachau zurückkam und später seinen Kindern sowie Kindeskindern immer wieder die Gasleitungen an die Wand projizierte, die er hatte bauen müssen, aber nie in Betrieb genommen worden seien. Als er sein KZ-Gwändli, das dem Pyjama meines Vaters glich, in einer Zürcher Genossenschaftswohnung neben mein Lederjackett in die Garderobe hängte, wurde mir zum ersten Mal richtig spürbar – das Gelesene verwies auf millionenfach nicht überlebte Wirklichkeiten. Ich aber musste mir an verregneten Sonntagnachmittagen die ewigen Bergpanoramen, Silberdisteln und verwackelten Steinböcke anschauen.

Mein Vater hatte gelernt: Uns Kleinen geht es gut, wenn es den Reichen besser geht. Und stimmte, 1977, gegen die Reichtumssteuer. Von grossen Idealen hat er wenig gehalten. Von grossen Idealen, das war, vermutlich, seine Erfahrung, haben die kleinen Leute noch nie leben können. Höchstens von handfesten Brosamen. Er hatte gelernt: Das Leben ist kein Honiglecken. Das Leben ist kein Hollywoodfilm. Im Leben gibt es kein grosses Glück, keine grosse Liebe, keine grossen Träume und keine grossen Tränen. Er hatte gelernt: Wir sind halt nur kleine Leute. Wir können die Welt nicht ändern. Die Welt ist nicht unsere Welt.

Dagegen stellte ich den Satz von der Veränderbarkeit der Verhältnisse, die Forderung nach dem Eintritt der Kleinen in die Weltgeschichte, auf dass sie nicht länger Opfer blieben, sondern diese Welt zu ihrer machten. Das hiesse Widerspruch, Widerstand, aufrechter Gang. Ich nahm es meinem Vater insgeheim übel, dass er kein Held war. Und wusste, es war ungerecht. Denn: Was ist das für eine Welt, in der es zur Herstellung des Selbstverständlichen Helden oder Heldinnen brauchte?

Fällanden, 12. August 2017

Wir sind schon auf dem Heimweg, als in einem Aroser Hotel ein Plakat an die Tür zum Schwimmbad geklebt wird. «An unsere Basler Gäste: Bitte duschen Sie vor und nach dem Schwimmen. Wenn Sie die Regeln verletzen, bin ich gezwungen, den Swimmingpool für Sie zu schliessen.» Müssen die aus Schaffhausen, Zürich, Fribourg, Bern und dem Wallis nicht duschen? Oder unterstellt der Verfasser – der sich als Frau herausstellt –, alle anderen, von Genf bis Bahrain, würden brav Schweiss und Strassenstaub von ihren mit Faktor 50 geschützten Körpern spülen, bevor sie sich in das hoteleigene Bassin gleiten lassen? Nur die Basler, alle Baslerinnen nicht? Das wäre, auch wenn es zwei, drei, zehn solche Duschmuffel aus der Nordwestschweiz gäbe, eine unzulässige Verallgemeinerung. Eine ebenso rassistische Denkfigur wie der Facebook-Post «Alle Weissen sind rassistisch», der das Transgender-Model Munroe Bergdorf Anfang September, nach nur vier Tagen, das Engagement bei L’Oréal kosten wird (Tagesanzeiger, 11.9.). In einer Winterthurer Badi werden Duschverweigernde, unabhängig von ihrem Geschlecht, auf einer vermutlich witzig gedachten Tafel als Schweine tituliert. Das werde ich lesen, als bereits die erste Herbstfront angekündigt werden wird.

