Stellvertretend für die ganze Klasse: Fünf SchülerInnen verteidigen ihren gefeuerten Deutschlehrer © -

Die «mutmasslichen Opfer» eines Lehrers klagen an

Kurt Marti / 04. Jul 2014 - Die Zürcher Justiz hat die Existenz des Deutschlehrers Daniel Saladin ruiniert. Jetzt reden seine SchülerInnen erstmals Klartext.

«In all diesen Jahren wurden wir nie einbezogen oder befragt, weder zu jeglichem Verdacht, noch während den Ermittlungen oder dem Verlauf des Prozesses.» Mit dieser deutlichen Äusserung meldeten sich die SchülerInnen der ehemaligen Klasse 3i des Literargymnasiums Rämibühl anlässlich einer Matinée‐Lesung im Theater Neumarkt zu Wort (siehe Link unten). Die Lesung war ihrem ehemaligen Deutschlehrer Daniel Saladin gewidmet und dessen Buch: «Aktion S. Eine Hetzjagd nimmt ihren Lauf», das letzten März im Rotpunktverlag erschienen ist und das erschreckend aufzeigt, wie eine dilettantische Justiz gepaart mit der Doppelmoral der Gesellschaft einen Menschen ruinieren kann (siehe Link unten).

Die Anklage war «völlig unzureichend»

Saladin erhielt am 7. Juli 2009 frühmorgens Besuch von der Zürcher Polizei in Begleitung der zuständigen Staatanwältin. Seine Wohnung wurde durchsucht und schliesslich wurde er abgeführt, weil er in der Schule mit seinen 14- und 15-jährigen SchülerInnen unter anderem Frank Wedekinds «Frühlings Erwachen» gelesen hatte, notabene ein Werk der Weltliteratur. Der ungeheuerliche Vorwurf: Pornografische Literatur! Erhoben von einer Mutter einer Schülerin. Dem Lehrer wurde der Prozess gemacht, er verlor seine Stelle und wurde krank. Vorerst verschleppte die Staatsanwältin das Verfahren zwei Jahre lang und schlussendlich wurde Saladin freigesprochen. Der Richter tadelte die Arbeit der Staatsanwältin als «völlig unzureichend.»

Mangels Beweisen suchte die Staatsanwältin intensiv nach belastendem Material, so dass die Polizei auf Saladins privatem PC ein paar - bereits gelöschte - Akt-Fotos von Mädchen im Kunststil des Fotografen David Hamilton fand, die früher einmal in den USA und Dänemark ausgestellt waren. Der Richter war der Meinung, dabei handle es sich um eine «leichte» Form der Pornografie, und brummte Saladin eine bedingte Geldstrafe auf. Nach der Veröffentlichung von Saladins Buch ereiferte sich der Blick mit einer Frontgeschichte über den «Grüsel»-Lehrer, dessen Buch einen finanziellen Beitrag der Stadt Zürich erhielt. Saladin wurde mit Foto und Namen öffentlich zur Schau gestellt.

Keine Hilfe von der Schule

Ganz anders sieht die Geschichte aus der Sicht der betroffenen SchülerInnen aus, welche die Zürcher Justiz und die Bildungsdirektion groteskerweise vor ihrem Lehrer schützen wollten. Anlässlich der oben erwähnten Matinée im Theater Neumarkt ergriffen sie «zum ersten Mal im Namen der ganzen Klasse das Wort», um «endlich einmal unsere Perspektive zu teilen». Sie seien «komplett übergangen» und «im Dunkeln gelassen» worden. Als ihr Deutschlehrer nicht mehr zum Unterricht erschienen sei, hätten sich die «verschiedensten Theorien» gebildet. Das «Totschweigen» und das «Halbwissen» habe sie «enorm belastet».

