Cannabis, Gras, Marihuana, infosperber © pixabay

Die Risiken von Cannabis seien gering – und zu wenig erforscht, sagt ein US-Mediziner.

183 Millionen Kiffer: Zeit für eine Neu-Beurteilung der Risiken

Tobias Tscherrig / 01. Jun 2018 - Der Umgang mit Marihuana ist lockerer geworden. Cannabis-Gegner berufen sich auf Risiken – obwohl die Wissenschaft nur wenig weiss.

Als das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) im Jahr 2017 den neusten Weltdrogenbericht herausgab, enthielt er – zumindest in Bezug auf Marihuana – kaum Erstaunliches. Das grüne Kraut bleibt mit 183 Millionen Konsumenten die «weltweit meistgebrauchte illegale Droge». Das ist seit Jahren so.

Geändert hat sich der Umgang mit Marihuana, er ist lockerer geworden. Einige Länder haben Massnahmen zur Legalisierung von Cannabis ergriffen, in anderen gibt es Sonderregelungen. Das beste Beispiel für den Trend hin zum lockereren Umgang mit Marihuana liefern die USA: Neun der 51 amerikanischen Bundesstaaten haben das Kraut als Rauschmittel für Erwachsene erlaubt. 13 weitere Bundesstaaten haben den Gebrauch teilweise entkriminalisiert, in 29 Staaten ist der Gebrauch von Cannabis als Arzneimittel legal.

Forschung weiss zu wenig

Aus diesem Grund fordert Aaron E. Carroll, Professor für Pädiatrie an der Indiana University School of Medicine, in der «New York Times» eine neue Evaluation der Risiken von Marihuana. In einem Artikel, der sich auf einen von der «National Academies of Sciences, Medicine and Engineering» erstellten 400-seitigen Report über den Gebrauch von Cannabis beruft, fokussiert er auf die Schäden, die durch den Konsum von Marihuana entstehen können. Die positiven Seiten, die Marihuana als Arzneimittel haben, lässt er aussen vor.

Trotzdem lautet seine Schlussfolgerung: «Viele der diskutierten Schäden sind zwar statistisch signifikant und dennoch von fraglicher Bedeutung. Fast alle erhöhten Risiken sind relative Risiken. Die absoluten oder allgemeinen Risiken sind oft ziemlich niedrig.» Es brauche fraglos mehr Forschung, so Carroll. Zwar könnten neue, bisher unbekannte Schäden auftauchen, trotzdem seien die bekannten Gesundheitsrisiken im Vergleich zu vielen anderen Drogen «praktisch gleich Null» und mit Sicherheit deutlich weniger gravierend als die Schäden, die durch Alkohol- oder Tabakmissbrauch entstehen.

Krebs

Das Rauchen von Tabak kann zu Krebserkrankungen führen. Deshalb ist es naheliegend, auch beim Rauchen von Marihuana genau hinzuschauen. 2005 veröffentlichte das «International Journal of Cancer» eine systematische Überprüfung über den Zusammenhang von Lungenkrebs und Cannabis. Dazu wurden die Resultate von neun Studien überprüft – dabei konnte kein Zusammenhang zwischen Lungenkrebs und dem Konsum von Marihuana gefunden werden.

Im Jahr 2015 wurde eine andere systematische Analyse veröffentlicht. Auf der Grundlage von neun Studien versuchten Forscher, einen Zusammenhang zwischen Marihuana und Kopf- oder Halstumoren zu finden. Das Resultat ist das Gleiche: Es konnte keine Verbindung gefunden werden.

Eine andere Meta-Analyse von drei Studien untersuchte den Zusammenhang von Hodenkrebs und dem Rauchen von Marihuana. Die Autoren erkannten einen Zusammenhang zwischen dem starken Konsum von Cannabis und einem Typ Hodenkrebs. Allerdings klassifizierten die Forscher den gefundenen Zusammenhang als nicht stichhaltigen Beweis. Die Forschung sei zu wenig umfassend gewesen.