In Arosa aber hängt das Plakat schon nicht mehr, als der Umstand, dass da real nicht Basler, sondern «unsere jüdischen Gäste» exklusiv zum Duschen aufgefordert werden, weltweit Schlagzeilen macht. Der unausgesprochene Generalverdacht gegen eine bestimmte Ethnie, aufgeladen durch die mörderische Verbindung von Duschbefehl und Judentum, fällt auf die Autorin zurück. «Wie die Weltpresse R. T. zerriss. 1000 Hassmails – wegen eines unbedachten Hinweises an jüdische Touristen.» Berichtet die Sonntagszeitung am 20.8. Die NZZ weiss schon am 15.8., dass das Simon-Wiesenthal-Zentrum «laut einer Meldung der Deutschen Presseagentur am Dienstag die Schliessung des Hauses in Arosa» verlangt. Reaktionen, die ihren Auslöser (fast) vergessen machen. Die Urheberin der Aufregung gibt im Blick vom 24. August etwas selbstmitleidig zu Protokoll, «das Plakat bereue sie längst, ‹ich habe es ohne Fingerspitzengefühl gemacht, und dafür muss ich nun bitter bezahlen›». Auf Watson lässt sie sich mit der späten Erkenntnis zitieren: «Ich hätte die Bitte an alle Gäste richten sollen.»

Dann hätte es eine ganz andere öffentliche Debatte geben können und müssen. Falls überhaupt publik geworden wäre, was dem Wirbel um das als antisemitisch interpretierbare Plakat voraus gegangen war. «Dass in Arosa offenbar Mitglieder der chassidischen Gemeinde einen Pool nutzten, ohne die geltende Regel, zuvor zu duschen, befolgen zu wollen.» Wie die in einer chassidischen Gemeinde in New York aufgewachsene Autorin von «Unorthodox» und «Überbitten», Deborah Feldman, am 20. August in der NZZ am Sonntag schreibt. Um dann am Beispiel des Duschens und Strenggläubiger jüdischen Glaubens auf den grundsätzlichen Konflikt hinzuweisen, der auch andere Religionen betrifft: «Betreten aber Chassidim einen hoteleigenen Pool, so tun sie dies mit dem Selbstverständnis, dass keine einzige Regel der Aussenwelt für sie Gültigkeit besitzt: Von Relevanz sind für sie allein die von Rabbinern erlassenen Regelwerke.»

Wann sind verbriefte Normen (vom Verfassungsartikel bis zur Badeordnung) – die einzelnen religiösen Sitten und Geboten widersprechen – Angriffe auf die Religionsfreiheit, allenfalls sogar mit rassistischem Hintergrund? Wann gilt das Primat von Menschenrechten und demokratisch beschlossenen Verfassungen, Gesetzen, Verordnungen? Und wenn dieses Primat nicht konsequent durchgesetzt würde – könnten dann auch Angehörige nicht-religiöser Weltanschauungsgemeinschaften Sonderrechte für sich beanspruchen? Dürften beispielsweise dogmatische Kommunistinnen – in deren ethischen Vorstellungen das Privateigentum keinen Platz hat – ungefragt in Nachbars Garten und Pool ein öffentliches Sommerfest veranstalten? Fundamentalistische Tierschützer ungestraft die Zirkuslöwen freilassen? Und radikal-pazifistische Gruppen die Waffenlager der Armee in die Luft sprengen, ohne Angst, vor Gericht gezerrt zu werden?

Wenn es keine höheren Verfassungen und Gesetze als die von Menschen ausgehandelten gäbe, Menschenrechte eben, hätte das, vermutlich, für (fast) alle Religionen einschneidende Folgen. Das für aufgeklärte und demokratische Utopien charakteristische Primat entzöge dem Versuch, menschengemachte Moralvorstellungen und Gebräuche religiös «aufzuladen», das heisst in irgendwelche Himmel zu projizieren und als absolute göttliche Gebote wieder auf die Erde zu schleudern, jede Legitimationsgrundlage. Und wer sich nicht an die Baderegeln oder den Gleichstellungsartikel hielte, könnte sich nicht auf irgendwelche Götter oder heilige Schriften berufen, sondern müsste mit denselben Konsequenzen leben wie alle anderen, die gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung rebellieren. Die Frage ist nur, welche Moralvorstellungen und Sitten eine Gesellschaft zum verbindlichen Gesetz machen will. Der Handschlag, freundliche Gesichter, nachhaltige Ferien, wollene Socken und offene Türen sind es nicht.