Erst nach zwei Jahren habe die Klasse das Thema offen zur Sprache gebracht. Weil «keine Ansprechperson» vorhanden gewesen sei, hätten sie die Sache «selbst in die Hand genommen». Das Gespräch mit der Mitschülerin, deren Mutter die Hetzjagd auf den Lehrer ausgelöst hatte, habe «Tränen und Wut», aber «auch Erleichterung» gebracht. Die Schule habe sich rückblickend ihnen gegenüber «nicht immer richtig verhalten» und «in dieser schwierigen Situation nicht begleitet». Andererseits rechnen die SchülerInnen dem Rektorat der Schule «hoch an, dass es Daniel Saladin von Anfang an unterstützt hat und immer noch hinter ihm steht.»

«Zutiefst erschüttert und wütend»

Gar kein Verständnis haben die SchülerInnen der Klasse für das Vorgehen der Staatsanwaltschaft: «Die Handhabung des Falles vonseiten der Anklage hat uns zutiefst erschüttert und wütend gemacht.» Die Fakten seien «ad absurdum verzerrt» worden. Zum Beispiel sei aus einer harmlosen Abschlussstunde vor den Ferien eine «rituelle Orgie» gemacht worden, was sie «mitnichten» gewesen sei. Sie seien als «mutmassliche Opfer» nicht einmal dazu befragt worden.

Mit folgendem Satz bringen die SchülerInnen die eklatante Widersprüchlichkeit der Erwachsenenwelt auf den Punkt: «Wir wurden als ‚zu jung‘ angesehen, um mit diesen Texten umgehen zu können, und gleichzeitig aber als ‚alt genug‘, um uns mit diesem Fall alleine auseinanderzusetzen.» Damit drücken sie glasklar aus, dass es in diesem Fall gar nicht um sie und ihren Schutz gegangen war, sondern um die Unfähigkeit und Doppelmoral der Gesellschaft im Umgang mit der Sexualität.

«Hohe Achtung als Lehrer und Mensch»

Die harte Kritik an den Behörden kontrastiert mit der «hohen Achtung», die die SchülerInnen ihrem Lehrer «als Lehrer und Mensch» entgegenbringen: «Herr Saladin liess uns jedoch nicht alleine mit diesen Emotionen und ging im Unterricht auf unsere Beanstandungen ein. Auch deshalb können wir das unüberlegte und voreilige Vorgehen gegen unseren Lehrer nicht nachvollziehen.» Sie bedauern sehr, dass sie sich nie von ihrem Lehrer verabschieden durften und ihm «in dieser schweren Zeit keine Stütze sein konnten». Schliesslich danken sie ihm, für seine «ansteckende Freude an der Literatur und der deutschen Sprache». Und sie verabschieden sich von ihrem geschätzten Lehrer mit folgenden eindrücklichen Worten:

«Mier danked dier, Daniel, für dini Herzlichkeit und für alles, was du eus mit uf de Wäg geh häsch. Danke, dass du eus Muet gmacht häsch und dich au für eus als Mänsche und nöd nur als Schüeler interessiert häsch. Danke, dass du d’Frag ‚Wie gahts der?‘ würklich ernst gmeint häsch.»

«Blick macht Grüsel-Journalismus»

Anlässlich der Matinée und auch schon früher vor dem Ringier-Pressehaus protestierten die SchülerInnen gegen die Empörungsbewirtschaftung des Blick, der in einer Frontgeschichte ihren geschätzten Deutschlehrer als «Grüsel-Lehrer» abqualifizierte. Auf den Plakaten stand zu lesen: «Blick macht Grüsel-Journalismus».