Es gibt keinen Beweis für einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Cannabis und Speiseröhrenkrebs, Prostatakrebs, Gebärmutterhalskrebs, Non Hodgkin-Lymphomen, Penis- oder Blasenkrebs. Es gibt auch keine Beweise – oder keine ausreichend belegten, dass sich der Gebrauch von Marihuana auf Spermien oder Eierstöcke auswirkt und die Kinder von Marihuana-Konsumenten einem höheren Krebsrisiko ausgesetzt sind.

Herzkrankheit

Ein anderes Hauptrisiko beim Konsum von Tabak sind Herzkrankheiten. Der Zusammenhang zu diesem Risiko kann beim Konsum von Marihuana nicht klar hergestellt werden. Nur zwei Studien untersuchten einen allfälligen Zusammenhang. Davon fand eine überhaupt keine Zusammenhänge, die andere kam zum Schluss, dass Marihuana eine Stunde nach der Einnahme Auslöser für Herzinfarkte sein kann. Allerdings wurde diese Studie nur mit neun Patienten durchgeführt und kann deshalb nicht generalisiert werden.

Lungenfunktion

Regelmässige Konsumenten von Tabak setzen sich der Gefahr von Atemwegserkrankungen aus. Und beim Cannabis? Eine 2007 veröffentlichte systematische Prüfung kam zum Schluss, dass die Lungenfunktion in der kurzen Zeit nach dem Rauchen von Marihuana sogar verbessert wird. Dieser Vorteil wird aber davon eingeholt, dass die Lungenfunktion bei einem chronischen Gebrauch massiv abbaut. Im Vergleich zum Tabakkonsum erscheint der Zusammenhang zwischen Marihuana und COPD nur marginal. Auch gibt es nur wenig Belege für einen Zusammenhang zwischen dem Gebrauch von Marihuana und Asthma.

Beeinträchtigung der Fahrtüchtigkeit

Das Lenken von Fahrzeugen unter Beeinträchtigung ist eine wichtige Ursache für Verletzungen und Todesfälle. Sechs systematische Untersuchungen wurden von den nationalen Akademien als fair oder als qualitativ gut empfunden. Die jüngste von ihnen hat die Erkenntnisse von drei früheren miteinbezogen. Damit enthält sie insgesamt Fakten von 21 Studien aus 13 Ländern mit total 240'000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Für Menschen, die den Konsum von Marihuana angegeben haben oder denen THC in Tests nachgewiesen wurde, steigt die Wahrscheinlichkeit, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden, um 20 bis 30 Prozent. Das ist ein nicht zu verachtender Anstieg der Unfallgefahr. Es ist eine schlechte Idee, unter Marihuana-Einfluss Fahrzeuge zu lenken.

Schwangerschaft

Bei Babys, die von Frauen geboren werden, die während der Schwangerschaft Gras geraucht haben, steigt die Wahrscheinlichkeit von Untergewicht. Zu diesem Schluss kommt eine Metastudie aus dem Jahr 2016. Es gibt aber keinen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Marihuana und der Dauer der Geburt, dem Kopfumfang des Neugeborenen oder angeborenen Missbildungen. Zu allfälligen Geburtskomplikationen gibt es nur wenig Belege.

Gedächtnis und Konzentration

Es gibt moderate Beweise aus zahlreichen Studien, die sagen, dass das Gedächtnis und die Aufmerksamkeit in den 24 Stunden nach dem Konsum von Marihuana beeinträchtigt werden können. Es gibt begrenzte Beweise, dass dieser Umstand in Zusammenhang mit Anstellungsverhältnis, Einkommen oder sozialen Funktionen gestellt werden kann.

Mentale Gesundheit

Der mögliche Zusammenhang zwischen dem Konsum von Marihuana und der mentalen Gesundheit ist kompliziert. Die meisten der kürzlich erschienenen Meta-Studien gehen davon aus, dass es einen nicht zu vernachlässigenden Zusammenhang zwischen schwerem Marihuana-Konsum und Diagnosen von Psychosen – vor allem von Schizophrenie – gibt.