23. August 2017

Ich schaue mir – wie so oft, wenn ich in papiernen oder digitalen Zeitungen blättere, Notizen mache, Protokolle schreibe, Mails beantworte oder sogar Bücher lese – einen dieser Kitschfilme an. Einen, den ich schon mehrmals gesehen. Es geht mir wie bei den meisten Krimis – ich weiss den Schluss nicht mehr. Obwohl die Faszination des Kitschfilms ja gerade im absehbaren Glück besteht.

Als ich noch bei meinen Eltern wohnte, wiederholte sich an vielen Sonntagabenden dieselbe Szene: Um etwa 21.40 Uhr seufzte meine Mutter – die sich, neben meinem Vater sitzend, ein Leben lang nach der grossen unbekannten Liebe sehnte –, heute würde den Liebenden das erlösende Glück nicht vergönnt sein. Fünf Minuten vor Schluss schienen ihr die Hindernisse, ohne die Hilfe von James Bond 007, unüberwindlich, konnte sie sich nicht vorstellen, wie die beiden (drei oder vier sind es selten) in der verbleibenden Zeit noch zusammenkommen sollten, wo sie doch eben gerade enttäuscht auseinandergelaufen, der oder die andere schon einen Flug ans andere Ende der Welt – nicht an das oberhalb Biels – gebucht hatte. Ich aber erklärte, nach kurzem Blick auf die Uhr, in jugendlicher Gelassenheit, der Film sei erst in fünf Minuten zu Ende. Das reiche – Sonntagabend, Glück garantiert – alleweil. Und so war es denn auch. Der Flieger wurde – nach einer leidenschaftlichen Liebeserklärung über das Mikrofon der verträumt lächelnden Hostess am damals noch geöffneten Schalter der Swissair – im letzten Moment gestoppt. Der Enttäuschte war nicht in den Bus gestiegen, schaute in die grossen Augen des keuchenden Geliebten und wusste, ihr konnte er vertrauen. Für immer.

In der Wirklichkeit gibt es für die Liebenden häufig kein Happyend, sondern eine Scheidungsverhandlung oder ein SMS «Habe fertig». Und das Leben, jedes Leben geht – wenn religiöse oder andere verklärte Blicke einen nicht trösten – schlecht aus. Die tägliche Zeitungslektüre – von der Front bis zu den Todesanzeigen – führt einem und einer das schmerzlich vor Augen. Da ist für einen wie mich der Kitschfilm, was für die anderen der Whisky oder der Joint – eine Beruhigungsspritze ohne böse Überraschungen. Vor allem, weil er mich immer wieder an die reale und wiederkehrende Leichtigkeit des Seins mit S. erinnert. Auch wenn ich mich nicht an den Schluss erinnere – ich weiss: Alles kommt gut. Das weiss ich mit Sicherheit. Aber im Gegensatz zu Kindern, die sich auch immer wieder dieselbe Geschichte erzählen lassen und dann reklamieren, letztes Mal seien die Elefanten noch grün gewesen und der Wolf in die Gletscherspalte gefallen, bevor er das Rotkäppchen gefressen; im Gegensatz zu Kindern, die darauf bestehen, dass die Geschichte immer gleich erzählt wird, weiss ich, auch nach dem dritten Mal, nicht einmal mehr, ob die Frau am Ende zu ihrer neuen Liebe zieht oder zu ihrer alten zurückkehrt. Beides kann ein glückliches Ende sein. Oder auch nicht.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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Nun, wer an die Wiedergeburt glaubt - nicht im hinduistischen Sinn - der wird das Ende nicht so tragisch nehmen. Denn immerhin bleibt die Hoffnung auf eine neue Liebe und ein neues Leben erhalten. Wer allerdings an eine irdisch-nicht-erfahrbare Auferstehung nach dem Tod [sozusagen in einer Utopie (Unort)] glaubt, der kann kein irdisches Glück realisieren.
Gisela Weber, am 20. September 2017 um 14:11 Uhr

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