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Video der Mattinee «Lesen statt hetzen» vom 15. Juni 2014
Daniel Saladin: Aktion S. Eine Hetzjagd nimmt ihren Lauf

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5 Meinungen

Herr Marti, es geht doch um die Kinder sowie den gerechten Kampf gegen Kindermissbrauch und -pornographie! Da darf man sich nicht unnötig mit Details wie mangelnden Beweisen, Zeugenbefragungen oder gar Unschuldsvermutung aufhalten! Dieser Feldzug rechtfertigt sämtliche Mittel, die den Behörden zur Verfügung stehen - oder glauben Sie wirklich, die NSA hätte den Terrorismus im Visier? Vorratsdatenspeicherung soll gegen die Grundrechte verstossen? Unsinn, es geht doch - ich wiederhole mich - um unsere Kinder!

So, genug des Sarkasmus. Sie haben natürlich absolut Recht mit Ihrem Artikel. Es ist eine Schande, was da passiert ist - sowohl auf Seiten der Justiz wie der Gesellschaft und deren verlängerten Arm, den Medien.
Michael Gisiger, am 04. Juli 2014 um 09:26 Uhr
Warum schützen die Medien die Namen der Staatsanwältin, der Mutter der Schülerin und allen, die hinter diesem beschämenden Verfahren waren? Sie sollten alle an den Pranger gestellt werden!
Michel G. Dietrich, am 04. Juli 2014 um 12:52 Uhr
@Dietrich: «An den Pranger stellen» hiesse, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Man kann nicht die Vorverurteilungen in den Medien kritisieren und gleichzeitig dasselbe mit den anderen Beteiligten tun wollen. Was es braucht, ist eine Revision des Verfahrens und eine interne Untersuchung.
Michael Gisiger, am 04. Juli 2014 um 12:57 Uhr
Der Artikel zeigt, dass gegen fehlbare Justiz- und Verwaltungsbehörden nichts, aber auch gar nichts auszurichten ist. Eigentlich müsste die verursachende Behörde solcher Willkür auch sämtliche Kosten übernehmen für die ja dann auch der Steuerzahler aufkommen müsste. Die Behörden sind also immer die Gewinner. Nicht mal die Tagespresse hat diesen Fall transparent gemacht, die ja eigentlich eine Wächterrolle übernehmen sollte. Deshalb und aus ähnlichen Gründen, habe ich mein Zeitungsabo vor paar Monaten gekündigt und ich hoffe, das wird auch bei der Billag so werden. Ich kann den Mainstream mit seiner hässlichen Fratze nicht mehr ertragen.
Gabor Balazs, am 04. Juli 2014 um 13:34 Uhr
Haben Staatsanwält-e und -Innen nicht einen Amtseid zu leisten, oder zu geloben, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen.... etc. korrekt arbeiten? - vielleicht steht im Vereidigungstext auch noch die Floskel «.. so wahr ihnen Gott helfe...» Ist es böse Absicht? - diese Floskel delegiert die eidesstattliche Verantwortung an einen Gott, der den jeweiligen Vorstellungen entspricht (sofern solche vorhanden sind...). Die eigene Verantwortung ist in jedem Falle eidesstattlich weg-geschworen.... genau genommen... Doch wer nimmt Worte schon bei ihrem Sinn?
Ungenaue Arbeit von Juristen-Innen, wo es auf Klarheit ankommt. Das Amtsgelöbnis - nur eine unbedeutende Floskel? - schliesslich muss Mann/Frau auch die Eigeninteressen wahren, das wird doch in unsrer wettbewerbssüchtigen Gesellschaft lelehrt!!! Die Wahrheit sei sowieso relativ und wer bezichtigt wird, der wir schon etwas zu verantworten haben, frau muss nur lange genug suchen.
Todeszellen in den USA: manchmal schafft es jemand vor Vollstreckung des Urteils seine Unschuld bewiesen zu erhalten und kommt in Freihet. Im Durchschnitt sind solche Menschen 16 Jahre unschuldig im Kerker! Die ZH-Justiz hat - gemäss diversen Fallgeschichten - viele zu Unrecht hinter Gitter gebracht. Spezialfall ZH, oder ist das CH-Usanz?
Urs Lachenmeier, am 04. Juli 2014 um 14:02 Uhr

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