Eine andere systematische Analyse weist auf einen kleinen, aber statistisch relevanten Zusammenhang zwischen dem Konsum von Marihuana und der Entwicklung von bipolaren Störungen hin. Konsumenten, die regelmässig Marihuana konsumieren, geben auch häufiger an, Selbstmordgedanken zu hegen.

Kompliziert ist es, weil es schwierig ist, die Kausalität richtig zu interpretieren: Neigen Konsumenten von Marihuana häufiger zu mentalen Gesundheitsproblemen? Oder rauchen Menschen mit mentalen Gesundheitsproblemen häufiger Gras?

Dieselbe Problematik tritt bei der Frage auf, ob Marihuana eine Einstiegsdroge ist. Manche sehen Marihuana als Eintrittstor in die Welt der Drogen. Andere sehen den Zusammenhang so: Bei Menschen, die Substanzen konsumieren oder missbrauchen, gibt es auch eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass sie Gras rauchen.

Passivrauchen

Da Marihuana zunehmend entkriminalisiert wird und damit auch Kiffen in der Öffentlichkeit möglich geworden ist, steigen die Bedenken vor dem Passivrauchen. Eine zwei Jahre alte Studie sorgte für Schlagzeilen, da sie zum Schluss kam, dass Menschen, die passiv für eine Minute Marihuana-Rauch ausgesetzt werden, für mindestens 90 Minuten einen veränderten Blutfluss aufweisen. Das wäre eine grössere Schädigung als beim Tabakrauch. Die Resultate stammen aber von Versuchen an Ratten und wurden nicht am Menschen verifiziert.

Selbst wenn man Marihuana-Rauch sehr stark ausgesetzt ist, ist die Menge an THC, die beim Passivrauchen nachweisbar ist, vernachlässigbar.

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Der Drogenkrieg ist ein Fiasko, sagen die einen, keine weiteren Drogen neben Alkohol und Tabak die andern.

Bei Cannabis geht es auch um die medizinische Anwendung. Bei härteren Drogen geht es u.a. um kontrollierte Abgabe und Austrocknung des Mafia-Marktes. Hier finden Sie weitere Artikel zur Thematik.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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Eine Meinung

Erstaunlich, wie regelmässig wenn über Produkte, die wegen ihrer psycho-aktiven Wirkung zu den Drogen gerechnet werden oder wurden, über ihre «Schädlichkeit» philosophiert wird, ohne dass man klarere Kategorien zu schaffen sucht: unmittelbar körperlicher Schaden (anhand welcher Kriterien gemessen ?), Abhängigkeitspotential ? , beziehungsweise unmittelbare, oder auch längerfristige Wirkungen auf die Psyche, rationales Denken, etc. Denn mit solchen Listen von meist unmittelbaren (Un)-schädlichkeiten werden oft Dimensionen vermengt, welche mit der Schädlichkeit des regelmässigen Konsums auf längere Zeit zusammenhàngen, wofür keine guten Langzeitstudien zur verfügung stehen. Die globale Schädlichkeit des Tabaks zu ermessen erforderte Studien von 30 und mehr Jahren, und erwies sich als eine Epidemische Krankheit, die die Hälfte ihrer Konsumenten vorzeitig umbringt. Diese epidemische Krankheit hätte nie ihr Ausmass erreicht, wenn nicht die Industrie die Aufnahhme der Droge Nikotin «verbessert» hätte und sie deren Konsum durch Werbung und Promotion vornehmlich unter Jungen populär gemacht hätte, was nur durch das Gewährenlassen des Staates und der (immer noch) von ihr beeinflussten Politiker möglich war. Wenn also nun von der «Legalisierung» gesprochen wird, sollte man auch darüber diskutieren, welche Schranken der legalisierende Staat den Produzenten und Vertreibern auferlegen sollte, um ein neu geschaffenes «légales» Public Health Problem zu vermeiden.
Rainer M. Kaelin, am 24. Juni 2018 um 00:04 Uhr

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